Dienstag, 29. Mai 2012
Alles optimal für den Caspar
Mal wieder Glückwunsch nach England. Das ist nichts Neues nach dem Mehl-Mülhens-Rennen in Köln, dem ersten Klassiker der deutschen Turfsaison. Diesmal hieß der
Sieger
Caspar Netscher, trainiert von Alan Mc Cabe, im Sattel saß Shane Kelly. Aber etwas enttäuschend ist das Ergebnis für die deutschen Teilnehmer schon, auch wenn die beiden englischen Pferde gutes sportliches Niveau hatten. Zumal Red Duke der zweite Gast auf Platz 3 endete.
Caspar Netscher war zuletzt unplaciert in den englischen Guineas, davor triumphierte er jedoch in den Greenham Stakes (Gr. 3) in Newbury über 1400 Meter. Es war bereits der 13. Start des Dutch Art-Nachkommens, 10 Mal davon zweijährig. Als Youngster gewann er unter anderem die Mill Reef Stakes sowie die Gimcrack Stakes und lief in den USA beim Breeders Cup Meeting. Und auch Red Duke reiste mit soliden Formen an, siegte unter anderem zweijährig in den Superlative Stakes in Newmarket.
Doch auch das deutsche Aufgebot konnte sich sehen lassen, bis auf Amaron stieg die Jahrgangsspítze in die Kölner Startboxen. Das deutsche Kontingent: der Winterfavorit Tai Chi, der formstarke Amarillo, dazu die hoch eingeschätzten Pastorius, Energizer und Kolonel. Auch die zwei Außenseiter Al Malek und Axiom sind zwei veranlagte Rennpferde.
Am Ende aber lief "God Save The Queen": Am besten zogen sich noch der Schiergen-Schützling Amarillo auf Platz 2 sowie die beiden Schlenderhaner Energizer und Axiom aus der Äffäre, zu den Enttäuschungen zählten unter anderem Tai Chi („Boden schon zu abgetrocknet“, Trainer Werner Baltromei), Pastorius und Colonel. Dessen Trainer Andreas Wöhler kritisierte danach ungewohnt offen seinen Jockey Mirco Demuro, der viel zu wenig gemacht habe. Allerdings sei der Boden auch völlig unpassend gewesen; zudem hätte man gegen die ersten Drei auch sonst keine Chance gehabt.

Zu wenig Tempo
Irgendwie haben es die deutschen Trainer und Jockeys zudem selbst etwas vermasselt. Denn für Caspar Netscher sind die 1600 Meter schon sehr lang, eigentlich ist er besser über kürzere Distanzen. Da wäre ein schnelles Tempo wichtig gewesen, um diese Stamina-Probleme auf zudecken. Doch vorne diktierte Al Malek anfangs eher ein Bummelrennen, erst zum Schluss wurde es sehr schnell – so wie sich das Caspar Netschers Trainer Alan Mc Cabe und Jockey Shane Kelly vorgestellt hatten. Sie setzten auf den Speed ihres Schützlings.
Was bot das Turf-Wochenende noch? Ein eher enttäuschendes Rahmenprogramm zum Mehl-Mülhens-Rennen in Köln, dennoch war die Bahn bei idealem Wetter sehr gut besucht.
Im Münchener Bavarian Classic unterlag der hohe Favorit Black Arrow äußerst knapp Pakal. „Kein Beinbruch“, sagt Black Arrows Trainer Andreas Wöhler auf seiner Homepage, zumal die Niederlage sehr knapp war. Über den Sieger Pakal habe ich vor kurzem noch gelästert, dass seine Zweijährigen-Form aus dem Criterium International in Saint Cloud Grand Prix eines der berühmten Turf-Wunder gewesen sein muss. Denn das Pferd aus dem Stall von Wolfgang Figge war dort Zweiter hinter French Fifteen, der in diesem Jahr wiederum Zweiter in den englischen 2000 Guineas war und dort nur mit einem Hals der neuen O’Brien-Wunderwaffe Camelot unterlag. Dritter in diesem Rennen war Bonfire, Gewinner der Dante Stakes in York und hinter Camelot zweiter Favorit für das Epsom Derby am Samstag.
Eine Derbynennung hat Pakal aber nicht mehr. Sehr gut gefallen hat mir übrigens der Dritte in den Bavarian Classics: Salon Soldier aus dem Quartier von Peter Schiergen war nicht weit geschlagen, könnte aber noch Reserven haben. Der hat noch eine Derbynennung.



