Montag, 23. Januar 2012
Wettkrise
Nehmen wir einmal an, ich wäre der deutsche Pricewise, die heimische Version von Tom Segal aus der Racing Post. Regelmäßig würde ich hier in dieser Kolumne ein paar Pferdewetten für das Wochenende ansagen – und Sie würden diesen ergeben folgen, weil diese so erfolgreich sind. Dann hätten Sie aktuell ein Problem: Es geht derzeit nämlich gar nichts. Seit Weihnachten läuft erfolgsmäßig kaum noch etwas. Dabei habe ich ansonsten eine ordentliche Bilanz in englischen Hindernisrennen– auch wenn es mal schwächere Perioden gab. Die letzte liegt jedoch schon längere Zeit zurück.
Das letzte Wochenende war typisch. Wobei die letzte Folter erspart blieb. Besonders grauenhaft ist es, wenn die Siegtipps nur knapp geschlagene Zweite werden. Am letzten Samstag liefen meine Pferde aber weit hinterher.
Dabei könnte ich zurzeit jeden Wettgewinn gut gebrauchen, zumal auch noch meine Waschmaschine am Wochenende den Geist aufgegeben hat. Aber wie das so ist: Wenn es gut im Leben läuft, läuft es auch auf der Rennbahn gut – umgekehrt gilt das ebenso.
Die Malaise begann im ersten Rennen in Ascot, als Bunclody stürzte. Im vierten Rennen schwankte ich zwischen Joseph Lister und Smad Place. Die Wahl fiel auf Joseph Lister auch wegen der angeblich besseren Quote, zudem sagte Trainer Alan King in der Racing Post, dass Smad Place das Rennen wahrscheinlich noch benötigt. Er sagte aber auch, dass sein Schützling dennoch gut laufen würde. So war es dann auch: Smad Place gewann, der als Favorit herunter gewettete Joseph Lister wurde
Vierter
.

Endlich Somersby
Die nächste Enttäuschung trug den Namen Wishfull Thinking, der diesmal völlig chancenlos in der Victor Chandler Chase gegen Finian’s Rainbow blieb. Es siegte mein alter Freund Somersby, im letzten Jahr immerhin hier für die Champion Chase in Cheltenham angesagt. Die gewann der Wallach natürlich nicht.
Die nächste Demütigung folgte in Gestalt von All for Free. Der Wallach war eigentlich mein bester Tipp des Tages, weil er vor 14 Tagen in Sandown so lief, dass ihm die längere Strecke Strecke in Ascot eigentlich passen müsste. Aber grau ist alle Theorie: „Nie dabei“ stand im Rennkommentar und folgerichtig endete All for Free geschlagen im Feld.
Und auch The Sawyer blieb in der Peter Marsh Chase in Haydock letztlich chancenlos. Das war aber auch ein sehr schweres Rennen und der Tipp eher Ausdruck von Hoffnung als von sauberer Analyse. Und so ging es die Wochen zuvor auch immer.
Es gewann übrigens According to Pete. Das war der Pricewise-Tipp und damit setzte Tom Segal seine Serie der letzten Wochen fort. Ist ja auch ein guter Mann, beschäftigt sich ja den ganzen Tag mit nichts anderem. Aber selbst er hat Zeiten, an denen gar nichts geht.
Das letzte richtige Erfolgserlebnis hatte ich hingegen am 19. Dezember auf der Dortmunder Sandbahn: Da hatte ich mich ungeduscht nach dem Sport an den PC gesetzt, in Dortmund stand gerade das erste Rennen mit dem schönen Namen „Galopp 2011 – das Rennjahr auf DVD“ auf der Karte. Es war für dreijährige Pferde, es gab mit Nautika Danon einen klaren Favoriten und den habe ich mit Knock Out im Einlauf für zwei Euro hin und zurück kombiniert. Der 105:10-Schuss Knock Out gewann, der „Heiße“ wurde Zweiter und der Einlauf zahlte sensationelle 360. Also nicht mehr duschen!



Mittwoch, 18. Januar 2012
Wenig Interesse am Afrika Cup 2012
Nicht nur die deutschen Profiligen starten am Wochenende. Auch der African Cup of Nations 2012, die Kontinentalmeisterschaft Afrikas, beginnt am 21. Januar mit den Spielen Aquatorialguinea gegen Libyen und Senegal gegen Sudan. Zwei Nationen spielen diesmal den Gastgeber: Gabun und Äquatorial-Guinea.
In Deutschland war das Interesse an der afrikanischen Meisterschaft auch mal größer. Selbst das Fachblatt kicker sportmagazin verzichtete am Montag auf eine Vorschau, irgendwann vor einigen Wochen hatten sie mal ein Interview mit Gernot Rohr, dem deutschen Trainer von Gabun, im Heft. Auch bei dem international sehr gut aufgestellten Portal Spox habe ich bis heute noch nichts darüber gelesen.
Kein Vergleich zu früheren Jahren: Die WM in Südafrika ist längst Geschichte, der afrikanische Fußball stagniert bestenfalls und die Probleme sind geblieben. Zudem hält sich der Anteil der in Deutschland spielenden Profis in Grenzen. Immerhin sind wir dank unserer Freunde von Eurosport, die schon seit Ewigkeiten übertragen, mit am Ball.

