Mittwoch, 17. März 2010
Cheltenham, Teil 3: Der König ist entthront
Manchmal wundere ich mich, dass andere Leute auch so doof sind. Zum Beispiel Pettifour im ersten Rennen zu wetten, weil man glaubt, dass das Pferd nur für dieses Rennen seine bisherige Allergie gegen die schweren Sprünge ablegt. Auf 90:10 wetteten ich und meine Mittäter den Schützling von Trainer Nigel Twiston-Davies in diesem 20-Pferde-Amateur-Marathon herunter (der Favorit stand 75:10). Das Ergebnis: Pettifour trottete immer hinterher, weil er entweder zu flach sprang und das Hindernis touchierte bzw. so hoch sprang, als wäre er beim Springreiten.
Es war St. Patricks Day und am irischen Feiertag wird das Guinness heute noch mehr fließen. Denn die Iren räumten groß ab in Cheltenham und triumphierten in den zwei Grade 1-Prüfungen.
Big Zeb, bislang mit einem Auswärtskomplex versehen, überwand diesen und zwang seinen Trainer Colm Murphy zu einem bemerkenswerten Jubelsprint. Damit verhinderte Big Zeb den Hattrick von Master Minded in der Champion Chase, der enttäuschender Vierter wurde. Immerhin gewannen Ruby Walsh und Trainer Paul Nicholls immerhin noch mit dem guten Ding Sanctuaire die Fred Winter Juvenile Novices’ Handicap Hurdle. Rubys Schwester Katie war zudem erfolgreich. Nur im „Bumper“ dominierten die Iren diesmal nicht: Der hochüberlegene Sieg des 410:10-Schusses Cue Card hinterließ einen fast sprachlosen Trainer Colin Tizzard.
Die Vorschau für den dritten Tag fällt diesmal reichlich kurz aus, weil morgen andere Dinge Vorrang haben (es ist eine normale Arbeitswoche und das gilt auch für mich als Freiberufler). Daher gibt es nur die besten Tipps des Tages.

14:30: Hey Big Spender
15:05: Ainama
15:40: Barbers Shop
17:40: Shillingstone

Im Hauptrennen, der World Hurdle (16:20), sehe ich keine Opposition gegen Big Buck’s. Er steht allerdings auch kurz genug. Wer ihn zu diesen Kurs (maximal 18:10) wetten möchte, möge das tun, ich mache es nicht, weil man sich danach umso mehr ärgert, wenn er scheitert.



Auch Leon Blanche von Boylesports tippt Big Buck's



Mittwoch, 17. März 2010
Cheltenham, Teil 2: Minenfelder und ein Champion der Herzen
Wenn uns der erste Tag des Cheltenham Festivals etwas lehrt, dann ist das Demut. Zum Beispiel über den Ausgang der Champion Hurdle: Binocular gewann auf eine Weise, wie man ihm das im letzten Jahr als Top-Favorit zugetraut hatte. Mein Favorit war er definitiv nicht. Dunguib trug in der Supreme Novice die „Hoffnungen einer ganzer Nation“, doch wer außen zusätzliche Meter galoppiert und einige dumme Fehler an den Hürden macht, dem fehlen auf der ansteigenden Zielgerade die Reserven und es reicht nur zu Platz 3. Und der Triumphator in der Cross Country Chase kam diesmal nicht aus dem Stall von Enda Bolger. Die Vorschau für den Mittwoch...

