Montag, 11. Februar 2019
Der Schlosser und der Jungprofi


So manche Sprüche begleiten einen ein ganzes Leben. „Von Ihnen gibt es wahrscheinlich 50.000 in Deutschland, von uns vielleicht 500, die in der Bundesliga spielen können. Wir bekommen das Geld dafür und bieten auch die Leistung dafür“, sagte einst Fußball-Profi Michael Rummenigge am Telefon zu einem Schlosser, der die hohen Fußballer-Gehälter kritisiert hatte.

1984 war das, Michael Rummenigge, geboren am 3. Februar 1964, war damals gerade 20 Jahre alt und auf dem besten Weg, eine ähnlich große Karriere wie sein großer Bruder Karl-Heinz beim FC Bayern München zu machen. Ein junger Mann, leistungsorientiert, elitär und ein wenig forsch, seine Popper-Tolle macht ihn auch nicht gerade sympathisch.
Der WDR-Film, den Arnd Zeigler dankensweise wieder ausgegraben hat, war am nächsten Tag Gesprächsthema bei mir und meinen Freunden. Und Rummenigge kam da nicht gerade positiv weg. Später wechselte der gebürtige Lippstädter zum BVB, vor seiner Verpflichtung gab es auch wegen besagtem Spruch einige Proteste von Dortmunder Fans. Diese verstummten aber recht schnell, weil Rummenigge den BVB fu0ballerisch gut verstärkte. Doch ein Liebling der Massen wurde er nie, da bevorzugten die Borussen-Anhänger doch eher rustikale Kämpfertypen.
Der Film ist sehenswert. Weil Rummenigge authentisch rüberkommt und wenn man seinen Vater und Mutter hört, erfährt der Zuschauer schnell, in welchem bürgerlichen Mileu im westfälischen Lippstadt er und sein großer Bruder Karl Heinz groß wurden. Die Rummenigges arbeiteten hart, die Mutter war Hausfrau, Extravaganzen waren verpönt. Wie das damals oft so war. Und jetzt die beiden Söhne, die Karriere im Profifußball machen.
Heute verdienen Fußballer noch viel mehr und so ein ehrlicher Film wäre in der gelackten Berater- und Social Media-Welt gar nicht mehr möglich. Leider.



Montag, 28. Januar 2019
Ausflüge in die gierige Welt des Fußballs
„Football Leaks – Die schmutzigen Geschäfte des Profifußballs“ zeigt eindrücklich die Abgründe des populärsten Sports der Welt. Ablöse-Wahnsinn, Menschenhandel, Steuerbetrug, Korruption – keine Sauerei ist dem Sport fremd. Die Branche ist nicht nur verlogen, sondern auch gierig.

Zwischendurch war mal Zeit für ein kleines zynisches Fazit, wenn denn Geld der entscheidende Faktor ist: „Augen auf bei der Berufswahl“, dachte ich. Gut, bei mir ist da der Zug abgefahren, aber jüngeren Leser sei der Beruf des Spielerberaters im Profifußball doch sehr ans Herz gelegt: Wenn man die richtigen Leuten kennt, ist das ein Job mit großen Verdienstmöglichkeiten. Denn diese Berufsgruppe profitiert nach den Spielern am meisten von den riesigen Summen an Geld, die derzeit den Profifußball fluten.
Zum Beispiel beim Wechsel von Pierre-Emerick Aubameyang. Der wollte um diese Zeit im letzten Jahr partout von Borussia Dortmund zum FC Arsenal nach London wechseln. Bei seiner Abschiedsvorstellung im Dortmunder Stadion gegen den SC Freiburg hielt er sich dezent zurück und hatte so wenige Ballkontakte, dass die Fans noch nicht mal pfeifen konnten.
Kein Wunder – Football Leaks enthüllt die Vertragsdetails. Danach bekommt „Auba“ bei seinem neuen Arbeitgeber ein jährliches Grundgehalt von 10,3 Mio Pfund, hinzukommen noch mal 2,26 Mio. Pfund, wenn Arsenal sich für die Champions League qualifiziert. Weiterhin gibt es 50 000 Pfund Prämie für jedes erfolgreiche Spiel, in der der Gabuner in der Startaufstellung steht. Wenn Aubameyang 25 Tore oder Vorlagen in einer Saison schießt, darf er sich über weitere 300 000 Pfund freuen.
Das Beste ist jedoch der Loyalty-Bonus von 15,15 Millionen Pfund, wenn der Stürmer bis 2021 bei Arsenal bleibt. Verständlich, dass Aubemeyang partout nach London wechseln wollte. Der BVB durfte sich immerhin über die Ablösesumme von 63,75 Millionen Euro freuen. Der FC Arsenal hingegen brachte nur das Geld wieder in Umlauf, dass es für Alexis Sanchez von Manchester United bekommen hat.
Natürlich weiß jeder, dass Geld den professionellen Fußball regiert. Das Team um die Spiegel-Redakteure Rafael Buschmann und Michael Wulzinger arbeitete hart, die Daten der Plattform Football Leaks für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 18,6 Millionen Dokumente stellte Whistleblower John zur Verfügung. 66 Journalisten des europaweiten Recherchenetzwerkes EIC (European Investigative Collaboratories) kämpften sich durch den Datenwulst. Das Ergebnis hat sich gelohnt.

