Mittwoch, 16. Mai 2012
250er Schüsse und heiße Favoriten: Impressionen aus York und Iffezheim
Die Rennsaison ist in vollem Schwung – und endlich auch hier angekommen. Heute beginnen das Frühjahrsmeeting in Baden-Baden und das Dante-Meeting auf der Knavesmire in York, einer meiner Lieblings-Rennkurse auf der Insel. Die Woche hat zudem noch andere Höhepunkte wie die Jahresdebüts der Superstars Danedream und Frankel.

14:40: Erstes Rennen in York, eines dieser schwer entzifferbaren Handicaps, für die der Kurs bekannt ist. Favoritenwetter machen erst einmal lange Gesichter, denn Favorit Flag Officer hängt sofort hinter dem Feld. Frankie Dettori hält den Godolphin-Schützling dann auch an. Am Ende muss Mitfavorit Gatewood gegen den Außenseiter Roman Montague mächtig kämpfen.

15:10: Zweites Rennen, erste Treffer, York war immer gut zu mir. Aber so sicher war ich mir nicht mit Secret Witness, deshalb habe ich auch noch Barnet Fair mit Silvestre da Sousa gespielt und das auch nur für 2,50 Euro. Weil diese Sprint-Handicaps immer ganz schwer zu entziffern sind. Immerhin zahlt der Sieger 150. Secret Witness gewinnt souverän und sein Trainer Ron Harris hat es schon beim Aufgalopp gewusst, dass sein Schützling siegt, so aufgedreht präsentierte sich dieser. Jetzt geht es in Richtung der großen Sprint-Handicaps wie dem Wokingham während der Royal Ascot-Woche.

15:45: Der nächste Wett-Treffer und der stand frühzeitig fest. Denn während Joseph O’Brien auf der Favoritin Twirl schon kräftig arbeitet, sitzt William Buick auf The Fugue noch seelenruhig. Als er dann ernst macht, löst sich die Stute leicht und siegt sehr eindrucksvoll. „Ich wollte ihr ein leichtes Rennen servieren“, sagte Buick hinterher. Dennoch eindrucksvoll, denn die Musidora Stakes sind zwar eine Gruppe 2-Prüfung, aber die Oaks das große Ziel.
Hoof It oder Mayson – offenbar gibt es in den Duke of York Totepool Stakes, dem folgenden Sprint über 1200 Meter, nur zwei Pferde. Hoof It-Trainer Mick Easterby, eines der großen Originale des englischen Turfs, gibt vor der Prüfung ein Interview. Schwer verständlich, aber zu verstehen ist, dass sein Schützling gut auf dem Posten ist.

16:15: Diese Sprints – ob Handicap oder Gruppe-Rennen – sind ein Puzzle. Jamie Spencer führt den 25:1-Schuss Tiddliwinks zum Erfolg, dahinter folgt mein Tipp The Cheka, Dritter wird Society Rock. Hoof It lief so, als wenn er diesen ersten Start noch braucht. Mayson enttäuschte schon aus der Startbox, endete abgeschlagen.

16:20: Leider geht das erste Rennen in Baden-Baden zeitgleich mit York ab. In Baden-Baden interessiert mich Mertesacker zum Festkurs von 60, in York versuche ich es mal mit The Fun Crusher aus dem Stall von Tim Easterby.

16:45: In York gewinnt Mulagen dieses auf dem Papier offene Handicap wie ein Pferd anderer Klasse. Sein Besitzer heißt Hamdan Al Maktoum, sein Trainer Markus Tregoning hat einige schwächere Jahre hinter sich. Mulagen scheint ein typisches Produkt seines Trainers zu sein: spätreif und mit vier Jahren bei weitem nicht erfasst. In Baden-Baden werde ich Zweiter mit Mertesacker – natürlich wie das in Deutschland zuletzt immer war. Der Namensvetter des Arsenal-Abwehrspielers hat aber keine Chance gegen Steel Blade

