Montag, 2. Juli 2012
Von Italien lernen: Sänger gesucht
Es ist derzeit Fehlersuche angesagt im deutschen Fußball. Wie kann es denn auch sein, dass der dreimalige Welt- und Europameister Deutschland sich schon wieder in einem Halbfinale verabschiedet und der letzte Titel vor 16 Jahren geholt wurde? Nach dem 0:2 gegen Italien bei der EM in Polen und der Ukraine wird mal wieder wüst los diskutiert. Nun lag Bundestrainer Joachim Löw mit seinen Umstellungen vor dem Halbfinale ziemlich daneben: Speziell der Einbau von Toni Kroos als Sonderbewacher von Pirlo widersprach der bisherigen Philosophie des Bundestrainers, denn bisher wollte Löw das Spiel immer selbst bestimmen.
Jedenfalls war das 0:2 gegen Italien durchaus verdient, weil die Squadra Azzura viel bestimmter auftrat. Wild entschlossen wirkten die Italiener – schon bei der Hymne. Während diese schmetterten, was das Zeug hielt, sangen nur vereinzelt deutsche Fußballer mit. „Auf der einen Seite die italienischen Männer, auf der anderen die deutschen Memmen“, weiß Bild als Kenner der Volksseele. Und darum hat Deutschland verloren, meint der Boulevard.
So einfach ist das also – und klar, dass Bild am Sonntag-Kolumnist Peter Hahne, selbsternannte moralische Instanz des Landes, am Sonntag noch mal einen drauflegte. (Leider finde ich diese Kolumne nicht hier.)

Kein Multi-Kulti
„Wer für sein Land nicht singt, tut sich schwer mit Siegen“, titelte die BamS und Hahne ging steil: „Haben wir deshalb das Spiel verloren? Fehlt unseren Jungs der letzte Schuss Patriotismus und das Gefühl, nicht für irgendeinen Verein auf dem Platz zu stehen, sondern für Deutschland?“ Selber ist Hahne natürlich richtig Patriot, „Multi-Kulti“ kann er gar nicht ab. Denn diese Özils, Boatengs, Khediras und Podolskis singen ja nur nicht, weil sie noch Verwandte in der alten Heimat haben, spielen aber für Deutschland.
Demnächst gilt also folgendes Kriterium für Nationalspieler: Sie müssen laut die Hymne mitschmettern – wer das nicht will, darf dann eben nicht für Deutschland spielen. Hahne und Bild werden das regelmäßig überprüfen. Weitere Kriterien sind eine ordentliche Frisur (wie früher bei der Bundeswehr), geschnittene Fingernägel, keine Tattoos etc. In der letzen Woche forderte Hahne übrigens eine „Kleidungspflicht für Parlamentarier“. Warum nicht auch eine Singpflicht für Nationalspieler.
Schön, dass wir in Deutschland über so etwas diskutieren. Aber vielleicht empfiehlt sich für Herrn Hahne mal der Besuch einer Public Viewing-Veranstaltung. Da wird die Nationalhymne ganz vorzüglich mitgeschmettert.
Die Spanier singen übrigens auch nicht, aber deren Hymne hat ja auch keinen Text. Hat sie trotzdem nicht gestoppt – dann also „Brüh’ im Glanze, Deutsches Vaterland.“



nurpferdeundfussball deckt auf: Die 54er Weltmeister-Mannschaft singt auch nicht die Nationalhymne nach ihrem Erfolg gegen Ungarn. Fritz Walter, Toni Turek, der „Boss“ und Max Morlock – stumm wie die Fische. Herr Hahne, übernehmen Sie! Dafür singen andere im Hintergrund – nur leider eine etwas ältere Vision.



Donnerstag, 21. Juni 2012
Die Bilanz der EM-Gescheiterten
Ende der Vorrunde bei der Fußball-EM in Polen und der Ukraine: Die ersten acht Mannschaften sind bereits zuhause, die restlichen acht spielen weiter im Viertelfinale. Das Niveau ist ganz passabel – nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Eine erste Einzelkritik der acht ausgeschiedenen Teams.

Gruppe A
Wer nach dem ersten Spieltag prophezeit hätte, dass in dieser Gruppe Tschechien und Griechenland sich für das Viertelfinale qualifizieren, der hätte nur ein müdes Lächeln geerntet. Aber Gastgeber Polen und Russland scheiterten auch am eigenen Nervenkostüm.

