Dienstag, 12. Juni 2012
Alles wegen Anja, Tanja und dem Ingo
Die Meinung war eindeutig und sie galt dem Zweiten Deutschen Fernsehen. „Ein derartiger Comedy-Marathon wie heute gesehen wird zukünftig schwer zu toppen sein“ schrieb User Adddam im BVB-Forum von schwatzgelb.de. „Wark als genialer Headliner, Poschmann zumindest mit guten Ansätzen und Müller Hohenstein kann die Qualität ihrer Moderation tatsächlich noch einmal unterbieten.“ Gemeint sind die Reporter Thomas Wark, Kommentator des EM-Spieles Frankreich – England und Wolf-Dieter Poschmann, am Mikrofon bei Ukraine gegen Schweden sowie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die gemeinsam mit Ex-Torwart-Titan Oliver Kahn durch Nachmittag und Abend führt.
Adddam, zuhause 147 km vom Westfalenstadion, weiter: „Dazu Feinheiten wie der Running Gag mit den Tonproblemen, die lächerliche Kulisse im Fernsehgartenstil, die, wie gerade gehört, sogar die Kollegen von "volle Kanne" nutzen, und ein Oliver Kahn, der verzweifelt versucht, nicht laut loszulachen und irgendwie den völlig bescheuerten Fragen auszuweichen. Und das war bestimmt noch nicht alles, irgendetwas hab ich eh noch vergessen.“
Das war noch eher moderat, andere urteilten erheblich härter. Recht haben sie: Es war teilweise unterirdisch, was das Zweite an diesem Montag bei der Fußball-Europameisterschaft bot. Besonders die Gespräche der Moderatorin mit dem Experten waren grauenhaft. Dabei ist Kahn jemand, der durchaus einiges zu sagen hat – nur wenn ich als Gesprächspartner dies nicht aufnehme, kommt so ein tropfender, nichtssagender Small-Talk heraus. Zum ersten Mal in meinem Leben sehne ich mich nach Johannes B. Kerner. Natürlich ist Kerner eine totale Nervensäge, aber gemeinsam mit dem heutigen BVB-Trainer Jürgen Klopp und Schiedsrichter Urs Meier waren das lustige Runden – dank Klopp und (ein wenig) Meier.

Twitternder Torwart-Titan
Noch etwas ist neu: Weil das Zweite ja ein moderner und junger Sender ist, hat er jetzt auch eine Moderatorin, die sich um Facebook, Twitter und co. kümmert. Dann wird es immer richtig heimelig, wenn Jeannine Michaelsen auftaucht und Schönes aus der bunten Facebook und Twitter-Welt berichtet und beispielsweise aufzeigt, welche Nationen am meisten twittern während der EM (die Dänen jedenfalls nicht). Müller-Hohenstein giggelt dazu, Kahn macht lustige Miene zum bösen Spiel und bekommt am Ende einen eigenen Twitter-Account, bestimmt unter dem Namen Ex-Torwart-Titan. Bei Facebook motzt die Zielgruppe aber ziemlich rum, am meisten allerdings über die Kommentatoren Wark und Poschmann.
Und warum machen die das vom ZDF? Alles nur wegen Anja und Tanja. „Anja & Tanja (A&T) sind Mädchen oder junge Frauen, die sich bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft oder generell bei Fußballspielen mit Eventcharakter einfinden“, heißt es im Löwen-Wiki der Anhänger von 1860 München. „Eingehüllt in Fahnen, Nationalfarbenschminke im Gesicht, kreischen sie ahnungslos drauf los, wenn der Ball ins Aus geht.“ Es gehe darum, Party zu machen – das Spiel sei egal. Die männliche Version heißt übrigens Ingo!
Anja, Tanja und Ingo traten übrigens auch massenweise auf Meisterfeiern von Borussia Dortmund auf.

Nachtrag 15.6.
Die Zeit hat das Gespräch zwischen der "Twitter-Tante" (schwatzgelb.de, gemeint ist Jeanine Michaelsen) und Oliver Kahn dokumentiert. Ganz großes Theater....



Montag, 11. Juni 2012
Kauto Star, Denman und Big Bucks grüßen aus den Ferien


Derzeit liegt meine Konzentration zwar hauptsächlich auf der Fußball-Europameisterschaft, selbst das Union-Rennen als wichtigste Vorprüfung zum Deutschen Derby spielt nur die zweite Geige. Die englischen Hürdenrennen im Winter sind ganz weit weg. Oder? Die Paperazzi auf der Insel sind ganz weg. Denn sie haben sie entdeckt: auf einer Wiese irgendwo in Mittel-England. Einige der wichtigsten Protagonisten der letzen Jahre relaxen dort und genießen ihre Sommerfrische: Kauto Star, Denman, Sanctuaire und Seriensieger Big Bucks. Die nächste Getränkerunde geht auf ihren Trainer Paul Nicholls...