17:20: Schönes Rennen gerade für die Zweijährigen in York. Es ist immer wieder interessant, die Youngster zu beobachten. Die einen wirken so gelassen, als wenn das schon ihr 50. Lebensstart ist, andere sind völlig nervös und aufgelöst, weil alles so neu ist. Um diese Jahreszeit triumphieren oft die kleinen Trainer: Der Wallach mit dem wunderbaren Namen Lastchancelucas (natürlich fällt mir sofort Lucas Barrios ein) gewinnt knapp gegen Mick Easterby-Newcomer Hoofalong. Der Sieger aus dem Stall von Declan Carroll zahlte aber diesmal nicht 100:1. „Das Pferd kennt seinen Job“, sagt sein Trainer. Aber nur im Rennen – außerhalb soll er sich wie ein ungezogener Teenager verhalten.

17:40: „Noch ein Kracher zum Schluss“, meint Racing UK-Präsentator Nick Luck. Ich gehe mit Freund Easterby, Mick diesmal - Namewhatyoulike, noch ein schöner Namen. Bekannte Farben aus dem Hindernisport sind dabei: Trevor Hemmings, Robert Ogden.

18:00: Die rosa-weißen Farben von Robert Ogden haben die Nase vorn: Baccarat aus dem Fahey-Stall ist der Sieger und mich erstaunt immer wieder, was für ein souveräner Jockey Paul Hanagan geworden ist. Diese Karriere hätte ich ihm vor acht oder neun Jahren nicht zugetraut, denn da wirkte er mehr wie ein unsicherer Kantonist. Mein Tipp wird guter Vierter und läuft von vorne ein braves Rennen zugetraut.
In Baden gewinnt diesmal nicht Lotosprinz, der im geschlagenen Feld endet. So genau verfolge ich die deutsche Szene in dieser Saison noch nicht, aber Nachwuchsmann Maxime Pecheur ist offenbar ziemlich talentiert. Das sah sehr souverän auf Integral aus, dem Bruder des Gruppesiegers Intendant. Es war der 50. Sieg für Pecheur, der sich jetzt Jockey nennen darf.

18:25: Ich habe keine Beweise, ob das typisch deutscher Turf ist, aber dass sich Boxentüren früher öffnen, habe ich in England oder Irland selten erlebt. Auf Deutschlands Rennbahnen passiert das aber häufig – und jetzt auch in Iffezheim wieder. Zum Glück war Telliani schnell eingefangen – dennoch: Es kostet Zeit und Geld. Big Red Dragon triumphiert im Ausgleich IV-Sprint, zahlt 150 und ich hätte ihn nie gespielt.

18:45: Einige interessante Pferde in der nächsten Prüfung, dem Preis der Rennbahn Karlsruhe-Knielingen für dreijährige sieglose Stuten. Die eher erfassten und durchaus formstarken Isolo, Saphira und Reine Liberte gegen die kaum geprüften Aliana oder Soprana.

19:20: Terry Hellier (Isolo) fängt den Jockey-Kollegen Andrasch Starke (Abrisham) auf den letzten Metern noch ab. Ich glaube, Hellier wollte schon gefühlte fünfmal aufhören, hat das aber immer revidiert. Gut drauf ist er immer noch. Als ich 1984 erstmals eine Rennbahn ernsthaft betreten habe, da ritt Hellier schon. Starke ist mir erstmals Ende der 80er Jahren aufgefallen: Damals ritt er in Dortmund auf Sand Fletcher zum Sieg und ich hatte diesen gewettet. Schon damals war zu sehen, was für ein Talent da wächst.

19:35: Ich kann doch noch Zielfotos gewinnen in Deutschland: Nokov hat gegen Navaja die Nase vorn. Eigentlich wollte ich nichts machen, aber dann habe ich doch eine kleine Wette auf den Sieger gemacht, weil das ein Pferd ist, das in Baden-Baden immer gute Rennen läuft. Erneut wie bei Isolo der Besitzer Stall Molenhof und Jockey Terry Hellier, nur die Trainerin war diesmal Nadine Verheyen. Es sind immer lukrative Ausflüge von Belgien nach Baden-Baden/Iffezheim.