Donnerstag, 24. Mai 2012
Ein Hauch zu viel Barca-Liebe
Alle lieben den Zauberfußball des FC Barcelona. Wenn Xavi und Iniesta den Ball laufen lassen und Messi dann elegant vollstreckt, dann ist das ganz großes Kino – Fußball für Ästheten. Diese Art des Fußballs steht für die besondere Philosophie des Vereins und es ist nicht die erste Generation, die so brilliert. Auch das Team um Ronaldinho in der Mitte der 2000er-Jahre oder die von Johann Cruyff trainierte Mannschaft aus den neunziger Jahren setzen Maßstäbe. „Barca oder: Die Kunst des schönen Spiels“, heißt ein Buch von Dietrich Schulze-Marmeling, das 2010 erschien und die Geschichte des katalonischen Renommierclubs beschreibt, der immer mehr als nur ein Fußballverein war.

Schulze-Marmeling skizziert den Weg des FC Barcelona durch die Jahre und schnell wird bei allen sportlichen Erfolgen deutlich: Barca war immer auch Politik, weil der Club sich als Repräsentant Kataloniens sah. Gerade in den Zeiten der Franco-Diktatur bildete der Verein das Pendant zum „Regime-Klub“ Real Madrid, verkörperte das Gute gegenüber dem Bösen aus dem fernen Kastilien. Barca leistete auf seine Weise Widerstand gegen den Faschismus des Generallissimo Franco. Weil das so war, benachteiligte der Verband den FC Barcelona immer wieder gegenüber dem königlichen Klub aus der Hauptstadt.
Es ist ein besonderes Merkmal der Vereinsbiografien aus dem Werkstatt-Verlag: Nicht nur die sportlichen Erfolge zählen, auch der gesellschaftliche und politischen Hintergrund ist wichtig. Allerdings: Es gibt Besseres über den Klub. Jimmy Burns „A peoples passion“ stammt aus dem Jahr 1999, ist aber ein glänzend geschriebenes Werk, das gerade die politischen und historischen Zusammenhänge detailliert und sachkundig schildert. Dagegen fällt Schulze-Marmelings Werk ziemlich ab, wirkt doch alles etwas monoton. Weil er die einzelnen Stationen oft nur abhakt und sich offenbar nur auf Sekundär-Quellen verlässt.

Scheckbuch-Politik
Der größte Kritikpunkt ist jedoch die fehlende Distanz. Schulze-Marmeling ist viel zu sehr begeistert von seinem Objekt – ob Johann Cruyff, ob die Spielkultur oder Barcas Rolle bei den Autonomiebestrebungen Kataloniens. Auch diese Differenz zwischen gutem linkem (Offensiv) und bösem rechten (ergebnisorientiertem) Fußball, einst von Cesar Luis Menotti in den Ring geworfen, halte ich heute für etwas übertrieben.
Zudem war Barca auch nicht immer der Verein, der vorbehaltlich auf seinen guten Nachwuchs setzte. Im Gegenteil: Barca war einst wie heute Real unter Perez. Man holte immer nur das Teuerste, das Konzept war egal. Von „linkem“ Fußball war das weit entfernt. Gerade die Scheckbuch-Politik unter Präsident Nunes hätte der Autor viel kritischer analysieren müssen.
Wie Barca sich finanziert, wäre ein weiteres Thema gewesen. Fest steht: Auch bei den Ausgaben war Barca immer ganz vorne. Leider fehlt dieser Aspekt vollkommen, kommt in der ganzen Heldenverehrung überhaupt nicht vor.
Und natürlich hat Johan Cruyff viel für den Verein gemacht. Nicht nur als Spieler, sondern auch als Trainer – dennoch ist mir das alles zu glorifizierend. Denn „El Salvador“ hinterlässt auch Gräben, weil er nur seinen Weg des Erfolges kennt und wenig andere Meinungen neben sich duldet.

Fazit: Interessantes Buch, dem aber etwas mehr Distanz gut getan hätte. Es gibt bessere Biografien über den FC Barcelona.

Dietrich Schulze-Marmeling; Barca oder: Die Kunst des schönen Spiels, Verlag Die Werkstatt



Dienstag, 22. Mai 2012
Danedream und Frankel: Aufmarsch der Giganten
Für viele war es ein langes Turf-Wochenende mit hochklassigem Protagonisten: Frankel in England, Danedream in Baden-Baden, zudem das Dante-Meeting in York und das Frühjahrsmeeting in Iffezheim in der Nähe von Baden-Baden. Eine Bilanz dieser drei Tage.

