Wie lange verfolge ich den englischen Rennsport schon intensiv? 15, 16 Jahre – und in dieser Zeit kann ich mich kaum daran erinnern, dass die Stewards auf der Insel mal ein Pferd zurückstuften, weil es ein anderes behindert hat. Da muss die Behinderung schon sehr stark sein – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo die Regeln viel strenger sind.
Ausgerechnet ein ehemaliges deutsches Pferd war betroffen am Donnerstag in den Princess of Wales’s Stakes, einem Gruppe II-Rennen über 2 414 Meter auf dem July-Kurs in Newmarket. Schiaparelli, 2006 Sieger im Deutschen Derby und im letzten Jahr von Godolphin erworben, gab sein Jahresdebüt in diesem Rennen.
Vor dem Start standen andere Kandidaten im Blickfeld: Godolphin-Stalljockey Frankie Dettori saß auf dem Stallgefährten Campanologist, der zuletzt Zweiter während Royal Ascot hinter Bronze Cannon (ebenfalls dabei) in den Hardwicke Stakes war.
Schiaparelli wurde von Ted Durcan geritten, der Starting-Preis lag bei gigantischen 290:10 und damit gehörte der ehemalige Deutsche zu den Außenseitern im Feld. Zumal Trainer Saeed bin Suroor auf der Godolphin-Homepage noch verkündet hatte, dass Schiaparelli „zwar gut auf den Posten sei, das Rennen aber noch benötigt.“
Jedenfalls machte der Derby-Triumphator das Rennen und lange Zeit sah es sehr viel versprechend aus. Durcan, so schien es, hatte alles im Griff, doch dann beorderte er sein Pferd in den Zielgeraden an die Rails. Dabei schnitt er Alwaary den Weg ab, der stoppte kurzzeitig und musste von Jockey Richard Hills neu aufgenommen werden. Das sahen die Stewards als entscheidende Rennbehinderung und setzen das Godolphin-Pferd auf den dritten Platz, Alwaary wurde am grünen Tisch Zweiter.
Der Sieg ging an den Michael Stoute-Schützling Doctor Freemantle, der mit Ryan Moore im Sattel gewann. Schiaparelli zog zwar noch einmal an, war im Ziel nur um eine halbe Länge geschlagen, bevor die Stewards in Erscheinung traten.
Die favorisierten Bronze Cannon und Stallgefährte Campanologist endeten im geschlagenen Feld und spielten nie eine entscheidende Rolle.
Der Bundespräsident höchstpersönlich war zu Besuch auf der Köln Rennbahn – und erlebte live den Sieg Niederländers im Union-Rennen. Wir schreiben das Jahr 1950 – und dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel ist das damals immerhin folgende Geschichte wert, in die das Hamburger Blatt (oder waren sie da noch in Hannover) noch viel Turfhistorie packt.
Sehr lesenswert, zumal das spätere „Sturmgeschütz der Demokratie“ heute nur noch über Galopprennen berichten würde, wenn es einen saftigen Wettskandal oder massenweise gedopte Pferde gebe.
Eine Frage bleibt noch: Hat Adrian von Borcke, der ehemaliger Karlshorster Herrenreiter und Trainer Niederländers, recht behalten mit seinem Derby-Einlauftipp Niederländer – Asterios? Er hatte, leider lässt sich nicht mehr in Erfahrung bringen, was der Einlauf denn gezahlt hätte...
Auf der BVB-Homepage taucht er noch im Kader auf, das Fachmagazin kicker notiert ihn bereits unter Abgänge: Außenverteidiger Young-Pyo Lee wechselt ablösefrei von Borussia Dortmund zum saudi-arabischen Proficlub Al-Hilal Riad, berichten sowohl
die Dortmunder Tageszeitung Ruhr-Nachrichten als auch das kicker-Sportmagazin. Dabei hatte der BVB im Winter noch verkündet, dass der Verein den Vertrag des Südkoreaners bis zum 30. Juni 2010 verlängert habe. Das war offensichtlich nicht korrekt. Es habe „in der Tat eine Absichtserklärung für eine Vertragsverlängerung gegeben, aber diese ist nicht vollzogen worden“, so BVB-Sportdirektor Michael Zorc gegenüber den Ruhr-Nachrichten. Lee kam Ende August 2008 von den Tottenham Hotspurs aus der englischen Premiere League und sollte den verletzten Linksverteidiger Dede ersetzen. Sein Bundesliga-Debüt gab er beim sensationellen 3:3 nach 0:3-Rückstand gegen den Erzrivalen Schalke 04.
Der beidfüssige, technisch gute und taktisch versierte Abwehrspieler integrierte sich schnell ins Team. Nur bei der 0:2-Heimniederlage im UEFA-Cup gegen Udinese Calcio spielte Lee wie die ganze Mannschaft schwach, ansonsten bot er besonders in der Defensive sehr solide Vorstellungen.
