Donnerstag, 26. April 2012
Die Ballade von Otto und „Töppi“
Man muss die ARD auch mal loben für ihr Sportprogramm. Vergessen wir einfach mal die endlosen Wintersportübertragungen unter schwarz-rot-goldener Brille und widmen uns dem ARD-Landessender WDR. Der Westdeutsche Rundfunk zeigt neben anderen lobenswerten Angeboten wie etwa Zeiglers Wunderbare Welt des Fußballs auch die Sendung Sport Inside. Diese beschäftigt sich mit den Hintergründen und zeigt häufig die Schattenseiten des Sports: Doping, Profitgier, Vetternwirtschaft, Rassismus oder ähnliche Sauereien.
Bei Sport Inside landen Themen im Programm, die nicht unbedingt massenkompatibel sind. Jedenfalls beruft sich der WDR mal auf seinen journalistischen Auftrag.
Nun sind nicht alle Beiträge die großen Enthüllungsgeschichten, ist die Qualität nicht überraschend unterschiedlich. Und manchmal erfährt man Dinge, die man nicht unbedingt wissen muss, die einen aber dennoch interessieren. Zum Beispiel, dass Fußballtrainer Otto Rehhagel und das ehemalige ZDF-Urgestein Rolf Töpperwien seit der Weltmeisterschaft 2010 nicht mehr miteinander reden.
„Alter schützt vor Dummheit nicht“, lautete der Titel des Beitrags von Boris Poscharsky. Es ging um das schwierige Verhältnis von Hertha-Neutrainer Otto Rehhagel zu den Medien. Nun kann man von Rehhagel, der bekanntlich gerne Dichter und Philosophen zitiert, nicht unbedingt erwarten, dass er so profane Zeitgenossen wie Journalisten schätzt. Manchmal kann ich den guten Otto sogar verstehen, wenn beispielsweise der Boulevard mal wieder reichlich erfinderisch schreibt. Aber „seine Allergie gegen kritische Fragen“ (O-Ton Poscharsky) ist dann schon etwas peinlich. Ebenso, wenn Oberlehrer Rehhagel erklärt, was Journalismus ist. Und natürlich sprach Rehhagel nicht mit Poscharsky.

Ende einer Männerfreundschaft
Rolf Töpperwien, der selbsternannte Erfinder des Spielfeldrandinterviews, galt hingegen bislang als der Haus- und Hof-Journalist des Erfolgstrainers. Unvergessen „Töppis“ beflissenes Kopfnicken, als Otto nach dem – zugegeben – sensationellen Gewinn der Europameisterschaft 2004 mit dem Außenseiter Griechenland dozierte und Töpperwien exklusiv sein Erfolgsgeheimnis erklärte. Wenn ich mich recht erinnere, hat der jetzt im Ruhestand befindliche Journalist dieses Interview in seiner überhaupt nicht bescheidenen Biografie noch als „Sternstunde des Journalismus“ verkauft. Immerhin war der ZDF-Mann einer der wenigen Medienvertretern, mit denen sich Rehhagel überhaupt unterhielt.
Doch irgendwann kommen auch dickste Freundschaften in die Krise: In unserem Falle war es nach der Weltmeisterschaft 2010, da stellte Töpperwien nach dem Aus Griechenlands die Frage nach Rehhagels Zukunft. „Das ist privat", bellte dieser zurück und ließ den verdatterten Reporter stehen. Es war die berühmte Frage zuviel, zumal „Töppi“ - ganz der journalistische Spürhund - später noch den Rücktritt des Trainers verkündete. So etwas vergisst ein Otto Rehhagel eben nicht.
„Otto hat schon immer hinter jedem Baum einen Feind gesehen“, sagt Töpperwien heute über seinen alten Freund. Schon als junger Trainer im Dortmund in den 70er Jahren: Auch da war er manchmal etwas dünnhäutig gegenüber Journalisten. Es gibt diese schöne Anekdote, wo Rehhagel sagt, jetzt seien nur noch Fachfragen zulässig und ein Dortmunder Schreiber den gelernten Maler und Lackierer fragte, worauf er denn achten müsse, wenn er die Zimmer zuhause tapeziere.
Und auch in Berlin bleibt das Verhältnis schwierig. Sportlich steht es nicht gut um die Hertha, der Abstieg droht und selbst ein ansonsten zahmes Blatt wie der kicker nervt Rehhagels Verhalten. Immerhin kann sich Rehhagel auf seinen Freund Jürgen Flimm verlassen. Aber der ist ja auch ein Mann der Kultur...



