BVB-Trainer nach Noten: Von Saftig bis Krauss (Teil 1)
„Es ist Wahnsinn, dass ich das Glück habe, hier arbeiten zu dürfen“, sagt Jürgen Klopp selbst. Borussia Dortmund hat den Vertrag seines Erfolgstrainers bis 2016 verlängert – und den Kontrakt von Manager Michael Zorc gleich mit. „Mein Trainerteam und ich fühlen uns hier pudelwohl“, so Klopp. Der ehemalige Mainzer und sein Team waren ein absoluter Glücksgriff für den BVB.
Nicht immer lag Borussia Dortmund mit seiner Trainerwahl so richtig. nurpferdeundfussball hat mal die Arbeit aller BVB-Trainer der letzten 25 Jahren (besser 26 Jahre) nach Schulnoten bewertet. Kriterium sind dabei nicht nur die Erfolge, sondern auch die Attraktivität des Spiels. Zudem zählt natürlich, welche Spieler zur Verfügung standen und was mit ihnen erreicht wurde. Heute gibt es Teil 1 mit den Trainern Saftig, Köppel, Hitzfeld, Scala, Skibbe und Krauss; Teil 2 erscheint dann mit den Herren Sammer, Van Marwijk, Röber, Doll und natürlich Klopp.
Reinhard Saftig (20.4.86 – 26.6.88): Als Reinhard Saftig den Trainerposten von Pal Csernai (dessen Assistenztrainer er war) übernahm, stand Borussia Dortmund mal wieder vor dem Abgrund – wie so häufig in den 80er Jahren. Der BVB musste in die Relegation gegen Fortuna Köln und schaffte durch einen 8:0-Kantersieg im dritten Spiel in Düsseldorf den Klassenerhalt. Die große Mehrzahl der Tore fiel dabei freundlicherweise in Halbzeit 2, als wir wie viele andere BVB-Fans uns durch den Stau gekämpft hatten und das Rheinstadion endlich erreicht hatten. Was sich hier so locker anhört, hing allerdings aber am berühmten seidenen Faden, denn erst Sekunden vor Schluss gelang Jürgen Wegmann im zweiten Spiel das 3:1, dass erst das Entscheidungsspiel ermöglichte.
Jedenfalls hatte Borussia noch mal den Kopf aus der Schlinge gezogen; Dr. Gerd Niebaum wurde Präsident und während ich bei der Bundeswehr in Flensburg herumhing, ereignete sich in Dortmund Erstaunliches. Auf einmal spielte der vorherige Abstiegskandidat vorne mit und landete am Ende auf Rang 4. „Dortmund sorgte in einer eher langweiligen Saison für den einzig positiven Gesprächsstoff“, schrieb BVB-Chronist Dietrich Schulze-Marmeling. Saftig brachte Ruhe in den Verein, dazu trafen die neuen Stürmer Norbert Dickel (20 mal) und Frank Mill (17 mal) insgesamt 37 mal und avancierte der vorherige Ersatzkeeper „Teddy de Beer“ zum großen Rückhalt.
Die zweite Saison unter Saftig verlief dann nicht mehr so erfolgreich, der BVB mit den Neuen Mc Leod und Kleppinger spielte gegen den Abstieg. Immerhin überstand die Mannschaft die ersten zwei Runden im UEFA-Cup und scheiterte erst in der 3. Runde am FC Brügge. Ein Gegner, der Borussia später noch viel mehr Schmach bringen wird. Schon in dieser Spielzeit gab es einige Querelen zwischen Trainer und Routinier Mill. Saftig war ein Mann mit Prinzipien. Als Frank Mill vor der Saison 1988/89 dann BVB-Kapitän werden sollte, packte er seine Sachen. Note: 3
Horst Köppel (27.6.1988 – 1991): Unter dem Schwaben Horst Köppel ging es für den BVB weiter nach oben, zudem fällt in seine Zeit der Pokalsieg 1989. Ein Erfolg, der eine ganze Region – sofern sie denn schwarz-gelb war – elektrisierte und den BVB aus dem Dornröschenschlaf erweckte. Platz 7, Platz 4 und Platz 10 lautete die Bilanz unter Köppel und auch der Fußball war durchaus ansehnlich. Allerdings investierte der BVB kräftig in sein Team: Andy Möller, Michael Rummenigge kamen Anfang 88 bzw. Mitte 88, 1989 kehrte der legendäre Jürgen Wegmann zurück, 1990 stießen Flemming Povlsen und Gerhard Poschner dazu. Platz 10 im dritten Köppel-Jahr war aber schon ein leichter Rückschritt. Im Westfalenstadion zeigte das Team eine rätselhafte Schwäche. Note: 2,5
Ottmar Hitzfeld (1991- 1997): „Was wollen die denn mit dem“. Unverständnis herrschte in weiten Teilen Dortmunds, als der BVB den zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannten Ottmar Hitzfeld verpflichtete. Kein Wunder, denn Hitzfeld hatte bislang den größten Teil seiner Karriere erfolgreich in der Schweiz verbracht. Doch die Entscheidung für den Mathematiker, ein ruhiger und analytischer Typ, erwies sich als eine der besten Entscheidungen der Ära Niebaum. Bereits in seinem ersten Jahr spielten die Dortmunder um den Titel, lieferten sich bis zum Schluss einen spannenden Dreikampf mit Frankfurt und Stuttgart um den Titel. Dortmund machte sich schon bereit zur großen Party, da traf Guido Buchwald in Leverkusen für den VfB Stuttgart.