Mission
„Football Leaks – Die schmutzigen Geschäfte des Profifußballs“ ist eine sehr spannende Lektüre, liest sich trotz der trockenen Thematik wie ein Thriller. Woher Football Leaks die Daten hat, verrät Informant John nicht. Wer er ist, sagt er auch nicht. Es sei zu gefährlich.
Er ist jedenfalls Fußball-Fan John. Manchmal zweifelt John an seiner Mission, den Sport transparenter zu machen: „Ich bin frustriert. Ich frage mich, ob es alles das wert ist. ….Die Fußballwelt ist kurz aufgeschreckt, das schon, aber mittlerweile läuft alles so wie früher.“ Kontrollverlust, unerwünschte Innenansichten, hartnäckige Nachfragen und Veröffentlichen zu anrüchigen Gerüchten seien das Letzte, was die Fußballbranche brauche.
Die Branche – Vereine, Berater, Spieler und Verbände – schweigt offiziell. In der Fußballwelt möchte man gern zur Tagesordnung übergehen. Der Weltfußballverband FIFA reagierte nicht auf das Angebot, ihnen die Daten zur Verfügung zu stellen. Das zeugt von Desinteresse.
Polizei, Steuerfahndung, Politik reagieren eher auf die Enthüllungen, acht Steuerbehörden hätten sie angeschrieben. Das macht John und den Autoren wiederum Hoffnung. Dann hätte sich der Aufwand doch gelohnt.

Nachtrag
Wer John ist, steht fest. Weitere Infos hier



Dienstag, 8. Januar 2019
HSV: Absturz nach Anleitung
Die Unterzeile sagt es treffend: Wie Funktionäre einen Verein ruinieren. Natürlich geht es um den Hamburger SV, der 2018 nach 55 Jahren Zugehörigkeit aus der Bundesliga abstieg. Tobias Escher und Daniel Jovanov haben den Niedergang des Traditionsclubs in ihrem Buch „Der Abstieg“ kritisch seziert. Der sportliche Untergang begann 2009.

Es ist eine Bilanz des Schreckens, eine Geschichte, in der unter anderem Inkompetenz, Geltungsdrang und Ungeduld wichtige Rollen einnehmen. Und in der Spieler, Trainer und Manager regelrecht verschlissen wurden. 18 Trainer beschäftigte etwa der Club seit 2018. Zum Vergleich: Borussia Dortmund kam in dieser Zeit mit fünf Trainern aus und dabei versaute die letzte Saison mit Peter Bosz und Peter Stöger noch die Bilanz. Wenn es nicht lief, flog beim HSV zuerst der Übungsleiter. Es passte eigentlich nie: Fast immer spielten die Hamburger gegen den Abstieg. Zweimal überstand der Club mit viel Glück die Relegation.
Überraschend kam der Niedergang nicht: „Jahrelang hat der Verein auf diesen Abstieg hingearbeitet“, schreiben die Autoren. In den letzten Jahren lachte ganz Fußball-Deutschland über den Hamburger SV – außer die hartgesottenen Anhänger des Clubs.
Der Abstieg begann 2009, nachdem die Hamburger zweimal ausgerechnet am Erzrivalen Werder Bremen im Halbfinale der Europa League und des DFB-Pokals scheiterten. Jahr für Jahr schildern die Autoren die Probleme. Dabei ist Tobias Escher der Taktik-Fachmann, Daniel Jovanov der Kenner der Vereinspolitik.



Diese Rollenverteilung ist eine große Stärke des Buches. Denn besonders Tobias Escher schafft es, kurz und knackig Spielweise und Probleme des HSV unter den verschiedenen Trainern herauszuarbeiten.
Aber auch Daniel Jovanov ist gut vernetzt. So entstand eine präzise und gutgeschriebene Chronik des HSV-Versagens. Wer wissen möchte, wie man einen Verein in den Abgrund wirtschaftet, dem sei dieses Werk empfohlen. Immerhin liegt der Hamburger SV aktuell auf einem Aufstiegsplatz in der 2. Liga. Trainer Christian Titz – trotz des Abstieges im Frühjahr noch der Mann für die Wende – musste dennoch gehen. Also nichts Neues – und eine deutliche Warnung für Hannes Wolf, einst beim ASC 09 Dortmund im Job großgeworden.



