Die Anhänger des VfL Bochum verdienen durchaus Mitgefühl. Wobei das nicht gerade positiv ist: Denn Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten. Jedenfalls ist der Zorn der Bochumer Fans nachvollziehbar. Ausgerechnet in der Bochumer Innenstadt tauchte großformatige Werbung für das neue BVB-Trikot auf, berichtete der
Der Westen. Kein Wunder, dass die Bochumer Fangemeinde bei
Facebook zur Gegenattacke blies: „Nicht in meiner Stadt“ heißt es da und auch sonst, weiß das Onlineportal der WAZ-Gruppe, „hagelte es Kritik und Beschimpfungen“. Die Stimmen unter dem Artikel sind allerdings eher gemischt.
Nichtsdestotrotz: Der VfL muss im Ruhrgebiet mit den großen Nachbarn bestehen. Da ist einerseits Borussia Dortmund, der aktuelle Deutsche Meister und da ist auf der anderen Seite der FC Schalke 04, dessen Turnhalle auch immer ausverkauft ist. Und die drücken mit ihrer Fanmacht alle auf den VfL Bochum, der zudem droht, in der Bedeutungslosigkeit der 2. Liga zu versinken. Das sind harte Zeiten. Da haben es Eltern schwer, ihre Kinder auf dem richtigen Fankurs zu halten.
Zudem werden die Bochumer in Dortmunder Fankreisen gar nicht ernst genommen. Zwei Stimmen aus dem
Forum von schwatzgelb.de: „Mehr als 100.... wow. Da braucht man sicher lange bis man die zusammen hat, “ oder „Da haben ja fast alle Dauerkarteninhaber mitgemacht“. Immerhin verschwand das Plakat.
Das ist nicht Bezirksliga Staffel 8 in Nordrhein-Westfalen, sondern vierte schottische Liga: Hier erwarten die Annan Athletics vielleicht die Glasgow Rangers.
(Bild: Verein).
Anhänger der Glasgow Rangers machen derzeit ganz harte Zeiten durch. Der schottische Traditionsklub, stolze 55 mal schottischer Meister (angeblich Weltrekord), wird in der neuen Saison nicht mehr erstklassig sein. Das beschlossen die übrigen 11 Ligaclubs und bestraften damit die Rangers für ihre desolaten Finanzzahlen.
Im Februar hatte der Klub Insolvenz angemeldet. Die Verbindlichkeiten betrugen rund 167 Millionen Euro, näheres dazu gibt es
hier und
hier.
Jedenfalls haben die Verantwortlichen der anderen schottischen Erstligisten eine sportliche Entscheidung getroffen – trotz massiver finanzieller Einbußen, die auf sie zukommen, falls der Glasgower Club die schottische Premier League verlässt. Denn bekanntlich sind die Rangers und Lokalrivalen Celtic die Top-Mannschaften der Liga, teilten quasi gemeinsam die Ligatitel unter sich auf. Beide Glasgower Vereine füllen ihren Gegnern Stadien und Kassen, zudem sah der Fernsehvertrag vier „Old Firm-Derbies“ zwischen den Glasgower Stadtrivalen vor.
Noch steht nicht fest, in welcher Liga die neuen Rangers in der kommenden Saison spielen – entweder Liga 2 (Division One) oder Liga 4 (Division Three), ganz unten in der schottischen Profi-Hierarchie. Diese Klasse ist aber kaum eine Profi-Liga, zumindest ist das schwer vorstellbar bei durchschnittlichen Zuschauerzahlen von 400 oder 500.
Kunstrasen
Manager Ally Mc Coist, einst legendärer Rangers-Torjäger, würde sogar die unterste Klasse bevorzugen. Die
BBC hat mal die potenziellen Gegner unter die Lupe gewonnen. Eines steht fest: In der Regel dürfte fast alle ein Kapazitätsproblem bekommen, wenn die Rangers-Fans anrücken. Diese würden zudem Spiele auf Kunstrasen sehen, denn viele Vereine verfügen über so einen Belag.
Immerhin könnten die „Gers“-Anhänger Stadionpunkte sammeln. Es warten unter anderem der Shielfield Park (Kapazität 4 150, Naturrasen) von Berwick Rangers, der Ochilview Park (Kapazität 3 750, Kunstrasen) von East Stirlingshire oder Borough Briggs (Kapazität 4 900, Naturrasen) von Elgin City.
Dazu gibt es auch hier ein Lokalderby: Stadtrivale Queen’s Park spielt im Hampden Park – wo sonst die Nationalmannschaft zuhause ist. Immerhin bietet das Stadion Platz für viele, viele Blaue.
Mich erinnerte das Schicksal der Glasgow Rangers etwas an Borussia Dortmund in den Jahren 2004 und 2005. Auch der BVB hatte sich mit einem Schuss Größenwahn in den finanziellen Abgrund manövriert, der Verbleib in der Bundesliga war fraglich. Damals schauten sich manche Fans in der Oberliga West, zu diesem Zeitpunkt die vierte Liga in Deutschland, um. Dort hätte Dortmund den Neuanfang starten können. Zum Glück kam es anders und auch die Rangers haben noch eine Option: Am 12. Juli soll sich entscheiden, ob der Klub zumindest in der 2. Liga an den Start gehen kann.
Ein Held der 2. Liga: Das Leben des Ansgar Brinkmann
Er war technisch herausragend – doch die große Karriere im Profifußball machte Ansgar Brinkmann nicht. „Der letzte Straßenfußballer“ stand sich oftmals selbst im Weg. Gerade deshalb besitzt er in manchen Kreisen Kultstatus. „Der Weiße Brasilianer“ heißt die Biographie, die Brinkmann zusammen mit Bastian Henrichs verfasst hat.