Wer fehlt
Das europäische Desinteresse mag auch daran liegen, dass bekannte Länder diesmal bereits in der Qualifikation scheiterten: Nigeria zum Beispiel, einst von manchen Experten nach ihrem starken WM Debüt in den USA und dem Olympiasieg 1996 in Atlanta als zukünftiger Weltmeister gehandelt, blieb hinter Guinea.
Oder Kamerun, das Land, das bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien den afrikanischen Fußball quasi auf die Landkarte brachte. In der Qualifikation erwies sich der Senegal als zu stark für die einstigen unzähmbaren Löwen. Kamerun und Nigeria enttäuschten jedoch schon bei der WM in Südafrika, so überraschend ist ihre Nicht-Teilnahme nach den letzten Ergebnissen nicht.
Und dann war da noch die Gruppe G unter anderem mit Ägypten und Südafrika. Die Pharaonen waren zuletzt dreimal in Folge Gewinner des Afrika Cups, komischerweise konnten sie diese Erfolge außerhalb Afrikas nie wiederholen, weil sie in der WM-Qualifikation regelmäßig scheiterten. Jetzt ist die Mannschaft im Umbruch und war mit 5 Punkten in der Qualifikation chancenlos. Der WM-Gastgeber schaffte wie der Niger und Sierra Leone 9 Punkte, der Niger setzte sich aufgrund der besseren Tordifferenz in den direkten Duellen durch.

Favoriten
Erst einmal ist es hier aus Europa wahnsinnig schwer, das Niveau vieler afrikanischer Teams einzuschätzen. Mannschaften wie die Gastgeber-Nationen Gabun und Äqauatorial-Guinea, aber auch der Sudan, Burkina Faso, Niger oder Guinea sind quasi fußballerische Wundertüten. Oder Botswana, die holten in der Qualifikation immerhin 17 Punkte mit der minimalistischen Tordifferenz von 7:3 – lebt der Catenaccio noch? Die klangvollsten Namen spielen immer noch bei der Elfenbeinküste und Ghana (auch wenn dort Kevin- Prince Boateng fehlt). Erstere haben allerdings trotz ihrer großen Namen eigentlich noch nichts richtig gewonnen. Mir gefällt am besten der Senegal, das Team mit dem Neu-Newcastler und Alt-Freiburger Papiss Demba Cisse und dem schon länger im St. James-Park aktiven Demba Ba. „Die Löwen von Teranga“ absolvierten eine souveräne Qualifikation und blieben dort ungeschlagen. Vielleicht erfolgt jetzt die Krönung.

Niveau
Es wird wahrscheinlich wieder so sein: In den meisten Spielen werden sich die Akteure belauern, keine möchte einen Fehler machen. Das Ergebnis sind dann Spiele, die sich quasi 25 Meter vor und 25 Meter nach der Mittellinie abspielen und in denen Tore Mangelware sind. Aber dann kommt einer dieser wunderbaren afrikanischen Torhüter, macht einen unglaublichen Fehler – und dann wird Fußball gespielt, weil sich eine Mannschaft öffnen muss. Und technisch sind die meisten afrikanischen Spieler – Klischee hin und her – immer noch eine Augenweide.

Zwei Linktipps
Ein umfangreiches deutschsprachiges Angebot gibt es hier.

Die potenziellen Stars des Cups.

Nachtrag 20.1
Da habe ich die Bibel des deutschen Fußballs aber zu Unrecht getadelt: Das kicker sportmagazin hat natürlich einen Vorbericht zum Afrika Cup im Heft, nur eben erst am Donnerstag. "Attacke der Black Stars" titelt das Fachmagazin, der Text ist aber deutlich besser als die Überschrift. Zudem enthält er einige sehr interessante Infos. Im Teilnehmerland Niger wurde beispielsweise aufgrund der Versorgungskrise gar zu Spendenaktionen aufgerufen, um die Fußballer halbwegs genährt und professionell zur Endrunde schicken zu können. Probleme, die hier im reichen Westeuropa unvorstellbar sind. Und wenn schon diese Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind, wie kann der Beobachter da eine funktionierende Infrastruktur erwarten?



