Donnerstag, 30. April 2009
Cheerleader der Buchmacher
Es gab Zeiten, da hatte die englische Fachzeitschrift Racing Post für mich quasi den Status einer Bibel des Rennsports. Eine Samstag ohne Racing Post ging gar nicht, zumindest im Bereich Pferderennen habe ich damals jede Zeile gelesen. Die Lektüre war oft abendfüllend, verbunden mit einigen Weißbieren und lauter Musik war das eine sehr angenehme Art, den Abend zu verbringen.
Die Zeitung war aber auch völlig anders als das, was ich bislang zum Thema Pferderennen kannte. Na gut, zu diesem Zeitpunkt kannte ich eigentlich nur die deutsche Sport-Welt. Die war damals in Inhalt und Layout ziemlich hausbacken, verpasste fast jede gute Story und war in Sachen Wetttipps wenig hilfreich.
Die Post hatte hingegen Kolumnen wie „Pricewise“, in der nicht die 20:10 Favoriten angesagt wurden. Oder Korrespondenten in Lambourn, Newmarket oder in Nordengland, die Tipps aus den Trainingsquartieren lieferten. Allerdings: Fast nie gab es Kritik an Jockeys oder Trainern nach schlechten Rennen. Die Racing Post fühlte sich als Teil der großen Turfgemeinde und da kritisiert man nicht die Protagonisten, weil man ja auch zukünftig „zusammenarbeiten“ möchte.

Bissige Kolumnisten
Für andere Töne sorgten einzelne Kolumnisten, die sich das Blatt gönnte. Einer war Derek Mc Govern, spezialisiert auf Sportwetten und ein ziemliches Großmaul. Pferderennen interessierte ihn weniger, dafür war Fußball sein Metier. Mc Govern beschimpfte regelmäßig die Buchmacher, die auch damals schon die wichtigsten Anzeigenkunden waren, und lag mit seinen Voraussagen meist falsch. Weil er aber permanent provozierte, waren seine Kolumnen richtig spannend. Irgendwann hatten die Anzeigenkunden wohl doch die Nase voll, die Kolumne verschwand aus dem Blatt. Mc Govern arbeitet heute regelmäßig für die Boulevardzeitung Mirror, seine Texte dort sind nur ein schwacher Abklatsch der Pamphlete in der Post.
Regelmäßig in der Samstags-Ausgabe schrieb auch Paul Haigh, seit 1993 Kolumnist und seit dem Start der Racing Post im Jahr 1986 mit an Board. In seinen besten Texten war er witzig, geistreich und beleuchtete oftmals Dinge aus einer Sicht, die man nicht unbedingt in einer Wettzeitschrift erwartete. Allerdings schwankte die Qualität; an schlechten Tagen waren seine Kolumnen wirr und witzfrei.
Am besten war Haigh, wenn er englische Institutionen wie Royal Ascot oder das Grand National attackierte. Er war nie ein großer Freund von Hindernisrennen; Top-Flachrennen wie das King George, den Arc oder die Rennen um den Breeders Cup waren sein Metier. Zudem mochte er keine Buchmacher, die seiner Meinung nur vom Sport profitierten, aber nichts für diesen taten. Haigh bevorzugte ein staatliches System wie in Frankreich oder Deutschland, dessen Erlöse wieder in den Rennsport fließen.
Im Laufe der Jahre wurde die Racing Post allerdings langweiliger – ohne das sie richtig schlecht wurde. Auch Haigh hatte viel von seinem Biss verloren.

Nachgetreten
Später verlor ich die Printausgabe etwas aus den Augen, weil ich in Orten lebte, in denen es unmöglich war, eine Racing Post zu erwerben. Online habe ich das Angebot zwar intensiv genutzt, die Zeitung sah ich nur, wenn ich mal wieder in Dortmund war.
Dennoch hat mich die Nachricht überrascht: Paul Haigh hat im März nach 23 Jahren seine Tätigkeit bei der Post beendet und zum Abschluss einen bitterbösen Brief an Alan Bryne, früherer Chefredakteur und jetziger Chief Executive, verfasst.
Dort schreibt Haigh, dass er sich inzwischen schäme für das Blatt zu arbeiten, weil es seit einiger Zeit nur noch eine „cheerleading tip sheet“ (wie übersetzt man das jetzt: einpeitschendes Wett Blatt) sei. Haigh: „Die Inhalte von Englands einziger Racing- und Sportzeitung werden nun komplett von den wesentlichen Anzeigenkunden (den großen Buchmachern) diktiert.“ Fast alle Rennmedien seien nun unter der redaktionelle Kontrolle der Buchmacher, weil deren Anzeigen überlebensnotwendig seien.
Dabei könnte die Post wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie sich gelegentlich weigern würde, die Wünsche der Anzeigenkunden zu erfüllen. Sie könnte sogar neue Leser gewinnen und den Auflagenrückgang stoppen, behauptet Haigh. Im Februar 2009 verkaufte die Racing Post durchschnittlich 55054 Exemplare am Tag, im März 2005 waren es noch 93551.
Racing Post Chefredakteur Bruce Millington weist diese Vorwürfe natürlich zurück. „Wir haben immer noch die gleichen redaktionellen Grundsätze seit dem Start vor fast 23 Jahren“, so Millington. Die Racing Post sei immer ein Blatt für den Wetter gewesen und werde dies auch zukünftig sein.