Polen: Die Mannschaft mit den drei Dortmundern Piszczek, Blaszczykowski und Lewandowski und daher natürlich besonders in meinem Blickpunkt. Besonders im ersten Spiel gegen Griechenland wirbelte die rechte Seite wie beim BVB – aber auch nur 45 Minuten lang, dann wirkte das Team gegen 10 Griechen auf einmal völlig gehemmt. Auch im entscheidenden Spiel gegen Tschechien begannen die Polen stark, erarbeiteten sich Torchancen – und dann war auf einmal nach 25 Minuten alles vorbei. Polen scheiterte am eigenen Erwartungsdruck, obwohl die Gruppe eigentlich machbar war.
Spieler der EM
Jakub Blaszczykowski: Schönes Tor gegen die Russen und auch sonst mit ordentlichen Leistungen.

Russland: Das Gen des Scheiterns war auch Bestandteil der Sbornaja 2012. Wenn es ernst wird, versagen sie. Dabei imponierte das Team um Andrej Arshavin im ersten Spiel gegen die Tschechen mit technisch starkem Kombinationsfußball und avancierte bei manchem schon zum Geheimfavoriten. Doch ob russischer oder holländischer Coach wie diesmal Dick Advocaat: Im entscheidenden Spiel gegen Außenseiter Griechenland wirkte die Mannschaft seltsam gehemmt. Das Gen des Scheiterns eben.
Spieler der EM
Alan Dzagoev: Dreifacher Torschütze und mit 22 Jahren eine große Hoffnung für die Zukunft.

Gruppe B
Der tiefe Absturz des Vizeweltmeisters: Null Punkte hatten die Niederlande am Ende und in unserem diskussionsfreudigen Nachbarland werden jetzt die Messer gewetzt. Dänemark verabschiedete sich hingegen – wie man so schön sagt – „mit erhobenem Haupt“.

Niederlande: Die Miene von Bondscoach Bert von Martwijk wurde von Tag zu Tag länger. Die Kritik aus der Heimat war reichlich bissig und das meiste davon bekam van Marwijk ab. Dabei hatte sein Team eigentlich ordentlich begonnen, vergab aber gegen die Dänen unzählige Torchancen, verlor 0:1 und war dann letztendlich chancenlos gegen Deutschland und Portugal. Die starken Einzelspieler enttäuschten, zwischen Defensive und Offensive klaffte eine riesige Lücke. Und als van Marwijk im letzten Spiel gegen Portugal Huntelaar und van Persie aufstellte und damit die die Forderungen seiner Kritiker erhörte, zeigte besonders der Schalker eine ganz schwache Leistung.
Spieler der EM
Jetro Willems: Der jüngste EM-Spieler aller Zeiten mit 18 Jahren. Weil seine Kollegen mit den klangvollen Namen enttäuschten, heben wir ihn heraus.

Dänemark; Das Team von Morten Olsen präsentierte sich als kompakte Einheit, das seinen Gegnern das Leben schwer machte und auch in der Offensive durch Bendtner und Krohn-Dehli einige Nadelstiche setzte. Mit etwas mehr Glück wäre auch gegen Deutschland und Portugal noch mehr möglich gewesen. Dennoch boten die Skandinavier in der „Gruppe des Todes“ ordentliche Leistungen.
Spieler der EM
Daniel Agger: Starker Abwehr-Organisator.

Gruppe C
Spanien und Italien – die gemeinten Teams setzten sich in dieser Gruppe durch. Doch besonders die Kroaten wehrten sich hartnäckig. Dagegen blieb Irland leider chancenlos.

Kroatien: Für den Außenstehenden, der viele Torszenen möchte, war die Partie zwischen dem hohen Favoriten Spanien und den Kroaten wenig interessant. Wie das Team von Trainer Slaven Bilic allerdings dem Weltmeister das Leben schwer machte, das war sehr eindrucksvoll. Zumal die Kroaten nach einiger Zeit auch die Offensive suchten und durch den Ex-Schalker Rakitic die Chance des Spiels hatten. Spanien geriet ziemlich aus dem Rhythmus, der Beobachter spürte förmlich die Nervosität, das Tor fiel relativ glücklich – und Kroatien war draußen. Da nutzen auch die starken Vorstellungen vorher gegen Italien und Irland nichts.
Spieler der EM
Dario Srna: Die Seele des kroatischen Spiels, unermüdlicher Antreiber, defensiv und offensiv ganz stark.

