Dienstag, 6. August 2013
Durchgeknallte russische Milliardäre unerwünscht
Inzwischen kann man sagen „Alle Jahre wieder“. 11 Freunde, das selbst ernannte Magazin für Fußballkultur, hat zur Bundesliga-Saison wieder ein knackiges kleines Heft der normalen Ausgabe beigelegt, das bequem in die Jackentasche passt. Es enthält nicht nur wunderbare alte Mannschaftsbilder, sondern auch die Antworten verschiedener Fans auf die immer gleichen Fragen. Borussia Dortmund vertritt ein Mann von schwatzgelb.de. Das ist nicht schlecht, denn dann kann ich meine Antworten auf die leicht modifizierten Fragen hier loswerden.

Die neue Saison wird legendär, weil … der BVB die Champions League gewinnt. Ernsthaft: Der BVB hat in den letzten Jahren so restlos überzeugt, das ist eigentlich kaum noch zu toppen. Zumindest wird es schwer.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann …ist endgültig die Kuschelzeit mit dem FC Bayern München vorbei. Erst das Werben um Lewandowski, dann der Abgang von Mario Götze zum FC Bayern. Damit schwächen die Münchner in alter Tradition mal wieder ihren größten Mitbewerber - egal, ob sie die Spieler brauchen oder nicht.

Wenn ich einen durchgeknallten russischen Milliardär kennenlerne, dann schenke ich meinem Verein…: Das Letzte, was dem BVB fehlt, ist ein durchgeknallter russischer Milliardär.

Mein schlimmster Albtraum ist…, dass der FC Bayern München die Bundesliga so dominiert, dass der Meister schon wieder zu Ostern feststeht

Mein Held vergangener Jahre: Lukasz Piszczek, der beste rechte Defensivmann der Liga. Gemeinsam mit Jakub Błaszczykowski bildet er auf rechts ein Duo, das sich perfekt ergänzt und blind versteht. Dass „Kuba“ endlich sein großartiges Talent ausschöpft, liegt auch an seinem kongenialen Partner. Mal schauen, wie Borussia die Verletzungspause von Piszczek kompensiert. Es wird zumindest schwer, ihn zu ersetzen.

Interessanter Nachwuchsmann: Marvin Duksch, wuchtiger Stürmer und sehr torgefährlich. Zudem ein Ur-Dortmunder, kommt vom BSV Fortuna Dortmund, Luftlinie zum Westfalenstadion ca. 1 km.

Auf Auswärtsfahrten darf nie fehlen: Die Eintrittskarte

Ich gehe nie wieder ins Stadion, wenn …es keine Stehplätze mehr gibt und der Spieltag aus neun verschiedenen Spielterminen besteht, damit das Pay-TV übertragen kann.

Mit einer Klatschpappe kann man prima: Klatschpappe, was ist das?

Unser aktuelles Trikot ist... durchaus gelungen, aber immer noch viel zu teuer.

Wenn Pep Guardiola nicht mindestens vier Titel holt, dann... holt er drei oder zwei. Der alte Fuchs Heynckes hat eben richtig vorgelegt.

Meine Wunsch-Schlagzeile des Sommers: Kagawa und Barrios – wieder zurück beim BVB.

Fußball gucke ich am liebsten...im Stadion

Die erste Liga verlässt nach unten: Alle sagen Braunschweig, aber die Eintracht schafft auch dank ihrer großartigen Fans das Fußballwunder. Verdient hätten es andere aus dem Norden wie der HSV oder Wolfsburg, aber das Leben ist leider nicht gerecht. Neben Braunschweig werden Augsburg, Nürnberg, Hertha und Werder um den Klassenerhalt kämpfen.



Donnerstag, 1. August 2013
Eine neue Saison mit Verona in der Serie A
Hellas Verona ist wieder da. Zumindest da, wo sie nach Einschätzung ihrer Anhänger hingehören – in die Serie A, Italiens oberste Fußballklasse.
Hinter den Hellas-Fans liegen Jahre des Leidens: Bis in die dritte Liga stürzte ihr Klub ab. Zu allem Überfluss etablierte sich der Ortsrivale Chievo Verona in der Serie A. Welch eine Demütigung, der kleine Vorortverein lief dem großen Rivalen einfach den Rang ab.
Positive Schlagzeile macht der Verein aus Norditalien, als er 1985 den Großen des italienischen Fußballs – Inter, Milan, Juve, Roma, Lazio – eine lange Nase zeigte und Champion wurde. Mit dabei unter anderem Hans-Peter Briegel, die berühmte Walz aus der Pfalz. Maßgeblich beteiligt war zudem der wuchtige Däne Preben Elkjaer Larsen, der eindrucksvoll bewies, dass Nikotin und Spitzenfußball keine unüberbrückbaren Gegensätze sind.
Manche kennen Hellas Verona jedoch durch eine andere Tatsache: Teile seiner Fanszene zählten bzw. zählen zur rechten Szene in Italien. So gehörten in den neunziger Jahren die Urwald- und Affenlaute, wenn ein andersfarbiger Spieler den Ball hatte, zum Standard der Hellas-Fankurve. Weitere Hintergründe liefert dieser Artikel aus dem österreichischem Ballesterer. Und auch heute gehören rassistische Sprechchöre offenbar noch zum Repertoire vieler Fangruppen.