20:05: Dank PMU ist man sogar relativ pünktlich. Was ein schweres Rennen, dieser Preis der Hotelerie Baden-Baden, das Listenrennen für die Stuten. Beim ersten Blick habe ich mir sechs Pferde angestrichen, nicht dabei die Favoritin Alcina. Die steht mir viel zu tief – aber das ist Schlenderhan und da denkt der deutsche Wetter, dass das eine richtige Granate ist, sonst wäre sie nicht im Rennstall geblieben.
Und da hat der deutsche Wetter richtig gedacht: Alcina gewinnt mit „einem Näschen“ (Rennkommentator Manfred Chapman) gegen Temida - und letztere hatte ich gewettet. Da hat Schlenderhan auch mal wieder was zu lachen.



Montag, 14. Mai 2012
Eine Stadt ist Borussia


Anhänger eines blau-weißen Fußballclubs aus der Umgebung von Herne hätten an diesem Nachmittag in Dortmund einen schweren Stand gehabt.

Alle waren da – wegen ein paar Profifußballern, die gerade mal den DFB-Pokal gewonnen hatten. Na gut, davor hatte Borussia Dortmund auch noch die Deutsche Meisterschaft errungen. Rund 250 000 Zuschauer bevölkerten am Sonntag die Innenstadt von Dortmund, um die Triumphfahrt des frischgebackenen Double-Gewinners mitzuerleben.
Es ist schon erstaunlich, wie so ein paar Berufsfußballer die Stimmung in der Stadt beeinflussen können. Der Ballverein Borussia 09 ist in Dortmund eine Religion und wenn dieser dann erfolgreich Fußball spielt, dann brechen emotional alle Dämme. Dann ist eben der Ausnahmezustand in der Stadt, dann freut sich jeder, weil jeder irgendwie Anhänger ist. Der BVB ist wie eine Klammer, die die Leute zusammenhält. Borussia macht sie stolz – zumal es nicht so vieles gibt, worauf der Dortmunder unbedingt stolz sein könnte. Borussia Dortmund ist allerdings weltweit ein Begriff – zumindest dort, wo der Fußball eine Rolle in der Kulur des Landes spielt.
Und so machte auch ich mich – immerhin seit Ewigkeiten Besitzer einer BVB-Dauerkarte – am Sonntag auf den Weg in die Innenstadt, um den Bayern München-Dauerbezwinger zu feiern. Die Stimmung ist friedlich, die Leute freuen sich, singen, hüpfen und warten geduldig, bis der Triumphwagen mit der Mannschaft vorbeikommt. Für die mehr Gehirngesteuerten: Das bedeutet drei oder mehr Stunden Wartezeit, um dann vielleicht zehn Minuten die Mannschaft zu sehen.

Rummenigge findet "Blamache"
Und dann kam der Tross. Manche Aktiven auf dem Wagen wirkten schon reichlich angeschlagen, andere waren noch richtig aufgedreht. Trainer Klopp habe ich nicht entdeckt, Gündogan schwenkte den Pokal und vorne stand Dortmunds Japaner Shinji Kagawa und hatte richtig große Augen aufgrund der Menschenmassen, die ihn und seine Kollegen frenetisch feierten. Vielleicht ist Kagawa ja noch einmal weich geworden bei diesen Bildern, keine Ahnung, was er in Japan erzählt. Er war zumindest mächtig beeindruckt.
Wenn ich die Verehrung so sehe, die die BVB-Profis so erhalten, frage ich manchmal, wie es so in der Psyche manches Profis aussieht. Die Leute sind Anfang bis Mitte 20, verdienen auf einmal ein Schweinegeld, werden von allen hofiert und verehrt – da muss man schon ein starker Typ mit einem entsprechenden Umfeld sein, um normal zu bleiben. Erstaunlicherweise wirken viele aus der aktuellen Mannschaft überhaupt nicht arrogant oder abgehoben – falls man das als Außenstehender beurteilen kann. Das ewige Lob an die Fans scheint kein PR-Lippenbekenntnis zu sein.
Dieses Team hat sich die Zuneigung aber auch redlich verdient. Gegen den alten Rivalen Bayern gab es nach dem 1:1 einige kleinere Probleme, doch dann bestrafte der BVB mit selten gesehener Effizienz die Abwehrprobleme der Münchener. 5:2 war ein triumphales Ergebnis und Erlebnis und nicht umsonst sprach Bayern-Boss Karlheinz Rummenigge nach dem Spiel von einer „Blamage“ – und sprach das g wie ein ch aus. Der FC Bayern geht nun reichlich angeschlagen ins Champions League-Finale. In Dortmund endet die Saison hingegen auf Wolke 7.