Doch Hitzfeld begeisterte alle in Dortmund. „Er ist der beste Trainer, den ich je hatte“, erklärte etwa Michael Rummenigge und meinte dies sowohl fachlich als auch menschlich. Im zweiten Jahr erreichte das Team immerhin das UEFA-Cup-Finale gegen Juventus Turin und dank einer etwas komischen Klausel verdiente der Verein damit richtig viel Fernsehgeld. Niebaum und Manager Michael Maier verstärkten weiter das Team und Hitzfeld war der genau der richtige Mann, die Stars bei Laune zu halten. Der Erfolg gab ihm recht: 1995 und 1996 wurde der BVB endlich wieder Deutscher Meister, 1997 holte Borussia sogar die Champions League. Und auch wenn Hitzfeld taktisch ein eher vorsichtiger Mensch war, spielte die Mannschaft teilweise sogar durchaus attraktiv. Note: 1
Nevio Scala (1997- 1998): Hitzfeld wollte den Umbruch, weil seine Mannschaft schon in der Saison des Champions League-Triumphes ihre beste Zeit hinter sich hatte. Doch nach dem Erfolg von München wollte Präsident Niebaum die Helden von München nicht verjagen. Der Erfolgstrainer wurde Sportdirektor, die Mannschaft blieb fast unverändert und das Amt des Trainers übernahm der Italiener Nevio Scala. Der hatte vorher erfolgreich den AC Parma trainiert, galt schon damals als Konzepttrainer und überhaupt Italien: Die Serie A hatte in den 90er Jahren den Ruf, das taktische Nonplusultra zu sein. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur Platz 10 in der Liga, die Mannschaft überaltert, ihr Fußball wirklich grauenhaft. In dieser Spielzeit war es, dass ich zum ersten Mal nach 15 Minuten das Westfalenstadion verlassen habe, weil ich nicht mehr daran geglaubt hatte, dass Dortmund einen Rückstand aufholt. Immerhin schaffte der BVB den Einzug ins Halbfinale der Champions League und gewann gegen die Brasilianer von Belo Horizonte den Weltcup. Note: 4,5
Michael Skibbe (1998 – 07.02.2000): Nach dem Welttrainer Scala versuchten es die Dortmunder Verantwortlichen mal mit einer anderen Lösung. Michael Skibbe hatte erfolgreich den Dortmunder Nachwuchs trainiert und sollte das nun bei den Profis fortsetzen. Die Mannschaft war im Umbruch, die Helden von München waren zum größten Teil nicht mehr da. Doch Pech für Skibbe: Viele der neuverpflichteten Spieler wie Salou, Barbarez, Nerlinger, Hengen oder Häßler enttäuschten. Warum allerdings Skibbe einem Spieler wie Thomas Häßler regelrecht ignorierte, wird sein Geheimnis bleiben.
Jedenfalls wirkte der bei Amtsantritt gerade einmal 33jährige oft überfordert, ein System war nicht unbedingt zu erkennen. Immerhin reichte es im ersten Jahr noch zu Platz 4. In der nächsten Saison begann der BVB stark und führte sogar die Tabelle an. Doch die Leistungen wurden immer schwächer, die Zuschauer pfiffen regelmäßig und nachdem der Rückrundenauftakt gegen Lautern verloren ging, entließen die Verantwortlichen Michael Skibbe – zu einem völlig unpassenden Zeitpunkt. Note: 4
Niemals geht man so ganz: Nach seiner Zeit in Dortmund erlebte Michael Skibbe einige Stationen als Trainer, unter anderem war er Assistent von Rudi Völler bei der Fußball-Nationalmannschaft. Bis Dezember 2011 trainierte er den türkischen Erstligisten Eskisehirspor (mit Dede), bevor es ihn jetzt zu Hertha BSC Berlin zog. In der Türkei hinterließ er aber einige Freunde.
