Die Spannung steigt: Noch fünf Wochen bis zum Beginn des Cheltenham-Festivals (15. bis 18. März), dem Gipfeltreffen der besten Hindernispferde aus England und Irland. Racing Post und Sporting Life haben schon seit geraumer Zeit Extra-Cheltenham-Seiten. Auch diese Kolumne wird in nächster Zeit die wichtigsten Rennen dieses grandiosen Festivals analysieren. Den Auftakt machen die wichtigsten Protagonisten der Champion Hurdle, dem großen Höhepunkt des ersten Tages.
Binocular: Der Titelverteidiger und Führende im Wettmarkt. Das war schon imponierend, wie Binocular in der Champion Hurdle 2010 im letzten Jahr die Zielgerade in Cheltenham hochstürmte und letztendlich leicht gegen Khyber Kim triumphierte. Wie schon in den Jahren zuvor brauchte der Schützling von Trainer Nicky Henderson etwas Zeit: Beim Saisonauftakt fehlten die letzten Reserven gegen Peddlers Cross und Starluck. Es folgten ein überzeugender Sieg in der Christmas Hurdle in Kempton und zuletzt ein standesgemäßer Erfolg in einem Listenrennen in Sandown gegen schwächere Gegner. Eine Form, die allerdings nur schwer einzuschätzen ist….
Hurricane Fly: Die große irische Hoffnung, allerdings noch nie außerhalb der grünen Insel gelaufen. Immer ein Pferd mit einem Riesenruf, kleine Verletzungen stoppten jedoch bislang einen Cheltenham-Start. Vier Mal in Folge erfolgreich, zuletzt sehr leicht gegen Solwhit auf weichem Boden in der Irish Champion Hurdle. Der Mullins-Schützling ist aber noch nie gegen so starke Gegner gelaufen. Einst trainierte ihn in Frankreich Jean-Luc Pelletan, der zu Beginn der neunziger Jahre als Jockey in Deutschland aktiv war.
Menorah: Erst sechs Jahre und ein Starter mit einer phänomenalen Bilanz: 9 Starts, 6 Siege, 3 zweite Plätze. Auf der Bahn in Cheltenham ist Menorah sogar noch ungeschlagen, war unter anderem Kampfsieger in der letztjährigen Supreme Novice Hurdle gegen Get Me Out of Here. Auch die letzten Formen auf der Bahn sahen sehr gut aus, besonders der Erfolg mit Höchstgewicht in der Grade 2 Greatwood Handicap Hurdle. Ein Pferd mit einem fantastischen Kampfgeist und die beste Chance seit langem für Trainer Philip Hobbs und Jockey Richard Johnson, mal wieder in einem Prestige-Rennen zu triumphieren. Die einzige schwächere Form zeigte der Kings Theatre-Sohn auf gut bis festem Boden in Doncaster.
Phantastische Bilder, die an ein Ausnahmepferd erinnern: Istabraq in den bekannten Farben von J P Mc Manus triumphierte 1998 erstmals in der Champion Hurdle. Es folgten noch zwei weitere Erfolge.
Peddlers Cross: Sogar noch ungeschlagen in sechs Starts ist Peddlers Cross, ein weiterer Sechsjähriger und das Aushängeschild des Stalles von Trainer Donald Mc Cain. Der Wallach hat schon während des Festivals gewonnen, siegte im vergangenen Jahr in den Neptune Investment Management Novice Hurdle. Dort war die Strecke zwar rund 1000 Meter länger als in der Champions Hurdle, aber zum einen war Peddlers Cross auch über zwei Meilen erfolgreich, zum anderen ist Stehvermögen auf der hügeligen Bahn von Cheltenham immer von Vorteil. Zu Saisonbeginn überzeugte der Wallach gegen Binocular, danach verhinderten leichter Husten und Meetings, die dem Winter zum Opfer fielen, einen weiteren Start. Jetzt sei aber alles wieder in Ordnung, sagt Donald Mc Cain und plant noch einen weiteren Vorbereitungsstart in Kelso oder Wincaton.