Auch die örtliche Bierindustrie, einst der Stolz der Stadt und heute im Besitz von Herrn Dr. Oetker aus Bielefeld, freute sich über zusätzliche Umsätze

Nachtrag
Leider ist Kagawa nicht weich geworden, der BVB kann ihn jetzt verkaufen und kassiert immerhin ein nettes Sümmchen. Was so schlecht auch nicht ist, so ist das Business eben.



Mittwoch, 9. Mai 2012
Die englischen Guineas-Sieger: Eintagsfliege oder Superstar
Pferderennen sind manchmal schon eine komische Angelegenheit, weil so manche Leistung kaum zu glauben ist. In England gab es am Wochenende die ersten Klassiker auf der Flachen – und da triumphierte am Sonntag in den 1000 Guineas auf der Rennbahn in Newmarket Homecoming Queen aus dem irischen Top-Quartier von Aidan O’Brien. Imponierend, wie die Stute gewann – hoch überlegen, von der Spitze aus, am Ende waren es neun Längen Vorsprung vor Starscope.
Als ich das Rennvideo das erste Mal sah, dachte ich: Das hat ja was von Frankel, dem Ausnahmepferd, das im letzten Jahr in den 2000 Guineas triumphierte. Aber eigentlich kann diese Form nicht stimmen. Denn die Siegerin war kein „dunkles“, wenig geprüftes Pferd, es war bereits ihr 14. Start. Als 25:1-Außenseiter ging die Tochter von Holy Roman Emperor an den Start. Joseph O’Brien hatte sich für die 15:8-Favoritin Maybe (die Dritte wurde) entschieden. Ryan Moore war allerdings ein sehr prominenter zweiter Mann.
Viele dachten dann auch, dass Homecoming Queen das Tempo für Maybe machen werde. Zweijährig gehörte die Siegerin definitiv nicht zur ersten Wahl im großen Ballydoyle-Quartier; immerhin war sie erfolgreich in einem Listenrennen. Zuletzt gewann sie jedoch den 1000 Guineas Trial in Leopardstown gegen Fire Lily.
Da hatte Maybe schon andere Referenzen: In fünf Rennen blieb sie ungeschlagen, gewann unter anderem ein Gruppe 1-Rennen. Der Boden war offiziell nicht schwer, sondern gut bis weich. Es dürfte sehr interessant sein, ob Homecoming Queen diese Leistung bestätigen kann.

Flugzeug
Aber generell scheint der irische Ballydoyle-Rennstall der Herren Tabor und Magnier im klassischen Jahrgang 2012 gut aufgestellt zu sein: Denn mit Camelot, dem Sieger in den englischen 2000 Guineas, verfügt das Quartier über einen Hengst mit überragenden Fähigkeiten.
Schon zweijährig imponierte er ungemein, als er quasi im Handgalopp in der Racing Post Trophy, nach den Dewhurst Stakes das wichtigste Zweijährigenrennen in England, triumphierte. Kein Wunder, dass er als klarer Favorit an den Ablauf kam und auch die Wahl von Trainer-Sohn Joseph war. Gegen French Fifteen musste der Montjeu-Sohn allerdings reichlich kämpfen, am Ende hatte er einen Hals Vorsprung. Viele Beobachter hatten erwartet, dass Camelot das Feld quasi distanziert, galt der Hengst ja bereits als das nächste Wunderkind aus dem irischen Quartier. Dennoch war Trainer Aidan O’Brien ganz zufrieden mit dem Saisondebüt des Hengstes. Zudem ist er derzeit klarer Favorit für das Epsom Derby.