Donnerstag, 17.5.2012
Es ist Christi Himmelfahrt und traditionell Renntag auf der Dortmunder Galopprennbahn in Wambel. 1985 war ich zum ersten Mal an diesem Tag auf dem Dortmunder Hippodrom und eines hat sich nicht verändert: Die örtliche Sparkasse sponsert und verteilt Unmengen an Freikarten. Die Bahn ist richtig voll – so voll, dass es schon fast keinen Spaß mehr macht, überall lange Schlangen. Obwohl ich so einige Bereiche kenne, wo es nicht so voll ist, gehen einem irgendwann die Menschenmassen auf den Geist. Ich weiß auch nicht, ob ich mir den Renntag zukünftig noch antue, zumal das interessanteste Rennen – Preis der Sparkasse Dortmund als Derbyvorprüfung für dreijährige Pferde – erst mal weg ist.
Fünf Mal gewinnt an diesem Tag Jockey Eddie Pedroza, doch weil ausgerechnet die 12:10-Chance Laeyos scheitert, gehen so manche Pedroza-Schieben kaputt. Amare mit Norman Richter siegt im Hauptereignis des Tages nach einem mutigen Ritt von der Spitze und ist der lebende Beweis, dass die Form von Trainer-Newcomer Paul Harley stimmt.
Doch sportlich interessanter als Dortmund ist York an diesem Nachmittag, weil dort neben herrlich schweren Handicaps die Betfred Dante Stakes auf dem Programm stehen. Das ist immer noch die wichtigste Vorprüfung für das englische Derby am ersten Juni-Samstag in Epsom.
Auf dem Papier sah es 2012 nach einer offenen Angelegenheit aus, doch im Ziel lieferten sich Bonfire und Ektihaam einen packenden Zweikampf. Am Ende hatte Bonfire eine dreiviertel Länge Vorteil, der Schützling von Trainer Andrew Balding bestätigte damit seine prominente Position im Derby-Wettmarkt. Die
Enttäuschungen des Tages
kamen diesmal von den „Großmächten“ Goldolphin und Ballydoyle: Mandean und Ernest Hemingway endeten weit geschlagen als Vorletzter und Letzter, obwohl beide Pferde in ihren großen Quartieren einiges an Reputation besaßen. Viele Godolphin-Vertreter liefen übrigens sehr schlecht beim Dante Meeting, während Ballydoyle immerhin mit Camelot den deutlichen Derby-Favoriten stellt.
In Baden-Baden erweist sich der italienisch-englische Gast Worthadd als eine Nummer zu groß für die deutsche Meiler-Elite. Allerdings fehlte mit Alianthus deren Bester.

Samstag, 19.5.2012
Ich kaufe mir an diesem Samstag keine Racing Post, kann mir aber denken, wen Englands Turfbibel in den Mittelpunkt stellt: Natürlich Frankel, der unbestrittene Superstar des englischen Turfs. Der Hengst behielt seine weiße Weste: Fast mühelos triumphierte er bei seinem Jahresdebüt in den Lockinge Stakes in Newbury.
Auf den Aha-Effekt musste der Zuschauer nicht verzichten: Es war beeindruckend, wie Frankel quasi auf Knopfdruck beschleunigte und sich spielend leicht von seinem Rivalen Excelebration löste. Der Zweite, jetzt trainiert von Aidan O’Brien, hat mein Mitgefühl: Ein tolles Pferd, aber an Frankel kommt er nicht vorbei. Wobei ich die Rolle des Tempomachers Windsor Palace nie so recht verstand, weil der ja nie dazu kam, das Tempo zu machen.
Jedenfalls ist Henry Cecil, der Trainer von Frankel, ein populärer Mann – auch beim englischen Wetter. Nicht anders ist zu verstehen, dass diese den Cecil-Schützling Sir Thomas Chippendale in einem völlig ausgeglichenen Handicap auf 30 herunterwetten. Die englischen Bookies fürchteten mal wieder um ihr Leben, doch wer so einen Kurs nimmt, dem ist nicht mehr zu helfen. Mein Tipp Expense Claim ist zwar schon Wallach, distanzierte diese Blaublüter aber ganz leicht – und das zum Kurs von 80:10.
Enttäuschend verlief hingegen das Jahresdebüt von Ibicenco für Trainer Luca Cumani. Der einstige Schlenderhaner hat zwar erst den Melbourne Cup im November im Visier; zudem brauchen viele Cumani-Pferde oftmals ihre ersten Starts. Aber warum Jockey Kieren Fallon Ibicenco von hinten ritt, um dann eventuell das Rennen mit viel Speed zu gewinnen, ist mir ein Rätsel. Weil der Scirocco-Sohn eben ein Galoppierer ohne großen Speed ist. Ich hatte ihn jedenfalls nicht gewettet.
In Baden-Baden standen Derby und Oaks-Vorprüfungen im Mittelpunkt der Karte, beides Male gewannen Pferde aus dem Stall von Trainer Waldemar Hickst. Secessio, der Triumphator im Iffezheimer Derby-Trial, besitzt jedoch gar keine Nennung für das wichtigste Rennen im deutschen Turf. Von meiner Seite endete dieser Prüfung sehr ernüchternd: Le Pursang lief ziemlich matt und spielte nie eine Rolle. "Never a factor" würden die Engländer schreiben. Der Hengst war mein heimlicher Derby-Mumm. So ganz habe ich ihn aber noch nicht aufgegeben.

