Cheerleader der Buchmacher
Es gab Zeiten, da hatte die englische Fachzeitschrift Racing Post für mich quasi den Status einer Bibel des Rennsports. Eine Samstag ohne Racing Post ging gar nicht, zumindest im Bereich Pferderennen habe ich damals jede Zeile gelesen. Die Lektüre war oft abendfüllend, verbunden mit einigen Weißbieren und lauter Musik war das eine sehr angenehme Art, den Abend zu verbringen.
Die Zeitung war aber auch völlig anders als das, was ich bislang zum Thema Pferderennen kannte. Na gut, zu diesem Zeitpunkt kannte ich eigentlich nur die deutsche Sport-Welt. Die war damals in Inhalt und Layout ziemlich hausbacken, verpasste fast jede gute Story und war in Sachen Wetttipps wenig hilfreich.
Die Post hatte hingegen Kolumnen wie „Pricewise“, in der nicht die 20:10 Favoriten angesagt wurden. Oder Korrespondenten in Lambourn, Newmarket oder in Nordengland, die Tipps aus den Trainingsquartieren lieferten. Allerdings: Fast nie gab es Kritik an Jockeys oder Trainern nach schlechten Rennen. Die Racing Post fühlte sich als Teil der großen Turfgemeinde und da kritisiert man nicht die Protagonisten, weil man ja auch zukünftig „zusammenarbeiten“ möchte.

Bissige Kolumnisten
Für andere Töne sorgten einzelne Kolumnisten, die sich das Blatt gönnte. Einer war Derek Mc Govern, spezialisiert auf Sportwetten und ein ziemliches Großmaul. Pferderennen interessierte ihn weniger, dafür war Fußball sein Metier. Mc Govern beschimpfte regelmäßig die Buchmacher, die auch damals schon die wichtigsten Anzeigenkunden waren, und lag mit seinen Voraussagen meist falsch. Weil er aber permanent provozierte, waren seine Kolumnen richtig spannend. Irgendwann hatten die Anzeigenkunden wohl doch die Nase voll, die Kolumne verschwand aus dem Blatt. Mc Govern arbeitet heute regelmäßig für die Boulevardzeitung Mirror, seine Texte dort sind nur ein schwacher Abklatsch der Pamphlete in der Post.
Regelmäßig in der Samstags-Ausgabe schrieb auch Paul Haigh, seit 1993 Kolumnist und seit dem Start der Racing Post im Jahr 1986 mit an Board. In seinen besten Texten war er witzig, geistreich und beleuchtete oftmals Dinge aus einer Sicht, die man nicht unbedingt in einer Wettzeitschrift erwartete. Allerdings schwankte die Qualität; an schlechten Tagen waren seine Kolumnen wirr und witzfrei.
Am besten war Haigh, wenn er englische Institutionen wie Royal Ascot oder das Grand National attackierte. Er war nie ein großer Freund von Hindernisrennen; Top-Flachrennen wie das King George, den Arc oder die Rennen um den Breeders Cup waren sein Metier. Zudem mochte er keine Buchmacher, die seiner Meinung nur vom Sport profitierten, aber nichts für diesen taten. Haigh bevorzugte ein staatliches System wie in Frankreich oder Deutschland, dessen Erlöse wieder in den Rennsport fließen.
Im Laufe der Jahre wurde die Racing Post allerdings langweiliger – ohne das sie richtig schlecht wurde. Auch Haigh hatte viel von seinem Biss verloren.

Nachgetreten
Später verlor ich die Printausgabe etwas aus den Augen, weil ich in Orten lebte, in denen es unmöglich war, eine Racing Post zu erwerben. Online habe ich das Angebot zwar intensiv genutzt, die Zeitung sah ich nur, wenn ich mal wieder in Dortmund war.
Dennoch hat mich die Nachricht überrascht: Paul Haigh hat im März nach 23 Jahren seine Tätigkeit bei der Post beendet und zum Abschluss einen bitterbösen Brief an Alan Bryne, früherer Chefredakteur und jetziger Chief Executive, verfasst.
Dort schreibt Haigh, dass er sich inzwischen schäme für das Blatt zu arbeiten, weil es seit einiger Zeit nur noch eine „cheerleading tip sheet“ (wie übersetzt man das jetzt: einpeitschendes Wett Blatt) sei. Haigh: „Die Inhalte von Englands einziger Racing- und Sportzeitung werden nun komplett von den wesentlichen Anzeigenkunden (den großen Buchmachern) diktiert.“ Fast alle Rennmedien seien nun unter der redaktionelle Kontrolle der Buchmacher, weil deren Anzeigen überlebensnotwendig seien.
Dabei könnte die Post wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie sich gelegentlich weigern würde, die Wünsche der Anzeigenkunden zu erfüllen. Sie könnte sogar neue Leser gewinnen und den Auflagenrückgang stoppen, behauptet Haigh. Im Februar 2009 verkaufte die Racing Post durchschnittlich 55054 Exemplare am Tag, im März 2005 waren es noch 93551.
Racing Post Chefredakteur Bruce Millington weist diese Vorwürfe natürlich zurück. „Wir haben immer noch die gleichen redaktionellen Grundsätze seit dem Start vor fast 23 Jahren“, so Millington. Die Racing Post sei immer ein Blatt für den Wetter gewesen und werde dies auch zukünftig sein.