Das zeigen auch die Daten der Kicker-Datenbank: 18 Bundesligaspiele, Durchschnittsnote 3,38, hinzukommen jeweils zwei Spiele im DFB-Pokal und UEFA-Cup. Die Notenpalette reicht dabei – mit Ausnahme des Udinese-Hinspiels - von 2,5 bis 4, also durchaus konstant ohne große Ausrutscher nach oben und unten.
Je länger die Hinrunde dauerte, desto mehr taute der Südkoreaner auf, traute sich auch in der Offensive mehr zu und entwickelte sich zu einem Publikumsliebling im Westfalenstadion. Laute Leeeeeeeeee-Rufe begleiteten seine Aktionen. Kein Wunder, dass der BVB den Vertrag in der Winterpause verlängerte – was sich im Nachhinein ja nur als „Absichtserklärung“ herauskristallisierte.
Dann kam der 20.Spieltag: Dortmund quälte sich zu einem müden 1:1 gegen den späteren Absteiger Cottbus – und Lee sah von Schiedsrichter Peter Sippel die rote Karte wegen rohen Spiels, eine sehr harte Entscheidung. Der Stammplatz war danach weg: Denn auf der linken Seite kehrte Dede in die Mannschaft zurück und rechts trumpfte auf einmal Patrick Owomoyela groß auf. Lee blieb die Ersatzbank, nur noch zweimal kam er noch zum Einsatz.
Über 100 Länderspiele bestritt der 32jährige bislang für sein Heimatland Südkorea, größter Erfolg war Platz vier bei der Heim-WM 2002, als die Asiaten erst im Halbfinale an Deutschland scheiterten. Auch 2006 gehörte er zum WM-Aufgebot Südkoreas.
2002 folgte er seinem Nationaltrainer Guus Hiddink zum PSV Eindhoven in die Niederlande, 2005 verpflichteten ihn die Tottenham Hotspurs und ihr damaliger Manager Martin Jol.
Die Gedanken waren bei der verstorbenen Gestütsbesitzerin: Auf dem Podest stand Jens Hirschberger, Trainer des Derbysiegers, und schaute in den Himmel, schrieb das Hamburger Abendblatt. „Ich hoffe, dass die Baronin von oben zuschaut", sagte er. Karin von Ullmann, langjährige Gestütschefin auf Schlenderhan, war am Pfingstmontag (und nicht am 1. Juli wie das Hamburger Blatt schrieb) im Alter von 87 Jahren verstorben.
Der Sieg von Wiener Walzer im 140. Deutschen Derby war der 18. Erfolg des 1869 gegründeten Gestüts. Der erste Gewinner trug 1908 den bezeichnenden Namen Sieger.
Hirschberger feierte wie Jockey Fredrik Johansson, der vor zwei Jahren Adlerflug zum Sieg steuerte, seinen zweiten Derbyerfolg.
Es läuft hervorragend im dritten Jahr, seitdem Jens Hirschberger die Pferde in den berühmten rot-blauen Farben auf einer eigenen Anlage in Bergheim trainiert. Wiener Walzer ist nach Irian, erfolgreich im Mehl-Mülhens-Rennens, bereits der zweite klassische Sieger in dieser Saison.
Dass Wiener Walzer ein Pferd mit viel Potenzial ist, zeigte sich spätestens beim zweiten Lebensstart Anfang April in Bremen, als er über 2100 Meter seine Gegner um sieben Längen distanzierte. Doch danach war Geduld angesagt: Eine Chipverletzung zwang den Dynaformer-Sohn zur Pause.
Das erfolgreiche Comeback in der Union, wo er Oriental Lion, Panyu, Egon und Eliot hinter sich ließ, ließ alle Zweifler verstummen. Wiener Walzer ging als höchsteingeschätztes Pferd mit der Startnummer 1 ins Rennen – und gewann sicher mit eineinviertel Längen das blaue Band. „Der Rennverlauf war einwandfrei. Wiener Walzer galoppierte stets gut. Ich fand in der Zielgeraden zum rechten Zeitpunkt eine Lücke und das Pferd hat dann auch toll mitgezogen. Ich hatte auch sehr viel Glück“, erklärte Jockey Fredrik Johansson nach dem Rennen. Und er glaubt, dass das Pferd noch stark zu verbessern sei – verständlich bei erst vier Starts im Leben.
Derbysieg Nummer 18 für Deutschlands ältestes Privatgestüt: Der Mitfavorit Wiener Walzer aus dem Gestüt Schlenderhan triumphierte im 140. Deutschen Derby auf der Galopprennbahn in Hamburg-Horn. Auf den Plätzen folgten die Außenseiter Sordino, Toughness Danon und Eliot.
