Donnerstag, 21. Juni 2012
Die Bilanz der EM-Gescheiterten
Ende der Vorrunde bei der Fußball-EM in Polen und der Ukraine: Die ersten acht Mannschaften sind bereits zuhause, die restlichen acht spielen weiter im Viertelfinale. Das Niveau ist ganz passabel – nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Eine erste Einzelkritik der acht ausgeschiedenen Teams.

Gruppe A
Wer nach dem ersten Spieltag prophezeit hätte, dass in dieser Gruppe Tschechien und Griechenland sich für das Viertelfinale qualifizieren, der hätte nur ein müdes Lächeln geerntet. Aber Gastgeber Polen und Russland scheiterten auch am eigenen Nervenkostüm.

Polen: Die Mannschaft mit den drei Dortmundern Piszczek, Blaszczykowski und Lewandowski und daher natürlich besonders in meinem Blickpunkt. Besonders im ersten Spiel gegen Griechenland wirbelte die rechte Seite wie beim BVB – aber auch nur 45 Minuten lang, dann wirkte das Team gegen 10 Griechen auf einmal völlig gehemmt. Auch im entscheidenden Spiel gegen Tschechien begannen die Polen stark, erarbeiteten sich Torchancen – und dann war auf einmal nach 25 Minuten alles vorbei. Polen scheiterte am eigenen Erwartungsdruck, obwohl die Gruppe eigentlich machbar war.
Spieler der EM
Jakub Blaszczykowski: Schönes Tor gegen die Russen und auch sonst mit ordentlichen Leistungen.

Russland: Das Gen des Scheiterns war auch Bestandteil der Sbornaja 2012. Wenn es ernst wird, versagen sie. Dabei imponierte das Team um Andrej Arshavin im ersten Spiel gegen die Tschechen mit technisch starkem Kombinationsfußball und avancierte bei manchem schon zum Geheimfavoriten. Doch ob russischer oder holländischer Coach wie diesmal Dick Advocaat: Im entscheidenden Spiel gegen Außenseiter Griechenland wirkte die Mannschaft seltsam gehemmt. Das Gen des Scheiterns eben.
Spieler der EM
Alan Dzagoev: Dreifacher Torschütze und mit 22 Jahren eine große Hoffnung für die Zukunft.

Gruppe B
Der tiefe Absturz des Vizeweltmeisters: Null Punkte hatten die Niederlande am Ende und in unserem diskussionsfreudigen Nachbarland werden jetzt die Messer gewetzt. Dänemark verabschiedete sich hingegen – wie man so schön sagt – „mit erhobenem Haupt“.

Niederlande: Die Miene von Bondscoach Bert von Martwijk wurde von Tag zu Tag länger. Die Kritik aus der Heimat war reichlich bissig und das meiste davon bekam van Marwijk ab. Dabei hatte sein Team eigentlich ordentlich begonnen, vergab aber gegen die Dänen unzählige Torchancen, verlor 0:1 und war dann letztendlich chancenlos gegen Deutschland und Portugal. Die starken Einzelspieler enttäuschten, zwischen Defensive und Offensive klaffte eine riesige Lücke. Und als van Marwijk im letzten Spiel gegen Portugal Huntelaar und van Persie aufstellte und damit die die Forderungen seiner Kritiker erhörte, zeigte besonders der Schalker eine ganz schwache Leistung.
Spieler der EM
Jetro Willems: Der jüngste EM-Spieler aller Zeiten mit 18 Jahren. Weil seine Kollegen mit den klangvollen Namen enttäuschten, heben wir ihn heraus.

Dänemark; Das Team von Morten Olsen präsentierte sich als kompakte Einheit, das seinen Gegnern das Leben schwer machte und auch in der Offensive durch Bendtner und Krohn-Dehli einige Nadelstiche setzte. Mit etwas mehr Glück wäre auch gegen Deutschland und Portugal noch mehr möglich gewesen. Dennoch boten die Skandinavier in der „Gruppe des Todes“ ordentliche Leistungen.
Spieler der EM
Daniel Agger: Starker Abwehr-Organisator.

Gruppe C
Spanien und Italien – die gemeinten Teams setzten sich in dieser Gruppe durch. Doch besonders die Kroaten wehrten sich hartnäckig. Dagegen blieb Irland leider chancenlos.

Kroatien: Für den Außenstehenden, der viele Torszenen möchte, war die Partie zwischen dem hohen Favoriten Spanien und den Kroaten wenig interessant. Wie das Team von Trainer Slaven Bilic allerdings dem Weltmeister das Leben schwer machte, das war sehr eindrucksvoll. Zumal die Kroaten nach einiger Zeit auch die Offensive suchten und durch den Ex-Schalker Rakitic die Chance des Spiels hatten. Spanien geriet ziemlich aus dem Rhythmus, der Beobachter spürte förmlich die Nervosität, das Tor fiel relativ glücklich – und Kroatien war draußen. Da nutzen auch die starken Vorstellungen vorher gegen Italien und Irland nichts.
Spieler der EM
Dario Srna: Die Seele des kroatischen Spiels, unermüdlicher Antreiber, defensiv und offensiv ganz stark.

Irland: Das war diesmal nichts für die Iren. Drei deutliche Niederlagen – die Mannschaft bekam deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. „Ich habe noch nie gegen so eine starke Mannschaft wie Spanien gespielt“, sagte Abwehrspieler Keith Andrews. Immerhin gefielen die irischen Fans.
Spieler der EM
Sean St. Ledger: Die Wahl fiel schwer bei den Iren. Der Abwehrspieler schoss das einzige Tor.

Gruppe D
Die Stimmung in England war vor der EM diesmal ganz anders. Nachdem in den Jahren zuvor die englische Öffentlichkeit immer den Titel gefordert hatte, waren diesmal die Erwartungen eher gering. Und siehe an: England gewann die Gruppe mit viel Glück, auch weil die Franzosen zum Schluss patzten. Dennoch setzte sich die Grande Nation letztendlich durch, auf der Strecke blieben mit einem Sieg die Ukraine und Schweden. Besonders Erstere fühlte sich ziemlich betrogen.

Ukraine: Trainer Oleg Blochin tobte nach dem letzten Spiel gegen England. Schiedsrichter Kassai aus Ungarn hatte ein einwandfreies Tor der Gastgeber nicht anerkannt und da fragt man sich, was der ganze Aufwand mit den Torrichtern eigentlich soll. Gegen die Three Lions spielten die Gastgeber mit viel Engagement, hätten eigentlich den Erfolg verdient gehabt, vergaben aber beste Torchancen. Das entscheidende Spiel war jedoch die Niederlage gegen die Franzosen: Da war das Team bis zum 0:1 durchaus gleichwertig, doch danach wirkte sie wie gelähmt.
Spieler der EM
Andriy Shevchenko: Der Altmeister erlebte noch einmal einen großen Tag. Seine beiden Tore sorgten für das 2:1 gegen Schweden.

Schweden: Für die Skandinavier wäre eigentlich mehr drin gewesen. Zwei knappe Niederlagen gegen die Ukraine und England – und in beiden Spielen hätten auch die Schweden gewinnen können. Der letzte Sieg gegen Frankreich nutzte auch nichts mehr.
Spieler der EM
Zlatan Ibrahimovic: Das „schreckliche Kind“ der Schweden zeigte diesmal sein Potenzial, überzeugte nicht nur durch seine zwei Treffer.