Montag, 27. April 2009
Klinsi hat fertig
In den Redaktionen von Bild und Sport-Bild dürften heute die Sekt- und Champagnerkorken geknallt haben. Der FC Bayern München hat Trainer Jürgen Klinsmann gefeuert – was die Springer-Gazetten ja schon seit Wochen fordern. Die Zusammenarbeit zwischen Klinsmann und dem deutschen Rekordmeister entpuppte sich dann doch als millionenschweres Missverständnis.
Jupp Heynckes und Hermann Gerland sollen die Mannschaft bis Saisonende betreuen. Das neue Dreamteam soll dafür sorgen, dass der FC Bayern im nächsten Jahr weiter gegen Barcelona, Inter und Manchester United in der Champions League spielt und nicht auf Malaga, Cagliari oder Wigan im UEFA-Cup trifft.
Heynckes gewann einst mit Real Madrid die Champions League und trainierte Bayern schon einmal von 1987 bis 1991. Seine letzten Trainerstationen auf Schalke und in Mönchengladbach waren allerdings weniger erfolgreich.
Gerland war früher ein furchterregender Verteidiger beim VfL Bochum und ist seit Jahren verantwortlich für die zweite Mannschaft der Münchener. Besonders freue ich mich schon darauf, wenn der „Tiger“ Schweini, Poldi, Fronk und co. mal richtig zusammensch…t.



Kloppomania
Fünfter Sieg in Serie – und die Euphorie in Dortmund steigt ins Unermessliche. Nach dem ungefährdeten 2:0 gegen den Hamburger SV lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Die Südtribüne feierte die Mannschaft und forderte dann, dass der Trainer kommt. Es war wie beim selbsternannten Mainzer Karnevalswein: Jürgen Klopp stand alleine vor der „gelben Wand“ und bedankte sich. Und ging sofort danach auf die Euphoriebremse. Die Party mit den Fans soll nicht zum Dauerzustand werden.
Klopp hat sich die Ovationen redlich verdient: Nicht nur seine lockere, unkonventionelle Art kommt gut an. Sein Einsatz und seine Identifikation mit der Aufgabe ist entscheidend. Das Publikum im Ruhrgebiet erkennt nämlich „Blender“, die nur große Worte spucken, sehr schnell – und die haben keine Chance.
Klopps größtes Verdienst besteht darin, dass er dem Verein nach jahrelanger Dümpelei neue Perspektiven gibt. Er hat der Mannschaft wieder Leben eingehaucht, die Handschrift seines Trainerteams ist unverkennbar. Borussia im April 2009 präsentiert sich als gut abgestimmtes Team, in dem Laufwege und Spielverständnis stimmen. Die Truppe ist körperlich fit, kann immer wieder zulegen. Das ist der große Unterschied zu Zeiten eines Thomas Doll und eines Bert von Marwijk (zumindest die letzte Phase), als Dortmund „Schema F-Fußball“ im Einheitstempo spielte. Zum ersten Mal seit langer Zeit gibt es wieder so etwas wie Spielkultur beim BVB.
Gegen das Spitzenteam aus Hamburg war das Stadion ausverkauft. Und selbst gegen Karlsruhe und Bielefeld – nicht unbedingt Gegner mit hoher Attraktivität – rechnen die Verantwortlichen mit 80 000 Zuschauern.
Dabei hat sich sportlich nicht viel geändert: Borussia liegt weiterhin fünf Punkte hinter einem UEFA-Cup-Platz, weil die anderen Teams seit Wochen ebenfalls punkten. Selbst der Erzrivale aus Gelsenkirchen steht vor den Schwarz-Gelben: Schalke ist mit den Interimstrainern Mike Büskens und Youri Mulder seit vier Spielen ungeschlagen.



