Dienstag, 19. Oktober 2010
Frankels nächste Gala, Silvaner nach Kampf
„Das beste Zweijährigen-Rennen aller Zeiten“ hatte die Racing Post noch am Samstag getitelt und das ganz mit einem Fragezeichen versehen. Dieses Prädikat verdienten sich die Dewhurst Stakes in Newmarket nicht. Denn das Duell zwischen Frankel, Dream Ahead und Saamidd fand nicht statt, zu indisponiert wirkten die beiden Letztgenannten.
Es war die Soloshow (siehe Video) eines Pferdes: Frankel gewann die Dewhurst Stakes, das wohl wichtigste Zweijährigen-Rennen in England, ganz leicht und untermauerte seinen Superstar-Status. „Er ist wie ein Formel 1-Auto. Er gewinnt alles so lange ich ihn nicht fahre", meinte nach dem Rennen Trainer Henry Cecil. Es war schon höchst beeindruckend, wie der Galileo-Sohn beschleunigte und sich ziemlich leicht von seinen Gegnern löste, nachdem er fast die Hälfte der 1400 Meter-Distanz wild gepullt hatte. Jockey Tom Queally hatte alles sicher im Griff. Frankel also ein sicheres Ding für die 2000 Guineas im nächsten Jahr zum Kurs von 5:4 (22)? Selbstverständlich nicht, denn erstmal kann bis Anfang Mai 2011 noch viel passieren. Überragende Zweijährige sind auch nicht immer herausragende Dreijährige. Oft entwickeln sie sich über Winter nicht weiter, andere Pferde – die vielleicht zweijährig noch etwas schwach waren – hingegen schon. Ich erinnere mal an Rainbow View, die Stute aus dem Stall von John Gosden, die 2008 zweijährig alle wichtigen Rennen des Jahrgangs gewann und meilenweit über ihre Jahrgangsgefährtinnen stand. Sie wurde zu einem ähnlichen Kurs für die 1000 Guineas gehandelt. Das Ergebnis: Rainbow View wurde Fünfte, konnte dreijährig nicht an ihre Leistungen anknüpfen. Und beim Thema Frankel und das Derby zeigt sich Cecil noch ziemlich zugeknöpft.
Dream Ahead und Saamidd landeten hingegen am Ende des Feldes und belegten nur die Plätze 5 und 6. Das Pferd aus dem Stall von John Simcock ließ seinen „Dash“ vermissen, die schweren Rennen vorher forderten offensichtlich ihren Tribut. Saamidd wirkte schon beim Aufgalopp nervös, fand nie ins Rennen. Laut Godolphin-Homepage kam er nicht mit dem weichen Boden zurecht.
Die Entdeckung des Rennen war Roderic O’ Connor und darüber wird man im Quartier von Aidan 0’Brien ziemlich zufrieden sein. Johnny Murtagh hatte den Hengst schön an den Rails platziert und ließ ihn galoppieren. Gegen Frankel war er zwar chancenlos, dennoch gefiel, wie Roderic O’Connor zum Schluss noch einmal anzog.

Hellier mal wieder
Der Preis des Winterfavoriten in Köln war hingegen die erwartete enge Angelegenheit (siehe Video). Mit Silvaner, trainiert von Peter Schiergen, gewann ein Pferd, das – im Gegensatz zu den Siegern der letzten Jahre – noch Ambitionen für das deutsche Derby hat.
Denn sein Trainer Peter Schiergen schätzt den Lomitas-Sohn als Steher ein. Es war ein typischer Terry Hellier-Ritt: Erstmal das Pferd in Ruhe auf die Beine kommen lassen, sich im Hintertreffen aus allen Scharmützeln raus halten und dann in der Gerade beschleunigen. Kein Jockey in Deutschland kann das besser als Hellier, international fallen mir Ryan Moore, Kieren Fallon und Olivier Peslier ein, die diese Taktik ebenfalls meisterhaft beherrschen. Silvaner zeigte sich gegenüber dem erfolgreichen Debüt in Dortmund weiter verbessert und setzte damit die gute Bilanz der Youngster aus dem Schiergen-Quartier fort. Mein Eindruck ist zudem, dass der Hengst dreijährig noch mehr im Tank haben könnte.
Die ersten beiden Zweijährigen-Rennen der Karte hatte Trainer Andreas Wöhler gewonnen und mit Nice Danon verpasste er im Winterfavoriten einen dritten Erfolg nur knapp. Kurz war der Schimmel auch diesmal vorne, am Ende unterlag er jedoch, zeigte aber erneut famosen Kampfgeist. Ausgezeichnet lief zudem der Außenseiter Manchester als Dritter.
Viel Pech hatte hingegen mein Tipp Zantano, der als Vierter ins Ziel kam und zweimal von Nice Danon gestört wurde. Besonders nach der zweiten Störung musste Jockey Daniele Porcu sein Pferd quasi neu aufnehmen. Ob er allerdings ohne die Behinderungen gewonnen hätte? Fraglich…
Die beste Rennsport-Nachricht kommt aber aus dem englischen Cheltenham: Dort feierte Hindernisjockey Dominic Elsworth nach einer Verletzungspause von 14 Monaten ein erfolgreiches Comeback und triumphierte mit Edgbriar in einem toll besetzten Handicap über die schweren Sprünge. Nicht nur der Jockey war danach richtig glücklich.