Samstag, 24. November 2018
Real Madrid: Süchtig nicht nur nach Erfolg
Wie tickt Real Madrid? Dieser spanische Fußballklub aus Madrid, bei dem viele große Topstars der Branche spielen bzw. spielten. Aktuell etwa Modric, Kroos, Marcelo oder Sergio Ramos, früher Cristiano Ronaldo, Raul, Zidane, der brasilianische Ronaldo, Roberto Carlos und ganz früher Di Stefano oder Puskas. Ein Dickschiff des internationalen Fußballs. In Mythos Madrid schafft es Autor Kai Psotta, den Verein ein wenig zu enträtseln.

Mangelnden Fleiß kann man dem ehemaligen BILD-Redakteur Psotta wahrlich nicht vorwerfen. Er hat sich mit vielen Leuten aus dem Real-Kosmos ausgetauscht – ob ehemalige Spieler, Trainer und Funktionäre. Dabei ist manche Information und mancher Gesprächspartner schwierig zu bekommen, da ist der Autor erfreulich offen. Und zum Glück hat er darauf verzichtet, chronologisch die Geschichte des Renommiervereins nachzuzählen. Denn nichts empfinde ich inzwischen als öder, wenn jemand die Historie eines Klubs Saison für Saison nacherzählt.



Psotta hat hingegen Schwerpunkte gesetzt. In 30 Kapiteln nähert er sich dem Verein Real. Es geht unter anderem um die Festung Real Madrid, „die Kunst der maximalen Entfernung“, die „Galaktischen 1.0“ mit dem legendären Präsidenten Santiago Bernabeu und Größen wie Alfredo Di Stefano und natürlich die „neuen Galaktischen“ wie Zidane. Nicht fehlen darf die Verpflichtung von Cristiano Ronaldo, dessen Tore Real in jüngster Zeit prägten.

Mittelpunkt
„Real Madrid ist süchtig nach Schlagzeilen, süchtig nach Erfolgen, sogar richtig besessen davon. ….Sie wollen gelobt, geachtet und gefürchtet sein. Der Mittelpunkt des weltweiten Fußballs“, charakterisiert der Autor den Verein. Darunter tun sie es nicht.
Teilweise ist das faszinierende Kost. Insbesondere die Vergangenheit – wenn etwa Paul Breitner die Grandesse des Vereins schildert. Wenn es um den Spirit von Madrid geht, wenn Spieler wie Camacho, Santillano, Juanito oder Hugo Sanchez mit allen erlaubten und unerlaubten Mittel die Ehre des Vereins verteidigten.
Hinterher wird es öder. Weil die Geschichten über die Galaktischen und Ronaldo noch allzu präsent sind. Aber den Mythos kann Psotta auch nicht entschlüsseln. Wie sollte er auch, sonst wäre es ja kein Mythos? Dieses Buch ist dennoch zu empfehlen. Sehr verständlich geschrieben und bei allem Respekt verliert Kai Psotta nie die Distanz. Das macht es zu einer spannenden Lektüre – auch für nicht Real Madrid-Fans.



Dienstag, 28. August 2018
George Best: Brave Biografie über einen wenig Braven
Zu seiner Beerdigung kamen im Dezember 2005 über 100 000 Menschen nach Belfast – Katholiken als auch Protestanten. George Best war ein genialer Fußballer, aber er „war auch ein Getriebener, der durch die Nachtclubs zog und sich zu Tode soff“. „George Best – der ungezähmte Fußballer“, lautet der Titel der deutschsprachigen Biografie von Dietrich Schulze-Marmeling.

Der Nordire war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des internationalen Fußballs. 1963 gab der in Belfast Aufgewachsene sein Debüt bei Manchester United. Es waren die Swinging Sixties: Sie nannten ihn den fünften Beatle, er dribbelte wie kein anderer. Die Frauen liebten ihn, Best war mehr als nur Kicker, der erste Popstar des Fußballs. Leider habe ich ihn nicht mehr spielen sehen, doch manche hielten ihn für besser als Pele. Oder Beckenbauer. Oder Bobby Charlton. Sein bester Spruch ist legendär. „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst“, sagte der Mann, der einst eine Vorliebe für die jeweilige Miss World hatte.
Eigentlich genug Stoff für eine spannende Biografie. Doch Dietrich Schulze-Marmeling beschreibt das Leben des großen Fußballers so buchhalterisch, das es fast schon weh tut. Natürlich hat er fleißig recherchiert, hat auch einige Weggefährten gesprochen, aber das Ganze wirkt völlig leblos und passt gar nicht zum flamboyanten Kicker.

