Freitag, 25. Juni 2010
WM-Notizen (4): Italien nur noch „Ritter der Schande"
Hinterher schrie alles „Schande und nationale Katastrophe“: Italiens Kicker verabschiedeten sich mit einem 2:3-Niederlage gegen die Slowakei und einer weiteren schwachen Leistung von der WM, der Weltmeister 2006 fährt als Gruppenletzter der Gruppe F nach Hause – hinter Großmächten wie Paraguay, der Slowakei und Neuseeland.
Dabei wäre es für die Minimalisten der Squadra Azzura beinahe so gekommen wie in den Jahren zuvor: In der 81. Minute verkürzte Di Natale auf 1:2 und nur noch ein Tor fehlte zum dritten Remis und damit zum Einzug in die zweite Runde. Italien schoss zwar noch ein Tor durch Quagliarella, doch zwischendurch hatte Kopunek zum 3:1 für die Slowakei getroffen. Italiens Spieler waren nur noch „Ritter der Schande“, wie es Mittelfeldmotor Gennaro Gattuso gewohnt poetisch formulierte und wie ich es dem holprigen google-Übersetzungsprogramm von der Seite der la gazzetta dello sport entnehmen durfte.
Es war eines dieser WM-Spiele, die man so schnell nicht vergisst. Weil die Slowaken schnell merkten, dass der Weltmeister an diesem Tag zu schlagen war und es für das kleine Land ein großer Tag werden konnte. Dabei hatten die Slowaken vorher enttäuscht und ein von der Kritik stark getroffener Trainer Vladimir Weiss Journalisten Prügel angedroht.


Schock in rosa: Italiens Leib- und Magenblatt nach dem Ausscheiden

Doch gegen Italien lieferte der Trainer sein Meisterstück, stellte seine Mannschaft mutig offensiv auf und führte verdient durch zwei Tore des ehemaligen Nürnbergers Robert Vittek mit 2:0. Italiens begann erst in der Schlussphase Fußball zu spielen, doch alle Bemühungen waren vergeblich.

Ohne Espirit
Das Scheitern der Azzuri spiegelt die Krise im Lande wieder. Schon die Qualifikation verlief für das Team von Weltmeister-Coach Marcello Lippi enttäuschend, in Südafrika setzte sich das fort: Ohne Pirlo war Italien ein Team aus braven Arbeitern ohne jegliche spielerische Impulse. Erst als Pirlo in der Schlussphase gegen die Slowakei kam, spielte das Team variantenreicher. Für eine WM ist das reichlich wenig.
Italiens Fußball hat ein Qualitätsproblem: Die Weltmeister Buffon, Cannavaro, Gattuso, Pirlo, Camoranesi und Zambrotta sind in die Jahre gekommen, ihren Nachfolgern fehlt ihre Klasse und im Nachwuchsbereich sieht es eher mau aus. Kein Wunder: Im Stamm-Team des Champions-League-Gewinners Inter Mailand stand kein einziger Italiener. Wobei Italien nie ein Team war, das offensiv glänzte. Sie waren die gefürchteten Minimalisten, hatten in der Offensive aber immer Ausnahmekönner wie Baggio, Del Piero oder Totti, die Spiele allein entscheiden konnten.
„Italiens Fußball muss sich neu orientieren“, forderte Marcello Lippi nach dem Ausscheiden. Der neue Trainer Cesare Prandelli dürfte vor keiner leichten Aufgabe stehen…



Donnerstag, 24. Juni 2010
Norderney am grünen Tisch
Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn waren in Südafrika, dafür waren Starjockey Christophe Soumillon und die deutsche Jockeylegende Hein Bollow zu Besuch beim Großen Preis der Wirtschaft auf der Dortmunder Galopprennbahn. Und auch nurpferdeundfussball nahm die Stadtbahn bis zur Haltestelle Rüschebrinkstraße und erwischte dort sogar einen Bus, der uns direkt zur Bahn brachte.
Der Renntag ist einer der wenige Grasbahntermine in Wambel und ein Höhepunkt des Dortmunder Rennjahres. Unterwegs habe ich gerätselt, wann ich zum ersten Mal beim Preis der Wirtschaft war. Irgendwann in meinen Anfangsjahren gewann mal die zweite oder dritte Wahl von Trainer Heinz Jentzsch, einer Legende des deutschen Galopprennsports. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass Horst Horwart im Sattel saß. Was ich genau weiß: 1992 siegte Iron Fighter vor Enharmonic aus dem Besitz der englischen Queen, der Einlauf zahlte über 900 und ich traf diesen mit 2,50 DM.
Jedenfalls sieht es in dem Raum unter der ersten Dortmunder Tribüne aus, als wenn dort eine Bombe eingeschlagen hätte. Dort, wo es Kaffee und Kuchen gibt, stehen vereinzelte Tische, ansonsten ist der Raum leer. Immerhin ist der Bierstand besetzt. Dabei war der Raum, der wahrlich keine Schönheit war, in den letzten Jahren ein Indiz dafür, dass die Dortmunder Rennbahn sich auch optisch in ein besseres Licht setzen möchte: Beispielsweise gab es Tische mit Tischdecken, Strohballen an den Biertischen sollten Stallatmosphäre schaffen. Jetzt sieht es wieder nach Wartehalle eines Provinzbahnhofes aus.

