Dienstag, 4. Juni 2013
Eindrucksvoller Blick hinter die Kulissen
Ansprachen des Trainers sind im Profi-Bereich auch nicht anders als in der Kreisliga. Das ist eine Erkenntnis des Filmes „Trainer“ von Aljoscha Pause, der gestern im dritten Programm des WDR lief. Und auch wenn obige Erkenntnis nicht neu ist: Die Dokumentation von Grimme-Preisträger Pause („Tom meets Zizou“) lieferte ansonsten sehenswerte Einblicke in den Alltag eines Profitrainers, die der normale Dauerkarteninhaber, Sportschau-Schauer und kicker-Leser nicht erhält.
Es ist der letzte Spieltag der Saison 2012/2013 und gerade hat der 1.FC Heidenheim den dritten Platz in der 3. Liga, der zum Relegationsspiel mit dem Zweitliga-16. berechtigt, denkbar knapp verpasst. Ein Blick in die Kabine, die Enttäuschung ist greifbar, die Spieler hocken dar wie das berühmte Häufchen Elend. Keiner sagt etwas – und Trainer Frank Schmidt geht los, gibt jedem seiner Akteure die Hand und bedankt sich so für die gute Saison.



Es sind intensive Szenen wie diese, die den Reiz der Dokumentation ausmachen. Pause hat drei Trainer über die gesamte Saison 2012/2013 begleitet. Neben Frank Schmidt (Heidenheim) sind dies Andre Schubert (FC St. Pauli) und Stephan Schmidt (SC Pàderborn). Zwei von ihnen – Schubert und Stephan Schmidt – erleben das Saisonende in dieser Funktion nicht mit. Dazu äußern sich bekannte Namen wie Jürgen Klopp, Hans Meyer, Armin Veh oder auch DFB-Ausbilder Frank Wormuth.
Der Druck auf den Fußball-Lehrer ist groß. Der Zuschauer spürt das, wenn er Heidenheims Frank Schmidt begleitet und diesem zuschaut. Schmidt lässt am meisten zu – die Kamera ist in der Kabine, bei Spielen, beim Training und bei internen Sitzungen. Dabei sitzt der Heidenheimer doch fest im Sattel, denn der Aufstieg des 1.FC in den Profi-Fußball ist stark mit dem seit 2007 amtierenden Trainer verbunden. Aber Heidenheim will weiter nach oben, das Ziel heißt Liga 2.
„Der Spieler bekommt von mir, was er bracht“, sagt Frank Schmidt und charakterisiert sich als „hart, aber herzlich“. Es sind unterschiedliche Typen, die Pause portraitiert: der eher hemdsärmelige Frank Schmidt, der höchst selbstbewusste Stephan Schmidt und der ruhige Andre Schubert.

Paderborn
„Ich bin aufgewachsen in den Käfigen Berlins, musste mich dort durchsetzen“, sagt Stephan Schmidt. Der SC Paderborn 07 ist seine erste Profistation, er übernahm die Truppe, als die Saisonvorbereitung bereits begonnen hatte und sein Vorgänger Roger Schmidt zu Red Bulls Salzburg ging. Paderborns Präsident Wilfried Finke sieht den Klub „in der oberen Tabellenhälfte der 2. Liga“, was allerdings mit dem Kader und Budget reichlich schwierig zu realisieren ist. Stephan Schmidt hält sich wacker – und wird kurz vor Schluss der Spielzeit nach einer Serie siegloser Spiele doch noch entlassen. Der Zuschauer spürt seine Frustration und begleitet ihn bei seiner letzten Tour durch die westfälische Provinz.
Schon im September 2012 endet für Andre Schubert der Job beim FC St. Pauli. Der Kiezclub startet desaströs in die neue Saison – und schuld ist wie so häufig der Trainer. Der intellektuell wirkende Schubert muss beim emotionalen Volksverein St. Pauli gehen. Auch hier liefert Pause eindrucksvolle Dokumente ab, indem er etwa die Aussagen von Schubert, Assistenztrainer Thomas Meggle oder Manager Rachid Azzouzi hintereinander legt. „Wir hatten etwas zu viel Rachid auf der Bank“, kommentiert ein sichtlich enttäuschter Schubert.
„Bei einem Verein mit einem schlechten Präsidenten bist du verloren“, sagt Dortmunds Trainer Jürgen Klopp. Das Problem des Trainers sei eben, dass er häufig zu viel mit Leuten zu tun habe, die vom Fußball eigentlich keine Ahnung haben. Die dafür andere Dinge besitzen – Geld etwa.

