Mittwoch, 30. Juni 2010
WM-Notizen (8): Wie del Bosque Queiroz überlistete
Kaum zu glauben: Der erste fußballfreie Tag seit knapp drei Wochen, die sich wie acht anfühlen. Gestern gab es noch zwei Achtelfinales unterschiedlichster Gute: Dem fürchterlichen Langweiler zwischen Paraguay und Japan folgte ein hochinteressantes Match zwischen Spanien und Portugal. Gut, auch hier stand es lange 0:0, schufen beide Teams nicht gerade Torchancen im Minutentakt und war es eher etwas für den Taktikfreund. Aber auch für den Zuschauer ohne Trainerschein war es faszinierend zu sehen, wie die Portugiesen so etwa ab Minute 20 die Spanier von Minute zu Minute immer mehr zermürbten. Spaniens Mittelfeld fand keine Abnehmer mehr, zumal Fernando Torres weit von seiner Bestform entfernt war und die Bälle auf ihn postwendend zurückkamen.
Die besseren Offensivaktionen hatten die Portugiesen, besonders Bremens Hugo Almeida sorgte für viel Alarm im spanischen Strafraum.


Grimmige Zeiten für Portugals Fußball: Titelseite des Fachblattes A Bola nach dem Ausscheiden gegen den iberischen Nachbarn

Der „graue“ Ronaldo
Doch dann wechselten beide Trainer: Portugals Carlos Queiroz nahm überraschend Almeida vom Feld und brachte dafür in der 58. Minute Mittelfeldspieler Danny, Cristiano Ronaldo rückte in die Spitze. Bei Spanien kam in der gleichen Minute Fernando Llorente für Torres. Damit drehte sich das Spiel wieder zugunsten des Europameisters: Llorente hatte kurz nach seiner Einwechslung eine Riesenchance und in der 63. Minute sorgte David Villa (aus Abseitsposition, allerdings sehr knapp) für das goldene Tor. Die Portugiesen fanden jetzt kein Offensivrezept gegen die Spanier, in deren Reihen der Ball wieder perfekt lief und die sich weitere gute Chancen erarbeiteten.
Auch Cristiano Ronaldo, der teuerste Fußballer der Welt, konnte dem Spiel keine Wende geben. Portugals Kapitän enttäuschte weitgehend bei dieser WM – gerade in den Spielen, in denen es ernst wurde, blieb er Mitläufer. Wobei Ronaldo auch unter der risikoarmen Defensivtaktik seines Trainers litt, den er nach dem Spiel auch heftig beschimpfte. Manchmal ist er doch reichlich Diva. Und wie affig er sich den Ball beim Freistoß immer hinlegt….



Dienstag, 29. Juni 2010
WM-Notizen (7): African Goals im Wintermärchen
Interessante Einsichten in ein spannendes Land: Die Seite africangoals ist ein gemeinsames Projekt junger Journalisten aus der ganzen Welt zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Durchaus empfehlenswert, weil die Beträge nicht so klischeehaft sind wie die, die bei ARD, ZDF und RTL während der WM-Berichterstattung laufen. Zudem beschäftigen sich die Macher von africangoals auch mit den Schattenseiten der Glamour-Veranstaltung WM.
Und noch eine Empfehlung: Schöne Geschichten abseits des Mainstreams gibt es auch hier.



Montag, 28. Juni 2010
WM-Notizen (6): „Gefreut und gut gegessen“
Deutschland feierte seine Fußball-Nationalmannschaft: Mit 4:1 hatte das Team von Bundestrainer Joachim Löw den alten Erzrivalen England besiegt und dabei eine der besten Leistungen in der Geschichte der Nationalmannschaft geboten. Gut, zwischendurch musste etwas gezittert werden, als der Schiedsrichter aus Uruguay beim Stand von 1:2 ein klares englisches Tor („Die Rache für Wembley 1966“) nicht anerkannte. Aber über weite Strecken der Partie dominierte Löws „Kinderriegel“ gegen die großen Namen aus der Premier League und bot spielerisch eine tadellose Leistung. Deutschland befindet sich spätestens seit gestern im schwarz-rot-goldenen Jubeltaumel.
Das Kontrastprogramm gab es bei der heutigen Pressekonferenz der deutschen Mannschaft. Auf dem Podium saßen neben Pressesprecher Harald Stenger noch Mittelfeldspieler Sami Khedira (23) und Stürmer Miroslav Klose (32). Von Euphorie keine Spur, beide wirkten so, als wenn sie gerade mal im Pokal einen Viertligisten raus gekegelt hätten.
„Die Reaktionen in Deutschland zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt der eloquente Khedira, Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter, aufgewachsen im Schwabenland und seit 1995 beim VfB Stuttgart. Von wegen große Party nach dem Triumph gegen den alten Rivalen. „Wir haben uns gefreut, gut gegessen – und das war es….“ Ansonsten sagt er vieles, was man als Profi so erzählt: „Wir glauben an unsere Stärken und sind taktisch und technisch excellent ausgebildet.“

Ohne Messer zwischen den Zähnen
Miroslav Klose hätte theoretisch nach seiner schwachen Saison bei Bayern München mal offensiv werden können. Jetzt, wo er bei der WM zum zweiten Mal getroffen hat, hätte er mal abledern können gegen seinen Vereinstrainer van Gaal oder seine Kritiker, die ihm die nötige Klasse absprachen. Macht er natürlich nicht. Dafür ist er viel zu bescheiden, ein viel zu netter Typ. Bedankt sich für das Vertrauen von Joachim Löw, lobt das intakte Mannschaftsgefüge und zeigt sich enttäuscht von den Engländern. Weil die nicht als Mannschaft aufgetreten waren und keine Reaktionen zeigten. „Eigentlich hätten sie mit dem Messer zwischen den Zähnen herauskommen müssen.“
Und jetzt wartet mit Argentinien die nächste Großmacht des Fußballs im Viertelfinale. Wer dann vielleicht im Halbfinale oder Finale kommen könnte, interessiert die zwei Nationalspieler nicht. Khedira: „Wir beschäftigen es jetzt nur noch mit Argentinien.“ Klose: „Spiele müssen erst mal gespielt werden.“ Was Profis eben so erzählen…