Donnerstag, 5. November 2009
Vom „Weltnixtorjäger” zum „Abteilungsleiter Attacke“
Im Galopprennsport würde der Richterspruch „hochüberlegen“ lauten: Lucas Barrios, Stürmer von Borussia Dortmund, ist Fußballer des Monats Oktober in der Bundesliga. 59,5 Prozent (darunter auch meine SMS) entschieden sich bei der Wahl von kicker, DSF und DFL für den Argentinier im BVB-Dress. Damit distanzierte er immerhin Claudio Pizarro (Werder Bremen, 27,2 %) und Andreas Ivanschitz (1.FSV Mainz 05) ziemlich deutlich.
Er hat es verdient, der ehemalige „Welttorjäger“, den der BVB im Sommer für 4,2 Millionen als Nachfolger von Alex Frei holte. In den letzten vier Spielen in der Bundesliga war Barrios jeweils erfolgreich, dazu kamen noch Tore im DFB-Pokal. Es war sein goldener Oktober: Der Argentinier verhinderte mit seinen Treffern die kollektive Fußball-Depression in Dortmund.
Denn überzeugend war das bislang überhaupt nicht, was der BVB in dieser Spielzeit so spielt. Das schwache 2:0 gegen den Tabellenletzten Hertha BSC war derart trostlos, dass man das Spiel schnellstens vergessen sollte. Nur das 2:0 durch Barrios in der Schlussminute wird in Erinnerung bleiben: Schnelle Drehung – wie einst Gerd Müller oder Bruno Labbadia – an Hertha-Abwehrchef Friedrich vorbei und dann ein perfekter Schuss ins Eck.



Ein Hauch von Gerd Müller
Der „Panther“ (so sein Spitzname aus Südamerika) ist der klassische Strafraumstürmer: Technisch solide, körperlich robust, behauptet er den Ball gut und sucht immer den direkten Weg zum Tor. Zudem profitiert er davon, dass Trainer Jürgen Klopp nach der Verletzung von Tamas Hajnal von einem 4-4-2-System auf ein 4-3-2-1 (der Tannenbaum) umstellte.
Dabei war sein Start mehr als holprig. Mit großen Vorschusslorbeeren als Welttorjäger vom chilenischen Traditionsklub Colo Colo geholt, hatte Barrios nach ordentlichem Debüt gegen Köln so seine Probleme. Den Tiefpunkt erreichte er am 3. Spieltag im Heimspiel gegen Stuttgart: Keinen Ball sah er gegen die Stuttgarter Innenverteidiger, verlor fast jeden Zweikampf. Zudem hatte er spürbare Probleme mit dem höheren Tempo in der Bundesliga. „Das ist keiner“, lautete mein (vorschnelles) Urteil. Bestimmt ein guter Spieler für die zweite Liga – so ein Typ wie Giovanni Federico, der jetzt bei Arminia Bielefeld wieder herausragt und bislang schon neun Tore erzielte. „Weltnixtorjäger“ höhnte das Blatt mit den vier Buchstaben.
Barrios strafte alle Skeptiker ab. Nach einer schöpferischen Pause auf der Bank traf er im Pokal beim Zweitligisten KSC zweimal. Gegen Schalke behauptete er sich in der ersten Halbzeit einige Mal sehr gut gegen die starken Bordon und Höwedes. Und hatte Pech, das sein Schuss nur unter der Latte und nicht im Tor landete. Danach lief es aber, der „Panther“ kam auch in der Bundesliga ins Rollen.
„Lucas ist jetzt körperlich in einer Topverfassung“ sagt BVB-Trainer Jürgen Klopp, dessen Spezialprogramm „seinen Abteilungsleiter Attacke erst fit für das schnellere und arbeitsintensivere Spiel in Deutschland“ machte, so der kicker.
„Barrios wird noch besser“, schrieb Dieter Hoeneß in seiner Laudatio. Der ehemalige Hertha-Manager hatte den Stürmer aus Südamerika im letzten Jahr lange beobachtet, wollte ihn nach Berlin holen. Der Plan scheiterte am Einspruch von Trainer Lucien Favre – und jetzt ist Hoeneß nicht mehr Hertha-Manager, Favre als Trainer gefeuert und die Berliner trostloser Tabellenletzter. Nur Barrios trifft – und vielleicht macht er im BVB-Dress auch bald mal so ein Tor wie im Video für Colo Colo in Chile.