So langsam wird es Zeit, dass der Ball in Südafrika rollt. Weil inzwischen jede Tageszeitung meint, noch ein paar Anzeigen abgreifen zu müssen und eine Beilage zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 auf den Markt wirft. Das Meiste daraus kennt der wahre Fußball-Nerd schon – weil er sich längst eins der einschlägigen Sonderhefte besorgt hat. nurpferdeundfussball hat die Hefte vom kicker und von den 11 Freunden (siehe separater Text) unter seine anspruchsvolle Lupe genommen, weitere Rezensionen von Sonderheften gibt es bei allesaussersport.
Das kicker-Heft, 219 Seiten, 4,90 Euro
Etwas spät waren sie diesmal dran, die kicker-Leute. Denn Mitbewerber Sport-Bild war mindestens eine Woche früher draußen und wollte schon mal vorher den Markt abgreifen. Und dann verletzte sich Kapitän Michael Ballack und Sport-Bild machte dicke Backen: Denn viele Texte über die Taktik der deutschen Nationalmannschaft waren nun Makulatur, weil sich in ihnen vieles um Ballacks Rolle drehte. Auch die kicker-Redakteure werden geflucht haben, denn sie durften ihre Artikel im besten Fall ändern, im schlechtesten Fall neu schreiben. Aber jedenfalls hat das Nürnberger Blatt diese wichtige Personalie im Heft.
Inhalt: Die gewohnte, seit Jahren bewährte Mischung: Interview mit Bundestrainer Joachim Löw, umfangreiche Analysen zur deutschen Nationalmannschaft, detaillierte Vorstellung der deutschen Gegner, Farbfotos und Mannschaftsinfos aller Teilnehmer und dann noch mal zwei Seiten (die Gruppenfavoriten) bzw. eine Seite (der Rest) Text zu den restlichen Startern. Hinzu kommen zwei Doppelinterviews mit Philip Lahm und Martin Demichelis sowie Kaka und Ronaldo und ein Artikel über die WM-Geschichte. Und dazu natürlich Fakten und Daten in Hülle und Fülle.
Fazit: Eigentlich kann man der kicker-Mannschaft immer das Gleiche attestieren: Solide Arbeit auf fachlich hohem Niveau, manchmal etwas dröge, aber für die Unterhaltung sind andere zuständig. Wer über Spielsysteme, Schwächen und Stärken oder herausragende Spieler der Teams etwas erfahren möchte, der ist mit dem kicker-Heft bestens informiert - ein verlässlicher Partner ohne große Überraschungen. Nicht umsonst werben die Nürnberger mit dem Wort „Der Klassiker“ für ihr Sonderheft.
Es ist im übrigen das erste Heft unter dem neuen Chefredakteur Klaus Smentek, der den langjährigen Chef Rainer Holzschuh ablöste. Und als erfahrener kicker-Mann weiß Smentek, dass auch hier die Devise "Never change a winning team" galt. So gab es nur optisch einige Veränderungen beim Layout, die nicht alle positiv ausfielen. Weiße Schrift auf grauen Hintergrund ist eine Kastenkombination, die nicht unbedingt wirkt. Besonders glücklich finde ich die Mannschaftsseiten auch nicht, wo die erste Hälfte jetzt mit allerlei Statistik gefüllt wird und die Spielerliste etwas gequetscht unten auf der Seite auftaucht.
Wer mal in alte kicker-WM-Sonderhefte herein schauen möchte: der kicker präsentiert sie als e-paper auf seiner Homepage
Workforce, Lope De Vega oder „entscheidend is auffem Platz“
Es war ein aufregendes Rennsportwochenende: Mit dem englischen und französischen Derby standen die vielleicht wichtigsten europäischen Klassiker auf dem Programm. Und es gab reichlich Diskussionsstoff danach.
Das Schönste an Rennen wie dem englischen Derby ist, dass man mit jedem eindrucksvollem Sieger meint, man habe ein neues „Wunderpferd“ gesehen. Weil auch im Galopprennsport alle nach Helden lechzen.
Wie gut ist also Workforce, Triumphator 2010 in Epsom? Die Fakten: Es war erst der dritte Start im Leben und der Hengst – übrigens auch Derby-Tipp dieser Kolumne – zeigte sich gegenüber dem zweiten Platz in den Dante Stakes in York sehr, sehr, sehr verbessert. Das sah schon richtig nach Extraklasse aus, wie er beschleunigte und leicht und locker mit sieben Längen Vorsprung gewann. „Ich habe noch nie ein Mitteldistanz-Pferd geritten, das so beschleunigt und ich war noch nie so schnell um den Bogen in Epsom“, sagte Jockey Ryan Moore hinterher. Was bemerkenswert ist: Denn sonst sagt Moore eigentlich nie etwas gegenüber der Presse.