Irland: Das war diesmal nichts für die Iren. Drei deutliche Niederlagen – die Mannschaft bekam deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. „Ich habe noch nie gegen so eine starke Mannschaft wie Spanien gespielt“, sagte Abwehrspieler Keith Andrews. Immerhin gefielen die irischen Fans.
Spieler der EM
Sean St. Ledger: Die Wahl fiel schwer bei den Iren. Der Abwehrspieler schoss das einzige Tor.

Gruppe D
Die Stimmung in England war vor der EM diesmal ganz anders. Nachdem in den Jahren zuvor die englische Öffentlichkeit immer den Titel gefordert hatte, waren diesmal die Erwartungen eher gering. Und siehe an: England gewann die Gruppe mit viel Glück, auch weil die Franzosen zum Schluss patzten. Dennoch setzte sich die Grande Nation letztendlich durch, auf der Strecke blieben mit einem Sieg die Ukraine und Schweden. Besonders Erstere fühlte sich ziemlich betrogen.

Ukraine: Trainer Oleg Blochin tobte nach dem letzten Spiel gegen England. Schiedsrichter Kassai aus Ungarn hatte ein einwandfreies Tor der Gastgeber nicht anerkannt und da fragt man sich, was der ganze Aufwand mit den Torrichtern eigentlich soll. Gegen die Three Lions spielten die Gastgeber mit viel Engagement, hätten eigentlich den Erfolg verdient gehabt, vergaben aber beste Torchancen. Das entscheidende Spiel war jedoch die Niederlage gegen die Franzosen: Da war das Team bis zum 0:1 durchaus gleichwertig, doch danach wirkte sie wie gelähmt.
Spieler der EM
Andriy Shevchenko: Der Altmeister erlebte noch einmal einen großen Tag. Seine beiden Tore sorgten für das 2:1 gegen Schweden.

Schweden: Für die Skandinavier wäre eigentlich mehr drin gewesen. Zwei knappe Niederlagen gegen die Ukraine und England – und in beiden Spielen hätten auch die Schweden gewinnen können. Der letzte Sieg gegen Frankreich nutzte auch nichts mehr.
Spieler der EM
Zlatan Ibrahimovic: Das „schreckliche Kind“ der Schweden zeigte diesmal sein Potenzial, überzeugte nicht nur durch seine zwei Treffer.



Dienstag, 19. Juni 2012
Premierminister unseres Herzens
Das hat auf diese Seiten noch gefehlt: Eine europäische Presseschau, nachdem die Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine fast zu Ende ist.
James Richardson vom englischen Guardian hat einige hochinteressante Schlagzeilen in Europas Zeitungen entdeckt, die Bandbreite reicht von tiefem Trauer und erbarmungsloser Häme bis zu grenzenlosem Jubel. Und Erinnerungen werden wach an ein Duell zwischen Deutschland und Griechenland, das es schon einmal bei Monty Python gab.



Freitag, 15. Juni 2012
Irische Fans singen auch wenn sie nicht gewinnen
Faszinierend und ganz großes Kino. Da wird ihre Mannschaft gerade fürchterlich bei der Fußball-EM von den Spaniern verhauen (0:4) und dennoch singen die irischen Fans - minutenlang zum Abschluss des Spieles. „Low lie the fields of Athenry“, schallt es durch das Stadion in Danzig und selbst ARD-Kommentator Tom Bartels schweigt. „Die EM erlebt ihren bislang schönsten Moment“, schreiben die 11 Freunde" – und dem ist nichts mehr hinzufügen. Außer Gänsehaut pur vielleicht und nichts mit "You are only singing when you are winning".

