Montag, 28. Juni 2010
WM-Notizen (6): „Gefreut und gut gegessen“
Deutschland feierte seine Fußball-Nationalmannschaft: Mit 4:1 hatte das Team von Bundestrainer Joachim Löw den alten Erzrivalen England besiegt und dabei eine der besten Leistungen in der Geschichte der Nationalmannschaft geboten. Gut, zwischendurch musste etwas gezittert werden, als der Schiedsrichter aus Uruguay beim Stand von 1:2 ein klares englisches Tor („Die Rache für Wembley 1966“) nicht anerkannte. Aber über weite Strecken der Partie dominierte Löws „Kinderriegel“ gegen die großen Namen aus der Premier League und bot spielerisch eine tadellose Leistung. Deutschland befindet sich spätestens seit gestern im schwarz-rot-goldenen Jubeltaumel.
Das Kontrastprogramm gab es bei der heutigen Pressekonferenz der deutschen Mannschaft. Auf dem Podium saßen neben Pressesprecher Harald Stenger noch Mittelfeldspieler Sami Khedira (23) und Stürmer Miroslav Klose (32). Von Euphorie keine Spur, beide wirkten so, als wenn sie gerade mal im Pokal einen Viertligisten raus gekegelt hätten.
„Die Reaktionen in Deutschland zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt der eloquente Khedira, Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter, aufgewachsen im Schwabenland und seit 1995 beim VfB Stuttgart. Von wegen große Party nach dem Triumph gegen den alten Rivalen. „Wir haben uns gefreut, gut gegessen – und das war es….“ Ansonsten sagt er vieles, was man als Profi so erzählt: „Wir glauben an unsere Stärken und sind taktisch und technisch excellent ausgebildet.“

Ohne Messer zwischen den Zähnen
Miroslav Klose hätte theoretisch nach seiner schwachen Saison bei Bayern München mal offensiv werden können. Jetzt, wo er bei der WM zum zweiten Mal getroffen hat, hätte er mal abledern können gegen seinen Vereinstrainer van Gaal oder seine Kritiker, die ihm die nötige Klasse absprachen. Macht er natürlich nicht. Dafür ist er viel zu bescheiden, ein viel zu netter Typ. Bedankt sich für das Vertrauen von Joachim Löw, lobt das intakte Mannschaftsgefüge und zeigt sich enttäuscht von den Engländern. Weil die nicht als Mannschaft aufgetreten waren und keine Reaktionen zeigten. „Eigentlich hätten sie mit dem Messer zwischen den Zähnen herauskommen müssen.“
Und jetzt wartet mit Argentinien die nächste Großmacht des Fußballs im Viertelfinale. Wer dann vielleicht im Halbfinale oder Finale kommen könnte, interessiert die zwei Nationalspieler nicht. Khedira: „Wir beschäftigen es jetzt nur noch mit Argentinien.“ Klose: „Spiele müssen erst mal gespielt werden.“ Was Profis eben so erzählen…



Samstag, 26. Juni 2010
WM-Notizen (5): Fritz blitzt nur noch wenig
Ältere erinnern sich an 1966 und 1970, „Mittelalte“ an das Halbfinale 1990 in Italien, Jüngere an den deutschen Sieg in Wembley bzw. das triumphale englische 5:1 im Rückspiel in München – Deutschland trifft auf England im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Und diese Kolumne bleibt seriös und schreibt nicht von der „Mutter aller Fußballschlachten“, sondern nennt das Match schlichtweg einen Klassiker.
Sportlich befürchte ich diesmal allerdings nichts Gutes für die deutsche Mannschaft. Gegen Ghana wirkte die Löw-Truppe besonders in der Abwehr anfällig, zudem ist das Mitwirken von Schweinsteiger im deutschen Mittelfeld fraglich. Gerade er dürfte kaum zu ersetzen sein. Aber vielleicht schlägt ja die große Stunde von Toni Kroos, eines der größten Talente im deutschen Fußball, als Schweinsteiger-Vertreter.
England zeigte gegen Slowenien endlich aufsteigende Form, nachdem sie in den zwei Spielen vorher bitter enttäuscht hatten und vom eigenen Boulevard schon als „Cape Clowns“ bezeichnet wurden. Lampard, Gerrard, Rooney und co. zeigten sich formverbessert, nach oben ist aber noch etwas Luft.
Wenig martialisch geht es diesmal im Umfeld zu, selbst die meisten der berüchtigten englischen Tabloids verzichten auf die gängigen Kriegsbilder. Keine Schlagzeile wie „Surrender Fritz! (Ergib’ Dich Fritz, Mirror)“ aus dem Jahr 1996, als die Teams bei der Europameisterschaft in England aufeinander trafen. Nur der Daily Star - redaktionelle Philosophie: viel Busen, ganz wenig Politik – bedient sich des bekannten Vokabulars und stellt Rooney mit Stahlhelm auf die Titelseite.
Ganz ohne Häme kommen die anderen Tabloids aber auch nicht aus, zum Beispiel der mirror. Und die Sun schickt diesmal keine Jodelkapelle mit Page 3-Girls vors deutsche Quartier, sondern bedient sich Jürgen Klinsmann.
Selbstverständlich gibt es auch lesenswerte Zeitungen auf der Insel: Der Guardian beispielsweise hat eine intelligente Analyse der deutsch-englischen Rivalität publiziert.
Wir erinnern noch einmal an das große Halbfinale 1990 bei der WM in Italien. Im Blickpunkt: Englands bester Fußballer der letzten 25 Jahre. Und der heißt nicht David Beckham.




