Donnerstag, 16. Februar 2012
Lollo und Immi halten die Kutten-Flagge hoch
Es ist stets das gleiche Ritual so gegen Ende des Programms. Ein Mann in den besten Jahren, ordentlicher Bauch, schwarzgelbes Stirnband und Jeansweste, betritt die Bühne und blickt in die Runde. Und dann kommt die bekannte Frage: „Schalker hier?“ Dann meldeten sich irgendwelche Versprengte aus den hinteren Bereichen des Saales und die schaut dann unser BVB-Fan Immi erstmal böse an. Er ist einer der „Zwei vonna Südtribüne“, wichtiger Bestandteil des Ruhrgebiets-Karnevals Geierabend. Etwas später kommt dann Lollo auf die Bühne. „Wo wahrse so lange“, fragt Immi im Slang des Ruhrgebiets. „Abitur machen“, nuschelt Lollo. Und dann wird die erste Bierflasche aufgemacht.
Die zwei BVB-Fans – gespielt von Hans Martin Eickmann und Franziska Mense-Moritz – stehen sonst auf der Südtribüne, der berühmten Tribüne im Dortmunder Signal-Iduna-Park (einst Westfalenstadion), wo der Hardcore-Anhang des amtierenden deutschen Fußballmeisters sich versammelt. Immi und Lollo philosophieren schon seit Ewigkeiten (1992 gab es den ersten Geierabend) über Borussia Dortmund – natürlich im Ruhrgebiets-Dialekt. Die Nummer ist aus dem Geierabend eigentlich nicht mehr wegzudenken, im Sommer 2011 gab es sogar ein eigenes Soloprogramm.

Bier ist unser Gemüse
Meistens hat Immi das große Wort. Von wegen alles friedlich im schwatzgelben Revier: Beim Geierabend 2012 ging es um das Scheitern des BVB in der Champions League; Immi verglich das mit der Angst, die er als Kind vor dem Nikolaus hatte, wenn er ein Gedicht aufsagen sollte. Die etwas tumb wirkende Lollo offenbart erstaunliche Einsichten. „Das Denken wird überschätzt“ philosophiert sie etwa.
Es wird ordentlich gezecht. „Nehma noch einen“, fragt Lollo, „Jaah sicher“ antwortet Immi und dann kommen Sprüche wie „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ oder „Bier ist unser Gemüse“.
Erstaunlicherweise halten die beiden ihr Niveau über die Jahre. Natürlich sind sie reichlich klischeehaft, aber sie treffen schon einen gewissen Typen, der auf der Südtribüne präsent ist. Und vielleicht werden Immi und Lollo mal die letzen Kutten-Fans in Dortmund sein.
Denn die Fans mit der markanten Jeansweste und den vielen Stickern kommen in die Jahre. Diese Anhänger stammen offensichtlich aus einer anderen Zeit. In den 70er und 80er Jahren war der Fußball noch nicht so angesagt, kamen nicht gefühlte 90 Prozent der Stadionbesucher im Trikot. Nur der Hardcore-Fan trug das Dress seines Klubs, dazu gerne mehrere Schals – und eben Kutte.
Auf den „normalen“ Tribünenbesucher wirkten diese Fans immer etwas asozial. Sie waren laut, tranken Alkohol in Unmengen und traten oft in Gruppen auf.
Kuttenfans litten mit ihrem Verein, sie waren die treuesten Fans und kamen auch, wenn es sportlich mal nicht so lief und die Schönwetter-Anhänger sich anderen Dingen widmeten. Sie dominierten eindeutig die Fanszene. Den Kuttenträger traf man auf der Stehtribüne, meist war er männlich – Frauen waren eher die Ausnahme. Auch die Hooligans kamen in den 70er und 80er Jahren aus der Kuttenszene, erst später bestimmten Leute ohne Vereinszeichen die gewalttätige Szene.
Heute sind die Kuttenträger in die Jahre gekommen, manche sind schon über 50 und haben sich auf die besseren Plätze zurückgezogen. Die Ultras mit ihren Ritualen bestimmen die Fankurven. Doch auch auf der Dortmunder Südtribüne gibt es immer noch die Leute mit den markanten Westen – wie Lollo und Immi.



Donnerstag, 9. Februar 2012
Entdecke deinen Lieblingsclub
Wie finde ich den richtigen Bundesliga-Club? Für uns Hardcore-Fans, die ihre Anhängerschaft quasi mit der Muttermilch eingesogen haben, ist das kein Thema – aber für all die Menschen im Lande, die auf einmal den Fußball entdeckt haben, weil er angesagt ist, gibt es jetzt eine nette Hilfe. Sie kommt aus England, erschien auf der Seite mit dem schönen Namen Inbedwithmaradona und ist – sagen wir es einmal so – etwas verwunderlich.
Aber manchmal sind die Hinweise ganz treffend, zum Beispiel beim FC Bayern. Bei Borussia Dortmund weiß ich allerdings nicht so, am besten gefallen mir aber die Fragen für den 1.FC Köln: Wenn Bier trinken in verrückten Kostümen besser ist als Fußball gucken und das Leben ein chaotischer Mist ist, dann ist der FC die richtige Wahl.



