Mittwoch, 9. März 2011
Schalke wie es singt und lacht
Was für eine Posse mal wieder auf Schalke! Da steht der Ruhrgebietsverein heute Abend in der Champions League vor einem der wichtigsten Spiele der Saison – und just am Morgen des Rückspiels gegen Valencia vermelden die Zeitungen der WAZ-Gruppe (WAZ, NRZ, Westfälische Rundschau, Westfalenpost) das Aus von Trainer Felix Magath zum Saisonende. Guter Stil sieht anders aus, zumal Magath am Vormittag von der Geschichte laut kicker noch gar nichts wusste. Auch von offizieller Schalker Seite gibt es bislang noch kein Statement.
„Spätestens zum Saisonende wird für Magath die Mission Schalke beendet sein“, schrieben die WAZ-Blätter am Morgen und berufen sich auf sichere Quellen. „Die Entscheidungsgremien trauen dem 57-Jährigen nicht mehr zu, seinen Masterplan, der den Gewinn der Meisterschaft bis spätestens zum Ablauf seines Vertrages im Jahr 2013 vorsah, in die Tat umzusetzen.“ Magaths Führungsstil, der auf Allmacht und Autorität basiert, schlug einen tiefen Riss in den Klub, heißt es weiter im Text.
„Fanvertreter sehen Magath als Symptom der Schalker Krise“, lautet die Überschrift eines weiteren Textes auf der westen, dem Internetportal der WAZ-Gruppe. Zitiert wird dort Artur Saager vom Schalker Fanclub-Verband. „Ihre (die Fans) Proteste gegen die kraftlosen Auftritte der Mannschaft, ihre Warnungen, Magath zerstöre mit seiner ausufernden Transferpolitik die Identifikation der Fans mit dem Verein, und ihre Rufe gegen einen Trainer Magath, den viele Fans als allmächtig und autoritär, manchmal sogar als arrogant den eigenen Anhängern gegenüber wahrnahmen – sie wurden kaum gehört. „Irgendwann bist du als Fan hilflos“, sagt Saager.
Interessant sind die Kommentare zu beiden Texten. Geschätzte 90 Prozent der Schreiber plädieren für Magath und distanzieren sich von ihren Fanvertretern. Das verspricht einen explosiven Champions League-Abend. Mal schauen, ob sich der Riss, der durch die Schalker Fangemeinde geht, auf den Rängen widerspiegelt.

Karimi und Charisteas
Abgesehen vom Zeitpunkt der Verkündung ist der Magath-Rausschmiss zum Saisonende durchaus verständlich. Zwar steht Königsblau im Finale des DFB-Pokals und hat gute Chancen, das Viertelfinale der Champions League zu erreichen. In der Bundesliga enttäuschte das Team allerdings und ohne den überragenden Torhüter Manuel Neuer würde Schalke noch tiefer in der Tabelle stehen.
Hinzu kommt Magaths Transferpolitik: Die Verpflichtungen beispielsweise von Charisteas und Karimi, die bislang sportlich keine Rolle spielen, sehen eher nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für alt gediente Profis aus. In Schalke schaut man neidisch zum Erzrivalen Dortmund, der in dieser Saison mit einer jungen Mannschaft die Maßstäbe in der Bundesliga setzt.
Nicht nachvollziehbar ist allerdings die Kritik am Führungsstil von Felix Magath. Besonders von Seiten der Offiziellen: Denn Magath war immer autoritär und allmächtig. Das wussten die Schalker Verantwortlichen um Clemens Tönnies. Und so einen Trainer wollten sie ja auch als Nachfolger des eher weichen Fred Rutten.
Mit seinem Stil hatte Magath großen Erfolg – auch im letzten Jahr auf Schalke, als das Team völlig überraschend Vizemeister wurde. „Vereinsschädigend“ kommentiert die Welt und bezeichnet das Verhalten der Schalker Führungsspitze als lächerlich.

Nachtrag: Noch ein aufschlussreicher Artikel zum Thema Schalke und Magath, diesmal aus der Süddeutschen Zeitung. Rehhagel ante portas, würde der Lateiner sagen.



Mittwoch, 2. März 2011
Somersby gegen die großen Jungs
Es ist das große Spektakel am zweiten Tag des Cheltenham-Festivals: Die Queen Mother Champion Chase richtet sich quasi an die „Sprinter“ unter den Hindernispferden, denn es geht über die Minimum-Distanz von zwei Meilen. Die Prüfung ist eine der aufregendsten des ganzen Festivals, in der sowohl Tempo als auch Sprungsvermögen entscheidend sind. Das sind die wichtigsten Protagonisten in diesem Jahr.


Der Thriller aus dem Jahr 1994: Viking Flagship schlägt Travado und Deep Sensation in einem Herzschlag-Finale

Big Zeb: Der Sieger von 2010, der im letzten Jahr seinen „England-Fluch“ beendete und unter anderem den hohen Favoriten Master Minded hinter sich ließ. Der Wallach aus dem Stall von Colm Murphy hatte in Irland schon immer gute Formen gezeigt, nur in England lief er schwach oder fiel. Die gute Form aus Cheltenham setzte er danach fort: Drei Siege und ein zweiter Platz lautet die Bilanz. Zuletzt war er auf weichem Boden knapp hinter dem Erzrivalen Golden Silver, den er zuvor aber drei Mal besiegt hatte.