140th Year Of The National Hunt Chase Challenge Cup, 4 m
Der Mittwoch startet mit einem weiteren Rätselraten: ein Marathon für Amateurreiter. Bei den meisten Teilnehmern überwiegen die Fragezeichen, spricht mehr gegen sie als dafür. Der Mitfavorit Any Currency (Quote 7:1), Far More Serious und Youngstown sind Pferde mit guter Form, die auch mit der Distanz zurechtkommen könnten. Aber vielleicht haut der Twiston-Davies-Stall wieder einen raus wie im letzten Jahr, als Tricky Trickster (läuft jetzt im Gold Cup für Paul Nicholls) gewann. Pettifour zählte als Hürdler zur erweiterten Spitzengruppe über die langen Distanzen. Die bisherigen Formen in Jagdrennen reichen nicht aus, doch diese dürften nicht das letzte Wort sein.
Tipp: Pettifour

Neptune Investment Management Novices' Hurdle (baring Bingham Novices' Hurdle) (grade 1), 2m 5f
Die Favoriten kommen mit Rite of Passage und Quel Espirit (hat noch eine Nennung für Freitag) aus Irland, doch das englische Lager ist gut gerüstet: Zum Beispiel mit Finians Rainbow, Peddlers Cross und Reve de Sivola. Ich entscheide mich für Reve de Sivola wegen der besseren Quote. Nicht zu unterschätzen ist Manyriverstocross (20:1) aus dem Stall von Alan King, dem die längere Strecke liegen wird.
Tipp: Reve de Sivola

RSA Chase (grade 1), 3 m 110 y
Das zweite große Rennen für den Nachwuchs über die Jagdsprünge. Nicky Henderson dürfte bestens gerüstet sein und schickt die Favoriten Long Run und Punchestowns sowie den chancenreichen Außenseiter Burton Point an den Start. Viel Potenzial hat ebenfalls Diamond Harry - wenn er vernünftig springt.
Tipp: Punchestowns


Viking Flagship gegen Deep Sensation und Travado - legendäres Finish in der Champion Chase 1994

Seasons Holidays Queen Mother Champion Chase (grade 1), 2 m
Master Minded gegen den Rest: Den dritten Sieg in Serie peilt das Pferd von Trainer Paul Nicholls an, doch so einfach wird es nicht. Beim Jahresdebüt verletzte sich der Wallach in Cheltenham, lieferte im Februar ein ganz ordentliches Comeback ab, auch wenn er einige Fehler machte und am letzten Hindernis fast gefallen wäre. Natürlich ist Master Minded das zu schlagende Pferd, doch er hat Konkurrenz. Zum Beispiel seinen Stallgefährten Twist Magic, der in dieser Saison offensichtlich seine Neurosen abgestellt hat und ein ganz anderes Pferd geworden ist. Was stört, ist seine schlechte Form in Cheltenham.
Viel Potenzial nach oben hat noch Kalahari King, der in Doncaster ein Handicap mit Höchstgewicht gegen erfahrene Gegner beeindruckend gewann. Im letzten Jahr war er im Arkle knapp geschlagener Zweiter hinter Forpadytheplasterer. Kann er Master Minded und Twist Magic gefährden? Eher noch nicht…
Mit dabei ist auch Forpadytheplasterer, in dieser Saison dreimal deutlich geschlagener Zweiter. Der weiche bis gute Boden kommt ihm allerdings entgegen. Wenn das Rennen in Irland wäre, dann wäre mein Geld auf Big Zeb, der Master Minded in Punchestown beinahe geschlagen hätte. Doch in England enttäuschte der Schützling von Colm Murphy bislang immer.
Und dann ist da noch mein alter Freund Well Chief, einst Sieger im Dortmunder Sparkassenpreis. Er wäre ein wahrer Champion der Herzen, wenn er auf seine alte Tage noch mal gewinnen würde.
Tipp: Das Herz schlägt für Well Chief, aber ohne Wette.