Die Rennleitung protestiert
Das sportliche Programm kann selbstverständlich nicht mit der Extravaganza von Royal Ascot mithalten, doch der Große Preis der Wirtschaft lockt traditionell immer gute Pferde. Auf dem Rasen siegte der Favorit Illo vor Norderney und Scolari, der Vorjahressieger Zaungast lief ein ordentliches Rennen als Vierter. Doch dann tönte die Sirene der Rennleitung, die Protest gegen den Sieger einleitete. Illo (Trainer Jens Hirschberger/Jockey Adrie de Vries) hatte unterwegs Scolari entscheidend behindert, sein Jockey Christoph Soumillon musste den Ittlinger neu aufnehmen. Die Entscheidung ist nachvollziehbar und so triumphierte Norderney mit Andrasch Starke am grünen Tisch.
Große Felder prägten das Rahmenprogramm: 15 Pferde bewarben sich beispielsweise um den Preis vom Ingenieurbüro Fehringer, einer Prüfung der Kategorie E für sieglose vierjährige und ältere Pferde. Mit dabei El Django, über den das Fachblatt Sport-Welt schreibt: „Gezogen wie ein Weltmeister, von Deckhengst-Legende Sadler’s Wells aus der Superstute Elle Danzig“. Die noble Abstammung half ihm aber auch nicht beim ersten Lebensstart in bescheidener Gesellschaft: El Django endete im geschlagenen Mittelfeld, es gewann Bonfire Night nach einem beherzten Ritt von der Spitze. Ich hatte einen Einlauf gespielt mit Altano und dem Debütanten Melkam. Sie endeten auf den Plätzen 2 und 5 und besonders Melkam verdient einen Hinweis, weil er völlig unangefasst nach schwachem Start noch nach vorne lief.
Der interessanteste Teilnehmer im Preis des Gestütes Wittekindshof, einem Rennen für sieglose Dreijährige, trug den Namen Keep Cool, war in seinen letzten drei Starts immer hinter Pferden der Jahrgangsspitze platziert und stand natürlich in eindeutiger Favoritenposition. Und das Pferd aus dem Stall von Andreas Löwe gewann auch so und festigte damit seine Position im Derbyfeld.
Christian Sprengel strahlte indessen nach dem Erfolg von Bonfire Night am Bierstand und durfte nach dem dritten Rennen noch einmal feiern: Eastern Eagle siegte im Ausgleich 3 über 1400 Meter und machte so meinen Einlauf mit Saldenlöwe und Festspiel kaputt, die auf den Plätzen 2 und 3 endeten.

Donnerschlag durch Durban Thunder
Und das Wettpech setzte sich fort: Schulte lief zweimal vorher nicht schlecht und sollte auch gegen Gegner aus prominenten Ställen nicht chancenlos sein. Von wegen, das Pferd mit dem sauerländischen Namen kam zwar noch ins Rennen, aber da war vorne schon alles gelaufen. Keiner hatte eine Chance gegen den Debütanten Flash Dance aus dem Gestüt Schlenderhan. Dabei sah der Monsun-Sohn gar nicht so imposant aus, auch die Scheuklappen beim ersten Start mahnten zur Vorsicht.
Rebetiko-Saba Dancer-Lovileo und Boss Mak lautete die Viererwette in der anschließenden Wettchance und sie zahlte über 500 000 Euro. Ein glücklicher Wetter aus Hannover traf sie mit 0,50 Euro Grundeinsatz.
Auf 13:10 hatten die Wetter Durban Thunder aus dem Stall Tinsdal im siebten Rennen heruntergewettet. Ich bin da immer etwas skeptisch, zumal der erst zweimal geprüfte Hengst auf solide Ausgleich 3/Ausgleich 2-Galopper traf. Aber der Schützling von Torsten Mundry untermauerte eindrucksvoll seine Favoritenrolle, gewann wie ein Pferd, dessen Leistungsgrenzen noch lange nicht erkannt sind.
Und wer nach dem Hauptrennen noch auf dem Bahn weilte, durfte sich über den Sieger Shangrila freuen, der über 1000 am Toto zahlte. Falls er ihn getroffen hat…