Dienstag, 24. April 2012
„Erklären Sie diese Form, Herr Jentzsch“
Es muss irgendwann zu Beginn der neunziger Jahr gewesen sein. Galopprennbahn Mülheim an der Ruhr, irgendein Feiertags-Renntag (Ostern, 1. Mai oder Pfingsten). Jedenfalls war es zu Beginn der grünen Saison, denn es waren viele dreijährige Pferde aus großen Quartieren am Start. Natürlich auch aus dem Champion-Stall von Trainer Heinz Jentzsch – viele potenzielle Hoffnungen, alle selbstverständlich stark gewettet.
Doch an diesem Tag lief nicht viel bei den Pferden von Trainer Jentzsch. Fast alle landeten im geschlagenen Feld, keiner siegte. Als wenn irgendein Virus den Stall heimgesucht hatte, so schwach waren die Leistungen der Vollblüter aus dem sonstigen Erfolgsquartier. Bis zum vorletzten Rennen: Dort kam ein Jentzsch-Pferd an den Start, das eigentlich den damaligen Bodenzustand überhaupt nicht konnte. Doch wie das häufig so ist: Dieses Pferd gewann zu lukrativen Quoten und machte diverse Wetten kaputt.
Was manchem Zocker überhaupt nicht behagte. „Herr Jentzsch, erklären Sie diese Form“, schimpfte einer von ihnen. Der Mann war richtig sauer – und wie das auf Deutschlands Rennbahnen so ist: Es ist alles überschaubar, kein Zaun trennt Aktive und Publikum. Jentzsch, der ungefähr zehn Meter entfernt stand, bekam die Reaktion mit – und schaute den Typen total ungläubig an. Als wollte er sagen: „Ich zocke doch nicht mit meinen Pferden, ich habe es doch gar nicht nötig.“ Und überhaupt: Wie kann jemand überhaupt auf die Idee kommen, dass seine Pferde nicht reell laufen würden?

Realist und Meister
Er war ein großer Trainer von Rennpferden, der Heinz Jentzsch, der am Samstag im Alter von 92 Jahren starb. Der gebürtige Berliner kam 1949 aus Hoppegarten nach Köln, fing ganz beschieden an und brach später wohl jeden Rekord im deutschen Turf. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre für den Rennsport begeisterte, war Jentzsch schon längst der Mann mit dem Abonnement auf den Championats-Titel.
Er guckte immer etwas grimmig, der Betreuer von Spitzenpferden wie Acatenango, Lando, Lirung oder Monsun. Und er war ein Mann mit festen Gewohnheiten: In Dortmund stand er im Führring immer an der gleichen Stelle, in Mülheim und Gelsenkirchen ebenfalls. Außerdem erinnert Jentzsch an eine Zeit, in dem es dem deutschen Galopprennsport noch viel besser ging und die Welt offenbar noch in Ordnung war.
„Ich bin kein Pessimist. Ich bin nur Realist unter zu vielen Optimisten, die ihre Pferde notorisch überschätzen“, zitierte Traute König in ihrem wunderbaren Buch „Laufen muss der Bagge“ den Meistertrainer. Und betitelte das ganze Kapitel mit „Der Meister von det Janze.“


Eines der besten Pferde, dass Heinz Jentzsch je trainert hat: Acatenango, hier in einem ZDF-Bericht und in Farben, in denen man nur gewinnen kann. Ab Minute 2:38 äußert sich Jentzsch zu seinem Pferd.