Freitag, 8. Juni 2012
Solide kicker-Pflicht, leicht schwächelnde 11 Freunde-Kür
So richtig ist die schwarz-rote-goldene Stimmung noch nicht da, auch wenn Lidl-Real-Kaufland-Adler-Rewe etc. alle verstärkt die üblichen Scheußlichkeiten wie Hawai-Ketten anbieten. Nichtsdestotrotz: Die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine beginnt heute und die Sonderhefte zum Ereignis sind schon längst auf dem Markt. nurpferdeundfussballbeschränkt sich wie in den Jahren zuvor auf die Exemplare vom kicker und den 11 Freunden.
„Tolle Tore und Triumphe“ titelt der kicker in unnachahmlicher Manier. Das bezieht sich aber auf eine DVD, die es zum Heft gibt (und die bei mir leider stumm blieb). Ansonsten ist das EM-Sonderheft der Nürnberger erst einmal verlässlich. Wer wie der Kolumnist die Hefte seit Urzeiten kennt, weiß, was ihn erwartet: Solide Berichterstattung zu den Mannschaften, fachlich ganz ordentlich, wenn auch nicht frei von Klischees. Die Stärken liegen eindeutig im sportlichen Bereich, die Diskussion um politische Probleme beispielsweise in der Ukraine findet nicht statt. Über Länder und Leute erfährt der geneigte Kicker-Leser sehr wenig.
Doch etwas ist neu: Zu jedem Spieler gibt es Kurz-Beschreibungen. „Dynamischer und kopfballstarker Innenverteidiger mit hervorragenden Zweikampfwerten. Auch als Aufbauspieler mit besonderen Qualitäten. Die zeigt er allerdings meist auf nationalem Niveau, in der Champions League und der Nationalelf noch nicht so“, heißt es beispielsweise über Innenverteidiger Mats Hummel vom BVB. Über die Einschätzung lässt sich diskutieren, dennoch ist das eine sinnige Ergänzung – auch wenn das Fachblatt den „Dortmunder“ Polen Lukas Pisczczek auf der falschen Seite postiert hat.

Schön pubertär

Irgendwie war ich etwas enttäuscht über das Heft der 11 Freunde. Das mag auch daran liegen, dass das Familienmagazin für Fußballkultur in den Jahren zuvor die Latte sehr hoch gelegt hatte. Inzwischen lese ich dort auch Geschichten
und Interviews, die auch im kicker hätten stehen können. So wie das fürchterlich lange Interview mit Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, das der kicker wenigstens auf zwei Seiten eingedampft hätte. Bei der Taktik-Story bin ich fast eingeschlafen.
Natürlich gibt es auch viele Höhepunkte, die sehr lesenswert sind. Zum Beispiel die Geschichte über die Zeit von Joachim Löw beim FC Schaffhausen, das Portrait der 80er Europameister oder der Roadtrip nach Polen und die Ukraine.
Natürlich darf der etwas pubertäre Humor des Magazins nicht fehlen. Den Brief an Franck Ribery fand ich ganz witzig, auch die Zimmerverteilung im deutschen Hotel. Suite Amselfelder, Suite Altendiez, Spielzimmer von Mario Götze – Geschmackssache, ich mag es.
Nur einer hat seine beste Zeiten leider hinter sich: Günter Hetzer, der trinkfreudige Kolumnist der vorletzten Seite, macht nur noch flaue Altherren-Witz. Und auch seine Kumpels Delle und Waldi haben schon bessere Zeiten erlebt. Ist es ihre letzte Europameisterschaft?

Fazit
Eigentlich kann ich das schreiben, was ich schon bei einigen Sonderheften der beiden geschrieben habe: Der
kicker ist die Pflicht und liefert die Daten; 11 Freunde ist zuständig für die die Kür und bietet die außergewöhnlichen Geschichten. Das trifft auch diesmal zu. Dabei gewinnt der kicker durch die Kurzbeschreibungen der Spieler fachlich weiter. Das 11 Freunde-Heft war etwas enttäuschend. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.

Nachtrag 9. Juni
Da habe ich dem kicker aber umsonst für eine Neuerung gelobt. Bereits 2008 hatte das Fachblatt die Kurz-Beschreibungen im Heft und ich habe das übersehen, obwohl das 2008 EM-Sonderheft griffbereit im Regal liegt. „Mea culpa“ sagt da der alte Lateiner, an der Einschätzung ändert sich aber nichts: Die Portraits ergänzen das kicker-Angebot sehr gut.