Montag, 21. Juni 2010
WM-Notizen (3): Südamerika regiert
Es ist bislang die Fußball-Weltmeisterschaft der Mannschaften aus Südamerika. 10 Spiele absolvierten Brasilien, Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay in Südafrika, die Bilanz ist beeindruckend: Acht Siege, zwei Unentschieden, keine Niederlage, mit großer Wahrscheinlichkeit werden alle Teams das Achtelfinale erreichen.
Dass Brasilien noch ohne Punktverlust ist, hatte eigentlich jeder erwartet – besonders in der Heimat, denn wer sind schon Gegner wie Nordkorea oder die Elfenbeinküste. Und dennoch sind Presse und Fans im Land des fünffachen Weltmeisters mit der Selecao nicht zufrieden: Die Erben von Pele, Garrincha, Didi oder Zico spielen wenig spektakulär, von der „brasilianischen Kunst des Lebens“ ist auf dem Spielfeld beim Team von Carlos Dunga wenig zu spüren.
Das verwundert nicht: Dunga, Kapitän der Weltmeisterelf 1994, war einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt – und so agiert sein Team auf dem Platz auch: Die Defensive hat Priorität. Nur gelegentlich blitzt die überragende individuelle Klasse der Akteure auf. So wie bei den Toren gegen die Elfenbeinküste, als der fünffache Weltmeister mal eben schnell das Tempo verstärkte.
Noch ohne Niederlage sind auch die Argentinier von Diego Maradona, der nach holpriger Qualifikation offensichtlich sein Team gefunden hat. Argentinien lebt von seiner überragenden Offensive: Gegen Nigeria brillierte Messi, gegen Südkorea regierte der dreifache Torschütze Higuain. Die Defensive wackelte allerdings manchmal etwas. Maradona will „neue Helden für Argentinien“ und wirkt wie der gütige Vater einer offenbar verschworenen Gemeinschaft.

Chile ist wieder da
In Chile wächst eine talentierte Generation nach. Diesen Eindruck hatte der Beobachter spätestens bei der Südamerika-Qualifikation, die das Team von Marcelo Bielsa als Zweiter hinter Brasilien beendete. Manche hatten die „Roja“ sogar als Geheimfavorit auf dem Zettel. Jedenfalls stellt der Argentinier Bielsa, Spitzname „El Loco“ (der Verrückte), seine Mannschaft offensiv ein. Und das zeigte Chile auch in Südafrika: Natürlich ist der 1:0-Sieg gegen Honduras standesgemäß, im zweiten Spiel gegen die Schweiz profitierten die Südamerikaner auch von ihren eigenen Schauspielkünsten, als der kleinliche Schiedsrichter aus Saudi-Arabien dem Schweizer Behrami die rote Karte zeigte. In beiden Spielen vergaben die Chilenen zudem noch eine Vielzahl an hochkarätigen Chancen.
Dank Nelson Valdez und Lucas Barrios steht Paraguay besonders im Blickfeld dieser Kolumne. Zwar taten sich die Dortmunder Offensivkräfte bislang etwas schwer, dennoch ist die „Albirroja“ im Soll mit einem Sieg und einem Remis. Zumal sie das Unentschieden gegen den Weltmeister Italien erreichte, auch wenn dieser weit von seiner Form aus dem Jahr 2006 entfernt war. Immerhin ist Paraguays Team 2010 nicht mehr nur reiner Beton wie viele seiner Vorgänger, will auch offensiv Akzente setzen. Zu sehen beim 2:1 gegen Slowakei, wo man ein klares Chancenplus hatte und zudem wenig zuließ.
Ein Sieg, ein Unentschieden lautet auch die Bilanz von Uruguay. Trainer Oscar Washington Tabarez setzte im ersten Spiel gegen Frankreich auf kompromißlose Defensive, was beim 0:0 gegen den desolaten Vizeweltmeister Frankreich gar nicht nötig gewesen wäre. Im zweiten Spiel zerstörte Uruguay dank humorloser Abwehrarbeit die Träume des Gastgebers Südafrika. Und in der Offensive haben die Himmelsblauen mit Diego Forlan einen Weltklassespieler, der jederzeit in der Lage ist, mit einer genialen Aktion eine Partie zu entscheiden.