Bernd Krauss (8.2.2000 – 13.04.2000): Der gebürtige Dortmunder Bernd Krauss, groß geworden beim Vorortverein SV Schüren 10 (heute BSV Schüren), hatte eigentlich in Mönchengladbach schöne Erfolge gefeiert. Doch seine zweimonatige Zeit als BVB-Trainer wurde zu einem einzigen Fiasko. International gab es zwei Demütigungen im UEFA-Cup gegen die starken Türken von Galatasaray Istanbul; in der Bundesliga lautete die Bilanz 0 Siege, 4 Remis und sieben Niederlagen. Drei Jahre nach dem Erfolg in der Champions League trudelte der stolze BVB in Richtung 2. Liga. Nach einem deprimierenden 1:3 gegen die SpVg. Unterhaching musste Krauss dann gehen – und mit Altmeister Udo Lattek und Ex-Spieler Matthias Sammer rettete sich Dortmund. Der arme Bernd Krauss hat danach keinen einzigen Trainerjob in Deutschland gehabt. Note: 6
Schöner Tribut der Herzblutborussen an Stephane Chapuisat
„Legendäre Legionäre“ heißt es seit einiger Zeit im Fachmagazin kicker. Diese Woche interviewte das Zentralorgan des Deutschen Fußballs Stephane Chapuisat. Für die jüngeren: Der Schweizer Stürmer spielte von 1991 bis 1999 bei Borussia Dortmund und erzielte in 228 Bundesligaspielen 106 Toren. Damit liegt er – gemeinsam mit Ailton – auf Rang 3 der erfolgreichsten ausländischen Torschützen in der Bundesliga. Nur Claudio Pizarro (150 Tore) und Giovane Elber (133 Tore) waren noch besser.
Leider gibt es das Interview nur in der gedruckten Version des kickers, online findet sich nur dieser Ausschnitt. Aber ich finde es auch etwas enttäuschend, jedenfalls waren manche Folgen der Vorwochen – zum Beispiel das Gespräch der Vorwoche mit dem ehemaligen Kölner Roger van Gool – deutlich ergiebiger.
Das mag aber auch daran liegen, dass Chapuisat eigentlich nie der große Interviewpartner war und in seiner aktiven Zeit um die meisten Journalisten einen großen Bogen machte. „Der Mann für die dicken Schlagzeilen war ich nie“, sagt er selbst im Gespräch.
Chapuisat spricht unter anderem über die damalige Rivalität mit dem FC Bayern. Da gab es nicht nur den legendären Kung-Fu-Tritt von Oliver Kahn, auch Mehmet Scholl klebte „Chappi“ 1996 eine und regte sich darüber auf, dass Chapuisat wie ein „Lämmchen aussehe“, aber seine Kontrahenten dauernd kneife, anspucke und in den Rücken trete.
Fressen oder gefressen werden
Ja, der gute Mehmet, er firmierte bei allen technischen Qualitäten auch immer in der Kategorie Heulsuse. „Wer als Stürmer provoziert wird, muss sich wehren. Ein Stürmer muss sich wehren. Sonst wird er gefressen“, sagt der Schweizer im kicker-Gespräch.
Fakt ist jedenfalls, dass Chapuisat einer der besten Stürmer war, den ich je im schwarz-gelben Dress gesehen habe. Vielleicht war Manfred Burgsmüller ähnlich schlitzohrig, aber „Chappi“ war schon eine Hausnummer. Technisch unheimlich versiert, wirkte sein Spiel von der Tribüne aus immer etwas behäbig. Dabei war er richtig antrittsschnell, nur kam das nie so rüber. Und Chappis Tore sahen immer nach Stil aus, manche Erfolge wirkten sogar richtig elegant.
Zudem stand er häufig einfach nur richtig, verfügte über den berühmten Torinstinkt – etwas, was ein Spieler nicht lernen kann. In dieser Form habe ich das erst wieder bei Lucas Barrios gesehen, der einen ähnlichen Torriecher hat.
„Wir hatten mehr Spieler, die den Unterschied ausmachen konnten. Das Team ist heute vor allen als Mannschaft stärker“, antwortet Chapuisat auf die Frage, ob das „Dortmunder Starensemble von damals gegen die Dauerrenner von heute eine Chance hätte.“ Aber er räumt auch ein, dass solche Vergleiche hinken.
Und ich rege mich wieder über den Begriff „Dauerrenner“ auf. Weil die aktuelle BVB-Mannschaft zwar viel läuft, aber auch hervorragend spielt – zu sehen am Samstag gegen Hoffenheim. Die ersten 60 Minuten waren brilliant – läuferisch und spielerisch. Nur mit blinder Athletik werden keine Spiele gewonnen, der Begriff Dauerrenner suggeriert das aber.