Doch Hellas ist nicht nur Rassismus und rechte Fans. Eines der besten Fußballbücher aller Zeiten beschäftigt sich ausgiebig mit dem Verein und seinen Anhängern. „Eine Saison mit Verona“, nannte der englische Autor Tim Parks sein Werk und reiste dafür eine Saison lang mit den Fans der „Gialloblu“ von Spiel zu Spiel. Parks, der in Verona lebt und ansonsten ganz andere Sachen schreibt, wollten einen Einblick in die italienische Seele bekommen – und da bot sich der Fußball an. Denn im Lande dreier täglich erscheinender Sportzeitungen scheint dieser das wichtigste für viele Menschen.

Die italienische Seele
Das Ergebnis ist ein Werk, das über weite Strecken süchtig macht. Erst einmal ist es wunderbar lebendig geschrieben. Wer selbst Fan einer Mannschaft ist, kann vieles nachvollziehen. Eine Saison gleicht fast immer einer Achterbahnfahrt – Freude und Jubel, aber auch Trauer und Depression. Und dann ist das Buch auch noch sehr witzig.
„Eine Saison mit Verona“ ist eine großartige Mischung aus Reisebeschreibung und Fußballreportage. Es ist eine Reise in die italienische Mentalität – die Liebe zum Fußball, die Liebe zum Verein, aber auch die strikte Rivalität zwischen Nord- und Süditalien.
Natürlich gibt es bei über 600 Seiten ein paar Längen, aber über weite Strecken ist es richtig packend. Parks nähert sich den Fans mit viel Verständnis, stellt sie aber nie bloß, bleibt immer distanziert und wachsam.
Natürlich spielt das Thema Rassismus eine Rolle. Doch auch hier wertet Parks nicht, bleibt scharfsinniger Beobachter. „Wenn Pastorello (der damalige Präsident) einen Schwarzen kauft, bringen wir ihn um. Dann zerreiße ich meine Jahreskarte. Wir wollen nichts mit Negern zu schaffen haben“, zitiert der Autor einen Beitrag aus einem Hellas-Forum.
Doch dann schreibt Parks weiter: „Und doch rasen sie vor Wut, wenn die Presse ihnen einen rassistischen Übergriff anhängt, wenn man ihnen vorwirft, tatsächlich etwas getan zu haben. Dann sind sie augenscheinlich davon überzeugt, dass solche Anforderungen Teil einer Kampagne sind, die zum Ziel hat, sie und ihre Stadt in den Dreck zu ziehen. Und das könnte sogar die Ergebnisse der Mannschaft beeinflussen……“
Manchmal nervt der Autor etwas, wenn er seine akademische Bildung in den Vordergrund stellt. Das sind zum Glück nur wenige Seiten, dafür bietet das Buch wieder anderen Nutzwert. Zum Beispiel kennt der Leser nach der Lektüre eine ganze Menge italienischer Schimpfwörter.
„Facci sognare“ beginnt das Buch. „Mach uns träumen. Bitte!“ In der Serie A, 2013/2014.



Dienstag, 23. Juli 2013
Spaßbremse Trading Leather
Wandert Novellist auf den Spuren von Danedream und gewinnt die King George XI und Queen Elisabeth Stakes am Samstag in Ascot (27.7, 16:50 Uhr)? Spätestens um 16:55 Uhr wissen wir mehr; diese Kolumne glaubt jedoch, dass ein Dreijähriger aus Irland die Party sprengen kann. nurpferdeundfussball stellt die Starter der traditionsreichen Gruppe 1-Prüfung über 2400 Meter vor. Das endgültige Starterfeld gibt es am Donnerstag.

Cirrus des Aigles: Zuletzt nur Fünfter im Grand Prix de Saint Cloud hinter Novellist. Aber das war das Comeback nach einer längeren Verletzungspause und so schlecht war die Leistung nicht, denn lange hielt der Stolz von Trainerin Corinne Barande Barbe an der Spitze stand. Vorher mehrfacher Gruppe 1-Sieger (unter anderem im hochdotierten Dubai Sheema Classic), ein Pferd der Spitzenklasse, das Distanzen von 1800 bis 2500 Meter kann. Inzwischen schon sieben Jahre alt und ein Beispiel dafür, dass auch Flachpferde sich in zunehmendem Alter steigern können. Leider ist das eher in kleineren Quartieren möglich, weil man dort nicht unbedingt Klassiker gewinnen muss.

