Dienstag, 24. April 2012
„Erklären Sie diese Form, Herr Jentzsch“
Es muss irgendwann zu Beginn der neunziger Jahr gewesen sein. Galopprennbahn Mülheim an der Ruhr, irgendein Feiertags-Renntag (Ostern, 1. Mai oder Pfingsten). Jedenfalls war es zu Beginn der grünen Saison, denn es waren viele dreijährige Pferde aus großen Quartieren am Start. Natürlich auch aus dem Champion-Stall von Trainer Heinz Jentzsch – viele potenzielle Hoffnungen, alle selbstverständlich stark gewettet.
Doch an diesem Tag lief nicht viel bei den Pferden von Trainer Jentzsch. Fast alle landeten im geschlagenen Feld, keiner siegte. Als wenn irgendein Virus den Stall heimgesucht hatte, so schwach waren die Leistungen der Vollblüter aus dem sonstigen Erfolgsquartier. Bis zum vorletzten Rennen: Dort kam ein Jentzsch-Pferd an den Start, das eigentlich den damaligen Bodenzustand überhaupt nicht konnte. Doch wie das häufig so ist: Dieses Pferd gewann zu lukrativen Quoten und machte diverse Wetten kaputt.
Was manchem Zocker überhaupt nicht behagte. „Herr Jentzsch, erklären Sie diese Form“, schimpfte einer von ihnen. Der Mann war richtig sauer – und wie das auf Deutschlands Rennbahnen so ist: Es ist alles überschaubar, kein Zaun trennt Aktive und Publikum. Jentzsch, der ungefähr zehn Meter entfernt stand, bekam die Reaktion mit – und schaute den Typen total ungläubig an. Als wollte er sagen: „Ich zocke doch nicht mit meinen Pferden, ich habe es doch gar nicht nötig.“ Und überhaupt: Wie kann jemand überhaupt auf die Idee kommen, dass seine Pferde nicht reell laufen würden?

Realist und Meister
Er war ein großer Trainer von Rennpferden, der Heinz Jentzsch, der am Samstag im Alter von 92 Jahren starb. Der gebürtige Berliner kam 1949 aus Hoppegarten nach Köln, fing ganz beschieden an und brach später wohl jeden Rekord im deutschen Turf. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre für den Rennsport begeisterte, war Jentzsch schon längst der Mann mit dem Abonnement auf den Championats-Titel.
Er guckte immer etwas grimmig, der Betreuer von Spitzenpferden wie Acatenango, Lando, Lirung oder Monsun. Und er war ein Mann mit festen Gewohnheiten: In Dortmund stand er im Führring immer an der gleichen Stelle, in Mülheim und Gelsenkirchen ebenfalls. Außerdem erinnert Jentzsch an eine Zeit, in dem es dem deutschen Galopprennsport noch viel besser ging und die Welt offenbar noch in Ordnung war.
„Ich bin kein Pessimist. Ich bin nur Realist unter zu vielen Optimisten, die ihre Pferde notorisch überschätzen“, zitierte Traute König in ihrem wunderbaren Buch „Laufen muss der Bagge“ den Meistertrainer. Und betitelte das ganze Kapitel mit „Der Meister von det Janze.“


Eines der besten Pferde, dass Heinz Jentzsch je trainert hat: Acatenango, hier in einem ZDF-Bericht und in Farben, in denen man nur gewinnen kann. Ab Minute 2:38 äußert sich Jentzsch zu seinem Pferd.



Donnerstag, 19. April 2012
Schlappes Real Madrid
Das war also das große Real Madrid, das am Dienstag im Halbfinale der Champions League dem FC Bayern mit 1:2 unterlag. Die Königlichen, später die selbsternannten Galaktischen – ich fand ihre Leistung äußerst irdisch. Die internationale Presse bescheinigte der Begegnung zwar große Klasse, aber überzeugten konnten nur die Münchener. Die Lobeshymnen von SAT 1-Kommentator Wolf-Dieter Fuß auf die Bayern wirkten zwar etwas übertrieben, die Spitzen auf den alten und neuen deutschen Meister Borussia Dortmund kann er sich zudem sparen.
Real Madrid spielte hingegen nur seinen Stiefel herunter. Der Ausgleich fiel glücklich, ansonsten wirkte das Starensemble reichlich uninspiriert. Allen voran Cristiano Ronaldo. Wahnwitzige 94 Millionen Euro Ablöse zahlten Real Madrid und sein neureicher Präsident Florentino Perez einst für den Portugiesen. 139 Tore in bisher 137 Spielen sind schon eine ordentliche Bilanz und unzählige verkaufte Trikots machen sich auch nicht schlecht. In München fiel CR 7 nur durch seine schlecht getretenen Freistösse auf, versteckte sich wie so häufig in wichtigen Spielen. Vielleicht lag es ja daran, dass Unbekannte ihm vor dem Spiel seine Schuhe aus der Kabine klauten.
Eigentlich spielt ja Real ja eine starke Saison in der heimischen Primera Division. Das beeindruckende Torverhältnis von 107:29, nur zwei Niederlagen und vier Punkte vor dem Erzrivalen Barca – das Team von Jose Mourinho ist also deutlich auf Kurs. In der Champions League konnte das Team bislang ebenfalls überzeugen. In München gelang das viel weniger, weil Bayern gerade im Defensivbereich sehr aufmerksam agierte. Nur Özil und Benzema sorgten für gelegentliche Lichtblicke.