Weiterer Beweise der Extraklasse: Mit 2 min. 31,33 war Workforce um eine Sekunde schneller als Lammtara, seit 1995 Rekordhalter über die 2400 Meter auf dem Kurs in Epsom. Der Handicapper wird ihn höher einschätzen als den letztjährigen Gewinner Sea The Stars oder Authorized, 2007 hochüberlegener Sieger.
Doch was ist die Form wert? Die Rekordzeit war auch der Verdienst des 100:1-Außenseiters At First Sight aus dem Stall von Aidan O’Brien, eigentlich als Pacemaker für seine höher eingeschätzten Stallgefährten Jan Vermeer und Midas Touch vorgesehen. Jockey Seamie Heffernan drückte vorne richtig auf die Tube, löste sich vom Feld und nur der spätere Sieger zog an ihm vorbei. Zuletzt rückte der Godolphin-Schützling Rewilding dem Zweiten noch nahe, vorbei kam er aber nicht.
Dennoch wirft das gute Laufen von At First Sight, zuletzt sechs Längen hinter seinem Stallgefährten Midas Touch, einige Fragen auf. Entweder ist er
• viel besser als seine Vorformen,
• sind seine beiden Stallgefährten schlechter als gedacht,
• oder hat Ballydoyle ein großes Gamble mit dem Pferd geplant, dass am höchsten am Toto steht.
Variante 3 schließe ich mal aus. Zum einen, weil die Ballydoyle-Verantwortlichen so viel Geld haben, dass sie irgendwelche Wetten nicht nötig haben. Andererseits wäre der Starting-Preis deutlich niedriger als 100:1 gewesen, wenn signifikante Beträge unterwegs gewesen wären. Also muss es eine Mischung der Punkte eins und zwei sein.
Die perfekte Revanche
Und wenn man Formen wirklich ernst nimmt, dann hätte Cape Blanco, der Bezwinger von Workforce in York, im französischen Prix Du Jockey Club in Chantilly spazieren gehen müssen. Hat er aber nicht gemacht, im Gegenteil – er spielte überhaupt keine Rolle. Der Sieger im französischen Derby trägt den Namen Lope De Vega, wird trainiert von Altmeister Andre Fabre, gewann bereits die französischen 2000 Guineas und wurde höchst cool geritten von jungen Maxime Guyon, der den Shamardal-Sohn aus der äußeren Startbox 20 schnell nach innen ins Vorderfeld brachte und am Ende leicht nach Hause kam.
„Das ist eine unglaubliche Überraschung“, sagte hinterher sein deutscher Besitzer Dietrich von Boetticher, für dessen Gestüt Ammerland der Hengst startet. Denn auch sein Patron war nicht überzeugt davon, dass der Guineas-Sieger das Stehvermögen für 2 100 Meter (die Franzosen sind irgendwann mal in der klassischen Derbydistanz von 2 400 auf 2100 Meter gegangen) hat. Aber, um einmal die Worte von BVB-Legende Addi Preißler zu zitieren: „Entscheidend is auffem Platz“. Und so triumphierte der Shamardal-Sohn – und die Turf-Welt war um eine Anekdote reicher. Denn Shamardal hatte einst das französische Derby mit einer Nase gegen von Boettichers Hurricane Run entschieden.
Es ist mal wieder soweit: Am Samstag steht auf dem berühmt-berüchtigten Kurs in Epsom die „Mutter aller Galopprennen“, das englische Derby, auf dem Programm. nurpferdeundfussball spielt wieder Racing Post, Timeform und Sporting Life, stellt die wichtigsten Protagonisten vor und verrät natürlich, wer die Nase vorn haben sollte.
Al Zir (Trainer Saeed Bin Suroor/Jockey Kieren Fallon): Fallon reitet für Godolphin, auch nicht gerade eine alltägliche Kombination. Nach Rang 9 in den 2000 Guineas und Platz 3 in der Racing Trophy ist Al Zir aber nur Außenseiter. Stehvermögen mehr als fraglich, bester Kurs 20/1.
Azmeel (John Gosden/William Buick): Das sah gut aus, wie Azmeel die Dee Stakes in Chester gewann. Hier trifft er aber auf stärkere Gegner, andere haben bessere Perspektiven. Kommt wahrscheinlich über die Distanz von 2400 Metern, auch wenn es in der Familie einige gute Sprinter und Meiler gab, bester Kurs 12/1.