Freitag, 15. Oktober 2010
Die Top-Youngster auf dem Prüfstand
Es ist das Wochenende der großen Zweijährigen-Rennen im Galopprennsport. In England und Deutschland finden am Samstag und Sonntag die wichtigsten Prüfungen für den Nachwuchs statt: Samstag rücken die Pferde in Newmarket in den Dewhurst Stakes (1400 Meter, Gruppe 1) in die Boxen, am Sonntag geht es um den Preis des Winterfavoriten (1600 Meter, Gruppe 3) auf der Galopprennbahn in Köln-Weidenpesch. Und nach beiden Rennen lichtet sich etwas der Nebel; die Favoriten für die klassischen Rennen stehen fest.
New Approach, Sir Percy, Shamardal, Rock of Gibraltar, Xaar, Pennekamp, Zafonic, Dr. Devious oder Generous – klangvolle Namen des internationalen Turfs schmücken die Siegerliste im Dewhurst.



Dewhurst Stakes 2007: Der Sieger heißt Shamardal, damals noch im Training bei Mark Johnston

Und die Ausgabe 2010 der Traditionsprüfung ist ein Rennen, dem Turf-England entgegenfiebert. Es ist immer wieder faszinierend, wie beispielsweise die Racing Post die Stimmung im Vorfeld anheizt. Ohne Polemik, ohne irgendwelche übertriebenen Schlagzeilen, ohne plumpe Stimmungsmache – schön wäre es, wenn das auch in Deutschland so wäre. Nur leider sind die Voraussetzungen hier im Turf-Randsportland Germany etwas anders.
Diesmal kommt es zum großen Showdown dreier noch ungeschlagener Hengste: Frankel, Dream Ahead und Saamidd. Besonders um Frankel hat sich ein regelrechter Hype entwickelt. Bei den Buchmachern ist er jetzt schon Favorit für 2000 Guineas und Derby, in den Dewhurst Stakes liegt der Kurs bei unter 20. Frankel, der die berühmten Rennfarben von Khalid Abdullah trägt, beeindruckte zum einen bislang, wie er seine Rennen gewann. Zum anderen wird er trainiert von Henry Cecil, einer englischen Trainerlegende, die schon alle Höhen und Tiefen im Leben und im Turf mitgemacht hat. Der Galileo-Sohn soll im übrigen eine Arbeit auf der Trainingsbahn vorlegt haben, die die Beobachter „atemlos vor Erstaunen" zurückließ, so gut soll diese gewesen sein.
Zweimal hat Cecil bislang in seiner langen Karriere in den Dewhurst Stakes triumphiert, das letzte Mal vor 28 Jahren mit Diesis, später ein sehr erfolgreicher Deckhengst. Frankel traf zwar bislang nicht unbedingt auf die Top-Pferde des Jahrgangs, doch seine Formen wurden durchaus bestätigt; Rainbow Springs, in Doncaster völlig chancenlos, war danach Dritte in einem Gruppe 1-Rennen in Longchamp.
Ein höheres Rating als Frankel erhielt allerdings Dream Ahead aus dem Stall von David Simcock. Zuletzt deklassierte er auf weichem Boden in den Middle Park Stakes mit Strong Suit, Approve und Temple Meads drei Gruppe 2-Sieger. Das sah richtig nach Rennpferd aus, auch wenn man Formen auf weichen Boden nicht überbewerten sollte.
Nach Abstammung könnten die 1400 Meter in Newmarket auf wahrscheinlich gutem Boden ein kleines Problem sein. Doch wie Dream Ahead bislang lief, sollte er die sieben Furlongs meistern. Bei den Quoten ist er für mich ganz eindeutig die Alternative zu Frankel.
Das Pferd aus dem Stall von David Simcock sieht auch Jockey Frankie Dettori als die „große Gefahr“. Dettori sitzt auf Saamidd aus dem Godolphin-Imperium. Der sei noch „etwas schwach“, falsch gemacht hat der Godolphin-Schützling bislang aber noch nichts. Zwei Starts, zwei Siege lautet die makellose Bilanz und mit Approve gibt es zu Dream Ahead eine Vergleichsmöglichkeit.
Dennoch muss er sich noch etwas steigern. Nur Außenseiterchancen haben hingegen Roderic O’Connor aus dem Quartier von Aidan O’Brien, Glor Na Mara und Waiters Dream. Nach der Statistik sollte aber Glor Na Mara Möglichkeiten haben: Denn der Hengst wird trainiert von Jim Bolger, der die Dewhurst Stakes von 2006 bis 2008 dreimal hintereinander mit Teofilo, New Approach und Intense Focus gewann.