Ein spätes Busby-Babe
Schulze-Marmeling schildert das Leben von George Best streng chronologisch. Dabei geht es nicht nur um die sportliche Karriere des Stürmers bei Manchester United, parallel dazu beschreibt Schulze-Marmeling auch die politische Situation in Nordirland. Best mag zwar wenig an Politik interessiert gewesen sein, der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten hat jedoch auch seine Karriere beeinflusst.
Denn es gab nie ein gesamtirisches Team, das die fußballerischen Kräfte Irlands bündelt. So spielte Best nie bei einer Weltmeisterschaft, weil sich Nordirland nicht in seiner aktiven Zeit qualifizierte. In der Nationalmannschaft war Best nie der große Macher, sein sportlicher Mittelpunkt war Manchester United unter dem legendären Manager Matt Busby. Dort hatte er Erfolg, dort verehrten ihn nicht nur die eigenen Fans.
Aber Best kannte keine Grenzen. Seine zweite Heimat wurden die Pubs und Clubs Manchesters. Er lebte alles andere wie ein Berufssportler. Spannend wäre es gewesen, wenn man erfahren hätte, warum Best durch die Klubs zog und quasi seine Karriere versoff. Diese Frage kann auch Schulze-Marmeling nicht beantworten. Und so werden das Leben des Spielers und die politische Krise in Nordirland brav abgearbeitet, aber die interessanteste Frage bleibt ohne Antwort. Schade.



Schöne Tore hat George Best gemacht, ohne Zweifel



Montag, 11. Juni 2018
Taktik-Lehre ohne Nerdfaktor
Was der Interessierte schon immer über Taktik im Fußball wissen wollte, schildert Tobias Escher sehr verständlich in seinem Werk „Vom Libero zur Doppel-Sechs.“ Die Taktik-Geschichte des deutschen Fußballs hätte manchmal sogar etwas detaillierter sein können, nichtsdestotrotz ist das Werk so kurz vor der WM 2018 eine Empfehlung wert.



Fußball-Deutschland und Taktik – das waren früher häufig zwei Welten. Da wurde der Gegenspieler quasi bis auf die Toilette verfolgt (Manndeckung), stand der Libero weit hinter der Abwehr und kloppte die Bälle nach vorne. Zumindest im übelsten Fall, aber bis in den tiefsten Amateurbereich siegten Teams aus Deutschland meist mit Mentalität und Kampfkraft. Heute spielen Mannschaften selbst unterer Ligen mit Viererkette und Doppelsechs, pressen und schieben. Trainer wie Klopp, Rangnick oder Tuchel wurden früher ausgelacht, heute gelten sie als Trendsetter des modernen Fußballs. Die Taktik-Wertigkeit im Fußball hat in den letzten zwanzig Jahren deutlich zugenommen.
Warum das so ist, zeigt Tobias Escher in seinem Buch „Vom Libero zur Doppel-Sechs“ sehr gut. Zum Glück erklärt der Mitgründer des Taktikblogs spielverlagerung.de auch für Leute ohne Trainerschein das Thema sehr verständlich und verzichtet auf das dröge Fachchinesisch, das manche Texte auf Spielverlagerung kennzeichnet.

Herberger, Klopp und Löw
Escher geht dabei streng chronologisch vor, beginnt mit den Anfängen, arbeitet etwa die Unterschiede zwischen den Nationaltrainern Otto Nerz und Sepp Herberger heraus. Es ist - wie im Untertitel gesagt – „eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs“. Der Triumph von 1954, der Aufstieg von Bayern München und Borussia Mönchengladbach, der „(fast) totale Fußball“ des Helmut Schön und der Niederländer 1974, der höchst erfolgreiche „Rumpelfußball“ der achtziger und neunziger Jahre und dann quasi die Revolution von unten mit Trainern wie Ralf Rangnick und Jürgen Klopp. Natürlich darf Bundestrainer Joachim Löw nicht fehlen, Klasse wie der Autor etwa die Unterschiede des Umschaltfußballs 2010 und des Ballbesitz-Spiels 2014 herausarbeitet.
Allerdings haben die Leute die Taktik nicht neu erfunden. Sepp Herberger etwa setzte manche Dinge um, die zu seiner Zeit beachtlich waren. Auch in Bundesliga gab es früher schon Pressing und Raumdeckung - dank ausländischer Trainer wie Ernst Happel. Branko Zebec und Gyula Lorant. Doch diese Innovationen setzten sich in der Bundesliga nicht durch, zumal der DFB die neuen Systeme ignorierte. Warum sollte er auch nicht? Die deutsche Nationalmannschaft war auch in den fußballerisch öden 80- und 90er Jahren mit Kampffußball erfolgreich.
Manche Kapitel sind mir fast schon zu kompakt, manchmal hätte doch etwas mehr Tiefe gutgetan. Andererseits hätte Escher das Thema auch böse in die Breite ziehen können. Für jemanden wie mich, der in den taktisch finsteren Zeiten der 70er, 80er
und 90er Jahre gespielt hat und heute nur noch regelmäßig zuschaut, ist das schon richtig.