Coral Cup (Handicap Hurdle) (Grade 3), 2m 5f
Wie immer ein absolutes Mysterium. Wishfull Thinking, James De Vassey, City Theatre und Silk Affair sind nur einige von vielen potenziellen Siegkandidaten. Letzterer bekommt meine Stimme, weil er bereits beim Cheltenham Festival erfolgreich und ihm die längere Distanz liegen sollte.
Tipp: Silk Affair

Fred Winter Juveniles Novices Handicap Hurdle (Grade 3), 2 m 110 y
Ein weiteres Minenfeld für Wetter: 24 nicht voll erfasste Youngster gehen an den Start. Sanctuaire (kommt mit guten Formen aus Frankreich), Bothy (gewann dreimal in Folge und zeigte viel Sprungvermögen) sowie die Pipe-Pferde Notus de la Tour und Hunterview sollten gute Chancen haben. Bothy verspricht die beste Quote.
Tipp: Bothy

Weatherbys Champion Bumper (Grade 1), 2m 110y
Das Flachrennen war in den letzten Jahren immer eine irische Domäne. Doch diesmal könnten die Engländer mit Al Ferof so gut wie schon lange nicht mehr gerüstet sein sein. Dennoch kommen die Favoriten aus Irland: Drumbaloo ist nur eine von vielen Möglichkeiten, weitere Kandidaten sind das Weld-Paar Elegant Concorde und Hidden Universe, Day of a Lifetime und Up Ou That von Willie Mullins sowie Tavern Times.
Tipp: Drumbaloo



Sonntag, 14. März 2010
Der März-Wahn: Cheltenheim, Tag 1
Vier Tage emotionaler Ausnahmezustand: Das Cheltenham Festival, die Mutter aller Meetings im Galopprennsport, steht vor der Tür. Jedes Rennen des Festivals für Hindernispferde ist ein Kracher, hier treffen sich wirklich die Top-Pferde aus England und Irland. Der Stellenwert der Veranstaltung in der englischen und irischen Öffentlichkeit ist enorm, seit Wochen haben Racing Post, Sportinglife oder Attheraces ausführliche Informationen im Netz und dreht sich zum Beispiel im englischen Racingforum die Diskussion fast nur noch um das Festival. Selbst am Bildschirm bekommt man die Begeisterung der Zuschauer mit. Und wir in der Galopp-Diaspora Deutschland schauen neidisch auf die Insel - einer der wenigen Zeitpunkte im Jahr, wo ich das mache. Die Vorschau auf den Dienstag, den 16. März.

Spinal Research Supreme Novices Hurdle (Grade 1), 2 m 110 y
Es beginnt sofort mit einem Knüller, denn in der ersten Prüfung für Novice-Hurdler läuft die große Hoffnung aus Irland: Dunguib gewann im letzten Jahr den Cheltenham Jumper (das Flachrennen für den Hindernisnachwuchs), ist in diesem Jahr noch ungeschlagen über Hürden und steht nach Form meilenweit über seine irischen Rivalen. Manche vergleichen ihn schon mit dem großen Champion-Hurdler Istabraq (siehe Video), mit 4/5 steht er unter-pari im Wettmarkt. Und das ist mir viel zu wenig in einem Rennen voller Kandidaten mit noch nicht voll erkanntem Potenzial, so gut der Wallach aus dem kleinen Quartier von Philip Fenton auch sein mag. Doch wer sind die Gegner? So richtig überzeugt mich keiner, auch wenn Get me out of here (Quote 6:1) immerhin gegen erfahrene Gegner die Totesport Trophy Hurdle in Newbury gewonnen. Also eher ein Rennen zum Schauen.

