Donnerstag, 24. Juni 2010
Norderney am grünen Tisch
Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn waren in Südafrika, dafür waren Starjockey Christophe Soumillon und die deutsche Jockeylegende Hein Bollow zu Besuch beim Großen Preis der Wirtschaft auf der Dortmunder Galopprennbahn. Und auch nurpferdeundfussball nahm die Stadtbahn bis zur Haltestelle Rüschebrinkstraße und erwischte dort sogar einen Bus, der uns direkt zur Bahn brachte.
Der Renntag ist einer der wenige Grasbahntermine in Wambel und ein Höhepunkt des Dortmunder Rennjahres. Unterwegs habe ich gerätselt, wann ich zum ersten Mal beim Preis der Wirtschaft war. Irgendwann in meinen Anfangsjahren gewann mal die zweite oder dritte Wahl von Trainer Heinz Jentzsch, einer Legende des deutschen Galopprennsports. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass Horst Horwart im Sattel saß. Was ich genau weiß: 1992 siegte Iron Fighter vor Enharmonic aus dem Besitz der englischen Queen, der Einlauf zahlte über 900 und ich traf diesen mit 2,50 DM.
Jedenfalls sieht es in dem Raum unter der ersten Dortmunder Tribüne aus, als wenn dort eine Bombe eingeschlagen hätte. Dort, wo es Kaffee und Kuchen gibt, stehen vereinzelte Tische, ansonsten ist der Raum leer. Immerhin ist der Bierstand besetzt. Dabei war der Raum, der wahrlich keine Schönheit war, in den letzten Jahren ein Indiz dafür, dass die Dortmunder Rennbahn sich auch optisch in ein besseres Licht setzen möchte: Beispielsweise gab es Tische mit Tischdecken, Strohballen an den Biertischen sollten Stallatmosphäre schaffen. Jetzt sieht es wieder nach Wartehalle eines Provinzbahnhofes aus.

Die Rennleitung protestiert
Das sportliche Programm kann selbstverständlich nicht mit der Extravaganza von Royal Ascot mithalten, doch der Große Preis der Wirtschaft lockt traditionell immer gute Pferde. Auf dem Rasen siegte der Favorit Illo vor Norderney und Scolari, der Vorjahressieger Zaungast lief ein ordentliches Rennen als Vierter. Doch dann tönte die Sirene der Rennleitung, die Protest gegen den Sieger einleitete. Illo (Trainer Jens Hirschberger/Jockey Adrie de Vries) hatte unterwegs Scolari entscheidend behindert, sein Jockey Christoph Soumillon musste den Ittlinger neu aufnehmen. Die Entscheidung ist nachvollziehbar und so triumphierte Norderney mit Andrasch Starke am grünen Tisch.
Große Felder prägten das Rahmenprogramm: 15 Pferde bewarben sich beispielsweise um den Preis vom Ingenieurbüro Fehringer, einer Prüfung der Kategorie E für sieglose vierjährige und ältere Pferde. Mit dabei El Django, über den das Fachblatt Sport-Welt schreibt: „Gezogen wie ein Weltmeister, von Deckhengst-Legende Sadler’s Wells aus der Superstute Elle Danzig“. Die noble Abstammung half ihm aber auch nicht beim ersten Lebensstart in bescheidener Gesellschaft: El Django endete im geschlagenen Mittelfeld, es gewann Bonfire Night nach einem beherzten Ritt von der Spitze. Ich hatte einen Einlauf gespielt mit Altano und dem Debütanten Melkam. Sie endeten auf den Plätzen 2 und 5 und besonders Melkam verdient einen Hinweis, weil er völlig unangefasst nach schwachem Start noch nach vorne lief.
Der interessanteste Teilnehmer im Preis des Gestütes Wittekindshof, einem Rennen für sieglose Dreijährige, trug den Namen Keep Cool, war in seinen letzten drei Starts immer hinter Pferden der Jahrgangsspitze platziert und stand natürlich in eindeutiger Favoritenposition. Und das Pferd aus dem Stall von Andreas Löwe gewann auch so und festigte damit seine Position im Derbyfeld.
Christian Sprengel strahlte indessen nach dem Erfolg von Bonfire Night am Bierstand und durfte nach dem dritten Rennen noch einmal feiern: Eastern Eagle siegte im Ausgleich 3 über 1400 Meter und machte so meinen Einlauf mit Saldenlöwe und Festspiel kaputt, die auf den Plätzen 2 und 3 endeten.