Captain Cee Bee: Der Sohn des auch in Deutschland bestens bekannten Germany steht bei manchen Buchmachern erstaunlich tief. Immerhin ist Captain Cee Bee bereits Cheltenham Festival Sieger (Supreme Novices 2008 gegen Binocular). 2010 war er weit geschlagen im Arkle (wo er Favorit war), gewann danach noch in Punchestown und im Oktober eine Grade 3-Chase in Naas. Gegen die irischen „Big Boys“ Big Zeb und Golden Silver war er allerdings in Leopardstown chancenlos, sprang dort auch nicht gut. Seine Umgebung zeigte sich danach aber wenig enttäuscht.

Golden Silver: Der Erzrivale von Big Zeb, den er in Punchestown endlich einmal schlagen konnte. Ansonsten liegt Golden Silver im direkten Duell aber 1:4 hinten gegen den Murphy-Schützling. Sehr konstante Form in Irland, zuletzt drei Siege in Serie, doch trifft er in Cheltenham nicht nur auf Big Zeb, sondern auf weitere schwere Gegner. Was mich etwas stört, ist die Tatsache, das er bereits sechs Saisonstarts hinter sich hat. Der Wallach mag schweren oder weichen Boden (denn er wahrscheinlich nicht antreffen wird), zudem waren seine bisherigen Leistungen in Cheltenham schwach.

Master Minded: Erst acht Jahre und damit für ein Jagdpferd wahrlich nicht alt, aber schon zweifacher Sieger dieser Prüfung. Im letzten Jahr war der Wallach aus französischer Zucht hoher Favorit in der Champion Chase, doch enttäuschte er erstmals und wurde nur Vierter. Die Kernfrage ist: Hat Master Minded noch die alte Klasse? Er ist einer der besten Springer, die ich kenne, aber vielleicht ist sein Leistungsvermögen nicht mehr ganz so herausragend. Dennoch ist seine Form in dieser Saison tadellos – drei Starts, drei Siege und jedes Mal konnte er gefallen. Zuletzt musste er aber gegen Somersby reichlich kämpfen.

Sizing Europe: Der nächste irische Herausforderer, schon Bahn- und Distanzsieger, weil er im letzten Jahr den Arkle knapp gegen Somersby gewann. In dieser Saison versuchte es Trainer Henry De Bromhead zuerst über längere Distanzen, heraussprang unter anderem ein ehrenvoller zweiter Platz hinter dem großen Kauto Star über drei Meilen. Doch zuletzt ging es wieder über zwei Meilen und da war Sizing Europe deutlich hinter Golden Silver und Big Zeb. Schwer vorstellbar, dass er diese Form dreht.

Somersby: Die Form aus Ascot hinter Master Minded, als er diesen beinahe noch abgefangen hätte, sah sehr gut aus. Das war über eine zweihundert Meter längere Distanz als in der Champion Chase, aber in Cheltenham ist es nie verkehrt, wenn Pferde eine etwas längere Distanz können. Im letzten Jahr lief Somersby ein großes Rennen im Arkle, als der Zielpfosten genau richtig für Sizing Europa stand. Der Wallach braucht zudem ein schnelles Rennen und das wird er in Cheltenham bekommen.
Einst feierte Trainerin Henrietta Knight große Erfolge mit dem Gold Cup-Sieger Best Mate, doch in letzter Zeit war es etwas ruhig um die Trainerin. Somersby ist ihre beste Chance seit langer Zeit auf einen Festival-Sieger.

Woolcombe Folly „Eines der am meisten verbesserten Pferde im Training“, sagt sein Trainer Paul Nicholls über Woolcombe Folly. Der Wallach verlor erst einmal (bei fünf Starts) über die schweren Sprünge, das war aber ausgerechnet im letzten Arkle als Letzter. Danach aber eine makellose Bilanz und besonders die letzte Form aus Cheltenham unter Höchstgewicht gegen gestandene Handicapper war einiges wert. Den letzten Start verpasste Woolcombe Folly wegen Hustens, doch jetzt ist laut Nicholls wieder alles in Ordnung. Dennoch ist die Champion Chase für den Sohn von Presenting ein ziemlicher Leistungssprung, so guter Gegner traf er noch nie. Und dafür ist mir ein Kurs von 7:1 zu wenig.

Urteil
Normalerweise ist Somersby eines dieser Pferde, auf die ich traditionell Geld verliere. Zu viele zweite Plätze in seiner Formbilanz, die Trainerin hat derzeit eine mäßige Erfolgsquote und vielleicht überschätze ich auch seine Ascot-Form: Aber das Pferd von Henrietta Knight ist die Alternative zu den „Big Guns“ Master Minded und Big Zeb zu lukrativeren Odds.

Wie die Buchmacher auf der Insel das Rennen einschätzen. Racebets hat selbstverständlich auch Quoten.