Das Buch



Donnerstag, 6. Juli 2017
Narzisst, Wohltäter und Steuersünder
Die Biografie „Alles auf Rot“ von Juan Moreno analysiert wortgewaltig die Persönlichkeit des Bayern-Managers Uli Hoeneß – ein Typ mit vielen Facetten. Auch wenn nicht alle Informationen neu sind, lohnt sich die Lektüre durchaus.

Der Typ polarisiert. Uli Hoeneß ist einer der bekanntesten Figuren des deutschen Fußballs. Dass der FC Bayern München der erfolgreichste deutsche Fußball-Verein geworden ist, liegt maßgeblich an den Qualitäten seines langjährigen Managers und Spielers. Dafür hat Hoeneß auch den Respekt seiner Gegner. Andererseits mögen viele diesen „Raubtier-Kapitalismus“ nicht, mit dem er den FC Bayern München großmachte.
Der Bayern-Manager wirkte oft wie ein Getriebener, der Geld und Erfolg mit allen Mitteln anstrebte. Für den Erfolg seines FC Bayern macht er alles, beschimpfte Konkurrenten, Fans und Journalisten oftmals auf schlimmste Weise. Andererseits hat sich Hoeneß auch den Ruf des „guten Menschen von der Säbener Straße“ redlich verdient. Denn Freunde und Bekannte, denen es nicht gut ging, hat er immer geholfen, viele soziale Projekte unterstützte er ohne großes Brimborium.



Dabei veränderte sich sein Image, so Biograph Juan Moreno, in den letzten Jahren stetig. Vom eiskalten Bayern-Manager mit miesem Image in der Liga zum „feinsten Kerl der Liga“ (Süddeutsche Zeitung) letztlich zum „größten Helden aller Zeiten“ (die Münchner Boulevardzeitung tz). Die Selbstanzeige beim Finanzamt wegen Steuerhinterziehung und der anschließende Prozess zerstörten das Heldenbild. Das Landgericht verurteilte den Bayern-Manager, weil er Steuern von mindestens 28,5 Millionen Euro hinterzogen hatte. Wahrlich keine Peanuts.
Das ist allemal Stoff für eine spannende Biografie. Nun gibt es über den FC Bayern und Uli Hoeneß bereits einiges an Bücher. Nichtssagende und Gute – an „Gute Freunde - die wahre Geschichte des FC Bayern“ von Thomas Huetlin kommt Morenos Buch nicht ganz heran.

Ein Mann mit vielen Gesichtern
Auch bei Huetlin spielt Hoeneß eine wichtige Rolle. Dort kommt er nicht immer gut weg, wirkt oftmals wie ein überehrgeiziger Streber. Moreno ist da durchaus differenzierter, vermittelt ein vielseitigeres Bild. Ohne in große Ehrfurcht zu verfallen.
Was macht diesen Typen Hoeneß so interessant? Moreno versucht sich der Persönlichkeit des Metzger-Sohnes mit Hilfe verschiedener Unterpunkte zu nähern. Ehrgeiz, Glück, Geld, Wille, Aufstieg, Macht, Fall – das Leben und die Persönlichkeit des Ulrich Hoeneß in Happen. Diese Gliederung ist durchaus sinnvoll und gibt dem Werk Struktur. Leser, die jedoch eine ausführliche Beschäftigung mit der Steuerhinterziehung erwarten, werden enttäuscht sein. Dieses Thema wird nur im letzten Abschnitt behandelt.
Spiegel-Mann Juan Moreno, früher auch bei der Süddeutschen Zeitung, ist ein brillanter und wortgewaltiger Schreiber. Manchmal wirkt die Sprache ein wenig zu sehr selbstverliebt, destodestotrotz ist „Alles auf Rot“ eine spannende Lektüre. An manchen Stellen hat die Lektüre den Kolumnisten so gefesselt, dass er regelrecht die Zeit vergaß.
Moreno sieht Hoeneß durchaus zwiespältig. Manchmal schimmert Sympathie durch, manchmal aber auch Unverständnis. Aber platt wirkt die ganze Geschichte nie. In seinem Resümee vergleicht der Autor Hoeneß mit einem Narzissten. „Narzissten treten meist arrogant und angriffslustig auf, können aber durchaus angenehme Menschen sein“, schreibt Moreno. „Im Innern sind sie eitle, größenwahnsinnige Egoisten, die sehr empfindlich auf Kritik reagieren.“ Vieles davon treffe auf Hoeneß zu. „Narzissten sind oft charmant und liebenswert.“ Sie benötigen Anerkennung und neigen, Freundschaften zu manipulieren. …. „Ohne eine gehörige Portion Narzissmus wird man vermutlich nicht der beste Fußball-Manager, den es je in Deutschland gegeben hat“, bilanziert Moreno.