Nur 59 Bundesligaspiele für Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld hat er absolviert: Die Profiwelt des
Ansgar Brinkmann war eher die 2. Liga oder die Regional- und Oberliga. Vereine wie Osnabrück, Preußen Münster, Mainz 05 oder FC Gütersloh waren die Stationen des Technikers, der eigentlich in den 90er Jahren gar nicht in diese Ligen passte. Denn die 2. Liga etwa galt als „Klopperliga“, in der mehr gekämpft als gespielt wurde. Ein Akteur wie der unermüdliche Kämpfer Willi Landgraf, der in fast jedem Spiel eine gelbe Karte kassierte, steht als Rekordspieler stellvertretend für diese Epoche.
Und Brinkmann? Der sorgt als junger Wilder für Aufsehen, lässt kein Fettnäpfchen aus, legt sich mit Gott und der Welt an und verpasst so den frühzeitigen Sprung in die erste Liga. Er bekam den Spitznamen „Trinkmann“ , weil er sich von 17 Uhr bis 6 Uhr morgens in seiner Stammkneipe aufhielt.
Ladendieb aus Hunger
Chronologisch blickt der Angreifer auf sein Leben zurück, richtig los geht es mit der A-Jugendzeit bei Bayer O5 Uerdingen. Der Krefelder Verein kickte seinerseits in der Bundesliga und war zudem für seine gute Jugendarbeit bekannt. Bayer holt Brinkmann aus Ostwestfalen ins Rheinland – und der fühlt sich ziemlich alleingelassen, weil sich niemand vom Verein außerhalb des Fußballs um ihn kümmert. Geld gibt es auch keines und so ernährt sich das Talent hauptsächlich von Mutters Konserven. Wenn die alle sind, klaut er Nudeln und Thunfischdosen aus dem Supermarkt. Talentförderung in den achtziger Jahren – so war das damals. Immerhin wird Brinkmann in Jahr 2 mit den Uerdingern Deutscher A-Jugendmeister.
Auch sonst gibt es einige witzige Szenen. Wie beispielsweise beim damaligen Oberligisten BV Cloppenburg, als Kapitän Brinkmann auf der Weihnachtsfeier eine Rede hielt. „Meine Damen und Herren, ich möchte niemanden zu nahe treten. Aber ob bei uns der Trainer auf der Bank oder der Busfahrer sitzt, das ist ungefähr das Gleiche.“ Kein Wunder, dass der mächtige Sponsor des Vereins nicht gerade begeistert reagierte und seinen Spielführer in die Kreisliga-Reserve verbannte.
Brinkmann ist relativ offen, hält sich nicht lange mit Nettigkeiten auf. Besonders manche Trainer bekommen ihr Fett ab. Manchmal gibt es erstaunliche Einblicke in das Innenleben von Profi-Mannschaften – wobei der Leser manche Dinge schon immer so erwartet hat. Ist doch verständlich, wenn sich 18Jährige, die auf einmal richtig viel Geld verdienen, erst einmal ein dickes Auto kaufen – besonders wenn sie auf dem Land geboren sind.
Rebell
Bei Mainz 05 kickte Brinkmann mit dem heutigen BVB-Coach Jürgen Klopp zusammen. „Aaaaaansgaaar komm’ zurück“, schreit der immer, weil der Künstler von Defensiv-Arbeit wenig hielt. „Eine launische Künstlerfigur eben. Mit großem Können. Mit großem Herzen. Was fehlte, war die letzte Konstanz“, schreibt der Mainzer Sportjournalist Reinhard Rehberg in einem Zusatzbeitrag. Die Mainzer haben einige Typen, mit denen man als Jungprofi ziemlich unter die Räder kommen kann. Dagegen war Brinkmann eher der „liebeswürdige Messdiener, der dem Pfarrer ab und zu einen Streich spielt“, so Rossberg. „Hier ist der letzte Rebell“, meldete sich Brinkmann in seiner Mainzer Zeit am Telefon.
Der Spaßfußballer schaffte den großen Sprung nicht, gerade einmal 59 Bundesligaspiele sind eine dürftige Bilanz. „Du müsstest 50 Länderspiele haben“, sagte einst Berti Vogts. Doch Ansgar Brinkmann steht sich oftmals selbst im Weg. An manchen Stellen möchte der Leser einfach nur sagen „Ansgar, Du Idiot!“ Aber wäre der strenge Vogts mit dem „schrecklichen Kind“ fertig geworden?
Besonders die ersten 117 Seiten, wenn Brinkmann auf seine Profistationen zurückblickt, haben ihre Höhepunkte. Manchmal werden nach der Lektüre Vorurteile Realität: Profifußballer sind wirklich so. Hinterher wird es dann etwas öder, wenn Brinkmann ein sehr langes Fazit seiner Karriere zieht. Manchmal klingt das schon zu sehr nach Rechtfertigung. Aber auch dieser Teil hat einige lichte Momente.
Urteil
Lockere Lektüre, die sich wunderbar für Liegestuhl, Strand, See oder meinetwegen Freibad eignet. Natürlich nichts intellektuell Anspruchsvolles, aber über weite Strecken witzig und unterhaltsam. Und manchmal sind Profifußballer wirklich so, wie sich Amateure das so vorstellen…
Einige Anekdoten des Ansgar Brinkmann gibt es
hier bei den 11 Freunden.