Donnerstag, 12. Januar 2012
Der Wunsch nach dem deutschen Cambridgeshire
Es geht wieder aufwärts mit dem deutschen Galopprennsport – zumindest wenn man die Umsatzzahlen 2011 betrachtet. Nur völlige Schönredner werden jedoch von einer Kehrtwende sprechen: Zum einen gab es im Vergleich zu 2010 wieder zwei Veranstaltungen in Baden-Baden/Iffezheim, zum anderen befindet sich der Umsatz seit Jahren im Tiefflug. 2003 waren es etwa laut Direktorium für Vollblutzucht und Rennen beispielsweise noch 81 Millionen Euro (45 Mio. Bahn, Außen 36 Mio. Euro – Quelle Sport-Welt Spezial 2004).
Zudem ist der Begriff Umsatz in diesem Fall nicht ganz richtig: Die Zahl, die das Direktorium nennt, ist der Totalisatorumsatz. Was beim Buchmacher oder im Internet sonst noch auf deutsche Rennen gewettet wird, weiß kein Mensch.
Die Zahlen wie vor 20 Jahren wird der deutsche Turf aber nicht mehr erreichen. Dafür ist die Konkurrenz inzwischen zu stark: Fußballwetten sind – Glückspielgesetz hin und her – weiter stark im Kommen. Galopp-Insidern bieten die Galopprennen aus Frankreich und England attraktive Möglichkeiten.
Gerade gegenüber Letzteren ist das deutsche Produkt namens Pferdewette nicht wettbewerbsfähig. Wenn ich an mein eigenes Wettverhalten denke, dann hat sich das in den letzten zwanzig Jahren drastisch verändert. Zu Beginn habe ich fast nur auf deutsche Rennen gewettet, heute ist das Verhältnis 90:10 zugunsten der englischen Rennen (Frankreich ist nicht so mein Ding).

Cheltenham statt Dortmund
Die Gründe liegen auf der Hand: Die englischen Hindernisrennen auf den Top-Bahnen im Winter sind um ein Vielfaches interessanter als die deutschen Winterrennen in Neuss und Dortmund. Obwohl ich in Dortmund wohne, war ich in diesem Jahr noch kein einziges Mal bei den Sandbahnrennen. Einmal werde ich mit Sicherheit noch hingehen, aber mehr auch nicht. Ähnlich war es in den Vorjahren.
Was soll ich denn da auch wetten? Irgendwelche Handicaps der unteren Kategorie mit hoher Plusskala und wenig Formpferden? Völlig uninteressant, zumal in diesen Rennen mal der mit 20 Längen vorne ist und in der nächsten Woche ein anderer Teilnehmer mit Riesenabstand gewinnt.
Da mache ich doch lieber ein paar Siegwetten in Cheltenham oder Sandown. Die Rennen dort sind zwar schwierig, aber in den heutigen Internetzeiten kann ich auf ein Vielfaches an Informationen zurückgreifen. Außerdem stimmen die Quoten.
Im Sommer sieht es ähnlich aus, obwohl die deutschen Rennen dann natürlich viel interessanter sind. Die Zeiten, an denen ich jeden Sonntag auf einer deutschen Galopprennbahn war, sind längst Vergangenheit. Samstags allerdings bin ich meist mit englischem Rennsport beschäftigt. Weil das Wettangebot – siehe oben – dort einfach viel attraktiver ist.
Was ich in Turf-Deutschland am meisten vermisse? Diese guten Handicaps der Kategorien 1 und 2. Was waren das früher für schöne Rennen, ein Ausgleich 1 wie der Große Preis der Stadt Mülheim, gespickt mit Formpferden. Diese Pferde laufen heute leider für bessere Preisgelder in Frankreich. Wenn ein Ausgleich 1 und Ausgleich 2 ausgeschrieben wird, finden diese oft nicht statt, da die Pferde fehlen, weil die Preisgelder in Deutschland zu gering sind.
Das ist alles ein Luxusproblem, kann man jetzt aus deutscher Sicht argumentieren. Die Rennvereine haben schon genug andere Baustellen. Das ist richtig, nur in England gibt es dafür auf der Flachen fast jeder Woche ein Top-Handicap. Das ist im Interesse der großen Buchmacher, weil diese eben von möglichst offenen Rennen profitieren. Denn dort werden die Umsätze gemacht. Wo bleibt also das deutsche Cambridgeshire?

Nachtrag: Im aktuellen Newsletter von Turf Times kann der Interessent noch einmal die statistischen Zahlen zum deutschen Rennsport 2011 nachlesen. Wer ihn noch nicht bekommt, erhält ihn hier.