Irish Independent Arkle Trophy Chase (Grade 1), 2 m
Welche Qualitäten muss ein Sieger in einer dieser großen Novice-Jagdprüfungen haben? Er muss natürlich ein sicherer Springer sein, sollte gerade hier über 2 Meilen über einigen Speed verfügen und muss mit großen Feldern zurechtkommen. Und da fängt das Problem an: Denn gerade in England sind die meisten Novices-Chases quantitativ nur sehr dünn besetzt, betreten viele Pferde auf dem Festival neues Terrain. Hinzu kommt, dass die Rennen in Cheltenham in einem knackigen Tempo gelaufen werden. Captain Cee Bee hat immerhin 2008 die Supreme Novices Hurdle gewonnen und kommt mit den besten Formen in den irischen Novice Chases nach Cheltenham, auch wenn er in Leopardstown am letzten Hindernis fiel und so Sizing Europe den Sieg schenkte. Wenn er glatt über den Kurs kommt, dürfte er das zu schlagende Pferd sein. Sizing Europe trifft er wieder, auch Osana, 2008 Zweite in der Champion Hurdle, wird wahrscheinlich laufen. Von den heimischen Pferden sollten Somersby und Riverside Theatre die besten Chancen haben. Beide sind noch ungeschlagen über die großen Sprünge, die Formen wurden aber nicht unbedingt aufgewertet. Mein Tipp lautet Riverside Theatre. Er kommt aus dem Formquartier von Nicky Henderson mit vielen Vergleichsmöglichkeiten, sprang bislang tadellos und ist ein geschontes Pferd, dessen Leistungsgrenzen man noch nicht gesehen haben muss.
Tipp: Riverside Theatre

William Hill Trophy Handicap Chase, 3 m 110 y
Das erste richtige Minenfeld für Wetter: Ein großes Feld, in dem viele Pferde gute Chancen haben. Favoriten bei den Bookies sind The Package aus dem Quartier von David Pipe und Bensalem aus dem Stall von Alan King, bei zu Kursen von 5:1 erhältlich. Ich gehe aber mit Character Building (Kurs 10:1), im letzten Jahr Sieger in der Fulke Walwyn Kim Muir. Es ist erst sein zweite Start in dieser Saison und eigentliches Ziel ist das Grand National in Aintree. Der Quinn-Schützling mag aber Kurs und Boden und könnte als geschontes Pferd noch einiges im Tank haben.
Tipp: Character Building

Smurfit Kappa Champion Hurdle Challenge Trophy (Grade 1), 2m 110y
Eines der offensten Rennen seit Jahren, die große Vorschau gab es auf diesen Seiten schon vor Wochen. Nur dass Binocolar doch laufen wird, steht dort noch nicht. Ich bleibe dennoch bei meinen Tipps Punjabi und Celestial Halo.
Tipps: Punjabi, Celestial Halo (beide Sieg)

Glenfarclas Handicap Chase (Cross Country), 3m 7f
Man könnte es auch das Enda Bolgers-Rennen nennen, denn der irische Trainer und sein Besitzer J P Mac Manus haben quasi ein Gewinn-Abonnement. Den dritten Erfolg in Serie strebt Garde Champetre an, im November und Dezember ebenfalls über den Kurs erfolgreich. Der stärkste Gegner kommt mit L’Ami aus dem Bolger-Stall, Sizing Australia ist ein weiterer starker irischer Gast. Und ich hoffe, dass der ehemalige Grand National-Sieger Silver Birch (auch von der grünen Insel - woher sonst?) noch mal zu großer Form aufläuft und vielleicht zu einem anständigen Kurs die Bolger-Vormacht brechen kann.
Tipp: Garde Champetre

David Nicholson Mares' Hurdle, 2m 4f
Das Rennen für die Stuten, benannt nach einer ehemaligen englischen NH-Trainerlegende. Der „Duke“, so der Spitzname von David Nicholsen, hätte sich aber bestimmt einige chancenreiche Starterinnen aus seiner Heimat gewünscht. Auf dem Papier sieht es nach einem Zweikampf zwischen Vorjahressiegerin Quevega und Voler La Vedette aus. Quevega gewann 2009 mit dem berühmten Finger in der Nase, verletzte sich aber nach ihrem letzten Start im Mai und gibt ihr Jahresdebüt. Voler La Vedette gestaltete sieben ihrer neun Starts erfolgreich, das einzige Fragezeichen ist der Boden, weil sie immer nur auf weichem Boden siegte. Diese beiden stehen schon heraus, Easter Legend, trainiert von Emma Lavelle, könnte die beste einheimische Hoffnung sein.
Tipp: Eher was zum genießen, es kommen noch aufregende Tage.