Montag, 28. Februar 2011
Was vom Wochenende bleibt…
Das Nonplusultra der Liga - Das war wohl das letzte Ausrufezeichen in Richtung Titel. 3:1 gewann Borussia Dortmund am Samstag im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga gegen Bayern München – und selten trat eine Gastmannschaft dominanter als der BVB in der Allianz-Arena auf. „Es war ein Sieg der Klopp’schen Taktik des aggressiven, laufintensiven Überfallfußballs über das ballsichernde Pass- und Positionsspiel van Gaal’scher Prägung“, analysierte der kicker. „Dortmund war einfach das bessere Team – viel organisierter ohne Ball, viel direkter mit Ball – und verdiente den Sieg“, schlussfolgerte die (sehr empfehlenswerte) Taktik-Seite Zonal Marking.
Es war einfach eine grandiose Leistung in einem fantastischen Spiel. Dieses junge BVB-Team mit ihrem klugen Trainer ist nicht nur technisch und taktisch in diesem Jahr das Nonplusultra der Liga. Es ist dieses ungemeine Selbstvertrauen, was das Team auszeichnet. Da fährt man zum Rekordmeister, der Übermannschaft des deutschen Fußballs seit ewigen Zeiten, der am Mittwoch noch in der Champions League gegen Inter Mailand überzeugte – und Dortmund dominiert von Beginn an in der Allianz-Arena, schickt die Bayern von einer Verlegenheit in die nächste. Und gibt die entsprechenden Antworten auf die forschen Sprüche des FC Bayern vor dem Spiel.

Schufterei: Eider Handicap Chase in Newcastle, das wichtigste Rennen der Hindernissaison auf dem Bahn im englischen Norden. Der Sieger Companero rettet sich müde ins Ziel; der Zweite Giles Cross hüpft 30 Längen hinter dem Sieger mit großer Mühe über das letzte Hindernis und „geht“ dann quasi über die Ziellinie; der Dritte Morgan Be war schon angehalten, doch weil es für den dritten Platz noch 2760 Pfund Preisgeld gibt, bugsiert ihn Jockey Richie Mc Grath in ganz gemächlichem Tempo über die Linie – 99 Längen hinter dem Zweiten. Nur drei der zwölf Starter beendeten das Rennen – der Rest wurde bereits vorher angehalten, zum Glück gab es keine Stürze und Verletzungen.
Dass die Pferde müde sind, ist verständlich: Hinter ihnen liegen fast 7 km, genau 6 639 Meter, auf schwerem Boden – und das Geläuf war an diesem Renntag richtig tief. Von einem „real slog through the mud“ spricht dann immer die englischen Fachpresse. Slog heißt auf deutsch „Schufterei“ – und dieser Ausdruck trifft es exakt. Nur schön ist das nicht.

Xi Teil 2: Manchmal gibt es Zufälle im Leben, die gibt es gar nicht. Samstagmorgen fahre ich mit der Dortmunder U-Bahn vom Einkaufen nach Hause. Neben mir sitzen zwei Frauen im so genannten „besten“ Alter, sehr gepflegt und sehr sorgfältig frisiert. Sie fahren Richtung Innenstadt und bekommen an der nächsten Haltestelle Gesellschaft von einer Bekannten. Die Frauen unterhalten sich und nachdem sie sich einig sind, dass es die besten Primeln auf dem Dortmunder Markt gibt, sagt die zugestiegene Frau, dass sie morgen nach Neuss fährt, weil dort ihr Pferd läuft. Schlagartig wache ich aus meiner Samstagmorgen- U-Bahn-Lethargie auf.
„Darf ich mal fragen, wie Ihr Pferd heißt?“ Ich bin jetzt richtig neugierig. „Xi“, antwortet sie – das Pferd gehört allerdings nicht ihr, sondern ihrem Sohn. Ich falle fast vom Sitz, weil ich über diesen Vollblüter ja zuletzt ausführlich auf diesen Seiten geschrieben habe. Es ist eben eine Seltenheit, dass ein deutscher Trainer ein Pferd auf der Insel sattelt. Nur dummerweise gab es zu viele Bewerber für die Cleves Stakes in Lingfield, Xi fiel aus dem Rennen. „Der sollte doch eigentlich in Lingfield laufen“, sage ich. „In England, in der Nähe von London“ antwortet sie. „Lingfield - sage ich doch“. Ihre Freundinnen gucken mich an, als wenn ich ein Wesen von einem anderen Stern wäre.
Ich muss leider an der nächsten Station aussteigen. „Dann mal viel Glück für Neuss. Ich habe zwar keine Ahnung, in was für einem Rennen Xi läuft, aber in Deutschland auf Sand gibt es für ihn doch keine Gegner“, sage ich zum Schluss. Sie bedankt sich für meine guten Wünsche, ihre Freundinnen lachen und staunen weiter.
Meine guten Wünsche waren leider vergeblich: Xi floppt als heißer Favorit im Ausgleich 3 in Neuss, wird nur Vierter. Von wegen unschlagbar.