Fazit: Nicht alles ist neu, aber eine durchaus spannende Annäherung an die Persönlichkeit des Uli Hoeneß.



Montag, 4. Januar 2016
Zlatan gegen den Rest der Welt
Er kokettiert schon sehr mit seinem Außenseiter-Image und seiner Herkunft aus einem Problemviertel. „Ich bin Zlatan Ibrahimovic“, nennt der schwedische Weltklasse-Stürmer seine Biografie. „Meine Geschichte erzählt vom (Journalisten) David Lagercrantz.“ Bester Spruch: „Du kannst einen Typen aus dem Ghetto holen, aber du holst niemals das Ghetto aus einem Typen.“ nurpferdeundfussball hat das Werk gelesen. Ein Fazit in sechs Punkten.

Philosophie
„Es ist okay, nicht so zu sein wie alle anderen. Glaubt nur immer an euch selbst, für mich ist es trotz allem gut ausgegangen.“

Inhalt
Das Werk beginnt mit einem Schlüsselerlebnis beim FC Barcelona im Herbst 2009. „Du“, sagte der damalige Barca-Coach Pep Guardiola. „Hier bei Barca stehen wir mit beiden Füßen auf dem Boden. Und hier kommen wir nicht mit Ferraris und Porsches zum Training.“ Peng, das saß beim aus armen Verhältnissen stammenden Zlatan, der gerne seinen automobilen Reichtum zeigte. Doch das Verhältnis Ibrahimovic und Guardiola wurde noch schlechter.
Danach geht es streng chronologisch weiter:
- die schwere Kindheit im Malmoer Problemviertel Rosengard. Die Eltern kommen aus dem damaligen Jugoslawien, leben getrennt und schlagen sich mit diversen Jobs durchs Leben.
- Die ersten fußballerischen Gehversuche bei diversen Klubs. Dort gilt der junge Zlatan als hochtalentiert, ist aber nur schwer ins Team integrierbar. Später wechselt Ibrahimovic dann zu Malmö FF. Ein Verein mit viel Tradition, 18facher schwedischer Meister und in den 80er Jahren mal Finalist in der Champions League, die damals noch Europapokal der Landesmeister hieß.
- Die anderen Profistationen, allesamt erste Adressen des Weltfußballs: Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Inter Mailand, FC Barcelona, AC Mailand. Nur das letzte Gastspiel bei Paris Saint Germain kam zu spät für die Biografie.

Beifall
Ibrahimovic/Lagercrantz reden nichts schön und benennen im Gegensatz zu anderen Büchern dieser Art die Probleme knallhart. „Mit Küsschen oder so war nichts bei uns“, schreibt er über eine Jugend in Rosengard. „Du musstest die Zähne zusammenbeißen, und es gab Chaos und Streit und Schläge und Ohrfeigen.“ Das macht hart im Schmelztiegel der Nationen in Malmö.
Inhaltliche Höhepunkte sind die Jugendjahre und die erste Profistation bei Ajax Amsterdam sind sehr spannend zu lesen. Der Weltklub Ajax etwa, er holt seine Neuverpflichtungen und verfrachtet sie in ein ödes Apartment in den Vororten, ohne sich weiter um seine jungen und teuren Spieler zu kümmern. Ibrahimovic eckt bei vielen an, zieht sein Ding gnadenlos durch. Er will nach oben und landet bei Trainer Fabio Capello, dessen gnadenloser Siegeswille ihn mächtig beeindruckt.
„Ihr seid faul, ihr seid Scheiße“, sagt Capello einst zu seinen Spielern. Ibrahimovic schätzt Capello danach noch mehr.