Filmmacher Aljoscha Pause im Interview



Montag, 3. Juni 2013
Epsom zu lang für Chopin
Das war dann doch etwas viel Optimismus meinerseits im Vorfeld: Chopin verkaufte sich im englischen Derby zwar teuer, doch am Ende fehlte dem deutschen Teilnehmer das letzte Stehvermögen über die langen 2400 Meter in Epsom. Platz 7 klingt schlechter als es ist, denn soweit war der Hengst gar nicht geschlagen. Aber das „Wunder" fand doch nicht statt.
„Chopin ist nicht der Steher wie es vielleicht vor seinem Start im Epsom-Derby den Anschein hatte“ hieß es nach dem Rennen auf der Homepage des Stalles Wöhler. „Ich denke, kürzere Distanzen sind besser für ihn“, zitierte die Sporting Life Trainer Andreas Wöhler. Zukünftig solle der Hengst auf Distanzen bis etwa 2000 Meter laufen, ein Start im Deutschen Derby Anfang Juli stehe nicht mehr auf dem Programm.
Ansonsten war es das übliche Drama auf dem hügeligen Epsom-Kurs: Es gab einen großartigen Sieger Ruler of the World aus dem Aidan O’Brien-Quartier nach einem fantastischen Ritt von Ryan Moore. Ebenso gefallen konnte der Zweite Libertarian mit famosem Speed (nur leider etwas spät) und auch der Außenseiter Galileo Rock imponierte durch sein Stehvermögen. Das schlechteste Rennen hatte der französische Gast Ocovango, für den mehrmals kein Raum da war.
Deutsche Turf-Fans kritisierten nach der Prüfung auch den Ritt von Jamie Spencer auf Chopin. Zwischendurch musste Spencer schon mal „kurz vom Gas“, aber
entscheidend war das nicht.

Trost
Bitter enttäuscht waren hingegen die Anhänger des großen Favoriten Dawn Approach. Auch diese Kolumne hatte im Vorfeld die Coolness des bis dato ungeschlagenen Hengstes gelobt, doch am Samstag eiferte der Schützling von Jim Bolger auf einmal seinem Vater New Approach (der aber bekanntlich das Epsom-Derby gewann) nach und zeigte sich übereifrig im Rennen. Kevin Manning schickte den stark pullenden Dawn Approach früh nach vorne und es verwunderte nicht, dass der Top-Favorit früh geschlagen war. Selbst No-Hoper Ocean Applause endete vor dem einstigen Jahrgangs-Primus. Es gibt eben so Tage, an denen geht eben alles schief.
Immerhin gab es für einige „Verlierer“ in Epsom schnell Trost: Andre Fabre, der Trainer des unglücklichen Ocovango, triumphierte mit Intello im Prix Du Jockeyclub, dem französischen Derby über 2200 Meter. Trainer Andreas Wöhler gewann mit Akua’da die 93. German 1000 Guineas in Düsseldorf. „Eine echte Kampfsau“, kommentierte der Trainer auf der Homepage und meinte damit die Stute, die erst gar nicht ihre Box beziehen wollte. Und ich kann endlich mal die hervorragende Homepage des Rennstalles Wöhler loben.

Das englische Derby gibt es hier noch einmal

Korrektur: Das französische Derby ist nur 2100 Meter und nicht wie oben beschrieben 2200 Meter.