Montag, 27. April 2009
Der Galopper der Woche: Sacho
63 Starts, 12 Siege, Gewinnsumme 254.205 Euro: Der 11jährige Sacho gehört schon seit Jahren zur erweiterten Spitzenklasse der deutschen Sprinter. Jetzt folgte Sieg Nummer 13: Der 11jährige Wallach des Stalles Saarbrücken siegte im Kölner Frühjahres-Sprintpreis, einem Listenrennen über 1200 Meter, und wiederholte damit seinen Vorjahreserfolg. Verdienter Lohn waren 12 000 Euro.
Aus der günstigen Startbox 2 hatte Jockey Daniele Porcu den Dashing Blade-Sohn immer im Vorderfeld placiert. Etwa 100 Meter vor dem Ziel zog Sacho am tapfer kämpfenden New Fan vorbei, im Ziel hatte er eine dreiviertel Länge Vorsprung vor Shinko’s Best und New Fan. Die Wetter hatten den Wallach ziemlich unterschätzt, 104:10 gab es auf Sieg.
Sacho ist auch ein Kompliment für die Arbeit seines Trainers Wilfried Kujath. Jahr für Jahr schafft es der Frankfurter Trainer immer wieder, den Wallach siegfertig vorzustellen.
Dabei war er im Gegensatz zu vielen anderen Dashing Blade-Nachkommen eher spätreif. Zweijährig nicht gelaufen, blieb er dreijährig bei sieben Starts sieglos, war aber bereits viermal placiert.
2002 kam der Durchbruch: Bei zehn Starts war der Kujath-Schützling fünfmal erfolgreich und steigerte sein GAG von 64,5 kg auf 91,5 kg. Seitdem hat Sacho mindestens ein Rennen pro Jahr gewonnen.
Alter schützt dabei vor Leistung nicht. Mit 11 Jahren gehört Sacho zu den Senioren auf der Rennbahn. Wobei Sprinter oft lange erfolgreich laufen: So sind Key to Pleasure (9 Jahre) und Shinko’s Best (8 Jahre) seit Jahren Stammgäste in den guten Rennen für die ganz schnelle Brigade. Und Takeover Target aus Australien, einer der weltbesten Sprinter, zählt auch schon 10 Jahre.



Zittersieg für Derbysieger Kamsin
Kamsin siegt mit viel Mühe, Ostland enttäuscht, Liang Kay gewinnt souverän – drei führende Pferde des Jahrgang 2005 liefen am Sonntag auf der Galopprennbahn in Köln mit recht unterschiedlichem Ergebnis.
Alle Augen im Weidenpescher Park richteten sich auf den Derbysieger Kamsin, der im Gerling-Preis (Gruppe II) uber 2400 Meter sein Jahresdebüt feierte. Mit 15:10 stand er eindeutig in der Favoritenrolle, doch richtig überzeugen konnte der Samun-Sohn trotz seines Erfolges nicht.
Wie im Derby wollte Jockey Andrasch Starke das Rennen von der Spitze diktieren. Das gelang über weite Strecken, doch Mitte der Geraden sah es nach einer Sensation aus, als der 223:10 Außenseiter Dwilano mit Norman Richter im Sattel an Kamsin vorbei zog. Doch der Schiergen-Schützling bewies Kampfgeist und siegte am Ende mit eineinviertel Längen Vorsprung.
Dennoch wirft die Form einige Fragezeichen auf. „Er ist in der Form seines Lebens“, sagte zwar Dwilanos Trainer Peter Remmert gegenüber GaloppOnline. Zuletzt war er Vierter im Grand Prix-Aufgalopp (Gr.III) in Köln. Natürlich unterschätzen die Wetter den Hengst am Toto als letzten Aussenseiter sträflich, doch waren seine Leistungen bislang weit von Gruppe II-Erfolgen entfernt. Auch eine Klasse tiefer, in Listenrennen, blieb er erfolglos. Zudem gilt Dwilano als Spezialist für 2000 Meter und weichen Boden.
Nicht weit geschlagen war zudem Shawnee Saga. Auch diese Form wertet Kamsins Leistung nicht gerade auf. Der vierjährige Hengst war beim letzten Start 10. in einem Listenrennen im französischen Longchamp und hatte sich 2008 bereits einige Male ohne Erfolg in dieser Klasse vorgestellt. Zuletzt erfolgreich war Shawnee Song, der von Werner Baltromei in Mülheim trainiert wird, am 13. Juli in einem Ausgleich B im französischen Chantilly.
Natürlich war es Kamsins erster Start nach der Pause und dürfte er den Lauf noch gebraucht haben, aber etwas deutlicher hätten die Abstände schon sein können.
Die Enttäuschung des Rennens war der Derby-Zweite Ostland, der als Letzter ins Ziel kam. Ostland hatte zuletzt den Grand Prix-Aufgalopp nach Kampf gegen Ambassador (dem diesmal die 2400 Meter eindeutig zu lang wurden) gewonnen, fand aber im Gerling-Preis nie ins Rennen.
Sogar als Favorit im Derby 2008 startete Liang Kay. Das Pferd aus dem Stall von Trainer Uwe Ostmann lief als Vierter in Hamburg auch ein gutes Rennen, doch zeigte sich, dass sein Stehvermögen für 2400 Meter nicht ausreicht. Liang Kay gewann danach hochüberlegen das Fürstenberg-Rennen (Gruppe III) über 2000 Meter – auch wenn die Konkurrenz nicht gerade international hochklassig war. Jetzt folgte das Jahresdebüt in der Excelsior Hotel Ernst-Meile, einem Listenrennen. Und es wurde ein souveräner Erfolg: Mühelos zog das Pferd des Stalles Emina am lange führenden Black out vorbei, am Ende hatte Liang Kay zwei Längen Vorsprung vor Abbashiva; Jockey William Mongil musste ihn nur bei Laune halten.