Morgen ist es wieder soweit: Royal Ascot beginnt am Dienstag. Das königliche Festival auf der berühmten Galopprennbahn in der englischen Graftschaft Berkshire ist beste britische Tradition. Feedback gibt es dann auch von deutschen Zeitungen und Zeitschriften, für die Galopprennen ansonsten ein Buch mit sieben Siegeln sind. Wobei die Pferde weniger interessant sind: Irgendein ein Royal auf Freiersfüßen, Promis im Frack und überdimensionale Hüte machen sich gut auf den bunten Seiten der Blätter.
Manche meinen ja, dass die Galopprennen bei diesem englischen Oberschichten-Besäufnis nur stören. Aber es ist eben Tradition und die ist auf der Insel heilig. So gibt es wieder Flachrennen der absoluten Extraklasse zu sehen. Allein die ersten drei Rennen der Karte am Dienstag sind – und hier passt der Ausdruck absolut – der völlige Hammer.
Der australische Gast Nicconi bei seinem letzten Erfolg
Es geht los mit den Queen Anne Stakes, Gruppe 1-Rennen über die 1600 Meter. Und es kommt zum Showdown von Paco Boy, Rip Van Winkle und Goldikova, den drei besten europäischen Pferden über die Meile. „The Big Three lock horns“ würde die Racing Post titeln. Allein bei diesem Rennen bekommen manche feuchte Hände.
Es folgen die schnellen Pferde in den King’s Stands Stakes über 1000 Meter, natürlich auch Gruppe 1. In der Prüfung waren in den letzten Jahren australische Sprinter sehr erfolgreich. Seit 2003 gab es vier Gewinner aus Down Under, keinWunder, dass der Favorit Nicconi aus Australien kommt. Mit dabei vom fünften Kontinent ist auch Gold Trail. Auf sie wartet die englische Sprint-Elite, unter anderem Kingsgate Native, Borderlescott, Equiano oder Total Gallery. Eine weitere Prüfung zum Genießen…
Aber es kommt noch besser: In den St. James Stakes für dreijährige Pferde über die Meile trifft der englische 2000 Guineas-Sieger Makfi auf den irischen Triumphator Canford Cliffs und den Zweiten aus England und Frankreich, Dick Turpin. Was will man mehr?
Drei Tage läuft die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika jetzt. Was bleibt bislang haften? Erst einmal die Dauerbeschallung durch die Vuvuzelas, die an einen Hornissenangriff in einem B-Movie erinnern. Und dann die Tatsache, wie wichtig der Fußball doch für die Stimmung im Lande ist.
Zum Beispiel Deutschland – Deutschland hat „die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten“ (Süddeutsche Zeitung), die derzeit in der Öffentlichkeit ein jämmerliches Bild abgibt. Da wird sich Bundeskanzlerin Angela Merkel freuen, dass wenigstens die deutsche Nationalmannschaft etwas von ihren Problemen ablenkt: Locker mit 4:0 gewann das Team von Joachim Löw zum Auftakt gegen allerdings schwache Australier. Doch diese waren auch so schwach, weil Deutschland sie so gut im Griff hatte. „Es war der perfekte Abend“, schwärmte ZDF-Experte Oliver Kahn.
Zum Beispiel Ghana – John Mensah lief eine Ehrenrunde mit der Landesfahne. Sie feierten, als wenn sie den Titel gewonnen hätten. Dabei war es nur ein Spiel der Vorrunde: 1:0 besiegte Ghana in der „deutschen Gruppe C“ Serbien, aber schickte damit offensichtlich einen ganzen Kontinent in Partystimmung. Es war ein eher müder Kick, in dem Ghana das etwas bessere Spiel zeigte und der „böse“ Kevin-Prince Boateng mal wieder eindrucksvoll unter Beweis stellte, welch großartiger Fußballer er doch ist. Und Serbien? Die Realität auf dem Platz war enttäuschend und entsprach gar nicht den enthusiastischen Vorberichten.
Zum Beispiel England – Fabio Capello soll es richten und nach über 40 Jahren den Titel wieder ins Mutterland des Fußball holen. Und wie immer war die Euphorie vor dem Start grenzenlos. Doch von wegen „Let’s spank the Yanks“, wie der englische Boulevard, in diesem Fall der Daily Star, gewohnt zartfühlend vor dem Spiel getitelt hatte. Englands Fußball-Nationalmannschaft bekam zum Auftakt der WM in Südafrika den ersten Dämpfer: Nur 1:1 gegen die USA. Die erste Halbzeit erinnerte an längst vergangene Zeiten. Die Bälle flogen nur hoch nach vorne und dann führte Keeper Paul Green die Tradition der Kollegen Seaman, James und Robinson fort, als er einen harmlosen Ball passieren ließ.
