Mittwoch, 16. August 2017
Permian: Gedenken an ein grandioses Rennpferd
Da verbringt man mal ein Wochenende ohne Turf, checkt am Montag die Neuigkeiten und bekommt eine Schocknachricht. Der dreijährige Permian brach sich das Bein nach seinem enttäuschenden Rennen in Arlington/USA und war leider nicht mehr zu retten. Nun ist generell jedes tote Pferd zu bedauern, aber dieser Galopper aus dem Stall des englischen Erfolgstrainers Mark Johnston war einer der Favoriten des Kolumnisten. Weil er alles hatte, was ein Rennpferd braucht: Klasse, Härte und Kampfgeist.

Nicht umsonst war der Teofilo-Sohn mein Tipp im englischen Derby, immerhin hatte er die wichtigste Derby-Vorprüfung in York gewonnen. Doch an diesem ersten Juni-Samstag ging nicht viel im englischen Klassiker: 400 Meter vor Schluss war Permian geschlagen, das Rennen entschieden andere und die kamen mit Wings of Eagles und Cliffs of Moher aus dem Quartier von Aidan O’Brien. Doch danach unterstrich der Johnston-Schützling weiter sein Format: Der Triumph in den King Edward VII Stakes in Royal Ascot war eine beeindruckende Kombination aus Klasse und Härte und auch der zweite Rang im Grand Prix de Paris in Saint Cloud – geschlagen nur mit einer Nase von Shakeel – war aller Ehren wert.
Permian war ein typisches Produkt seines Stalles. Denn viele Pferde aus dem Johnston-Quartier laufen gerne von vorne und an ihnen vorbei zu kommen, fällt den Kontrahenten oft schwer. Härte und Kampfgeist zeichnen fast alle Vollblüter des gelernten Veterinärs Johnston aus. Dazu verfügt der Stall mit Joe Fanning und Francis „Franny“ Norton über zwei Jockeys, die das Reiten von der Spitze aus perfekt beherrschen.
Permian, im Besitz von Sheikh Hamdan Bin Mohammed Al Maktoum, war jedoch deutlich besser als ein guter Handicapper. Wie viele Johnston-Pferde war er zweijährig schon sehr fleißig: Sechs Starts, drei Siege. Zum ersten Mal bessere Konkurrenz sah er zum Saisonende 2016 in den Zetland Stakes (Listenrennen) in Newmarket über 2000 Meter: Der dritte Platz – geschlagen nur eine dreiviertel Länge – hinter der späteren Ribblesdale-Siegerin Coronet war eine ausgezeichnete Leistung. Da konnte der Beobachter schon ahnen, dass da etwas Gutes heranwächst. Vierter in diesem Rennen war übrigens der spätere englische Derbysieger Wings of Eagles.

Stark verbessert
So richtig in mein Bewusstsein rückte Permian jedoch erst im Derby Trial in Epsom. Vor dem Rennen sprachen alle über Cracksman aus dem Stall von John Gosden. Ein Frankel-Sohn, über den wahre Wundergeschichten im Umlauf waren, obwohl er zu diesem Zeitpunkt gerade mal erst sein Maidenrennen gewonnen hatte. Cracksman, später Dritter im englischen und Zweiter im irischen Derby (also schon hochklassig), siegte dann auch, aber Permian entpuppte sich als tapferer und harter Gegner, der nur hauchdünn besiegt wurde.
Es folgte ein überlegener Sieg in einem Listenrennen in Newmarket und dann standen die Dante Stakes in York (Gruppe 2) auf dem Programm. Cracksman wäre der heiße Favorit gewesen, doch für ihn war der Boden zu weich. Permian stand bei 110:10, ich wettete den O’Brien-Starter Exemplar – was eine schlechte Entscheidung. Natürlich gewann das Pferd von Mark Johnston, beschleunigte großartig und wehrte tapfer alle Angriffe von Benbatl und Crystal Ocean ab. Eine grandiose Vorstellung des Siegers, nur Exemplar war nirgendwo.
Der Rest ist bekannt: Derby-Flop, Royal-Ascot-Triumph, beinahe Gewinn in Frankreich und dann der Schrecken ohne Ende in den Secretariat Stakes in Arlington/USA. Nicht nur für Mark Johnston und sein Team ein echter Schock. Der Trainer allerdings wehrte sich nach dem tragischen Tod seines aktuell besten Pferdes vehement gegen Vorwürfe auf Facebook und Twitter, dass das Pferd verheizt wurde durch zu viele Starts – nachlesen kann man das hier und länger hier. Allien schon die fakten widerlegen die Nörgler: Permian lief seit seinem Debüt im Juni 2016 14 mal – völlig normal.
„Permian war ein außergewöhnlich gesundes Pferd, weil er nie einen Tag wegen Krankheit aussetzen musste“, sagte Johnston. Er hätte nie damit gerechnet, dass er so schwer verletzt würde. Die Leute seien auch von ihm fasziniert gewesen, weil er sich quasi nach oben gearbeitet habe. Es sei einfach nur lähmend. „Das war ein Pferd, das allen Freude bereitet hat“, erklärt der Trainer. Und der Hengst wäre auch noch im nächsten Jahr gelaufen. Wirklich schade.