Der gütige Mourinho
Noch nicht einmal im Kader von Real stand der ehemalige Dortmunder Nuri Sahin, im letzten Jahr in einer sehr starken BVB-Mannschaft einer der Besten. Bei den Königlichen ist der so spielstarke Sahin aber weit von einem Stammplatz entfernt. Das mag daran liegen, dass er verletzt nach Spanien kam und lange pausierte. Dennoch fällt er derzeit in Madrid in die Rubrik Fehleinkäufe (ebenso wie der ehemalige Münchener und gebürtige Gelsenkirchener Hamit Altintop). Ich bezweifele zudem, ob Sahin überhaupt in das Team von Jose Mourinho passt.
Der laut Eigeneinschätzung „beste Trainer der Welt“ wirkte an diesem Abend ziemlich schlecht gelaunt. Dass der Portugiese mal wieder die spanische Presse boykottierte, ist nicht neu, weil Journalisten in der Wertschätzung des Meisters nun mal ganz unten stehen. Wer mal unter seiner Regie gespielt hat, lernt aber einen ganz anderen Menschen kennen. „Sie müssen sich Mourinho wie einen Vater vorstellen. Er schützt jeden seinen Spieler“, erklärte etwa der heutige Stuttgarter Khalid Boulahrouz der Nachrichtenagentur dpa. Boulahrouz arbeitete bei Chelsea London mit dem Portugiesen zusammen.
Das knappe 1:2 bei den Bayern lässt Real aber für das Rückspiel im legendären Estadio Santiago Bernabeu alle Chancen. Es ist so und so ein ungleiches Duell: Während Bayern München (und alle anderen deutschen Mannschaften) auf schwarze Zahlen achten müssen, ist das bei Real Madrid scheinbar egal, haben kaufmännische Werte wenig Aussagekraft. Die Königlichen haben gigantische Schulden, aber für spanische Banken ist es offenbar eine Ehre, Real Madrid mit Kredite zu versorgen.



Montag, 16. April 2012
Keine Lust mehr auf das National
Am Ende trennte sie nach über sieben Kilometern gerade mal eine Nase: Neptune Collonges gewann als 34:1-Chance das Grand National gegen Sunnyhillboy und sicherte damit Champion-Trainer Paul Nicholls den ersten Erfolg in dieser denkwürdigen Prüfung. Doch das Ergebnis überschattete der Tod zweiter Pferde: Ausgerechnet der Gold Cup Sieger Synchronised sowie According to Pete starben nach Stürzen in der umstrittenen Prüfung.
650 Millionen Zuschauer sahen weltweit das „berühmteste Rennen der Welt“ – doch für viele dürfte es eher abschreckend gewesen sein. Aber selbst ich, ansonsten ein großer Anhänger des Hindernissports auf der Insel, habe derzeit keine Lust mehr auf das Grand National.
Denn trotz aller Modifikationen sind die Hindernisse zu schwer, die Distanz zu lang und mit 40 Teilnehmern das Feld zu groß. Dabei sind das erfahrene Pferde, doch selbst diese sind offenbar überfordert. Dieser Anblick, wenn stürzende Pferde durch die Luft wirbeln – ich konnte ihn schon früher nicht ertragen und kann das auch jetzt nicht.
Ein Bekannter von mir hat früher das Rennen immer als „das große Gemetzel“ bezeichnet. Er hat sich vom Rennsport inzwischen ziemlich entfernt und natürlich brechen sich auch Pferde auf der Flachen die Beine, aber dennoch hat er mit dieser zynisch klingenden Einschätzung Recht.

Geldmaschine
Wie es weiter geht? Natürlich werden sich die Verantwortlichen in Aintree um Modifikationen bemühen, aber das Grand National abschaffen? Das wird natürlich nicht passieren, allein schon aus finanziellen Gründen. Für die Buchmacher ist beispielsweise diese „britische Institution“ maßgeschneidert: großes Feld, keine klaren Favoriten, oft gewinnen Außenseiter – all diese Dinge, die die Bookies lieben. Darum ist das National quasi eine Lizenz zum Geld drucken. Es gibt zwar Stimmen wie die von Cornelius Lysaght von der BBC, die meinen, dass die Zukunft des Rennens in Gefahr sei, aber die sind in der Minderheit.
Und ob meine Lustlosigkeit in Sachen Grand National auch im nächsten Jahr noch anhält? Ich bin da eher skeptisch. Interessant sind zudem die Reaktionen der Verantwortlichen des tödlich verunglückten According to Pete. Während Besitzer Peter Nelson erklärt, dass er keine Pferde im National mehr laufen lässt, ist Trainer Malcolm Jefferson anderer Meinung: Die Verletzung von According to Pete hätte auch in jedem anderen Rennen passieren können.
Und natürlich gab es auch im National 2012 diese herzbrechenden Geschichten, wenn hartgesottene ältere Männer weinen vor Glück. „Aintree schuldete mir einen“, stammelte zum Beispiel nach dem Rennen John Hales, der Besitzer des siegreichen Pferdes. Hales bezog sich auf One Man, ein Pferd der Spitzenklasse, das in Aintree einst tödlich stürzte – allerdings nicht über die National-Hindernisse, sondern über den normalen Kurs. One Man war auch ein Schimmel – wie Neptune Collonges.