Ostmann vor dem Hattrick
Eine auf dem Papier völlig offene Angelegenheit scheint der diesjährige Preis des Winterfavoriten in Deutschland zu sein. Wenn es jedoch einen Trainer gibt, der das Rennen in den letzten Jahren entscheidend mitprägte, dann ist das Uwe Ostmann. In den letzten zwei Jahren war er mit Glad Tiger und Globus erfolgreich, andere Sieger aus dem Mülheimer Quartier in dieser Traditionsprüfung hießen Glad Lion, Peppershot oder Bluegrass Native.
2010 schickt Ostmann Zantano ins Rennen. Der Big Shuffle-Sohn hatte zuletzt einiges Pech, als er in Dortmund als 15:10-Favorit in der Startbox hängen blieb. Davor war er Dritter in Düsseldorf, eine halbe Länge hinter dem Sieger Nice Danon, den er Sonntag wieder trifft.
„Hat dieses Pferd ein Herz“, staunte Rennbahn-Kommentator Manfred Chapman nach dem Erfolg von ebem jenen Nice Danon im Zukunftsrennen in Baden-Baden. Genauso wie in Düsseldorf kam der Schimmel aus dem Wöhler-Quartier noch einmal mit viel Kampfgeist zurück, nur verlor der Sakhee-Sohn das Rennen nachträglich am grünen Tisch. Dennoch kommt Nice Danon mit den besten Formen des Feldes an den Start.
Den gleichen Besitzer, aber einen anderen Trainer hat Theo Danon. Bislang liefen die Zweijährigen von Peter Schiergen in dieser Saison meist ausgezeichnet und auch Theo Danon macht da keine Ausnahme. Zuletzt siegte er in Hoppegarten gegen Mawingo. Zweiter Schiergen-Starter im Feld ist Silvaner, der das Dortmunder Rennen mit Zantano leicht gewann, noch etwas grün lief, aber zum Schluss noch gut anzog. Das war das Debüt des Lomitas-Sohnes. Er könnte noch einiges im Tank haben, auch wenn der Zweite die Form danach nicht bestätigen konnte.
Zwei zweite Plätze hat bislang Fly to the Stars auf seinem Konto. Jedes Mal hatte er das Pech, mit Lindenthaler auf einen herausragenden Youngster aus dem Schiergen-Stall zu treffen. Ansonsten sollte Diego nicht unterschätzt werden, auch wenn das Pferd des Gestüt Brümmerhof im Zukunftsrennen chancenlos bleib. Aber da pullte er stark und verbrauchte so seine Energie. Potenzial besitzt auch Ordensritter, während Manchester eindeutig der Außenseiter im Feld ist.

Fazit
In England gehe ich mit Dream Ahead gegen den Favoriten Frankel und auch in Deutschland schaue ich auf die Quote und nehme Zacanto, der schon in Dortmund als gutes Ding gehandelt wurde. Ansonsten ist das Rennen ziemlich knifflig: Aber Nice Danon dürfte die größte Gefahr von vielen sein.