Donnerstag, 30. Mai 2013
Ich mag Chopin
Es ist ein historisches englisches Derby am Samstag auf dem Berg- und Talkurs zu Epsom. Denn erstmals läuft mit Chopin ein in Deutschland trainiertes Pferd in dieser prestigereichen Prüfung. Wenn man sich die Starter so anschaut, dann erkennt man schon den Wandel im englischen Rennsport: Ein starkes irisches Kontingent mit sieben Pferden (allein fünf aus dem Stall von Aidan O’Brien) trifft auf zwei starke Gäste aus Frankreich und Deutschland sowie nur drei Pferde aus England. Die zählen allesamt zu den Außenseitern. Zudem fehlen die großen englischen Trainernamen: Sir Michael Stoute, Henry Cecil, John Gosden usw. Immerhin hat Goldolphin einen Starter, jedoch trainiert von Jim Bolger und von diesem auch im letzten Jahr erst erworben. Die Teilnehmer im Überblick

Battle of Marengo (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Joseph O’Brien/ Besitzer M.Tabor/D. Smith/ Mrs. John Magnier)
Einer aus der O’Brien-Streitmacht und vielleicht die erste Wahl. Sechs Starts, fünf Siege, zuletzt erfolgreich in den Derrinstown Stud Derby Trial Stakes über 2000 Meter. Das ist eine Prüfung, in der Trainer O’Brien immer hoch eingeschätzte Pferde seines Quartiers laufen lässt. Der Erfolg sah allerdings mehr nach einem Arbeitssieg aus. Über die Distanz von 2400 Meter sollte er als Galileo-Sohn kommen, für mich wirkt er aber wie ein reiner Galoppierer ohne viel Speed.

Chopin (Trainer Andreas Wöhler/Jockey Jamie Spencer/Besitzer Qatar Racing Limited)
Nach dem hochüberlegenen Sieg im Krefelder Dr. Busch-Memorial kaufte Qatar Racing Limited den Hengst vom Gestüt Graditz. Einer der ersten Maßnahmen des neuen Besitzers war es, den talentierten Wöhler-Schützling für das Epsom Derby nachzunennen – gegen eine knackige Gebühr versteht sich.
Das spricht für einiges Vertrauen. Dabei ist das Stehvermögen zumindest theoretisch nicht sicher: Der bislang wenig frequentierte Deckhengst Santiago war als Mehl-Mülhens-Sieger eher ein Pferd für die Meile, sein Bruder Sordino war immerhin Derby-Zweiter. Allerdings hat die Mutter über lange Strecken gewonnen. Chopin war bislang deutlich kürzer unterwegs, läuft aber wie ein Steher. Damit der Hengst sich an den hügeligen Epsom-Kurs gewöhnt, ließ ihn Trainer Andreas Wöhler auf dem Düsseldorf Grafenberg linksherum galoppieren.

Dawn Approach (Trainer Jim Bolger/Jockey Kevin Manning/Besitzer Godolphin)
Ganz klar der Primus der englisch-irischen Dreijährigen 2013. Sieben Starts, sieben Siege lautet die eindrucksvolle Bilanz, zuletzt überlegene Ware in den englischen 2000 Guineas. Was mir gefällt, ist seine entspannte Art: Der Hengst wirkt völlig unkompliziert, pullt nicht, lässt sich im Rennen quasi Fahren wie ein Auto. Dazu besitzt er den typischen Speed eines Klassepferdes.
Trainer Jim Bolger gewann mit dem Vater New Approach das Derby 2008. Der stammt von Galileo, väterlicherseits ist also Stehvermögen vorhanden. Mütterlicherseits ist das eher fraglich, weil aus dieser Linie überwiegend Sprinter und Mittelstreckler kommen. Bolger kennt diese Bedenken, glaubt aber, dass der Hengst dank seiner ruhigen Art und seiner Klasse über die Derbydistanz kommt.


Eines dieser legendären Derbies: Shergar gewinnt 1981. Später wurde der Hengst dann gekidnappt.

Festive Cheer (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Seamie Heffernan/ Besitzer M.Tabor/D. Smith/ Mrs. John Magnier)
Zuletzt knapp geschlagener Dritter im Prix Hocqard in Longchamp (Gr. 2), davor gewann er sein Maidenrennen auf der Allwetter-Bahn in Dundalk. Erst sein dritter Start, aber andere aus dem O’Brien-Stall haben bessere Voraussetzungen.