Oscar Whisky: So etwas wie ein „dunkles“ Pferd, das noch einiges an Reserven haben könnte. Dennoch steht der zweite Starter von Trainer Nicky Henderson vor der bislang schwersten Aufgabe seiner Karriere. Sechs Siege bei sieben Starts lesen sich aber eindrucksvoll, der einzige „Wermutstropfen“ war der vierte Platz hinter Menorah in der Supreme Novices Hurdle. In dieser Saison lieferte Oscar Whisky zwei tadellose Vorstellungen gegen schwächere Gegner ab, besonders der Erfolg in Cheltenham, wo er auf der Zielgerade noch gute Reserven zeigte, beeindruckte.
Mille Chief: Nach einem schwacher Saison 2009/2010 hat Trainer Alan King seine Pferde derzeit wieder prächtig in Schuss. Sein aussichtsreichster Starter in der Champion Hurdle ist Mille Chief, zuletzt mit Höchstgewicht überlegener Sieger auf schwerem Boden in einem Handicap in Sandown. Da bin ich erst einmal etwas skeptisch: Formen auf schwerem Boden täuschen oftmals, weil viele Pferde diese Verhältnisse überhaupt nicht mögen. Der Wallach hat bestimmt noch Luft nach oben, doch auf Kontrahenten dieser Güteklasse traf er noch nie. Für die Statistiker: Auch sein Stallgefährte Katchit triumphierte fünfjährig in der Champion Hurdle.
Khyber Kim: Der Zweite aus dem Vorjahr, wo ihn nur Binocular schlug. In dieser Jahr nur einmal am Start, doch er war chancenlos in der Christmas Hurdle gegen seinen alten Rivalen. Lange Zeit war fraglich, ob er überhaupt läuft, doch jetzt gab Trainer Nigel Twiston-Davies grünes Licht. Doch was hat Khyber Kim noch in petto? In Bestform ist er brandgefährlich, aber der neunjährige Wallach wird auch nicht jünger.
Der Rest: Erstaunlich tief steht bei einigen Buchmachern Dunguib, vor zwei Jahren Gewinner des Festival Bumpers und 2010 der irische Banker in der Supreme Novices Hurdle. Das Ergebnis ist bekannt: Dunguib wurde „nur“ Dritter, sein Reiter musste sich hinterher einige Kritik anhören, weil er ihn zu sehr aus der Reserve geritten habe. Seinen letzten Start absolvierte er im April 2010 in Cheltenham. Noch gibt es viele Fragezeichen. Cue Card dürfte eher in einem der Novice-Rennen laufen, Solwhit und Silviniaco de Conti haben mehrmals ihre Grenzen gesehen. Bleibt noch Get me out of There, im letzten Jahr Zweiter in der schon mehrfach genannten Supreme Novice Hurdle hinter Menorah,aber vor Dunguib, die letzten Formen waren aber zu schlecht.
Urteil: Mal wieder ein phantastisches Rennen mit einer Menge an Möglichkeiten. Mein Mumm ist allerdings spätestens seit seinem Newbury-Sieg Peddlers Cross, den größten Gegner sehe ich in Menorah. Von den Außenseitern gefällt mir Oscar Whisky am besten.
Launige Worte des Präsidenten: Pferderennen in Dortmund sollen wieder Event-Charakter haben. „Wo man hingeht, um zu sehen und gesehen zu werden“, formulierte es Markus Sträter, Präsident des Dortmunder Rennvereins, im Interview mit dem Fachblatt Sport-Welt. Die Gegenwart der Winterrennen in Wambel ist allerdings hart genug und weit von Ereignis-Charakter entfernt. nurpferdeundfussball war am Sonntag vor Ort.
Vergessen wir mal das ganze Event-Gerede: So ganz out sind Galopprennen nicht – auch wenn mancher Zeitgenosse das Gegenteil behauptet. Am Sonntag in Dortmund war das Publikum altersmäßig schon gemischt. Die Studentenclique freute sich tierisch über ihre Gewinne bei der Platzwette freute, auch wenn die ältere Generation dominierte. Das Wetter war zudem in Ordnung: etwas windig, aber trocken und für die Jahreszeit richtig warm.