Mittwoch, 13. Oktober 2010
Fußball in Afrika: Miese Schmarotzer und großartige Talente
Die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden ist Geschichte. Organisatorisch war Südafrika 2010 ein Erfolg, doch sportlich war die WM für die afrikanischen Teams bis auf Ghana (das unglücklich im Viertelfinale ausschied) erneut ein Desaster. Warum Mannschaften wie Kamerun, Nigeria oder Elfenbeinküste trotz Superstars in ihren Reihen immer wieder scheitern, ist auch ein Thema von „Traumfußball – Geschichten aus Afrika“ von Thilo Thielke. Das Buch erschien bereits vor der WM, aber ich habe es erst jetzt gelesen. Es geht um den Fußball in den Ländern südlich der Sahara – in Nordafrika sind die Spieler weniger spektakulär, dafür die Mannschaften viel erfolgreicher, weil die Organisation besser ist.
Die Schuldigen für die Misere hat der Spiegel-Korrespondent schnell ausgemacht. „Die – gemessen am Potenzial- verblüffende Erfolglosigkeit afrikanischer Nationalmannschaften hängt wohl hauptsächlich mit dem Dilettantismus ihrer Funktionäre zusammen“, analysiert er. Ein Grund dafür sei „die jahrelang sprudelnde Entwicklungshilfe, durch die sich allerorten Schmarotzer breit gemacht haben. Kaum ein europäischer Coach in Afrika, der nicht unter Arroganz und Misswirtschaft der Funktionärsclique zu leiden hatte“.
Dabei werden die europäischen Trainer wenigstens noch fürstlich bezahlt – nur mit der Pünktlichkeit der Zahlung hapert es oft. Dazu kommt die Politik, die sich oftmals bis hin zur Mannschaftsaufstellung einmischt. Eindrucksvoll beschreibt der Autor einen Termin der Nationalmannschaft Kameruns mit ihren (damaligen) Trainer Winfried Schäfer beim Staatspräsidenten Paul Biya. Selten war der Sarkasmus, der im Spiegel-Heft oftmals nervt, so passend wie in diesem Kapitel.

Kicken in Ruinen
Dabei ist der Fußball das „afrikanische Spiel“. Denn „es ist wunderbar einfach, man braucht kein Geld und nur ein paar Jungs mit viel Zeit“. Thielke beschäftigt sich mit den „grass roots“ des Spiels und ging dahin, wo es wirklich gefährlich ist: Nach Somalia etwa, wo die Kids die Waffen ablegen, um zwischen den Ruinen am Strand zu kicken. Oder nach Liberia, Heimat von George Weah, einem der großen Idole des afrikanischen Fußballs. Weah wollte Präsident des Landes werden, der Spiegel-Korrespondent begleitete ihn bei seinem Besuch in der zerstörten Heimat. Das Ergebnis ist eine packende Geschichte, die das Land eindrucksvoll beschreibt und dokumentiert, wie der Fußball die einzige Hoffnung im trostlosen Alltag verkörpert. Überall sieht der Autor eine Fülle talentierter Spieler, das Potenzial an Nachfolgern von Größen wie Okocha, Eto’o, Drogba oder Essien ist immens. Nur Hoffnung auf Besserung gibt es wenig. „Es gibt haufenweise tolle Spieler. Aber sie killen sich selbst. Der afrikanische Fußball zerstört sich selbst“, sagt Csaba László, ein ungarischer Trainer, der unter anderem das Nationalteam Ugandas trainierte. Dazu passt auch die Mentalität der meisten Länder, in der Zwischentöne nicht existieren und Kontinuität ein Fremdwort ist. „Es gibt nur Sieger und Verlierer. Friss oder Stirb“, weiß László.

Fazit: Ein höchst empfehlenswertes Werk mit vielen eindrucksvollen Fotos. Nur die Geschichte von den Geistern, Ahnen und dunklen Mächten hat mich nicht so beeindruckt. Aber dieses Thema gehört wohl dazu, um den afrikanischen Fußball zu verstehen.

Thilo Thielke, Traumfussball – Geschichten aus Afrika, Verlag die Werkstatt, ISBN 978-3 89533-641-6. Gibt es hier oder hier oder natürlich in Ihrer Buchhandlung vor Ort.