Freitag, 25. Juni 2010
WM-Notizen (4): Italien nur noch „Ritter der Schande"
Hinterher schrie alles „Schande und nationale Katastrophe“: Italiens Kicker verabschiedeten sich mit einem 2:3-Niederlage gegen die Slowakei und einer weiteren schwachen Leistung von der WM, der Weltmeister 2006 fährt als Gruppenletzter der Gruppe F nach Hause – hinter Großmächten wie Paraguay, der Slowakei und Neuseeland.
Dabei wäre es für die Minimalisten der Squadra Azzura beinahe so gekommen wie in den Jahren zuvor: In der 81. Minute verkürzte Di Natale auf 1:2 und nur noch ein Tor fehlte zum dritten Remis und damit zum Einzug in die zweite Runde. Italien schoss zwar noch ein Tor durch Quagliarella, doch zwischendurch hatte Kopunek zum 3:1 für die Slowakei getroffen. Italiens Spieler waren nur noch „Ritter der Schande“, wie es Mittelfeldmotor Gennaro Gattuso gewohnt poetisch formulierte und wie ich es dem holprigen google-Übersetzungsprogramm von der Seite der la gazzetta dello sport entnehmen durfte.
Es war eines dieser WM-Spiele, die man so schnell nicht vergisst. Weil die Slowaken schnell merkten, dass der Weltmeister an diesem Tag zu schlagen war und es für das kleine Land ein großer Tag werden konnte. Dabei hatten die Slowaken vorher enttäuscht und ein von der Kritik stark getroffener Trainer Vladimir Weiss Journalisten Prügel angedroht.


Schock in rosa: Italiens Leib- und Magenblatt nach dem Ausscheiden

Doch gegen Italien lieferte der Trainer sein Meisterstück, stellte seine Mannschaft mutig offensiv auf und führte verdient durch zwei Tore des ehemaligen Nürnbergers Robert Vittek mit 2:0. Italiens begann erst in der Schlussphase Fußball zu spielen, doch alle Bemühungen waren vergeblich.

Ohne Espirit
Das Scheitern der Azzuri spiegelt die Krise im Lande wieder. Schon die Qualifikation verlief für das Team von Weltmeister-Coach Marcello Lippi enttäuschend, in Südafrika setzte sich das fort: Ohne Pirlo war Italien ein Team aus braven Arbeitern ohne jegliche spielerische Impulse. Erst als Pirlo in der Schlussphase gegen die Slowakei kam, spielte das Team variantenreicher. Für eine WM ist das reichlich wenig.
Italiens Fußball hat ein Qualitätsproblem: Die Weltmeister Buffon, Cannavaro, Gattuso, Pirlo, Camoranesi und Zambrotta sind in die Jahre gekommen, ihren Nachfolgern fehlt ihre Klasse und im Nachwuchsbereich sieht es eher mau aus. Kein Wunder: Im Stamm-Team des Champions-League-Gewinners Inter Mailand stand kein einziger Italiener. Wobei Italien nie ein Team war, das offensiv glänzte. Sie waren die gefürchteten Minimalisten, hatten in der Offensive aber immer Ausnahmekönner wie Baggio, Del Piero oder Totti, die Spiele allein entscheiden konnten.
„Italiens Fußball muss sich neu orientieren“, forderte Marcello Lippi nach dem Ausscheiden. Der neue Trainer Cesare Prandelli dürfte vor keiner leichten Aufgabe stehen…