Chamonix: Listensieger aus dem Ballydoyle-Quartier, hätte wahrscheinlich das Tempo für St. Nicholas Abbey gemacht.

Ektihaam: Frontrenner, zuletzt in den Gruppe 2 Hardwicke Stakes im Pech, als er seinen Reiter abwarf. Davor gut gesteigert, Listensieger und Dritter hinter dem guten Al Kazeem und dem so unglücklichen Thomas Chippendale. Dennoch muss das Pferd von Trainer Roger Varian noch einen deutlichen Sprung bewältigen, um hier zu gewinnen.

Ernest Hemingway: Nach der schweren Verletzung von St. Nicholas Abbey die Nr. 1 aus dem O’Brien-Stall. In diesem Jahr Gruppe 3-Sieger, aber wahrlich keiner der Topstars aus dem irischen Meister-Quartier.

Hillstar: Ein weiterer Dreijähriger, der seine Leistungen deutlich steigerte, als er die King Edward VII Stakes während Royal Ascot gegen Battle of Marengo entschied. Sollte noch einige Reserven haben, könnte alle überraschen. 2400 Meter sind die Idealdistanz. Zudem wurde der Hengst für 75 000 Pfund nach genannt. Das zeugt von einigem Optimismus, auch wenn für die Besitzerin aus der Rothschild-Familie dies eher ein Betrag aus der Portokasse ist.

Novellist: Vor Jahresfrist einer der größten Favoriten im Deutschen Derby seit langer Zeit. Obwohl im wichtigsten deutschen Rennen nur Zweiter, zeigte der Wöhler-Schützling danach, dass er ein herausragendes Pferd über die Derby-Distanz ist. Zuletzt überzeugender Sieger im Gruppe 1-Grand Prix de Saint Cloud, natürlich allererste Chancen. Aber vielleicht könnte der Boden schon eine Spur zu fest sein.



Die ersten King George Stakes, an die ich mich erinnere: Opera House siegte 1993 in den berühmten weinroten Sheikh Mohammed-Farben. Die Pferde dahinter lesen sich wie ein Who is Who des internationalen Turfs: White Muzzle, Commander in Chief, User Friendly, Tenby. Aus Deutschland war ein gewisser Platini am Start, über die Platzierung schweigen wir hier.

Red Cadeaux: Ich würde mich vor Respekt erheben und frenetisch klatschen, wenn dieser famose Weltenbummler im Herbst seiner Jahre noch so ein Prestigerennen gewinnen würde. Aber so recht glaube ich nicht daran, eher traue ich ihm eine weitere Attacke auf den Melbourne Cup zu.

Trading Leather: Der aktuelle irische Derbysieger, der eher über den „zweiten Bildungsweg“ kam. Denn bis zu seinem Flop in Epsom galt Dawn Approach als Derby-Kandidat des irischen Trainers Jim Bolger. Doch Trading Leather, von Bolger auch selbst gezogen, sprang in die Bresche und gewann überzeugend das irische Derby. Bolger sagte nach dem Rennen, das sei „der schönste Tag in seinem Leben“. Auch sonst ordentliche Formen und als Dreijähriger günstig im Gewicht.

Universal: In letzter Zeit sind die Pferde von Mark Johnston so richtig ins Rollen gekommen. Universal hat sich aus der Handicap-Klasse nach oben gelaufen, siegte zuletzt in einem Gruppe 2-Rennen in Newmarket. Die Gegner sind hier aber noch stärker.

Very Nice Name: Im letzten Jahr noch bei Freddy Head in Frankreich, jetzt in Katar im Training. Dort unter Obhut von Alban De Mieulle Seriensieger, international immerhin Dritter im diesjährigen Dubai Sheema Classic hinter St. Nicholas Abbey. Zwar deutlich geschlagen, aber dennoch macht ihn diese Form nicht ganz chancenlos. Zumal der Jockey Olivier Peslier heißt.


Urteil
Ich bin ein großer Freund von Trading Leather. Spätestens nach dem Erfolg im irischen Derby bin ich der festen Ansicht, dass der Bolger-Schützling noch einige Reserven hat und auf Dauer der beste Dreijährige über die Derby-Distanz in England/Irland ist. Einiges Potenzial traue ich zudem Hillstar zu, dessen Leistungsgrenzen noch lange nicht erkannt sind. Aber die größten Gegner auf dem Papier sind natürlich Novellist und Cirrus des Aigles.