Bekannt und gelobt: Der Bratwurst-Profi aus Unna
Ich bin mir nicht sicher, ob früher die Winterrennen besser besucht waren. Die Rennvereine nennen ja nie Besucherzahlen, wobei das in Dortmund aufgrund des freien Eintritts eher nicht mehr möglich ist. Am Sonntag füllte sich die Bahn so langsam, richtig voll war es jedoch nicht. Das war es früher aber meist auch nicht, nur die Zeiten, dass ganze Busse aus dem Rheinland anreisten, sind Geschichte.
Definitiv höher war früher der Wettumsatz. Über 130 000 Euro hätte man vor 20 Jahren nur gelacht, so ein Sonntag im Februar hätte mindest 500 000 DM gebracht. Nicht viel hingegen hat sich bei den Preisgeldern getan, die waren vor 20 Jahren fast auf dem gleichen Niveau.
Sportlich dominieren weiter die Handicaps der unteren Kategorie, der „Nützlichkeitssport“, wie die Sport-Welt immer so schön schrieb, dominiert. Nur mit einem Unterschied: In der Vergangenheit gab es meist einen Ausgleich 2 als sportlichen Höhepunkt. Das waren meist schöne Wettrennen. Nur kommen sie heute nicht mehr zustande, weil Pferde dieser Klasse inzwischen lieber in Frankreich Rennen bestreiten, da sie dort viel mehr Geld verdienen können.
Das Elend des Wettscheins
Eine Schönheit war die Dortmunder Rennbahn im Winter noch nie. Es wirkt alles etwas trist, die Wetthalle in der zweiten Tribüne verkörpert die gleiche Trostlosigkeit wie immer. Die unter Denkmalschutz stehende Tribüne ist ansonsten ein Pluspunkt im Winter: Die Glasscheiben bieten Wetterschutz, die Sicht ist auf den meisten Plätzen gut und das Catering funktioniert ebenfalls.
Die meisten Besucher verfolgten allerdings die Rennen draußen vor den Tribünen auf dem Rasen. Mein Geheimtipp ist die mittlere Treppe; auf deren oberen Stufen hat man den besten Blick auf die Allwetterbahn.
Auf Sparflamme kochte am Sonntag hingegen der Service-Gedanken des Dortmunder Rennvereins. So wenige offene Wettkassen habe ich in Dortmund noch nie gesehen, teilweise bildeten sich lange Schlangen vor diesen. Konsequenz: Manche Besucher konnten nicht mehr ihren Schein abgeben, da sie noch an den Kassen anstanden, als die Rennen schon gestartet waren.
Überlegener Sieger: Valenziani aus dem Stall von Mario Hofer gewann das dritte Rennen, so stark waren die Gegner des nobel gezogenen Sohns von Royal Applause aber nicht ...
Für Verzögerungen sorgte außerdem (wie immer) der viel zu komplizierte Wettschein, der selbst Profi zweifeln lässt. Für Neulinge ist der Schein noch erklärungsbedürftiger. Ich weiß nicht, warum man nicht einfach Ansagekassen für die einfachen Wettarten wie Sieg und Platz öffnet. So was wie der Quick-Tipp-Schein in der Viererwette geht da schon in die richtige Richtung.
Immerhin haben sie in Dortmund das Catering halbwegs in den Griff bekommen. Was auch daran liegt, dass der Bratwurstprofi Kratz aus Unna inzwischen präsent ist. Manche meinen ja, dass der Niedergang der Mülheimer Bahn mit der zwischenzeitlichen Abstinenz des Kratz-Wagens direkt zusammenhängt. So weit würde ich nicht gehen, aber die Qualität des Bratwurstprofis ist schon sehr ordentlich und deutlicher besser als das, was früher an den Ständen angeboten wurde. Dennoch bleibt noch viel zu tun…
Wetttechnisch war es übrigens ein ziemlicher Flop-Tag für mich. Was ich am Sonntag in Wambel verloren habe, habe ich allerdings am Samstag in Sandown gewonnen. So ist eben das Zockerleben.