Wer mitsingen möchte
By a lonely prison wall
I heard a young girl calling
Michael they are taking you away
For you stole Trevelyan's corn
So the young might see the morn
Now a prison ship lies waiting in the bay

Chorus
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing
We had dreams and songs to sing
Now it's so loney round the fields of Athenry
By a lonely prison wall
I heard a young man calling
Nothing matters Mary when you're free
Against the famine and the crown
I rebelled they cut me down
Now you must raise our child with dignity

Chorus
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing
We had dreams and songs to sing
Now it's so loney round the fields of Athenry
By a lonely harbour wall
She watched the last star falling
As the prison ship sailed out against the sky
Now she must live in hope and pray
For her love in Botany bay
For it's lonely round the fields of Athenry

Chorus
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing
We had dreams and songs to sing
Now it's so loney round the fields of Athenry



Dienstag, 12. Juni 2012
Alles wegen Anja, Tanja und dem Ingo
Die Meinung war eindeutig und sie galt dem Zweiten Deutschen Fernsehen. „Ein derartiger Comedy-Marathon wie heute gesehen wird zukünftig schwer zu toppen sein“ schrieb User Adddam im BVB-Forum von schwatzgelb.de. „Wark als genialer Headliner, Poschmann zumindest mit guten Ansätzen und Müller Hohenstein kann die Qualität ihrer Moderation tatsächlich noch einmal unterbieten.“ Gemeint sind die Reporter Thomas Wark, Kommentator des EM-Spieles Frankreich – England und Wolf-Dieter Poschmann, am Mikrofon bei Ukraine gegen Schweden sowie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die gemeinsam mit Ex-Torwart-Titan Oliver Kahn durch Nachmittag und Abend führt.
Adddam, zuhause 147 km vom Westfalenstadion, weiter: „Dazu Feinheiten wie der Running Gag mit den Tonproblemen, die lächerliche Kulisse im Fernsehgartenstil, die, wie gerade gehört, sogar die Kollegen von "volle Kanne" nutzen, und ein Oliver Kahn, der verzweifelt versucht, nicht laut loszulachen und irgendwie den völlig bescheuerten Fragen auszuweichen. Und das war bestimmt noch nicht alles, irgendetwas hab ich eh noch vergessen.“
Das war noch eher moderat, andere urteilten erheblich härter. Recht haben sie: Es war teilweise unterirdisch, was das Zweite an diesem Montag bei der Fußball-Europameisterschaft bot. Besonders die Gespräche der Moderatorin mit dem Experten waren grauenhaft. Dabei ist Kahn jemand, der durchaus einiges zu sagen hat – nur wenn ich als Gesprächspartner dies nicht aufnehme, kommt so ein tropfender, nichtssagender Small-Talk heraus. Zum ersten Mal in meinem Leben sehne ich mich nach Johannes B. Kerner. Natürlich ist Kerner eine totale Nervensäge, aber gemeinsam mit dem heutigen BVB-Trainer Jürgen Klopp und Schiedsrichter Urs Meier waren das lustige Runden – dank Klopp und (ein wenig) Meier.

Twitternder Torwart-Titan
Noch etwas ist neu: Weil das Zweite ja ein moderner und junger Sender ist, hat er jetzt auch eine Moderatorin, die sich um Facebook, Twitter und co. kümmert. Dann wird es immer richtig heimelig, wenn Jeannine Michaelsen auftaucht und Schönes aus der bunten Facebook und Twitter-Welt berichtet und beispielsweise aufzeigt, welche Nationen am meisten twittern während der EM (die Dänen jedenfalls nicht). Müller-Hohenstein giggelt dazu, Kahn macht lustige Miene zum bösen Spiel und bekommt am Ende einen eigenen Twitter-Account, bestimmt unter dem Namen Ex-Torwart-Titan. Bei Facebook motzt die Zielgruppe aber ziemlich rum, am meisten allerdings über die Kommentatoren Wark und Poschmann.
Und warum machen die das vom ZDF? Alles nur wegen Anja und Tanja. „Anja & Tanja (A&T) sind Mädchen oder junge Frauen, die sich bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft oder generell bei Fußballspielen mit Eventcharakter einfinden“, heißt es im Löwen-Wiki der Anhänger von 1860 München. „Eingehüllt in Fahnen, Nationalfarbenschminke im Gesicht, kreischen sie ahnungslos drauf los, wenn der Ball ins Aus geht.“ Es gehe darum, Party zu machen – das Spiel sei egal. Die männliche Version heißt übrigens Ingo!
Anja, Tanja und Ingo traten übrigens auch massenweise auf Meisterfeiern von Borussia Dortmund auf.

Nachtrag 15.6.
Die Zeit hat das Gespräch zwischen der "Twitter-Tante" (schwatzgelb.de, gemeint ist Jeanine Michaelsen) und Oliver Kahn dokumentiert. Ganz großes Theater....