Zum Beispiel Argentinien – Es war unglaublich, was Lionel Messi mit Nigerias Abwehrspielern anstellte. Rechts vorbei, links vorbei – der kleine Ausnahmefußballer war an diesem Nachmittag kaum zu stoppen. Nur einer hatte etwas dagegen: Nigerias Torhüter Vincent Enyeama reagierte mehrmals phänomenal und verhinderte ein Debakel. Es blieb beim 1:0 für das Team von Diego Maradona, das defensiv zudem einige Schwächen offenbarte und den ansonsten harmlosen Westafrikanern einige gute Möglichkeiten schenkte.
Zum Beispiel Südafrika – Was war nicht vorher alles über Südafrikas Bafana Bafana geschrieben worden. Schwächster Gastgeber aller Zeiten, Kanonenfutter, Punktelieferant – alles dummes Geschwätz. Gegen die nicht schlechten Mexikaner war Südafrika dem Sieg nahe, kam nach nervösen Beginn gut ins Spiel, schoss ein herrliches Tor, traf den Pfosten und wurde ein klarer Elfmeter verweigert. Nur einmal passten sie in Halbzeit 2 nicht auf und das nutzten die abgezockten Mexikaner zum Ausgleich.
Zum Beispiel Frankreich – Ganz so emotional sind die Franzosen nicht mit ihrer Equipe Tricolore verwachsen. Allerdings gibt diese schon seit Jahren ein eher trauriges Bild ab und das war auch nach dem trostlosen 0:0 gegen die Defensivkünstler aus Uruguay so. Und normalerweise versenkt Uruguays Torjäger Forlan so einen Ball, den er an diesem Abend weit neben das Tor setzte.
Torheilige und ein Irrer bei der Nationalmannschaft
Die Kür: 11Freunde, 194 Seiten, 4,90 Euro
Inzwischen gehört es fast zur Familie, das selbsternannte Fußball-Kulturmagazin 11Freunde. Mit ihren bisherigen Sonderheften setzten die Macher in Deutschland Maßstäbe – entsprechend hoch sind die Erwartungen. „Ganz nett“ lautete meine erste Reaktion zum aktuellen Heft zur WM 2010 – und dann blieb das Exemplar erst einmal einige Tage liegen, was es früher nicht gab. Doch dann wurde es bei der Lektüre doch noch ein höchst vergnüglicher Abend.
Inhalt: Eigentlich sind es zwei Hefte: Infos zu Spielern, Teams und Daten packten die Verantwortlichen wie zuvor in ein kleines Booklet. Im „normalen“ Heft geht es viel um WM-Geschichte, magische Momente und „Geschichten hinter der konventionellen kicker-Story“ – eben die bekannte 11Freunde-Mischung. Was noch auffällt: Das Heft ist voll mit Anzeigen. Die Flegeljahre sind endgültig vorbei….
Urteil: Es beginnt etwas sperrig, denn die Geschichte über das Geschäftsgebahren der FIFA und ihrer Protagonisten Blatter/Havelange ist etwas zu lang und enthält auch nicht viel Neues. Zumindest für den, der die Enthüllungen der Herren Jennings/Kistner/Weinrich gelesen hat. Und dann nimmt die Sache Fahrt auf: ein lesenswertes Interview mit Rudi Völler (ja, das gibt es), Eltern sprechen über ihren Sohn, den Nationalspieler oder die Geschichte „Torheilige“, in der Torschützen in WM-Finals zurückbleiben. Ganz großes Kino ist das Fernsehprogramm vom 13. Juni (20.15 ARD, Ich weiß noch immer, wo du letztes Jahr trainiert hast – Inhalt: Ein Irrer steigt nachts ins Hotel der deutschen Nationalelf ein. Sein Motiv: Er will Torsten Frings rächen. Es beginnt ein großes Gemetzel…). Gut die Idee, jedem Tag der WM eine Geschichte zu widmen. Die Mischung im Hauptheft stimmt also, nur den Castrol-Index mit den 50 wichtigsten WM-Akteuren habe ich nicht ganz verstanden.
Nicht so gelungen finde ich das Booklet, auch wenn das Halbwissen für die Halbzeit durchaus Charme hat. Ansonsten ist es inhaltlich recht dürftig, aber 11Freunde will eben nicht den kicker ersetzen.