Pfiffe
Je weiter im Text, desto langweiliger wird es. Profileben im Luxus. Die Journalisten belagern ihn, Ibrahimovic mag sie nicht. Und immer lockt mehr Geld: Zlatan ist auch nur einer dieser Söldner, der von Verein zu Verein zieht und sein Gehalt dabei immer wieder erhöht. Immerhin ist er so ehrlich und sagt nichts über Vereinsliebe und die besten Fans der Liga. Aber die selbstherrliche Art des Zlatan Ibrahimovic nervt manchmal gewaltig.

Lieblingsfeind
Ganz klar Pep Guardiola, der heutige Trainer des FC Bayern München und damalige Coach des FC Barcelona. Zwei Welten trafen offenbar aufeinander: der asketisch und bescheiden wirkende Guardiola, der nach „Ghetto-Art“ gerne mit seinem Reichtum protzende Zlatan. Am meisten ärgert „Ibra“, dass Guardiola ihn quasi wie Luft behandelt und nicht mit ihm spricht. Er könne mit starken Persönlichkeiten nicht zurechtkommen, schreibt der Schwede über Pep. Oder mit Leuten, die nicht ins Barca-System passen.

Urteil
Eine Biografie wie die Spielweise des Zlatan Ibrahimovic: Oft herzerfrischend unkonventionell, manchmal ein wenig daneben. Der Mann ist eben eine ehrliche Haut und kennt nur Vollgas.



Dienstag, 1. Dezember 2015
Als „Lüdenscheid“ mal Gerald Asamoah applaudierte
„Dieser Weg wird kein leichter sein“ – irgendwie logisch, dass Ex-Profi Gerald Asamoah seine Biografie so titelt. War doch dieser Song von Xavier Naidoo die Mannschaftshymne der deutschen Nationalelf bei der Heim-WM 2006. Asamoah war der Mann für die Beschallung des Teams. Der einstige Stürmer hat eine interessante Geschichte, doch leider fehlt es seiner 2013 erschienenen Biografie ein wenig an Tiefe. Es gibt allerdings schon ein paar markante Stellen.

Zum Beispiel die Erinnerungen an einen Juni-Abend in Cottbus im Jahre 1997. Das entscheidende Spiel um den Regionalliga-Aufstieg zwischen Energie Cottbus und Hannover 96, dem damaligen Club Asamoahs. Immer wenn der in Ghana geborene Spieler und sein Mitspieler Otto Addo am Ball waren, tönten rassistische Affenlaute durch das „Stadion der Freundschaft“. Diese pfeifenden Schwachmaten waren einfach nur daneben und dieses Erlebnis erschüttert Asamoah heute noch. „Es war Hass pur und ein Spießrutenlauf bis in die Kabine“, erinnert er sich.
Mit Rassismus wird der Stürmer einige Mal in seiner Laufbahn konfrontiert. Nicht nur in Cottbus oder später in Rostock. So hatte er schon ein paar Bedenken bei seinem Debüt in der deutschen Nationalmannschaft. „Ich bin von allen deutschen Nationalspielern am schwärzesten“, sagte er. Doch zum Glück blieben die rassistischen Idioten im Hintergrund, Asamoah nahm an den zwei Weltmeisterschaften 2002 und 2006 teil und bestritt immerhin 43 Länderspiele.
Dabei hing seine Karriere schon am seidenen Faden, denn eine „Verdickung der Herzscheidewand“ bedrohte die sportliche Laufbahn. Erst eine Untersuchung in den USA beendete die Zweifel.
Asamoah ist ein lustiger Typ. Aber auch dem fehlen manchmal die Worte. So wie bei seinem ersten Auftritt im Kreise der Nationalmannschaft. „Das Essen blieb fast unberührt“, so beeindruckt war er von den Kollegen, die noch vor gar nicht langer Zeit seine Idole waren. Eine erstaunliche Entwicklung, stellt er fest: „Noch vor kurzem wurde ich als Nigger beschimpft und mit Bananen beworfen, jetzt war ich Nationalspieler mit Erfolg“.

