Sonntag, 8. Juli 2012
Der tiefe Fall der Glasgow Rangers


Das ist nicht Bezirksliga Staffel 8 in Nordrhein-Westfalen, sondern vierte schottische Liga: Hier erwarten die Annan Athletics vielleicht die Glasgow Rangers.
(Bild: Verein)
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Anhänger der Glasgow Rangers machen derzeit ganz harte Zeiten durch. Der schottische Traditionsklub, stolze 55 mal schottischer Meister (angeblich Weltrekord), wird in der neuen Saison nicht mehr erstklassig sein. Das beschlossen die übrigen 11 Ligaclubs und bestraften damit die Rangers für ihre desolaten Finanzzahlen.
Im Februar hatte der Klub Insolvenz angemeldet. Die Verbindlichkeiten betrugen rund 167 Millionen Euro, näheres dazu gibt es hier und hier.
Jedenfalls haben die Verantwortlichen der anderen schottischen Erstligisten eine sportliche Entscheidung getroffen – trotz massiver finanzieller Einbußen, die auf sie zukommen, falls der Glasgower Club die schottische Premier League verlässt. Denn bekanntlich sind die Rangers und Lokalrivalen Celtic die Top-Mannschaften der Liga, teilten quasi gemeinsam die Ligatitel unter sich auf. Beide Glasgower Vereine füllen ihren Gegnern Stadien und Kassen, zudem sah der Fernsehvertrag vier „Old Firm-Derbies“ zwischen den Glasgower Stadtrivalen vor.
Noch steht nicht fest, in welcher Liga die neuen Rangers in der kommenden Saison spielen – entweder Liga 2 (Division One) oder Liga 4 (Division Three), ganz unten in der schottischen Profi-Hierarchie. Diese Klasse ist aber kaum eine Profi-Liga, zumindest ist das schwer vorstellbar bei durchschnittlichen Zuschauerzahlen von 400 oder 500.

Kunstrasen
Manager Ally Mc Coist, einst legendärer Rangers-Torjäger, würde sogar die unterste Klasse bevorzugen. Die BBC hat mal die potenziellen Gegner unter die Lupe gewonnen. Eines steht fest: In der Regel dürfte fast alle ein Kapazitätsproblem bekommen, wenn die Rangers-Fans anrücken. Diese würden zudem Spiele auf Kunstrasen sehen, denn viele Vereine verfügen über so einen Belag.
Immerhin könnten die „Gers“-Anhänger Stadionpunkte sammeln. Es warten unter anderem der Shielfield Park (Kapazität 4 150, Naturrasen) von Berwick Rangers, der Ochilview Park (Kapazität 3 750, Kunstrasen) von East Stirlingshire oder Borough Briggs (Kapazität 4 900, Naturrasen) von Elgin City.
Dazu gibt es auch hier ein Lokalderby: Stadtrivale Queen’s Park spielt im Hampden Park – wo sonst die Nationalmannschaft zuhause ist. Immerhin bietet das Stadion Platz für viele, viele Blaue.
Mich erinnerte das Schicksal der Glasgow Rangers etwas an Borussia Dortmund in den Jahren 2004 und 2005. Auch der BVB hatte sich mit einem Schuss Größenwahn in den finanziellen Abgrund manövriert, der Verbleib in der Bundesliga war fraglich. Damals schauten sich manche Fans in der Oberliga West, zu diesem Zeitpunkt die vierte Liga in Deutschland, um. Dort hätte Dortmund den Neuanfang starten können. Zum Glück kam es anders und auch die Rangers haben noch eine Option: Am 12. Juli soll sich entscheiden, ob der Klub zumindest in der 2. Liga an den Start gehen kann.