Flying the Flag (Aidan O’Brien/ Jockey Colm O’Donoghue/Besitzer Mrs John Magnier/M. Tabor/D. Smith)
Tolle Abstammung (Mutter klassische Siegerin in den irischen 1000 Guineas), aber größter Außenseiter aus dem Ballydoyle-Quartier.

Galileo Rock (Trainer David Wachman/Jockey W.M. Lordan/Besitzer Michael O’Flynn)
Noch nicht ausgereifter Hengst, drei Starts, zweimal in besserer Gesellschaft geschlagen. Die letzte Form sah aber gut aus, als Galileo Rock noch viel Boden machte. Dennoch reichen die bisherigen Leistungen nicht aus.

Libertarian (Trainer Mrs K.Burke/Jockey William Buick/Besitzer Hubert John Strecker)
Überraschte als 33:1-Sieger in den Dante Stakes in York, immer noch die wichtigste Derbyvorprüfung. Erst drei Mal am Start, offensichtlich stark verbessert. Wenn der Hengst mit der Bahn in Epsom zurechtkommt, ist er ein chancenreicher Kandidat zu einer attraktiven Quote. An mangelndem Stehvermögen wird er nicht scheitern.

Mars (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Richard Hughes/ Besitzer M.Tabor/D. Smith/ Mrs. John Magnier)
Erst zwei Starts und so etwas wie die Wundertüte aus dem O’Brien-Quartier. Wirkte in den englischen 2000 Guineas noch reichlich grün, lief aber gar nicht schlecht. So ganz sicher ist das Stehvermögen auch noch nicht, aber Mars muss sich so und so verbessern, um eine Chance zu haben.

Mirsaale (Trainer James Tate/Jockey Neil Callan/Besitzer Saif Ali)
Immerhin schon Bahnsieger, gewann eine Conditions Stakes und bewies, dass er mit dem Kurs zurechtkommt. Das ist immer ein Vorteil, dennoch reichen die bisherigen Formen nicht aus.

Ocean Applause (Trainer J.Ryan/Jockey D J O'Donohoe/Besitzer W.Mc Luskey)
Schon 15 mal gelaufen – und immer noch sieglos. Ein Kandidat der unteren Handicapklasse gegen die Blaublüter. Hier hilft nur die Abkürzung, aber eine große…. Zumal die Distanz auch noch zu lang ist.

Ocovango (Trainer Andre Fabre/Jockey Pierre Charles Boudot, Besitzer Prince AA Faisal)
2011 gewann Trainer Andre Fabre mit Pour Moi und das möchte der Altmeister mit Ocovango 2013 wiederholen. Auch diesen schickte er zu einem Rennbahn-Galopp nach Epsom, das Ergebnis überzeugte durchaus. Der Monsun-Sohn ist in drei Rennen noch ungeschlagen, gewann zuletzt ein Gruppe 2-Rennen und könnte noch etwas im Tank haben.

Ruler of the World ((Trainer Aidan O’Brien/Jockey Ryan Moore/Besitzer M.Tabor/D. Smith/ Mrs. John Magnier)
Sieger der Chester Vase, erst zweimal gelaufen, hochtalentiertes Pferd, aber ziemlich unerfahren. Halbbruder zum Duke of Marmalade, einem mehrfachen Gruppe I-Sieger und Steher.

Urteil
Natürlich dominierte Dawn Approach bislang den Jahrgang eindeutig. Wenn er über den Weg kommt, ist er das ideale Pferd für so ein großes Rennen. Allerdings glaube ich an Wunder: CHOPIN ist zumindest eine Sieg-/Ita (Platz 2)-Wette wert. So überragend waren die englischen Derbyjahrgänge in den letzten Jahren auch nicht und der Wöhler-Schützling macht den Eindruck, dass er eine ganze Menge Potenzial hat und über den Weg kommt. Das ist zwar viel Spekulation, aber mit meinem Bauchgefühl lag ich häufig richtig. Außerdem gefallen mir Ocovango und Libertarian noch ganz gut.