Die alten Fußball-Leiden der jungen Engländer
Auch diese Kolumne hat in grauen Vorzeiten manchen Mist geschrieben. „Mit Capello endet Englands Leidenszeit“, titelte nurpferdeundfussball doch wahrlich vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und tippte das selbsternannte Mutterland des Fußballs als Champion. Der Grund war ein Italiener. „Ja, die Mannschaft ohne gescheiten Torwart und sichere Elfmeterschützen. Aber sie haben jetzt mit Fabio Capello einen Trainer, der die über 40jährige Leidenszeit beenden kann. Weil der Italiener die Engländer taktisch wettbewerbsfähig gemacht hat“, hieß es damals. Ein Grund für diese kühne These: Ende 2008 hatte eine englische B-Mannschaft gegen Deutschland gewonnen und dabei ungeahntes taktisches Vermögen demonstriert. Dass auf deutscher Seite Spieler wie Marvin Compper, Jermaine Jones oder Piotr Trochowski zum Einsatz kamen, blieb unbeachtet.
Diesen Tipp hätte man direkt in die Tonne schmeißen können. Auch Capello konnte nichts ausrichten, wirkte auf seinem bestens bezahlten Trainerposten regelrecht hilflos. Fehlende spielerische Mittel, schwachen Torhüterleistungen: Die Vorrunde überstanden die Three Lions noch mit viel Glück, im Achtelfinale demontierte eine spielfreudige deutsche Nationalmannschaft den alten Rivalen mit 4:1. Auch wenn der Lampard-Kopfball die Linie überschritten hatte.
Die Engländer und die großen Turniere: Spätestens nach der Europameisterschaft 1996, als die Three Lions unglücklich im Halbfinale gegen Deutschland nach Elfmeterschießen scheiterten, waren die Hoffnungen groß auf der Insel. Die Premiere League entwickelte sich zur stärksten Liga der Welt, die Klubs holten Titel und in der Nationalmannschaft sorgte die Generation um David Beckham und Michael Owen für Hoffnung. Die beste Nationalelf, die wir je hatten, dachten viele Engländer. Wenn nicht jetzt, wann dann.
Die englischen Boulevardblätter wie die Sun, der Mirror oder der Star heizten die Stimmung vor den Turnieren entsprechend an. Vor einer WM oder EM gab es seitenweise Texte, warum es "unsere Jungs" endlich einmal schaffen könnten. So richtig schöner Hurra-Patriotismus. Poster mit dem Georgskreuz sollten den Glauben verstärken.
Die Ernüchterung kam meistens schnell. Wenn man die Jubelberichte in den englischen Tabloids gelesen hatte, dann erstaunte es doch, wie spielerisch schwach sich die englische Nationalmannschaft präsentierte und wie verkrampft das Team agierte – egal ob der Trainer Glenn Hoddle oder Sven Göran Eriksson hieß. Und hinzu kamen diese oft slapstickhaften Torwartfehler. David Seaman, David James oder Joe Green noch 2010 – englische Torhüter setzten ihre Fehlerserie bei jedem Turnier fort.



Hatte David Seaman den Kommentar des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) im Ohr. Jedenfalls sah er 2002 beim Freistoß von Ronaldinho ziemlich alt aus

Vollpfosten
Oder vielleicht hatten sie auch nur die Reportagen von Thomas Wark im ZDF gehört. Das ist der Mann, der beim Mainzer Sender den England-Spezialisten geben darf. Manchmal zieht Wark schon nach fünf Minuten ein Fazit, nach zehn Minuten hat er vergessen, was er vor fünf Minuten erzählt hat. So geht das die ganze Zeit.
Oft wünscht der Zuhörer, dass er nur den Namen des Spielers nennt und dann einfach mal die Klappe hält. Aber diese Hoffnung ist vergebens. Da fällt es gar nicht so ins Auge, dass er überhaupt kein Spiel lesen kann. Dieses Problem haben jedoch andere beim ZDF ebenfalls. Immerhin sammelte Wark Bonuspunkte durch die korrekte Aussprache von „Calamity-James“. Das ist nämlich der Spitzname des zugegeben manchmal etwas unglücklich agiererenden Torhüters David James.
Jedenfalls ist der England-Anhänger im Laufe eines Turniers schnell auf dem Boden der Tatsachen. England verabschiedete sich meist recht frühzeitig, der Boulevard beschimpfte Spieler und Trainer als Volltrottel und Versager oder fuhr widerliche Attacken gegen Schiedsrichter, die sie angeblich betrogen haben. Der Schweizer Urs Meier kann davon ein Lied singen.
Inzwischen sind die Erwartungen eher gedämpft. Manager Roy Hodgson bittet um Geduld, spricht von New England. 2014 soll die Mannschaft Erfahrung sammeln, die talentierten Spieler sich weiterentwickeln. Talente gibt es einige, zumindest im Offensivbereich.
Dennoch fehlt zur Spitze einiges, deutlich zu sehen beim 0:1 gegen den alten Rivalen Deutschland. Ich würde die Engländer zwar nicht so hart beurteilen wie ARD-Experte Mehmet Scholl („Selbst die alten Tugenden wie Kampf und Einsatz funktionieren nicht mehr“), aber eine richtige Siegchance hatten die Three Lions nicht. Es war ein ruhiges Debüt im zarten Alter von 33 Jahren für Dortmunds Schlussmann Roman Weidenfeller, der eigentlich keinen einzigen gefährlichen Ball halten musste.