Donnerstag, 5. Juli 2012
Ein Held der 2. Liga: Das Leben des Ansgar Brinkmann
Er war technisch herausragend – doch die große Karriere im Profifußball machte Ansgar Brinkmann nicht. „Der letzte Straßenfußballer“ stand sich oftmals selbst im Weg. Gerade deshalb besitzt er in manchen Kreisen Kultstatus. „Der Weiße Brasilianer“ heißt die Biographie, die Brinkmann zusammen mit Bastian Henrichs verfasst hat.
Nur 59 Bundesligaspiele für Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld hat er absolviert: Die Profiwelt des Ansgar Brinkmann war eher die 2. Liga oder die Regional- und Oberliga. Vereine wie Osnabrück, Preußen Münster, Mainz 05 oder FC Gütersloh waren die Stationen des Technikers, der eigentlich in den 90er Jahren gar nicht in diese Ligen passte. Denn die 2. Liga etwa galt als „Klopperliga“, in der mehr gekämpft als gespielt wurde. Ein Akteur wie der unermüdliche Kämpfer Willi Landgraf, der in fast jedem Spiel eine gelbe Karte kassierte, steht als Rekordspieler stellvertretend für diese Epoche.


Und Brinkmann? Der sorgt als junger Wilder für Aufsehen, lässt kein Fettnäpfchen aus, legt sich mit Gott und der Welt an und verpasst so den frühzeitigen Sprung in die erste Liga. Er bekam den Spitznamen „Trinkmann“ , weil er sich von 17 Uhr bis 6 Uhr morgens in seiner Stammkneipe aufhielt.

Ladendieb aus Hunger
Chronologisch blickt der Angreifer auf sein Leben zurück, richtig los geht es mit der A-Jugendzeit bei Bayer O5 Uerdingen. Der Krefelder Verein kickte seinerseits in der Bundesliga und war zudem für seine gute Jugendarbeit bekannt. Bayer holt Brinkmann aus Ostwestfalen ins Rheinland – und der fühlt sich ziemlich alleingelassen, weil sich niemand vom Verein außerhalb des Fußballs um ihn kümmert. Geld gibt es auch keines und so ernährt sich das Talent hauptsächlich von Mutters Konserven. Wenn die alle sind, klaut er Nudeln und Thunfischdosen aus dem Supermarkt. Talentförderung in den achtziger Jahren – so war das damals. Immerhin wird Brinkmann in Jahr 2 mit den Uerdingern Deutscher A-Jugendmeister.
Auch sonst gibt es einige witzige Szenen. Wie beispielsweise beim damaligen Oberligisten BV Cloppenburg, als Kapitän Brinkmann auf der Weihnachtsfeier eine Rede hielt. „Meine Damen und Herren, ich möchte niemanden zu nahe treten. Aber ob bei uns der Trainer auf der Bank oder der Busfahrer sitzt, das ist ungefähr das Gleiche.“ Kein Wunder, dass der mächtige Sponsor des Vereins nicht gerade begeistert reagierte und seinen Spielführer in die Kreisliga-Reserve verbannte.
Brinkmann ist relativ offen, hält sich nicht lange mit Nettigkeiten auf. Besonders manche Trainer bekommen ihr Fett ab. Manchmal gibt es erstaunliche Einblicke in das Innenleben von Profi-Mannschaften – wobei der Leser manche Dinge schon immer so erwartet hat. Ist doch verständlich, wenn sich 18Jährige, die auf einmal richtig viel Geld verdienen, erst einmal ein dickes Auto kaufen – besonders wenn sie auf dem Land geboren sind.

Rebell
Bei Mainz 05 kickte Brinkmann mit dem heutigen BVB-Coach Jürgen Klopp zusammen. „Aaaaaansgaaar komm’ zurück“, schreit der immer, weil der Künstler von Defensiv-Arbeit wenig hielt. „Eine launische Künstlerfigur eben. Mit großem Können. Mit großem Herzen. Was fehlte, war die letzte Konstanz“, schreibt der Mainzer Sportjournalist Reinhard Rehberg in einem Zusatzbeitrag. Die Mainzer haben einige Typen, mit denen man als Jungprofi ziemlich unter die Räder kommen kann. Dagegen war Brinkmann eher der „liebeswürdige Messdiener, der dem Pfarrer ab und zu einen Streich spielt“, so Rossberg. „Hier ist der letzte Rebell“, meldete sich Brinkmann in seiner Mainzer Zeit am Telefon.
Der Spaßfußballer schaffte den großen Sprung nicht, gerade einmal 59 Bundesligaspiele sind eine dürftige Bilanz. „Du müsstest 50 Länderspiele haben“, sagte einst Berti Vogts. Doch Ansgar Brinkmann steht sich oftmals selbst im Weg. An manchen Stellen möchte der Leser einfach nur sagen „Ansgar, Du Idiot!“ Aber wäre der strenge Vogts mit dem „schrecklichen Kind“ fertig geworden?
Besonders die ersten 117 Seiten, wenn Brinkmann auf seine Profistationen zurückblickt, haben ihre Höhepunkte. Manchmal werden nach der Lektüre Vorurteile Realität: Profifußballer sind wirklich so. Hinterher wird es dann etwas öder, wenn Brinkmann ein sehr langes Fazit seiner Karriere zieht. Manchmal klingt das schon zu sehr nach Rechtfertigung. Aber auch dieser Teil hat einige lichte Momente.