Sonntag, 20.5.2012
Danedream, Danedream, Danedream – ein Pferd prägte den Schlusstag des Frühjahrsmeeting. Aber die deutsche Arc-Heldin musste kämpfen, die großartig gesteigerte Ovambo Queen kam der Schiergen-Stute noch richtig nahe. „Die Stute ist erst bei 85 Prozent. Auch dieses Rennen musste erst einmal gewonnen werden. Ihren nächsten Start wird sie im Grand Prix de Saint-Cloud oder in den King George VI Stakes in Ascot bestreiten. Hauptziele sind der Arc und der Japan Cup“, sagte Siegtrainer Peter Schiergen nach dem Rennen. Wenn es nach mir gehen würde, würde ich die Stute am liebsten im King George in Ascot sehen. Aber diese Entscheidung liegt nicht bei mir....



Lieber FC Bayern München,
nie hätte ich gedacht, dass ich das mal schreiben werde: Aber ich habe Mitleid mit Euch. Gut, die beiden „Vizetitel“ hinter Borussia Dortmund waren verdient, weil der BVB auf nationaler Ebene einfach das bessere Team ist.
Aber jetzt diese Nieder1age nach Elfmeterschiessen gegen den FC Chelsea in Eurem Finale in München. Das war schon reichlich blöd im „Finale dahoam“, Da führt Ihr nach 83. Minuten endlich 1:0 und dann markiert Chelsea mit seinem ersten ernsten Angriffsversuch das 1:1. Dann verschießt Robben einen Foulelfmeter in der Verlängerung und wie das so ist im Fußball: Es kommt zum Elfmeterschießen und da gewinnt nicht automatisch die deutsche gegen die englische Mannschaft. Zumal beim FC Chelsea ja auch kaum Engländer spielen. Und als Schweinsteiger dann seinen Strafstoß an den Pfosten haut, jubelt nur Abramowitsch-Blau. „Fiasko dahoam“ titelte das Fachblatt kicker und damit ordentlich Online-Klicks zustande kommen, gibt es sofort die passende Bilder-Galerie. Dafür, dass ihr die bessere Mannschaft ward und Chelseas Betonfußball nicht finalwürdig war, dafür könnt Ihr Euch nichts kaufen.
Aber was ist finalwürdig? Am Ende zählt das Ergebnis – diese Phrase zählt immer noch. Das mit dem Mitleid ist aber so eine Sache. Das bekommt man nämlich geschenkt, Neid muss man sich hingegen erarbeiten.

Teddy Sheringham
So vor 10 bis 15 Jahren war ich nicht so milde gestimmt. Als solche Leute wie Kahn, Matthäus, Effenberg, Salilhamidzic oder Jeremies das Trikot des FC Bayern noch trugen. Da wäre die Bilanz von dreimal Vize ein Grund für wochenlange Freude gewesen – eben weil die Bayern eben immer alles gewinnen müssen. Was bin ich 1999 am berühmten Abend von Barcelona durchs Wohnzimmer getanzt, als Manchester United das Champions League-Finale in der Nachspielzeit noch drehte. Sheringham und Solksjaer zählten zu meinen absoluten Helden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Münchener aber auch ein Team, das nur ganz schwer zu besiegen war. Effenberg, Kahn oder Jeremies bissen und kratzten zur Not, um ein Spiel zu gewinnen. Das waren Leute, die sich die Abneigung der gegnerischen Fans redlich erarbeitet hatten. Kahn hat sich die jahrelangen Bananen zur Begrüßung in Dortmund ehrlich verdient.
Und heute, lieber FC Bayern: Lahm, „Schweini“, Gomez oder Müller – alles liebe Jungs, die nicht polarisieren. Selbst der Torwart, der Ultra aus Gelsenkirchen- Buer, ist harmlos, könnte aber mal einen Unhaltbaren halten. Und Ribery und Robben – sie wollen nur spielen.
Die letzten Spieler mit „Arschloch-Potenzial“ waren Mark van Bommel und mit Abstrichen Luca Toni. Also, lieber Herr Hoeneß, lieber Herr Rummenigge: Eine Mischung aus Kahn, Effenberg und Jeremies muss her. Oder besser zwei. Denn dann hört das auch mit dem Mitleid auf. Denn darauf könnt Ihr wirklich verzichten. Ich nämlich auch….