Dinge gibt es, die gibt es eigentlich nicht. Sieger zum Beispiel auf der Galopprennbahn, die für 10 Euro Einsatz 1443 Euro zurückzahlen. Ein dreijähriger Wallach namens
Zweigelt schaffte dies am Sonntag auf dem Dortmunder Allwettergeläuf: Er siegte zu diesem Kurs im germantote-Rennen über weite 2500 Meter. Ich kann mich an keinen Sieger mit so einer hohen Eventualquote erinnern.
Dabei war die Ausgangslage in diesem zweiten Rennen klar: Es gab mit
Toughness Danon einen Favoriten, der nach Vorleistung deutlich herausstand. 2009 war er immerhin Dritter im Deutschen Derby in Hamburg und triumphierte im Badener Fürstenberg. Beides Gruppeprüfungen – das Derby ist das wichtigste Rennen des Jahres und natürlich eine Prüfung der obersten Kategorie, das Fürstenberg-Rennen hat immerhin Gruppe 3-Status. In diesem Jahr war die Form nicht mehr so stark, der Wallach wechselte dann auch von Trainer Andreas Wöhler zu Christian von der Recke.
Dennoch sollte die Dortmunder Prüfung nur eine Formalität sein:
Classic Sun, die vermeintlich stärkste Gegnerin, verkörperte gerade mal Ausgleich 3-Format, der Rest wirkte auf dem Papier noch chancenloser. Für Toto 10 (also als Geldwechsler) ging der Recke-Schützling auf die Reise.
Finger in der Nase
Und eigentlich endete das Rennen auch formgemäß – Toughness Danon war im Ziel vor allen Konkurrenten mit Rennerfahrung. Nur den Debütanten Zweigelt hatte niemand auf der Rechnung. Verständlich: Trainerin Vera Henkenjohann ist nicht gerade für siegfertige Debütanten bekannt, sie trainiert eher Pferde der unteren Leistungskategorie und Zweigelts Abstammung ist auch nicht gerade herausragend. Der Kallisto-Sohn kam sehr schwer auf die Beine, Reiterin Manuela Murke hatte Anfangs durchaus Mühe, versteckte den Wallach am Ende des Feldes. Erst in der Gegengerade verbesserten sie ihre Position, in der Zielgerade zogen Zweigelt und Murke dann ganz leicht an Toughness Danon (dem die 2500 Meter offensichtlich zu lang wurden) und
Warstein. Es war ein überlegener Sieg, der offenbar
alle Beteiligten überraschte. Nur die Leute, die Zweigelt auf Platz gewettet hatten, machten lange Gesichter: Es gab gerade mal Geld zurück und das bei einer Siegquote von über 1000. So etwas gibt es nur in Turf-Deutschland.
Nachtrag: Ich hatte den Sieger natürlich nicht, aber ich habe auch am Sonntag nichts in Dortmund gewettet. Auf Zweigelt wäre ich aber nie gekommen….
Fußballerisch war es mal wieder ein Traumwochenende: Borussia Dortmund hat den alten Erzrivalen Schalke 04 im Revierderby besiegt und es war seit Ewigkeiten der erste Derbysieg, den ich live im Stadion miterlebt habe. Nach dem Spiel jammerten sie auf Gelsenkirchener Seite. „Schülermannschaft“
nannte 04-Trainer Huub Stevens sein Team und auch Manager Horst Heldt kritisierte seine Spieler heftig.
Liebe Schalker, da muss ich Eure Elf in Schutz nehmen. Erst einmal heißt es schon seit Ewigkeiten C-Jugend und dann wart Ihr an diesem Tag nicht so schlecht, der BVB war so gut. Schon im letzten Heimspiel hatte Schwarz-Gelb Blau-Weiß an die Wand gespielt, nur Manuel Neuer, der Pfosten und der liebe Gott sorgten für ein 0:0. Auch diesmal beherrschte der BVB den Gast in allen Belangen, traf aber zweimal – wobei ich nicht den Eindruck hatte, dass Dortmund mehr als nötig machte. Inzwischen hat Borussia den Abgang des herausragenden Nuri Sahin gut kompensiert, spielt sehr variabel, geht ein Wahnsinns-Tempo und wirkt im Abschluss abgebrühter als im letzten Jahr.
Im Stadion war schon wie bei den letzen Heimspielen eine richtig geile Stimmung. Ich glaube, wenn zeitgleich die Bayern gespielt hätten, wäre diese noch wahnsinniger geworden. Aber Mainz tat uns den Gefallen erst einen Tag später, besiegte den FCB und ließ Dortmund auf Platz 1.
Natürlich stellen sich manche jetzt die Frage nach der Champions League. Erst einmal ist der FC Arsenal immer noch eine Top-Mannschaft, bei der man nicht so einfach gewinnt. Die Vorarbeit von Alexandre Song vor dem 1:0 war schlichtweg Weltklasse. So schlecht hat Borussia in London auch nicht gespielt, stand in der Defensive gut, ließ dort wenig zu. Nur die Präzision im Spiel nach vorne fehlte.