Dienstag, 7. Februar 2012
Egon wird Rentner
Egon hört auf. Der Wallach aus dem Stall Domstadt hat seine Rennlaufbahn beendet und wird Reitpferd. Nun verlassen in jedem Jahr unzählige Rennpferde den Rennstall und meist schreibt auch diese Kolumne nichts darüber. Besonders wenn die Neu-Pensionisten zwar ordentliche, aber eben keine überragende Rennpferde waren.
Auch Egon gehörte zu obiger Kategorie – seine Renndaten kann man hier noch einmal nachlesen. Seine beste Leistung war Platz 4 im Union-Rennen, doch so ganz schaffte es der Wallach mit den markant weißen Beinen nicht in die Jahrgangsspitze.
Die Faszination lag anderweitig: „Das Besondere an Egon war das augenzwinkernde Selbst-Marketing, das sein Besitzer zunächst auf einer eigenen Webseite, später zusätzlich auf einer Egon gewidmeten Facebook-Seite betrieb“, schreibt Turf-Times – und dem lesenswerten Artikel ist eigentlich wenig hinzufügen.
Vielleicht noch, dass die Internet-Seiten und der Facebook-Auftritt einfach nur gute Laune in die ansonsten vielfach schlecht gelaunte deutschen Turf-Community brachten. Zudem besitzen nur wenige die Fähigkeit, über sich selbst auch mal zu lachen – besonders im Rennsport, der doch so eine ernste Angelegenheit ist. „Deutschland braucht mehr Egons“, schrieb diese Kolumne einst. Dieser Satz gilt heute noch.



BVB-Trainer nach Noten (Teil 2): Klopp ist der Beste
Teil 2 unserer kleinen Spielerei, die Trainer von Borussia Dortmund zu bewerten. Diesmal geht es um die Jahre 2000 bis heute, von Matthias Sammer bis Jürgen Klopp – dem Meistertrainer 2002 und dem Meistertrainer 2011. Fazit: Klopp ist der beste Dortmunder Trainer – trotz des großartigen Ottmar Hitzfeld.

Matthias Sammer (2000-2004): Über seine Tätigkeit als BVB-Trainer gehen in Dortmund die Meinung ziemlich auseinander. Ich gehöre zu der Fraktion, die Sammer für einen hervorragenden Fußballer halten, seine Trainerfähigkeiten aber nicht besonders schätze. Natürlich muss man Abstriche machen, weil es sein erster Trainerjob war. Dabei fing alles sehr gut an: Platz 3 im ersten Jahr war völlig in Ordnung, zumal die Truppe das Jahr vorher fast abgestiegen war. Ein Jahr später folgte die Meisterschaft: Niebaum/Meier hatten die Mannschaft noch mal kräftig aufgerüstet, unter anderem kamen Rosicky, Koller und Amoroso. Sammer hatte nun ein starkes Team von Individualisten, das um den Titel spielen musste. Die Mannschaft enttäuschte nicht, dennoch wäre man nie Meister geworden, wenn Leverkusen nicht auf einmal Angst vor dem Erfolg bekommen hätte.
Danach ging der Spaß verloren: Amoroso zickte, Rosicky quälte sich mit ungeliebter Defensivarbeit, die Spiele wurden generell immer unansehnlicher. Auch weil Sammer im Laufe der Zeit zu einem regelrechten Defensiv-Propheten wurde. 2003 verspielte die Mannschaft die direkte Qualifikation zur Champions League und scheiterte später in der Qualifikation am FC Brügge. Die ersten Geschichten über die bedrohliche Finanzlage tauchten auf, die Stimmung im Stadion wurde immer schlechter. In der Spielzeit 2003/2004 landete selbst der kleine Reviernachbar VfL Bochum vor dem BVB – und das war verdient. Zum Glück endete dann die Trainer-Ära Matthias Sammer.
Note: 3,5