Der kicker beschäftigt sich seit einigen Wochen mit sportlich abgestürzten Traditionsklubs. Nach Rot-Weiss Essen und Lokomotive Leipzig porträtierte das Fachblatt in dieser Woche Waldhof Mannheim. Inzwischen kickt der Klub nach einem „beispiellosen Selbstzerstörungsprozess mit Insolvenz (2003), zweimaligem Lizenzentzug (2003,2010) und mehrfachem Abstieg“ (kicker) in der fünftklassigen Oberliga Baden-Württemberg. Gut, dass Sepp Herberger, der berühmteste Spross des Vereins aus dem Mannheimer Arbeiterviertel, diesen Absturz nicht mehr miterleben durfte. Der Alt-Bundestrainer spielte dort in den zwanzigen Jahren. In dieser Zeit stand der Waldhof laut kicker für „präzises Flachpassspiel auf hohem technischen Niveau“.
Jüngere erinnern sich eher an die Jahre 1983 bis 1990, als die Mannheimer in der Bundesliga kickten. Da ging es eher rustikal bei den Waldhof-Buben zu. Ich verbinde mit Waldhof Mannheim einige der ödesten Spiele, die ich je im Dortmunder Westfalenstadion gesehen habe. Zum Beispiel aus der Saison 1983/84 ein fürchterliches 0:0, das in der Saison danach von einem noch schlimmeren 0:0 getoppt wurde. Der Höhepunkt war allerdings ein trostlosen Nachmittag im Dezember 1987: Es regnete ununterbrochen, Waldhof hatte wie üblich richtig Beton angerührt, stand mit neun Mann am eigenen Strafraum und kam im ganzen Match einmal vor das Dortmunder Tor. Das reichte zu einem 1:0-Sieg – eine Begegnung, die mich noch lange verfolgt hat, weil sie so grauenhaft war.
Irgendwie war der Verein damals richtig unsympathisch. Schon der Trainer nervte mit seinem Gebrabbel, das man nur rund um Mannheim und Darmstadt verstand, und seinem albernen Pepita-Hut. Klaus Schlappner, kurz „Schlappi“ genannt, setzte auf Tugenden wie Kampf und Willen. Passend zum Zeitgeist, denn im deutschen Fußball dominierten in dieser Zeit die Renner und Kämpfer, Fußball wurde gearbeitet und „nicht gespielt“. Strikte Manndeckung lautete das Motto – zur Not folgten die Abwehrspieler ihren Gegenspielern noch auf die Toilette.
Bollwerk
„Schlappis“ Truppe baute auf eine kompakte Abwehr: Dort standen mit Dieter Schlindwein, Dimitrios Tsionanis und Roland Dickgießer kompromisslose Gesellen – wüste Grätscher, die nur das Spiel zerstörten und denen dabei jedes erlaubte und nicht erlaubte Mittel recht war. Technisch waren die Schlindwein, Tsionanis und Dickgießer eher einfach aufgestellt, offensive Fähigkeiten musste ein Manndecker aber damals auch nicht haben.
Überhaupt ist der SV Waldhof in den siebziger und achtziger Jahren die „Grätscher-Schule“ der Nation. Aus dem Klub kamen einige der kompromisslosesten Abwehrspieler Deutschlands, die allesamt zu Nationalspielern wurden – zweikampfstark, kampfkräftig, aber eben auch spielerisch limitiert. Es begann mit Karlheinz Förster, der in der Waldhofer Jugend spielte, bevor er dann beim VfB Stuttgart zum Nationalspieler avancierte. Auch sein älterer Bruder Bernd kickte ein Jahr bei den Mannheimern, bevor er dann ebenfalls zum VfB Stuttgart wechselte. Es folgte dann Paul Steiner, der später zum 1.FC Köln wechselte.
Die größte Karriere von allen machte wohl Jürgen Kohler, der in Waldhof seine fußballerische Ausbildung erhielt und dann in Köln, München, Turin und Dortmund Titel und Ruhm einheimste. Und auch Christian Wörns, sein späterer Mitspieler in der Nationalmannschaft und beim BVB, stammt aus der Waldhof-Schule. Mit einem Unterschied: Die Italiener brachten Kohler das Fußballspielen bei, in Dortmund war der „Fußballgott“ durchaus auch spielerisch gereift.
Wer noch immer nicht genug hat vom SV Waldhof: Hier gibt es eine durchaus sehenswerte Reportage über den Verein, lief wohl in der ZDF-Sportreportage und ist viel bessser als das, was der Sender heute im Sport abliefert.