Dienstag, 8. August 2017
Trübe Bilder vom Galopprennsport
Manchmal sind es die sogenannten kleinen Dinge, die den Renn-Fan in Deutschland ärgern. Etwa keine Bilder vom Stuten-Klassiker Preis der Diana, weil beim Wett-Anbieter Racebets der Stream ausgerechnet jetzt ausfiel. Auch sonst kann so ein Sonntagnachmittag am PC mit deutschen Rennübertragungen ziemlich nervend sein. Wenn zum Beispiel die Pferde gerade im Ziel waren, der Zuschauer sehnsüchtig auf die Wiederholung wartet, die Bilder aber in den leeren Führring des anderen Rennortes wechseln.

Es war ein schönes Rennen in stimmungsvoller Atmosphäre – der Preis der Diana, das Deutsche Stutenderby in Düsseldorf. Lacazar hieß die Siegerin, Andrasch Starke fand rechtzeitig die Lücke im wichtigsten Rennen für die dreijährigen Ladies und gewann seine sechste Diana. Für Peter Schiergen war es der vierte Erfolg in seiner Trainer-Karriere, die tapfer kämpfende Megera aus dem Quartier von Andreas Wöhler blieb mit Jim Crowley „nur“ der zweite Platz. Der Favoritin Wuheida aus dem Godolphin-Stall von Charlie Appleby wurden dann doch die 2200 Meter auf dem Grafenberg zu lang, immerhin belegte sie noch Platz 3.
20 000 Zuschauer kamen auf die Bahn und erlebten einen spannenden Renntag mit packenden Endkämpfen. Der Preis der Diana hat zudem mit Henkel einen treuen und potenten Sponsor – in Zeiten, in denen sich die schlechten Nachrichten aus dem deutschen Turf mal wieder ballen, ist das positiv. Aber warum assoziiere ich Galopprennsport in Deutschland irgendwie auch mit Dilettantismus? Dieser Begriff gilt selbstverständlich nicht den vier- und zweibeinigen Aktiven, es sind die Rahmenbedingungen, die einen nerven.
Am Sonntag gab es mal wieder keine Livebilder aus Düsseldorf beim Wettportal Racebets. Kurze Zeit funktionierten die Streams, das Zweijährigen-Rennen zu Beginn der Karte konnte noch verfolgt werden. Doch als ich zum Fritz-Henkel-Rennen, der Listenprüfung mit toller Besetzung, den Stream wieder einschalten wollte, passierte nichts. Der Bildschirm mit den Rennbildern blieb schwarz, diese Tatsache änderte sich auch nicht zum Preis der Diana.
Da steht das wichtigste Rennen für Stuten auf dem Programm und beim ehemaligen Partner des deutschen Rennsports gab es keine Livebilder. Nun wird das Racebets auch am Umsatz gespürt haben (keine Bilder, keine Wette), aber auch sonst ist das nur peinlich und ein dicker Imageschaden für den Wettanbieter. Wobei das Problem diesmal auch beim Mitbewerber pferdewetten.de nach Aussage einiger Facebook-Nutzer bestanden haben soll.
Nicht funktionierende Streams sind allerdings nicht neu, schon beim Derbymeeting in Hamburg gab es manche Wackelpartien, und auch früher blieb der Bildschirm manchmal ohne Live-Bilder von den Rennbahnen. Auf meine Facebook-Anfrage antwortete Racebets, dass man sich des Problems schon bewusst sei. Bereits seit dem Derby sei man mit dem Streaming-Partner in intensivem Kontakt, um die Probleme zu beheben. „Leider mahlen solche Mühlen, vor allem wenn es dann an externe und Partnerfirmen weitergegeben werden muss, äußerst langsam“, heißt es wörtlich. Der Wettanbieter bietet weiterhin um Geduld.
Die Antwort ist wenig befriedigend. Wenn ein Partner seine eigentliche Aufgabe – Bilder zu liefern – nicht erfüllt bzw. immer wieder Pannen auftauchen, dann ist dieser überfordert und arbeitet wenig professionell. Folge: Der Zuschauer ärgert sich und schimpft auf den unfähigen deutschen Galopprennsport.