Danedream
Gebebt hat am Sonntag Morgen Turf-Deutschland dann doch nicht.
Danedream, das Aushängeschild des deutschen Galopprennsports, lief zwar ganz ordentlich, hatte letztendlich aber keine Siegchance im Japan Cup und wurde Sechste. Und Jockey Andrasch Starke war nicht schuldig. Manche Beobachter kritisierten den Reiter nach dem Rennen, weil er die Stute nicht weiter im Vorderfeld platziert hatte. Ich bin nicht dieser Meinung, zumal Danedream einen schlechten Start aus Startbox 13 hatte und auch von einem anderen Pferd
behindert wurde. In der Gerade zog sie noch einmal gut an, diesen Schwung aus dem Arc hatte sie aber nicht mehr. Verständlich: Denn hinter der Stute liegt eine harte Saison, der Start im Japan-Cup war nach dem erfolgreichen Arc noch einmal eine Zugabe und so leicht gewinnt man ein Rennen wie den Japan auch nicht. Die Siegerin hieß wie im Vorjahr
Buena Vista und war zweite Favoritin. Im letzten Jahr wurde Buena Vista allerdings noch
disqualifiziert – diesem Schicksal entging sie diesmal.
Carruthers
Das große Rennen des Wochenendes in England war die Hennessy Gold Cup Chase auf der Rennbahn in Newbury. Neben dem King George am zweiten Weihnachtsfeiertag ist das Hennessy das wichtigste Rennen im ersten Teil der englischen Hindernissaison. Es ist zudem ein Handicap und damit ein richtig schönes Wettrennen. Das war auch in diesem Jahr so, meine Tipps waren
Wayward Prince und
Wymott. Ersterer hatte schon früh keine Chance, zweiterer lief sehr ordentlich, ging aber immer in äußerer Spur und war im Ziel ohne Möglichkeiten. Der Sieger
Carruthers hat es aber verdient: Er läuft immer in schweren Rennen und nach einem schwächeren letzten Jahr zeigte er zuletzt in Cheltenham wieder aufsteigende Form. So richtig Mut, ihn zu spielen, hatte ich aber nicht – und das wurde bestraft. Carruthers Umgebung – Besitzer, Trainer und Jockey – hat ihre eigene Geschichte,
wie hier im Telegraph nach zu lesen ist.
Sieger im Hennessy haben etwas: 2007 triumphierte zum Beispiel
Denman mit Höchstgewicht – erst da wurde mir richtig bewusst, was das für ein grandioses Pferd ist. Ganz dieses Format hat Carruthers nicht, dennoch ist der Wallach ein mehr als würdiger Sieger.
Noch einmal bebt Turf-Deutschland in diesem Jahr.
Danedream, die triumphale Siegerin im Prix de l’Arc de Triomphe, läuft Sonntag Morgen im Japan Cup. Die ganze Woche drückt Galopponline schon auf die Emotionstaste. „Statistiker aufgepasst: Wir können nicht unplatziert“ titelt die
Online Sport-Welt und schreibt, dass die Favoriten in den letzten zehn Jahren immer unter den ersten Dreien waren. Da kann der deutsche Turf-Freund ja wieder beruhigt sein, zumal auch noch Danedreams siebenjähriger Bruder in einer Mega-Aufgabe im englischen Kempton erfolgreich war – Sandbahn wohlgemerkt. Optimisten sollten sich aber den letzten Absatz des Textes schenken, denn dort heißt es, dass in den letzten Jahren die ausländischen Favoriten im Japan Cup immer geschlagen endeten.
Die Kunst der Dialektik – die Galopponline-Macher beherrschen sie zweifellos. Bereits am Donnerstag kamen beunruhigende Nachrichten aus Japan. „Horror-Box 13“ hieß es
da und dem Leser lief ein Schauer über den Rücken. Vampire oder Zombies in der Nähe? Nein, es ging nur darum, dass Danedream aus einer äußeren Startbox das Rennen aufnimmt.
Dennoch ist die Stute von Trainer Peter Schiergen klar favorisiert, zumal das stärkste japanische Pferd, Triple-Crown-Sieger
Orfevre, nicht an den Start kommt. Im Wettmarkt folgen dann
Buena Vista (
das ist natürlich nicht der englische Hürdler aus dem Stall von David Pipe) und
Tosen Jordan als chancenreichste Vertreter der Heimmacht. Nur zwei weitere Pferde kommen aus Europa:
Sarah Lyx und
Shareta, die Überraschungs-Zweite aus dem Arc. Eine ausführliche Vorstellung der Starter gibt es
hier. Immerhin ist die ARD-Spotschau nach gefühlten 30 Jahren Abstinenz mal wieder vor Ort, wenn Danedream auf den Spuren von
Lando, der dieses Rennen 1995 gewann, wandelt.