Bullet Train (Henry Cecil/Tom Queally): Der gute Henry Cecil. Alle gönnen ihm einen weiteren klassischen Erfolg, obwohl er aus der Distanz so gar nicht wie ein Mann aus dem Volk wirkt. Jedenfalls sattelt der Meister mit Bullet Train einen höchst chancenreichen Starter, der bei seinem Erfolg im Lingfield Derby Trial mächtig imponierte. Zudem sollte Bullet Train noch nicht das Ende seines Leistungsvermögens erreicht haben. Wenn er über die Distanz kommt (als Sohn von Sadler’s Wells sollte er), dann hat er gute Möglichkeiten haben, bester Kurs 7/1.
Coordinated Cut (Michael Bell/Jamie Spencer): Sieger trotz Behinderung in der hochdotierten Tattersalls Timeform Trophy, danach Dritter in den Dante Stakes in York hinter Cape Blanco (startet im französischen Derby) und Workforce. Eine Formumkehr ist schwer vorstellbar, auch wenn er mit der Strecke keine Probleme haben sollte, bester Kurs 20/1
Jan Vermeer (Aidan O’Brien/Johnny Murtagh): Löste in der letzten Woche den Stallgefährtenn St. Nicholas Abbey (der nicht läuft) als Derbyfavoriten bei den Buchmachern ab. Ist die Wahl von Ballydoyle-Stalljockey Johnny Murtagh. Schon zweijährig Gruppe 1-Sieger, siegte dreijährig leicht in den Gallinule Stakes in The Curragh und beschleunigte wie es nur gute Rennpferde können. Aber wen hat der Montjeu-Sohn dort geschlagen? Das unschlagbare Ding, für den ihn manche halten, ist er definitiv nicht. Stehvermögen für 2400 Meter vorhanden, mütterlicherseits ist einiges an Speed vorhanden, bester Kurs 9/4.
Midas Touch (Aidan O’Brien/Colm O’Donoghue): Zweite Waffe aus dem O’Brien-Quartier, chancenlos zweijährig in Frankreich gegen Jan Vermeer, aktueller Sieger des Derringtown Stud Trials (Gr.2) in Leopardstown. So viel scheint die Form nicht wert zu sein, andere Kandidaten haben bessere Meriten. Kein Problem mit den 2400 Metern, bester Kurs 7/1.
Rewilding (Mahmood Al Zarooni/Frankie Dettori): Noch nie hat Godolphin das englische Derby gewonnen. Rewilding dürfte die beste Chance seit Jahren sein, kommt aus dem Andre Fabre-Stall in Chantilly und gewann beim Debüt für Königsblau imponierend in Goodwood. Das war zwar nicht der beste Derby Trial, dennoch ein höchst interessantes Teilnehmer. Kommt aus einer Familie mit ganz viel Stehvermögen und viel deutschem Einfluss: Vater ist ein gewisser Tiger Hill, das herausragende Pferd der Endneunziger in Deutschland, beste Quote 7/1.
Ted Spread (Mark Tompkins/Michael Hills): Verdiente sich seinen Derbystart durch eine kämpferische Glanzleistung in der Chester Vase über 2474 Meter. Muss sich natürlich steigern, aber es wäre doch mal schön, wenn ein Trainer wie Mark Tompkins in Epsom triumphieren würde…., beste Quote 33/1
Workforce (Sir Michael Stoute/Ryan Moore): Erst der dritte Lebensstart und Trainer Sir Michael Stoute hätte ihm gerne noch einen Start mehr gegönnt. Imposantes Debüt in Goodwood und wenn sein erfahrener Trainer nach nur einem Start ihn zu einem Derbypferd macht, dann muss da etwas dran sein. Zweiter hinter Cape Blanco im Dante, lief noch reichlich grün, zeigte aber seine Veranlagung. Muss sich natürlich steigern, aber erinnert an andere Stoute-Starter, die danach triumphierten. Mütterlicherseits viel Stehvermögen dabei, in York lief er auch wie ein Pferd, der mit der längeren Strecke keine Probleme hat, beste Quote 5/1.
Urteil: Eine offene Angelegenheit, der Favorit Jan Vermeer ist besiegbar. Workforce und Rewilding sind meine Favoriten, brandgefährlich ist natürlich Bullet Train.
Nachtrag 5.6.: Was war das für eine grandiose Vorstellung von Workforce: Der Hengst gewinnt das englische Derby mit sieben Längen Vorsprung.