Urteil
Lockere Lektüre, die sich wunderbar für Liegestuhl, Strand, See oder meinetwegen Freibad eignet. Natürlich nichts intellektuell Anspruchsvolles, aber über weite Strecken witzig und unterhaltsam. Und manchmal sind Profifußballer wirklich so, wie sich Amateure das so vorstellen…

Einige Anekdoten des Ansgar Brinkmann gibt es hier bei den 11 Freunden.



Montag, 2. Juli 2012
Pastorius wie einst Lando
Pastorius gewinnt das Deutsche Derby 2012 in Hamburg. Zweiter wird der große Favorit Novellist, Dritter Girolamo. So war das in diesen Jahr - und meine Tipps endeten im geschlagenen Feld.
Irgendwie lehrt einem der Galopprennsport im Lauf der Jahre Demut. Demut, dass man einige Dinge einfach nicht kalkulieren kann. Zum Beispiel die Formen der Pferde. Ich wiederhole mich: Es gibt sie nicht, die „Unverlierbaren“ im Sport.
Das Rennen habe ich erst ohne Ton gesehen. Das lag daran, dass bei Racebets Bild und Ton nicht synchron waren, das Bild dem Ton hinter her hinkte und so Manfred Chapman schon den Zieleinlauf kommentierte, während die Pferde auf dem Bild noch im Horner Bogen waren. (Ist natürlich völlig daneben, racebets).
Jedenfalls habe ich den außen liegenden Pastorius erst ganz zum Schluss gesehen, konzentrierte mich auf das Geschehen innen, wo der Favorit Novellist gerade den tapferen Girolamo niederrang. Ich kenne keine Rennbahn in Deutschland und England, wo die Außenbahn so schlecht zu sehen ist. Und dort befand sich jener Pastorius mit Terry Hellier, den auch Rennkommentator Manfred Chapman erst ganz zum Schluss entdeckte. Der Soldier Hollow-Sohn gewann mit einer halben Länge und bescherte Trainer, Jockey und Besitzer den ersten Derbysieg. Nur wenige hatten den Hengst auf der Rechnung – der Sieg zahlte 321:10, nur Ako (608:10) und Temporal (384:10) zahlten seit 1980 mehr.

Das vergessene Pferd
Vielleicht hinkt der Vergleich etwas, aber ich fühlte mich an den Erfolg von Lando (Toto 245:10) aus dem Jahre 1993 erinnert. Denn irgendwie war Pastorius auch das vergessene Pferd. Beide waren herausragende Zweijährige, aber dreijährig lief es nicht mehr so gut. Es gab schon Unterschiede: Während Lando dreijährig nach meinen Erinnerungen regelrecht versagte, lief der Hofer-Schützling eigentlich nur im Mehl-Mülhens-Rennen schwach. Im Krefelder Busch-Memorial enttäuschte er keineswegs, hatte keinen guten Rennverlauf und war als Vierter hinter so guten Pferden wie Amaron und Energizer.
Doch diese Rennen gingen alle um Distanzen um die Meile, beim Stehvermögen gab es einige Bedenken – zumindest über 2400 Meter. Trainer Mario Hofer hatte diese Zweifel nicht, ließ den Hengst nach dem Mehl-Mülhens-Rennen pausieren und wurde belohnt.
Der Österreicher ist schon ewig im Geschäft, einen Derbysieger hatte er aber noch nicht. Zweite Plätze mit Zazou (2010), Night Tango (2005) und Nadour Al Bahr (1998) waren die bislang beste Ausbeute.
Und auch Terry Hellier musste lange warten. Es war Versuch Nr.22 für den Jockey, den Spezialisten für das richtige Timing. Als junger Jockey war er mir dem Ausnahmepferd Lomitas 1991 mal ganz nah dran, doch dann kam Temporal mit einem gewissen Frankie Dettori und der pushte Temporal damals zum Derbyerfolg.
2012 war alles anders und diesmal war der heiße Favorit Novellist das Opfer. Knapp geschlagen Zweiter – das Pferd sei nicht ganz fit gewesen, hieß es nach dem Rennen. Zumindest der Speed, der in der Union noch zu sehen war, fehlte etwas.
Einiges an Bildmaterial zum Derby gibt es bei German Racing.