Donnerstag, 19. April 2012
Schlappes Real Madrid
Das war also das große Real Madrid, das am Dienstag im Halbfinale der Champions League dem FC Bayern mit 1:2 unterlag. Die Königlichen, später die selbsternannten Galaktischen – ich fand ihre Leistung äußerst irdisch. Die internationale Presse bescheinigte der Begegnung zwar große Klasse, aber überzeugten konnten nur die Münchener. Die Lobeshymnen von SAT 1-Kommentator Wolf-Dieter Fuß auf die Bayern wirkten zwar etwas übertrieben, die Spitzen auf den alten und neuen deutschen Meister Borussia Dortmund kann er sich zudem sparen.
Real Madrid spielte hingegen nur seinen Stiefel herunter. Der Ausgleich fiel glücklich, ansonsten wirkte das Starensemble reichlich uninspiriert. Allen voran Cristiano Ronaldo. Wahnwitzige 94 Millionen Euro Ablöse zahlten Real Madrid und sein neureicher Präsident Florentino Perez einst für den Portugiesen. 139 Tore in bisher 137 Spielen sind schon eine ordentliche Bilanz und unzählige verkaufte Trikots machen sich auch nicht schlecht. In München fiel CR 7 nur durch seine schlecht getretenen Freistösse auf, versteckte sich wie so häufig in wichtigen Spielen. Vielleicht lag es ja daran, dass Unbekannte ihm vor dem Spiel seine Schuhe aus der Kabine klauten.
Eigentlich spielt ja Real ja eine starke Saison in der heimischen Primera Division. Das beeindruckende Torverhältnis von 107:29, nur zwei Niederlagen und vier Punkte vor dem Erzrivalen Barca – das Team von Jose Mourinho ist also deutlich auf Kurs. In der Champions League konnte das Team bislang ebenfalls überzeugen. In München gelang das viel weniger, weil Bayern gerade im Defensivbereich sehr aufmerksam agierte. Nur Özil und Benzema sorgten für gelegentliche Lichtblicke.

Der gütige Mourinho
Noch nicht einmal im Kader von Real stand der ehemalige Dortmunder Nuri Sahin, im letzten Jahr in einer sehr starken BVB-Mannschaft einer der Besten. Bei den Königlichen ist der so spielstarke Sahin aber weit von einem Stammplatz entfernt. Das mag daran liegen, dass er verletzt nach Spanien kam und lange pausierte. Dennoch fällt er derzeit in Madrid in die Rubrik Fehleinkäufe (ebenso wie der ehemalige Münchener und gebürtige Gelsenkirchener Hamit Altintop). Ich bezweifele zudem, ob Sahin überhaupt in das Team von Jose Mourinho passt.
Der laut Eigeneinschätzung „beste Trainer der Welt“ wirkte an diesem Abend ziemlich schlecht gelaunt. Dass der Portugiese mal wieder die spanische Presse boykottierte, ist nicht neu, weil Journalisten in der Wertschätzung des Meisters nun mal ganz unten stehen. Wer mal unter seiner Regie gespielt hat, lernt aber einen ganz anderen Menschen kennen. „Sie müssen sich Mourinho wie einen Vater vorstellen. Er schützt jeden seinen Spieler“, erklärte etwa der heutige Stuttgarter Khalid Boulahrouz der Nachrichtenagentur dpa. Boulahrouz arbeitete bei Chelsea London mit dem Portugiesen zusammen.
Das knappe 1:2 bei den Bayern lässt Real aber für das Rückspiel im legendären Estadio Santiago Bernabeu alle Chancen. Es ist so und so ein ungleiches Duell: Während Bayern München (und alle anderen deutschen Mannschaften) auf schwarze Zahlen achten müssen, ist das bei Real Madrid scheinbar egal, haben kaufmännische Werte wenig Aussagekraft. Die Königlichen haben gigantische Schulden, aber für spanische Banken ist es offenbar eine Ehre, Real Madrid mit Kredite zu versorgen.