Das Derby ist die perfekte Mischung aus Vorfreude, Anspannung, Spannung und am Ende Freude oder Enttäuschung. Es gab allerdings schon Jahre, in denen ich während des Rennens erheblich lauter war als in diesem Jahr. 2001 zum Beispiel, als der Riesenaußenseiter Lierac, der über 500 am Toto stand, kurz auf der Gerade in Front lag und nur noch von Boreal abgefangen wurde. 2005, als Nicaron sich vom Feld löste und Ransom O’Wars Schlussattacke zu spät kam. Oder 2007, als Adlerflug seine Gegner auf schwerem Geläuf deklassierte.
Getroffene Wetten im Derby sind – wie Treffer während des Cheltenhams-Festivals oder über die Grand National-Hindernisse – Erfolge, die einen besonderen Stellenwert in der Bilanz eines Wetters einnehmen. Und da immer die ungeraden Jahren meine Erfolgsjahre „im Rennen der Rennen waren“ (1997 Borgia, 2001 die fette Platzquote auf Lierac, 2003 Dai Jin, 2005 Nicaron, 2007 Adlerflug), hätte 2009 der nächste Erfolg kommen müssen.
Dachte ich zumindest: Hoffnung, als Eliot (gespielt zum Festkurs 166:10) kurz auf der Gerade einen guten Moment hatte, doch schnell war zu sehen, dass Wiener Walzer an diesem Tag das mit Abstand beste Pferd war und gewinnen würde.
Die Stute Bolivia, mein eigentlicher Wett-Mumm, fand wie der Favorit Suestado nie ins Rennen und endete im geschlagenen Feld. Dort endeten weitere hochgehandelte Pferde wie Saphir oder Oriental Lion. Selbst „Kultpferd“ Egon blieb im Mittelfeld stecken.
Andere überraschten neben den vier Erstplacierten positiv: „No-Hoper“ Quo Dubai, der doch eigentlich kein Stehvermögen hat, seine beste Arbeit aber zum Schluss ablieferte oder der tapfer seinen Strich durchgaloppierende Ordenstreuer.
Beeindruckende NDR-Bilder
Schönes Wetter, 20 000 Zuschauer, Umsatz in Ordnung, gut besetzte Rennen auch im Rahmenprogramm – die Bilanz des Hamburger Renn-Clubs dürfte nach dem Derby-Meeting 2009 um einiges freundlicher ausfallen als in den Jahren zuvor.
Die Hamburger verlangen ihren Besuchern am Derbytag einiges an Kondition ab: 12 Rennen, erster Start 13 Uhr, letzter 19 Uhr 40. 12 Rennen sind mir zuviel, zumal das Deutsche Derby erst als 9. Rennen um 17 Uhr 45 auf dem Programm stand. Grund für den späten Beginn war die Übertragung im französischen Rennsportkanal.
In den Jahren vorher war es aber auch nicht anders: Am Derbytag gab es immer diese Mammutkarte mit 12 Rennen, das Derby war meist das achte oder neunte Rennen.
Das macht die Veranstaltung zäh, die Wartezeit zu lang, die Spannung ist dann irgendwie raus. Englische Rennveranstaltungen umfassen nicht umsonst maximal sieben Rennen; ich könnte gut mit acht oder neuen Rennen am Derbytag leben.
Ärgerlich, dass es keine Live-Übertragung auf irgendeinem Fernsehsender gab, gerade für neue Zielgruppen wäre eine dauerhafte Medienpräsenz wichtig. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen mal mit der Familie Popolski aus Zabrze, deren Großvater einst die Popmusik erfand, zusammensetzen. Die wissen, wie man einen Sendemast „chackt“.
Dafür waren die „Rivalen der Rennbahn“ – am Sonntag abend um 23 Uhr auf Nord 3 – ganz hervorragend. Schöne Bilder gab es in den Jahren vorher auch schon, aber dieses Mal fehlten die „Schlampigkeitsfehler“, die zuletzt den Eindruck etwas getrübt hatten.
Wolfgang Biereichel und Peter Carstens besuchten unter anderen in Köln den Stall von Peter Schiergen, begleiteten die Pferde beim Transport nach Hamburg und fingen mit ihrem Kamerateam die ganze Ästhetik der Vollblüter an. Fantastische Bilder und Einstellungen nicht nur vom Rennen, eine Werbung für den Rennsport. Davon müsste es mehr geben.
Die NDR-Bilder zeigten aber auch eindrucksvoll, wie schlecht das deutsche Rennbahn-Fernsehen ist, dass über Buchmacher, Wettannahmen und Live-Streams Bilder des aktuellen Turfgeschehens liefert. In Hamburg waren diese ganz grässlich: Offensichtlich gibt es dort nur eine Kameraeinstellung ohne Nahaufnahmen, die Pferde wirken winzig klein und laufen irgendwo ganz weit weg.
Peinlich ist auch die Tonqualität: Im Hintergrund krächzt der Traberkanal in Kurzwelle-Qualität.