Ohne Sinn und Verstand
Nun ist so ein Sonntagnachmittag mit den Übertragungen von mehreren deutschen Rennplätzen auch nicht unbedingt ein Vergnügen. Die Bilder sind zwar etwas besser geworden, im Hintergrund krächzt auch nicht mehr der Traberkanal, aber manchmal hat der Betrachter den Eindruck, dass in der Regie ein Praktikant sitzt, der quasi „Learning on the job“ macht und dabei wenig Gefühl für den Sport zeigt.
Die Schalten wirken oft willkürlich. Das passiert es schon mal wie zuletzt in München, als sofort nach dem Ende des Gruppe 1-Dallmayr-Pokals der leere Führring in Bad Harzburg gezeigt wurde. Dabei hätte auch ich gerne noch mal dem Sieger Iquitos applaudiert, der eindrucksvoll zeigte, dass er eines der Top-Pferde des Landes ist. Interviews mit Siegern und Besiegten nach großen Prüfungen? Es wäre schön.
Vom englischen Übertragungs-Standard wie bei Racing UK können wir leider in Deutschland nur träumen. Aber es muss nicht ja nicht unbedingt das Personal-und Kamera-Großaufgebot sein, mit dem der Rennsender große Meetings wie Royal Ascot oder Glorious Goodwood bestückt.
Sinnvolle Schalten sollten jedoch auch in Deutschland möglich sein. Ich will Bilder der Sieger und Besiegten sehen, möchte das Rennen noch mal in Ruhe verarbeiten und die Wiederholung verfolgen, weil ich wissen will, wo meine favorisierten Pferde gelandet sind. Ist doch eigentlich einfach.
Immerhin kann man Racing UK oder Attheraces bei Racebets verfolgen. Diese Streams fallen fast nie aus. Profis eben.



Freitag, 28. Juli 2017
Idaho kann überraschen
So lange ist das noch gar her, die Zeit der deutschen Triumphe in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes in Ascot: 2013 siegte überlegen Novellist, 2012 behielt die Arc-Heldin Danedream in einem tollen Kampf gegen Nathaniel die Oberhand. Ich bin zwar nicht gerade patriotisch, aber es wäre dennoch schön, wenn es in Deutschland mal wieder ein Pferd geben würde, dass in solchen Rennen mitmischen könnte. 2017 ist eine dreijährige Stute aus dem Quartier von John Gosden die klare Favoritin in diesem Traditionsrennen über 2414 Meter. Starter und Chancen im King George 2017. Der Boden in Ascot ist derzeit gut bis weich, bis Samstag werden weitere Regenfälle erwartet. Es könnte also weich werden.

1. Desert Encounter (Trainer David Simcock / Jockey Sean Levey): Überraschte als 51:1-Chance mit Platz 3 in den Gruppe 1-Eclipse Stakes, aber ohne Chance auf den Sieg. Ein gut gesteigerter Aufsteiger aus der Handicap-Klasse, der gerne von hinten kommt. Der Halling-Sohn kann die Distanz und den Boden, ein Erfolg in den King George wäre aber persönliche Bestleistung.

2. Highland Reel (Trainer Aidan O’Brien / Jockey Ryan Moore): Aktuell eines der besten älteren Pferde über längere Strecken und der Vorjahressieger des King George. Globetrotter, der die schwache Leistung zum Saisonauftakt in Meydan schnell korrigierte und danach zweimal imponierend siegte. 2400 Meter sollten ihn noch besser zur Geltung kommen lassen. Einziges kleines Fragenzeichen ist der Boden. Auf gut bis weichem Boden war er immerhin mal Zweiter in den Hardwicke Stakes 2016, eine halbe Länge hinter Dartmouth.