Donnerschlag durch Durban Thunder
Und das Wettpech setzte sich fort: Schulte lief zweimal vorher nicht schlecht und sollte auch gegen Gegner aus prominenten Ställen nicht chancenlos sein. Von wegen, das Pferd mit dem sauerländischen Namen kam zwar noch ins Rennen, aber da war vorne schon alles gelaufen. Keiner hatte eine Chance gegen den Debütanten Flash Dance aus dem Gestüt Schlenderhan. Dabei sah der Monsun-Sohn gar nicht so imposant aus, auch die Scheuklappen beim ersten Start mahnten zur Vorsicht.
Rebetiko-Saba Dancer-Lovileo und Boss Mak lautete die Viererwette in der anschließenden Wettchance und sie zahlte über 500 000 Euro. Ein glücklicher Wetter aus Hannover traf sie mit 0,50 Euro Grundeinsatz.
Auf 13:10 hatten die Wetter Durban Thunder aus dem Stall Tinsdal im siebten Rennen heruntergewettet. Ich bin da immer etwas skeptisch, zumal der erst zweimal geprüfte Hengst auf solide Ausgleich 3/Ausgleich 2-Galopper traf. Aber der Schützling von Torsten Mundry untermauerte eindrucksvoll seine Favoritenrolle, gewann wie ein Pferd, dessen Leistungsgrenzen noch lange nicht erkannt sind.
Und wer nach dem Hauptrennen noch auf dem Bahn weilte, durfte sich über den Sieger Shangrila freuen, der über 1000 am Toto zahlte. Falls er ihn getroffen hat…



Montag, 21. Juni 2010
WM-Notizen (3): Südamerika regiert
Es ist bislang die Fußball-Weltmeisterschaft der Mannschaften aus Südamerika. 10 Spiele absolvierten Brasilien, Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay in Südafrika, die Bilanz ist beeindruckend: Acht Siege, zwei Unentschieden, keine Niederlage, mit großer Wahrscheinlichkeit werden alle Teams das Achtelfinale erreichen.
Dass Brasilien noch ohne Punktverlust ist, hatte eigentlich jeder erwartet – besonders in der Heimat, denn wer sind schon Gegner wie Nordkorea oder die Elfenbeinküste. Und dennoch sind Presse und Fans im Land des fünffachen Weltmeisters mit der Selecao nicht zufrieden: Die Erben von Pele, Garrincha, Didi oder Zico spielen wenig spektakulär, von der „brasilianischen Kunst des Lebens“ ist auf dem Spielfeld beim Team von Carlos Dunga wenig zu spüren.
Das verwundert nicht: Dunga, Kapitän der Weltmeisterelf 1994, war einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt – und so agiert sein Team auf dem Platz auch: Die Defensive hat Priorität. Nur gelegentlich blitzt die überragende individuelle Klasse der Akteure auf. So wie bei den Toren gegen die Elfenbeinküste, als der fünffache Weltmeister mal eben schnell das Tempo verstärkte.
Noch ohne Niederlage sind auch die Argentinier von Diego Maradona, der nach holpriger Qualifikation offensichtlich sein Team gefunden hat. Argentinien lebt von seiner überragenden Offensive: Gegen Nigeria brillierte Messi, gegen Südkorea regierte der dreifache Torschütze Higuain. Die Defensive wackelte allerdings manchmal etwas. Maradona will „neue Helden für Argentinien“ und wirkt wie der gütige Vater einer offenbar verschworenen Gemeinschaft.