Schalker Idol
Ein paar nette Anekdoten gibt es zudem: Etwa, wenn Asamoah mit Schalke-Tasche beim Debüt in der Nationalmannschaft auftaucht. Erstaunlich: Ich wusste gar nicht, dass Profis Sporttaschen haben. Ich dachte, sie hätten nur Kulturbeutel. Immerhin ist der Ausstatter der Gleiche.
Dennoch bleibt vieles in dieser Biografie an der Oberfläche, fehlt etwas die Tiefe. Enttäuschend etwa die Schilderungen über die Zeit in Schalke. Kaum ein Spieler passt so gut zum Ruhrgebiets-Fußball wie der Kämpfer Gerald Asamoah, der sich zudem großartig mit dem Klub identifiziert. Doch dieser Teil liest sich manchmal so wie die oftmals grauenhaften Meisterserien, die in kicker, Bild oder Sport-Bild erscheinen.
Immerhin hatte er ein versöhnliches Erlebnis, als er 2011 im Dortmunder Heinrich Heine-Gymnasium trotz Bedenken zum Thema Fremdenfeindlichkeit sprach und im gelb-schwarzen Herzland mit Applaus bedacht wurde. Denn bei vielen eingefleischten BVB-Fans ist Asamoah nicht beliebt. Eben weil er jahrelang beim Erzrivalen Schalke spielte und „sich in den Revierderbys immer richtig reingehauen hat.“ Und weil er im Vorfeld auch immer einen dummen Spruch Richtung „Lüdenscheid“ losließ und so die Stimmung anheizte.
Dabei hätten die Dortmunder Fans die kämpferische Spielweise von Asa“ geliebt, wenn er denn statt des blauweißen einen schwarzgelben Dress getragen hätte. Zudem kommt der Autor Peter Großmann, bekannt als Moderator im ARD-Morgenmagazin, aus Dortmund. Es geht doch mit Dortmund und Gelsenkirchen.

Das Buch


Fokus Fussball



Montag, 23. November 2015
77er Dornberger Tresen-Leben


Auch heute noch sehenswert: Doku über einen Amateur-Verein aus Bielefeld

Innenansichten eines Fußball-Vereins: Der ZDF-Sportspiegel hat 1977 den Amateur-Fußballverein TuS Dornberg 02 besucht. Das Ergebnis ist ein starkes Zeitdokument aus den siebziger Jahren mit dem passenden Namen „Verlängerung am Tresen“.

Autor dieses Schätzchens ist der ZDF-Sportjournalist Michael Palme, 2010 leider verstorben. Palme war jemand, der viele Dinge im Sport immer wieder hinterfragte. Wie ein Journalist das machen sollte, doch galt er für manche im Sport auch als Dauernörgler.
Dass Palme sein Handwerk verstand, zeigte er mit dieser Dokumentation über den Bielefelder Vorortverein TuS Dornberg 02. Überwiegend traf das ZDF-Team seine Protagonisten in der Vereinskneipe Horstkotte. Denn dort spielte bzw. spielt sich ein großer Teil des Vereinslebens ab.
Jeder, der selbst aktiv Fußball gespielt hat und ein wenig älter ist, kennt das: In der Vereinskneipe bzw. am Tresen feiert man immer noch die größten Erfolge. Da gibt es überraschende Eingeständnisse, lasten Niederlagen nicht mehr so schwer, Siege jedoch werden zu Triumphen. Und man lernt die Mitspieler erst richtig kennen. Gute Vereine zeichnen sich auch durch ein aktives Leben außerhalb des Platzes aus.
Wie der TuS Dornberg: Die erste Mannschaft stieg 1977 in die Landesliga auf. Eine Liga, in der auch damals schon im Amateurfußball Geld bezahlt wurde. Sportlich durchaus ambitioniert: Spieler, die vor jedem Spiel in den Kneipen versackten, hatten (und haben) dort keine Chance.

Aus dem Leben
Palme und sein Team fangen dieses Geschehen großartig ein. Weil sie dokumentieren und nur sparsam kommentieren. So erlebt der Zuschauer Typen wie Gerd „Klöte“ Menger, Spieler der ersten Mannschaft und auch im Feiern ganz groß.
Es sind Szenen ohne Glamour und falsches Gehabe: Die Protagonisten sind bodenständig, jeder wird geduzt, man kennt sich. Der Sportplatz ist ein Aschenpl atz, der bei jedem Regen unter Wasser steht.
Hartmut Ostrowski, ein anderer Spieler der ersten Mannschaft, machte später große Karriere und war von 2008 bis 2011 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG. Eine Zeit, die ihn aber viel Kraft kostete und zum Burnout führte. „Ich bin viele Mal gestorben“, gestand er der FAZ.
Der TuS Dornberg erlebt derzeit auch schwierige Zeiten: Die erste Mannschaft wurde zu Saisonbeginn aus der Landesliga abgemeldet, nachdem sie jahrelang immerhin in der Oberliga Westfalen kickte. David Odonkor, einst schneller Stürmer von Borussia Dortmund, war in Dornberg kurz mal mal Trainer in der Westfalenliga.
Die ambitionierten Zeiten sind wohl vorbei: Die eigentlich zweite Mannschaft, die jetzt aber die Erste ist, spielt ganz unten in der Kreisliga C. Immerhin ist sie dort Tabellenführer und Spaß macht es offenbar auch. Und aus dem Aschenplatz wurde ein schöner Kunstrasenplatz.