Bert van Marwijk (2004 – 19.12.2006): Eines muss man Bert van Marwijk zu gute halten: Er übernahm das Team in einer der schwierigsten Situationen der Vereinsgeschichte und war eigentlich unter ganz anderen Voraussetzungen zum BVB gekommen. Tag für Tag wurde sein Gesichtsausdruck immer finsterer, zumal die Mannschaft eine ganz schlechte Vorrunde spielte, Es gab sogar Fanproteste nach der Heimniederlage gegen den HSV, bei denen die besten Anhänger der Liga Spieler wie Roman Weidenfeller und Sebastian Kehl heftig kritisierten. Doch wie das so häufig im Leben ist: Mit dem Rücken zur Wand lief es auf einmal unerwartet gut. Die Fans solidarisierten sich mit dem gebeutelten Verein und die Mannschaft dankte es mit einer ganz hervorragenden Rückrunde. Ohne die großen Stars funktionierte das Team auf einmal und gewann sogar nach Ewigkeiten mal wieder ein Revierderby.
Doch der Aufwärtstrend hielt nicht an. Platz 7 im Jahr danach hört sich zwar ganz ordentlich an, aber richtige Fortschritte waren nicht zu erkennen. Noch schlimmer wurde es 2006/2007: Platz 7 nach der Hinrunde klingt schlecht nicht, doch die Unzufriedenheit mit van Marwijk wuchs, weil die Spielweise so unattraktiv war. Nach der 1:2-Heimniederlage am letzten Spieltag der Hinrunde protestierten die Fans – van Marwijk wurde entlassen.
Note: 4

Jürgen Röber (19.12.2006 – 12.03.2007): Eigentlich begann es für Jürgen Röber als Nachfolger von Bert van Marwijk optimal: Er startete mit einem 3:2-Sieg gegen den FC Bayern. Allerdings gewann in dieser Saison fast jeder gegen die Münchener und so täuschte dieser Erfolg auch. Danach gab es nur noch einen weiteren Erfolg, ansonsten hagelte es Niederlagen. Was noch schlimmer war: Die Mannschaft spielte völlig desolat. Der Vorstand zog die Notbremse und entließ Röber schon im März nach einem 0:2 beim Nachbarn Bochum.
Note: 6


"Da lach' ich mir doch den A...ab": die berühmte Wutrede des Thomas Doll aus dem Jahre 2008

Thomas Doll (13.03.2007 – 19.05.2008): Immerhin schaffte Doll als Röber-Nachfolger noch den Klassenerhalt, doch überzeugend war seine Periode als BVB-Trainer nicht. Der Dortmund-Fan vergibt zwar viel, wenn am Ende einer ansonsten verkorksten Saison der Erzrivale Schalke geschlagen wird und damit königsblaue Meisterträume weiter Träume bleiben. Doch diese Begegnung stand exemplarisch dafür, wie Dortmund in dieser Zeit agierte: Übervorsichtig und nur auf die Fehler des Gegners wartend. Spielerisch brachte auch das Spieljahr 2007/08 keine Fortschritte. Immerhin erreichte Dortmund dank viel Losglück das Pokalfinale, dennoch war es ein enttäuschendes Jahr mit teilweise grauenhaften Leistungen. Ein Fazit dieser Zeit: Hervorragende Fußballer – wie es Thomas Doll einst war – müssen nicht unbedingt gute Trainer sein.
Note: 4,5

Jürgen Klopp (01.07. 2008 - ….): Das mit den Glücksgriffen ist so eine Sache, aber die Verbindung zwischen Jürgen Klopp und Borussia Dortmund war so eine Kombination, die im Himmel gemacht wurde. Die Stimmung beim BVB war 2008 auf dem Tiefpunkt – doch dann kam Klopp aus Mainz und überzeugte alle mit seiner lockeren Art. Er versprach „Vollgasfußball“ und den gab es nach einer kurzen Eingewöhnungsperiode auch. Schon im ersten Kloppo-Jahr versuchte die Mannschaft, das Spiel wieder zu diktieren und das gelang auch häufig. Der Besuch der Spiele machte jedenfalls wieder richtig Spaß, weil man den Eindruck hatte: Hier passiert etwas. 2008/2009 gab es noch ein paar Unentschieden zu viel, ansonsten war es schon eine Wende nach der bleiernen Zeit vorher.
Im Jahr danach klappte es dann mit der Europa League und was 2010/11 folgte, war der Wahnsinn: Ein junges entwicklungsfähiges Team erspielte sich den Titel mit Leistungen, die süchtig machten. Eigentlich ist das letzte Jahr nicht zu toppen, doch auch in dieser Saison überzeugt der BVB nach anfänglichen Schwierigkeiten weiter auf ganzer Linie.
Bei aller Lockerheit: Klopp und sein Team arbeiten akribisch, bislang hatten sie auf fast alles eine Antwort. Sie haben eine Truppe geformt, die als Mannschaft funktioniert und in die sich auch starke Individualisten einordnen. Bislang hat Klopp einfach alles richtig gemacht. Nur international läuft es noch nicht so - aber auch daraus hat der Trainer seine Erkenntnisse gezogen. Und die wird er erfolgreich umsetzen.
Note: 1