Montag, 12. Juli 2010
WM-Notizen (11): Die Guten der WM
Daumen hoch für Spanien. Der Europameister ist jetzt auch verdient Weltmeister. Natürlich war das Finale gegen die Niederlande zu Beginn reichlich fade und nahm erst zum Schluss Fahrt auf. Und das so perfekte Kurzpassspiel der Iberer kam lange nicht ins Rollen, weil die Niederlande das spanische Spiel energisch störte. Doch am Ende siegte das Gute und das der zum Schluss überragende Iniesta das entscheidende Tor schoss, war die Krönung.
Holland hat es wieder nicht geschafft. Ich hätte aber auch meine Probleme gehabt, wenn am Ende Klopper wie Mark van Bommel oder Nigel de Jong den Pokal hochgehalten hätten. Die Härte im Finale kam eindeutig von Seiten der Elftal. Die Niederlande spielten so nüchtern wie früher die Deutschen und wurden dann auch Vizeweltmeister.

Daumen hoch für Deutschland. Ist das Glas mit Platz 3 nun halbvoll oder halbleer? Irgendwie ist das schon ärgerlich: Wieder scheiterte das Team im Halbfinale, hatte aber auch Pech, das sie im Halbfinale auf famose Spanier traf. Vorher gab es allerdings Sternstunden der deutschen Länderspielgeschichte, als das Team von Joachim Löw erst im Achtelfinale die Engländer mit 4:1 auseinander nahm und dann im Viertelfinale Diego Maradonas Argentinien deklassierte. Deutschland kassierte Komplimente für Komplimente für seine attraktive Spielweise – ausgerechnet die Nation, die früher für Kampf, Fitness und Kalkül stand. Was noch schöner ist: Die Adlerträger haben ein Team mit vielen jungen hochbegabten Spielern, die für die Zukunft einiges versprechen. Und sie haben ein Trainerteam, das auch diesmal wieder richtig lag mit ihren Entscheidungen. Wenn man bedenkt, wie schlecht die Stimmung nach der Verletzung von Kapitän Michael Ballack kurz vor der WM war, ist das Glas eher halbvoll.

Daumen hoch für Uruguay. Das kleine Land aus Südamerika, immer etwas im Schatten des großen Nachbarn aus Argentinien, verdiente sich zwar nicht den Preis für hemmungslosen Offensivfußball, demonstrierte aber eindrucksvoll, wie man mit perfekter Abstimmung und Teamgeist weit kommen kann. Keiner verkörperte dies besser als der kleine Dauerläufer Arevalo Rios. Und vorne hatte die Celeste mit Diego Forlan einen herausragenden Individualisten.

Daumen hoch für Ghana. Es war eines der Bilder der WM: Der weinende Asamoah Gyan nach dem Schlusspfiff des Viertelfinales Ghana gegen Uruguay. Gyan hatte in der letzten Minute der Verlängerung einen Elfmeter an die Latte geknallt – und dann setzte sich Uruguay im Elfmeterschießen durch und es wurde wieder nichts mit dem ersten WM-Halbfinale eines afrikanischen Teams. Dennoch war Ghana einer der wenigen Lichtblicke aus Schwarzafrika. Weil es dort im Gegensatz zu Nigeria und Kamerun so etwas wie Kontinuität gibt: Ein Trainer, der schon zwei Jahre im Amt ist und ein Talentbrunnen namens U 20, die im letzten Jahr Weltmeister wurde. Und im Mittelfeld ersetzte Kevin-Prince Boateng erfolgreich den verletzten Weltstar Michael Essien.

Daumen hoch für Chile. Chile qualifizierte sich bei vielen zum Zweit-Lieblingsteam. Weil die Mannschaft immer die Initiative ergriff, offensiv nach vorne spielte und damit ein Lichtblick einer WM war, in der viele Teams erwartungsgemäß sehr defensiv agierten. Leider war im Achtelfinale Schluss, als Brasilien die Unerfahrenheit der Chilenen gnadenlos bestrafte.

Daumen hoch für Neuseeland. Das kicker-Sonderheft wusste es: „Nelsens harte Nüsse“ titelte das Fachblatt, schrieb im Vorspann, dass die „Festung Neuseeland erst mal erobert werden muss“ und behielt Recht. Neuseeland und Kapitän Ryan Nelsen blieben ungeschlagen bei dieser WM, allerdings mit drei Remis auch sieglos und mussten nach der Vorrunde nach hause fahren. Dennoch haben sie ihre Konkurrenten aus Paraguay, Italien und der Slowakei mehr als nur geärgert. Und in Neuseeland stellt man erstaunt fest, dass es neben dem Rugbyteam der All Blacks auch die Fußballer der All Whites gibt.