3. Idaho (Trainer Aidan O’Brien / Jockey Seamie Heffernan): Der Halbbruder von Highland Reel. Sehr überzeugender Sieg in den Hardwicke Stakes (Gruppe 2) über 2400 Meter. Das sah noch nach mehr aus, obwohl er schon dreijährig gute Formen (unter anderem Zweiter im Englischen Derby) aufweisen konnte. Auf schwerem Boden schon platziert hinter dem späteren Derby-Sieger Harzand, der ihn dann auch in Epsom besiegte.



Danedream siegt knapp gegen Nathaniel 2013 – eine der größten Momente des deutschen Turfs. 2017 wird die Nathaniel-Tochter Enable in der Favoritenrolle stehen.

4. Jack Hobbs (Trainer John Gosden / Jockey William Buick): Enttäuschte zuletzt als Favorit in den Prince of Wales’s Stakes in Ascot, davor aber überzeugender Sieger in den Dubai Sheema Classics. 2016 war der Hengst lange verletzt, 2015 immerhin irischer Derbysieger und Zweiter im Epsom-Klassiker hinter dem grandiosen Golden Horn. Ein wenig die Wundertüte im Rennen, nach Bestform kann er so etwas. Der weiche Boden sollte ihm nutzen.

5. Maverick Wave (Trainer John Gosden / Jockey Graham Lee): Gruppe 3-Sieger, der auch weichen Boden kann, aber selbst nach Bestform überfordert und wahrscheinlich Tempomacher für Jack Hobbs.

6. My Dream Boat (Trainer Clive Cox / Jockey Adam Kirby): Sehr solides Pferd, das zuletzt immer ordentlich lief, aber nie gewann. Größter Erfolg war der erste Platz in den Prince of Wales’s Stakes 2016, wo er die spätere Arc-Siegerin Found schlug. Kann weichen Boden, gewann aber noch nie über 2400 Meter. Es gibt aussichtsreichere Kandidaten.

7. Ulysses (Trainer Sir Michael Stoute / Jockey Jim Crowley): Famoser Sieger zuletzt in den Gruppe 1-Eclipse Stakes, der Galileo-Sohn aus einer Oaks-Ersten hat in diesem Jahr noch einmal einen Sprung gemacht. Wenn das Rennen über 2000 Meter wäre, wäre er mein Tipp. Aber 2400 Meter in der Top-Klasse könnten sein Stehvermögen doch arg strapazieren. Auf gut-weichem Boden bereits erfolgreich.

8. Sixties Song (Trainer Alfredo Gaitan / Jockey Gerald Mosse): Zweifacher Gruppe 1-Sieger aus Argentinien, kann die Distanz und den Boden, aber dennoch nur klarer Außenseiter. Aber ein schöner Farbtupfer. „Ich fühle mich wie ein Kind in Disneyland“, sagte der Sohn des Trainers über Ascot und seine Möglichkeiten.

9. Benbatl (Trainer Saeed Bin Suroor / Jockey Oisin Murphy): Wenig geprüfter Dreijähriger aus dem Godolphin-Imperium, zuletzt Sieger in den Gruppe 3-Hampden Court Stakes. Auch die Leistungen im Epsom Derby (5.) und den Dante Stakes (5.) waren nicht verkehrt. Sollte noch Reserven haben, aber das King George könnte (noch) eine Nummer zu groß sein.

10. Enable (Trainer John Gosden / Jockey Frankie Dettori): 2014 triumphierte John Gosden mit der dreijährigen Stute Taghrooda im King George, Enable soll ihr folgen. Zweimal distanzierte die Stute ihre Altersgenossinnen in den englischen und irischen Oaks. Das hatte schon einen Hauch von Frankel. Zweifellos eine grandiose Stute, weicher Boden ist allerdings Neuland. Und gegen die großen Jungs wird das trotz des günstigen Gewichts nicht so einfach.

Urteil
Enable gewann ihre bisherigen Rennen im Stile eines Ausnahmeathleten. Sie wird das zu schlagende Pferd sein und hat Gewichtsvorteile als dreijährige Stute, aber gegen etablierten Gruppe 1-Renner auf wahrscheinlich weichem Boden spiele ich keine 21:10-Favoritin. Highland Reel ist ein Muster an Konstanz und Härte, der erstmal besiegt werden muss. Jack Hobbs ist deutlich besser als sein letzter Flop. Ich versuche es trotzdem mal mit Idaho, der längst noch nicht alle Karten aufgedeckt hat.