Die Angst geht um beim einstigen Dorfverein, selbst Macher Dietmar Hopp ist besorgt. „Hoffentlich gehen wir am Samstag in Dortmund nicht unter. Dann wird es wackelig“, fürchtet der Gründer des Software-Giganten SAP und Sponsor von 1899 Hoffenheim. Hopps Bedenken wirken nicht ganz deplaciert: Der einstige Torjäger Vedat Ibisevic nach Stuttgart verkauft, der Rückrundenauftakt gegen Hannover schwach, die Leistungen davor auch nicht gerade überragend – Zuversicht manifestiert sich anders.
In der Tabelle sieht es mit Platz 8 rechnerisch nicht schlecht aus, zumal es nur sechs Punkte Rückstand auf die Euro League-Position 6 sind. Andererseits: Auf den Relegationsplatz 16 sind es jedoch auch nur sechs Punkte Vorsprung. Kein Wunder, dass Trainer Holger Stanislawski gegensteuert. „Ich habe das Gefühl, dass dieser Verein schon untergegangen ist", erklärte er am Donnerstag.
Am Samstag geht es nun nach Dortmund zum BVB, dem mit dem 5:1 beim HSV ein Rückrundenauftakt nach Maß gelang. Es ist ein Duell mit einigem Zündstoff: 1899 Hoffenheim ist für viele Dortmunder Fans ein rotes Tuch und nach Schalke vielleicht der meist verhasste Klub der Bundesliga.
Besonders nach den Vorfällen aus dem Hinspiel in Sinsheim: Natürlich ist es geschmacklos, die Mutter von Dietmar Hopp zu verunglimpfen. Die Revanche mit dem schönen Namen „Pieepgate“ war aber auch nicht die feine Art. Das letzte Wort ist darüber zudem noch nicht gesprochen.
Der Traum eines jedes Sponsors
Kaum ein deutscher Verein ruft so viel Zorn in Fankreisen hervor wie der einstige Dorfverein, der mit den Geldern des erfolgreichen Unternehmers Hopp den Sprung von der Kreisliga bis in die Bundesliga schaffte. Viele Argumente – zum Beispiel dieses Gastautors vom BVB-Fanportal schwatzgelb.de – unterschreibe ich sofort, aber manches ist leider auch ziemlich weg von der aktuellen Welt des Profifußballs.
„Wettbewerbsverzerrung“ zum Beispiel klingt plausibel, aber auch naiv: Der gesamte professionelle Fußball ist eine einstige Verzerrung, der Starke frisst dort oftmals mit fremden Geld den Schwachen. „Financial Fairplay“ klingt schön; ich hoffe, dass die Bemühungen der UEFA Erfolg haben. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass die UEFA zum Beispiel Real Madrid aus Gründen des Financial Fairplays die Teilnahme an der Champions League verhindert.
Jedenfalls ist Hoffenheim zwar ein ziemlicher Plastikklub, aber es gibt viel schlimmere Zeitgenossen als Dietmar Hopp, die ihr Geld in Fußballvereine stecken – dieser zum Beispiel.
Sportlich ist die einstige TSG ein richtiger Angstgegner für den BVB. Gegen keinen andere Mannschaft hat Borussia in der Klopp-Ära so eine schlechte Bilanz. Im letzten Gastspiel in Dortmund hielt Hoffenheim lange Zeit ein 1:0, spielte eine Halbzeit ganz stark, stellte sich danach aber nur noch in die Defensive und kassierte den verdienten Ausgleich durch einen Freistoß von Antonio da Silva in der Nachspielzeit. Danach spielten sich unglaubliche Jubelszenen auf Dortmunds Südtribüne ab.
Zweimal Platz 11, einmal Platz 7 lautet die Hoffenheimer Bilanz nach drei Jahren Bundesliga. Eigentlich nicht schlecht, musste der Verein als Aufsteiger doch nie gegen den Abstieg kämpfen. Dennoch herrscht Ernüchterung im Jahr 4. Viele erinnern sich an das erste Halbjahr der Saison 2008/2009, als 1899 mit Trainer Ralf Rangnick und spektakulärem Fußball die Liga rockte und lange Zeit Tabellenführer war. Einer der herausragenden Spieler hieß Vedad Ibisevic, der traf damals wie er wollte. Seine Sturmkollegen hießen Demba Ba und Obasi – beide sind inzwischen nicht mehr in Hoffenheim. Ibisevic verletzte sich zudem schwer in der Winterpause; in der Rückrunde endete dann auch der Hoffenheimer Höhenflug sehr schnell.
Nachtrag 27.1.
Großer Imageschaden: Dietmar Hopp im Interview mit Der Westen, dem Online-Portal der WAZ-Gruppe.