Mittwoch, 7. Juli 2010
WM-Notizen (10): Mythos Sonderbewacher
Im modernen Profifußball gehört diese Aufgabe inzwischen in die fußballerische Mottenkiste: Sonderbewacher sind nur noch schwer vorstellbar. Der niederländische Bondscoach Bert von Marwijk stellte keinen Akteur extra gegen Uruguays Diego Forlan, das deutsche Mittelfeld engte kollektiv die Kreise der argentinischen Schlüsselfigur Lionel Messi ein.
In früheren Zeiten, in den Tagen der Manndeckung, war dies anders: Sonderbewacher setzten Trainer gerne ein, um gefährliche Akteure des Gegners auszuschalten. Ihre Aufgabe: Nur die Aktionen des Gegners zu unterbinden, selber mussten sie nichts zum Spiel beitragen. „Ich bin Maradona überallhin gefolgt, war ständig in seiner Nähe, und bei jedem Blickkontakt habe ich in seinen Augen gesehen und an seiner Körpersprache gesehen, wie er mit jeder Minute mehr und mehr frustriert wurde“, erinnert sich Guido Buchwald im kicker, der im WM-Finale 1990 erfolgreich die Kreise von Argentiniens Diego Maradona einengte.

Der Beginn großer Karrieren
Wer in den siebziger, achtziger oder neunziger Jahren Fußball gespielt hat, kennt das: Manndeckung war Standard, Sonderbewacher gab es häufig. Selbst in den untersten Ligen kümmerte sich jemand oftmals speziell um den Spielmacher auf der anderen Seite, wurde ein entsprechend kräftiger Spieler auf den Sturmtank des Gegners angesetzt. Das waren in der Regel nicht die spielerisch brillanten Leute, denn die einzige Aufgabe des Sonderbewachers war es ja, seinen Gegner auszuschalten.
Berühmte Leute begannen ihre internationale Karriere in dieser Rolle: So agierte der junge Lothar Mattthäus 1981 zu Beginn seiner internationalen Karriere als Sonderbewacher gegen Argentiniens Diego Maradona und selbst Franz Beckenbauer sollte im WM-Finale 1966 Deutschland gegen England die Krise von Bobby Charlton einengen. Was ich nicht glaube, denn wie viel Platz die beiden sich gelassen habe und in welcher Ruhe sie den Ball annehmen konnten, das sah nicht nach strikter Sonderbewachung aus.
Und irgendwie war es für Guido Buchwald komisch, im Finale den Sonderbewacher zu geben. Hatte doch der oftmals etwas unbeholfen wirkende Stuttgarter während des Turniers ungeahnte spielerische Qualitäten bewiesen und verdient den Spitznamen „Diego“ erworben.
Und selbst bei der WM 2010 gab es noch einen Trainer, der auf einen Sonderbewacher setzte. Oder zumindest auf Manndeckung: Griechenlands Otto Rehhagel, fußballerisch aufgewachsen auf den Aschenplätzen im Essener Norden, stellte seinen Spieler Papastathopoulos direkt gegen Argentiniens Messi.



Sonntag, 4. Juli 2010
WM-Notizen (9): Maradonas „größter Schmerz"
„Was ist los Schweinsteiger? Bist du nervös?“ hatte Argentiniens Teamchef Diego Maradona vorher noch getönt. Weil der deutsche Mittelfeldspieler den Journalisten auf der vorherigen Pressekonferenz mal richtig was geboten hatte und zur Attacke überging: „Als „respektlose Provokateure“ bezeichnete er die Argentinier im Vorfeld des WM-Viertelfinales zwischen den alten Rivalen und bezog sich dabei auf die Handgreiflichkeiten nach dem WM-Viertelfinale 2006, das Deutschland im Elfmeterschießen gewann.
Diesmal war es eindeutiger: Mit 4:0 deklassierten die Adlerträger die Blau-Weißen, der 3. Juli 2010 wird zukünftig als schwarzer Tag in der argentinischen Fußballgeschichte notiert.
„Deutschland gewann mit einem Minimum an Aufwand“, analysierten die Taktiker von Zonalmarking. „Das mag eine neue, aufregende deutsche Mannschaft sein, aber sie haben ihre alte Professionalität und Effizienz behalten.“ Und über Argentinien schreiben sie: „Am Anfang des Wettbewerbes konnte er (Maradona) seine Kritiker überzeugen, weil Argentinien solide spielte und gut zusammenarbeitete, doch diesmal fiel alles zusammen in dramatischen Umständen….Es wird lange dauern, bis Argentinien über diese Niederlage hinwegkommt.“
Dem ist fast nichts mehr hinzufügen und von daher schenke ich mir auch, über Cesar Luis Menotti und die verschiedenen Philosophien des argentinischen Fußballs zu schreiben. Denn die Provokation des Gegners ist ein bewährtes Stilmittel dort – nur dass die Akteure an diesem Tag so geschockt waren, dass sie gar nicht mehr dazu kamen. Spätestens nach dem 3:0 in der 74. Minute hatten Messi, Tevez, Mascherano, Higuain und co. resigniert.
Und der große Diego, die einstige „Hand Gottes“, der beste Fußballer aller Zeiten. Er weinte nach dem Spiel und sprach vom „größten Schmerz meiner Karriere“. Nun hat Maradona schon andere Tiefe überwunden und darum freuen wir uns einfach mal über eine fantastischen Leistung der deutschen Mannschaft und das untere Video aus der Dokumentation von Emir Kosturica über Argentiniens einstigen Goldjungen.