Von Italien lernen: Sänger gesucht
Es ist derzeit Fehlersuche angesagt im deutschen Fußball. Wie kann es denn auch sein, dass der dreimalige Welt- und Europameister Deutschland sich schon wieder in einem Halbfinale verabschiedet und der letzte Titel vor 16 Jahren geholt wurde? Nach dem 0:2 gegen Italien bei der EM in Polen und der Ukraine wird mal wieder wüst los diskutiert. Nun lag Bundestrainer Joachim Löw mit seinen Umstellungen vor dem Halbfinale ziemlich daneben: Speziell der Einbau von Toni Kroos als Sonderbewacher von Pirlo widersprach der bisherigen Philosophie des Bundestrainers, denn bisher wollte Löw das Spiel immer selbst bestimmen.
Jedenfalls war das 0:2 gegen Italien durchaus verdient, weil die Squadra Azzura viel bestimmter auftrat. Wild entschlossen wirkten die Italiener – schon bei der Hymne. Während diese schmetterten, was das Zeug hielt, sangen nur vereinzelt deutsche Fußballer mit. „Auf der einen Seite die italienischen Männer, auf der anderen die deutschen Memmen“, weiß Bild als Kenner der Volksseele. Und darum hat Deutschland verloren, meint der Boulevard.
So einfach ist das also – und klar, dass Bild am Sonntag-Kolumnist Peter Hahne, selbsternannte moralische Instanz des Landes, am Sonntag noch mal einen drauflegte. (Leider finde ich diese Kolumne nicht hier.)

Kein Multi-Kulti
„Wer für sein Land nicht singt, tut sich schwer mit Siegen“, titelte die BamS und Hahne ging steil: „Haben wir deshalb das Spiel verloren? Fehlt unseren Jungs der letzte Schuss Patriotismus und das Gefühl, nicht für irgendeinen Verein auf dem Platz zu stehen, sondern für Deutschland?“ Selber ist Hahne natürlich richtig Patriot, „Multi-Kulti“ kann er gar nicht ab. Denn diese Özils, Boatengs, Khediras und Podolskis singen ja nur nicht, weil sie noch Verwandte in der alten Heimat haben, spielen aber für Deutschland.
Demnächst gilt also folgendes Kriterium für Nationalspieler: Sie müssen laut die Hymne mitschmettern – wer das nicht will, darf dann eben nicht für Deutschland spielen. Hahne und Bild werden das regelmäßig überprüfen. Weitere Kriterien sind eine ordentliche Frisur (wie früher bei der Bundeswehr), geschnittene Fingernägel, keine Tattoos etc. In der letzen Woche forderte Hahne übrigens eine „Kleidungspflicht für Parlamentarier“. Warum nicht auch eine Singpflicht für Nationalspieler.
Schön, dass wir in Deutschland über so etwas diskutieren. Aber vielleicht empfiehlt sich für Herrn Hahne mal der Besuch einer Public Viewing-Veranstaltung. Da wird die Nationalhymne ganz vorzüglich mitgeschmettert.
Die Spanier singen übrigens auch nicht, aber deren Hymne hat ja auch keinen Text. Hat sie trotzdem nicht gestoppt – dann also „Brüh’ im Glanze, Deutsches Vaterland.“



nurpferdeundfussball deckt auf: Die 54er Weltmeister-Mannschaft singt auch nicht die Nationalhymne nach ihrem Erfolg gegen Ungarn. Fritz Walter, Toni Turek, der „Boss“ und Max Morlock – stumm wie die Fische. Herr Hahne, übernehmen Sie! Dafür singen andere im Hintergrund – nur leider eine etwas ältere Vision.