Chile ist wieder da
In Chile wächst eine talentierte Generation nach. Diesen Eindruck hatte der Beobachter spätestens bei der Südamerika-Qualifikation, die das Team von Marcelo Bielsa als Zweiter hinter Brasilien beendete. Manche hatten die „Roja“ sogar als Geheimfavorit auf dem Zettel. Jedenfalls stellt der Argentinier Bielsa, Spitzname „El Loco“ (der Verrückte), seine Mannschaft offensiv ein. Und das zeigte Chile auch in Südafrika: Natürlich ist der 1:0-Sieg gegen Honduras standesgemäß, im zweiten Spiel gegen die Schweiz profitierten die Südamerikaner auch von ihren eigenen Schauspielkünsten, als der kleinliche Schiedsrichter aus Saudi-Arabien dem Schweizer Behrami die rote Karte zeigte. In beiden Spielen vergaben die Chilenen zudem noch eine Vielzahl an hochkarätigen Chancen.
Dank Nelson Valdez und Lucas Barrios steht Paraguay besonders im Blickfeld dieser Kolumne. Zwar taten sich die Dortmunder Offensivkräfte bislang etwas schwer, dennoch ist die „Albirroja“ im Soll mit einem Sieg und einem Remis. Zumal sie das Unentschieden gegen den Weltmeister Italien erreichte, auch wenn dieser weit von seiner Form aus dem Jahr 2006 entfernt war. Immerhin ist Paraguays Team 2010 nicht mehr nur reiner Beton wie viele seiner Vorgänger, will auch offensiv Akzente setzen. Zu sehen beim 2:1 gegen Slowakei, wo man ein klares Chancenplus hatte und zudem wenig zuließ.
Ein Sieg, ein Unentschieden lautet auch die Bilanz von Uruguay. Trainer Oscar Washington Tabarez setzte im ersten Spiel gegen Frankreich auf kompromißlose Defensive, was beim 0:0 gegen den desolaten Vizeweltmeister Frankreich gar nicht nötig gewesen wäre. Im zweiten Spiel zerstörte Uruguay dank humorloser Abwehrarbeit die Träume des Gastgebers Südafrika. Und in der Offensive haben die Himmelsblauen mit Diego Forlan einen Weltklassespieler, der jederzeit in der Lage ist, mit einer genialen Aktion eine Partie zu entscheiden.



Mittwoch, 16. Juni 2010
WM-Notizen (2): Lichtblick Deutschland
Wer hätte das gedacht? Den spektakulärsten Fußball bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft spielte bislang Deutschland. Wie schon 2006 setzte das deutsche Team, das früher seine Spiele mit Effizienz und Kampfkraft gewann, spielerische Akzente und kreierte Torchancen wie kein anderer Teilnehmer. Schon schwappt die Euphorie-Welle durchs Land und ist für manche Mesut Özil schon der deutsche Lionel Messi. Abwarten, zumal Australien es dem deutschen Team leicht machte, wie auch die Taktikexperten von zonalmarking feststellten. Dennoch: Deutschland spielte Fußball, kein Vergleich zu Zeiten, wo die Adlerträger Vizeweltmeister mit fünf Vorstoppern wurden.
Ansonsten war die erste Woche in Südafrika nicht gerade ein Festival des Offensivfußballs: Argentinien setzte einige Akzente, Südafrika im zweiten Abschnitt gegen Mexiko und auch Südkorea hatte einige nette Aktionen gegen schwachen Griechen. Und heute Chile gegen Honduras, das 1:0 war viel zu wenig. Generell war der Unterhaltungswert aber eher mau.

Taktikgott Hitzfeld
Niemand möchte verlieren im erste Spiel und so kamen eher die Freunde einer packenden Defensivleistung auf ihre Kosten: Ottmar Hitzfelds Schweiz, die mit viel taktischer Disziplin und (viel Glück) den Europameister und Favoriten Spanien 1:0 schlug und damit für die einzige Sensation des Turniers sorgte. Nordkorea verteidigte ebenfalls geschickt gegen (zumindest in der ersten Halbzeit) reichlich inspirationslose Brasilianer und schaltete immer wieder geschickt in die Offensive um. Dänemark verteidigte eine Halbzeit nahezu perfekt gegen die Niederlande und hatte dann aber keine Antworten in der Offensive, als sie nach einem kuriosen Eigentor selbst aktiv werden mussten.
Einige Spiele waren erschreckend schwach. Ich kann mich nicht erinnern, jeweils in der Bundesliga so einen Grottenkick wie zwischen Japan und Kamerun erlebt zu haben. Immerhin spielt bei den Afrikanern ein Weltstar wie Samuel Eto’o, aber davon war nichts zu sehen. Kamerun kickte wie eine Tresenmannschaft, die sich gerade zum ersten Mal zum gepflegten Zock auf dem Bolzplatz getroffen hat.