Montag, 2. Juli 2012
Pastorius wie einst Lando
Pastorius gewinnt das Deutsche Derby 2012 in Hamburg. Zweiter wird der große Favorit Novellist, Dritter Girolamo. So war das in diesen Jahr - und meine Tipps endeten im geschlagenen Feld.
Irgendwie lehrt einem der Galopprennsport im Lauf der Jahre Demut. Demut, dass man einige Dinge einfach nicht kalkulieren kann. Zum Beispiel die Formen der Pferde. Ich wiederhole mich: Es gibt sie nicht, die „Unverlierbaren“ im Sport.
Das Rennen habe ich erst ohne Ton gesehen. Das lag daran, dass bei Racebets Bild und Ton nicht synchron waren, das Bild dem Ton hinter her hinkte und so Manfred Chapman schon den Zieleinlauf kommentierte, während die Pferde auf dem Bild noch im Horner Bogen waren. (Ist natürlich völlig daneben, racebets).
Jedenfalls habe ich den außen liegenden Pastorius erst ganz zum Schluss gesehen, konzentrierte mich auf das Geschehen innen, wo der Favorit Novellist gerade den tapferen Girolamo niederrang. Ich kenne keine Rennbahn in Deutschland und England, wo die Außenbahn so schlecht zu sehen ist. Und dort befand sich jener Pastorius mit Terry Hellier, den auch Rennkommentator Manfred Chapman erst ganz zum Schluss entdeckte. Der Soldier Hollow-Sohn gewann mit einer halben Länge und bescherte Trainer, Jockey und Besitzer den ersten Derbysieg. Nur wenige hatten den Hengst auf der Rechnung – der Sieg zahlte 321:10, nur Ako (608:10) und Temporal (384:10) zahlten seit 1980 mehr.

Das vergessene Pferd
Vielleicht hinkt der Vergleich etwas, aber ich fühlte mich an den Erfolg von Lando (Toto 245:10) aus dem Jahre 1993 erinnert. Denn irgendwie war Pastorius auch das vergessene Pferd. Beide waren herausragende Zweijährige, aber dreijährig lief es nicht mehr so gut. Es gab schon Unterschiede: Während Lando dreijährig nach meinen Erinnerungen regelrecht versagte, lief der Hofer-Schützling eigentlich nur im Mehl-Mülhens-Rennen schwach. Im Krefelder Busch-Memorial enttäuschte er keineswegs, hatte keinen guten Rennverlauf und war als Vierter hinter so guten Pferden wie Amaron und Energizer.
Doch diese Rennen gingen alle um Distanzen um die Meile, beim Stehvermögen gab es einige Bedenken – zumindest über 2400 Meter. Trainer Mario Hofer hatte diese Zweifel nicht, ließ den Hengst nach dem Mehl-Mülhens-Rennen pausieren und wurde belohnt.
Der Österreicher ist schon ewig im Geschäft, einen Derbysieger hatte er aber noch nicht. Zweite Plätze mit Zazou (2010), Night Tango (2005) und Nadour Al Bahr (1998) waren die bislang beste Ausbeute.
Und auch Terry Hellier musste lange warten. Es war Versuch Nr.22 für den Jockey, den Spezialisten für das richtige Timing. Als junger Jockey war er mir dem Ausnahmepferd Lomitas 1991 mal ganz nah dran, doch dann kam Temporal mit einem gewissen Frankie Dettori und der pushte Temporal damals zum Derbyerfolg.
2012 war alles anders und diesmal war der heiße Favorit Novellist das Opfer. Knapp geschlagen Zweiter – das Pferd sei nicht ganz fit gewesen, hieß es nach dem Rennen. Zumindest der Speed, der in der Union noch zu sehen war, fehlte etwas.
Einiges an Bildmaterial zum Derby gibt es bei German Racing.



Von Italien lernen: Sänger gesucht
Es ist derzeit Fehlersuche angesagt im deutschen Fußball. Wie kann es denn auch sein, dass der dreimalige Welt- und Europameister Deutschland sich schon wieder in einem Halbfinale verabschiedet und der letzte Titel vor 16 Jahren geholt wurde? Nach dem 0:2 gegen Italien bei der EM in Polen und der Ukraine wird mal wieder wüst los diskutiert. Nun lag Bundestrainer Joachim Löw mit seinen Umstellungen vor dem Halbfinale ziemlich daneben: Speziell der Einbau von Toni Kroos als Sonderbewacher von Pirlo widersprach der bisherigen Philosophie des Bundestrainers, denn bisher wollte Löw das Spiel immer selbst bestimmen.
Jedenfalls war das 0:2 gegen Italien durchaus verdient, weil die Squadra Azzura viel bestimmter auftrat. Wild entschlossen wirkten die Italiener – schon bei der Hymne. Während diese schmetterten, was das Zeug hielt, sangen nur vereinzelt deutsche Fußballer mit. „Auf der einen Seite die italienischen Männer, auf der anderen die deutschen Memmen“, weiß Bild als Kenner der Volksseele. Und darum hat Deutschland verloren, meint der Boulevard.
So einfach ist das also – und klar, dass Bild am Sonntag-Kolumnist Peter Hahne, selbsternannte moralische Instanz des Landes, am Sonntag noch mal einen drauflegte. (Leider finde ich diese Kolumne nicht hier.)

Kein Multi-Kulti
„Wer für sein Land nicht singt, tut sich schwer mit Siegen“, titelte die BamS und Hahne ging steil: „Haben wir deshalb das Spiel verloren? Fehlt unseren Jungs der letzte Schuss Patriotismus und das Gefühl, nicht für irgendeinen Verein auf dem Platz zu stehen, sondern für Deutschland?“ Selber ist Hahne natürlich richtig Patriot, „Multi-Kulti“ kann er gar nicht ab. Denn diese Özils, Boatengs, Khediras und Podolskis singen ja nur nicht, weil sie noch Verwandte in der alten Heimat haben, spielen aber für Deutschland.
Demnächst gilt also folgendes Kriterium für Nationalspieler: Sie müssen laut die Hymne mitschmettern – wer das nicht will, darf dann eben nicht für Deutschland spielen. Hahne und Bild werden das regelmäßig überprüfen. Weitere Kriterien sind eine ordentliche Frisur (wie früher bei der Bundeswehr), geschnittene Fingernägel, keine Tattoos etc. In der letzen Woche forderte Hahne übrigens eine „Kleidungspflicht für Parlamentarier“. Warum nicht auch eine Singpflicht für Nationalspieler.
Schön, dass wir in Deutschland über so etwas diskutieren. Aber vielleicht empfiehlt sich für Herrn Hahne mal der Besuch einer Public Viewing-Veranstaltung. Da wird die Nationalhymne ganz vorzüglich mitgeschmettert.
Die Spanier singen übrigens auch nicht, aber deren Hymne hat ja auch keinen Text. Hat sie trotzdem nicht gestoppt – dann also „Brüh’ im Glanze, Deutsches Vaterland.“



nurpferdeundfussball deckt auf: Die 54er Weltmeister-Mannschaft singt auch nicht die Nationalhymne nach ihrem Erfolg gegen Ungarn. Fritz Walter, Toni Turek, der „Boss“ und Max Morlock – stumm wie die Fische. Herr Hahne, übernehmen Sie! Dafür singen andere im Hintergrund – nur leider eine etwas ältere Vision.