Es geht wieder aufwärts mit dem deutschen Galopprennsport – zumindest wenn man die Umsatzzahlen 2011 betrachtet. Nur völlige Schönredner werden jedoch von einer Kehrtwende sprechen: Zum einen gab es im Vergleich zu 2010 wieder zwei Veranstaltungen in Baden-Baden/Iffezheim, zum anderen befindet sich der Umsatz seit Jahren im Tiefflug. 2003 waren es etwa laut Direktorium für Vollblutzucht und Rennen beispielsweise noch 81 Millionen Euro (45 Mio. Bahn, Außen 36 Mio. Euro – Quelle Sport-Welt Spezial 2004).
Zudem ist der Begriff Umsatz in diesem Fall nicht ganz richtig: Die Zahl, die das Direktorium nennt, ist der Totalisatorumsatz. Was beim Buchmacher oder im Internet sonst noch auf deutsche Rennen gewettet wird, weiß kein Mensch.
Die Zahlen wie vor 20 Jahren wird der deutsche Turf aber nicht mehr erreichen. Dafür ist die Konkurrenz inzwischen zu stark: Fußballwetten sind – Glückspielgesetz hin und her – weiter stark im Kommen. Galopp-Insidern bieten die Galopprennen aus Frankreich und England attraktive Möglichkeiten.
Gerade gegenüber Letzteren ist das deutsche Produkt namens Pferdewette nicht wettbewerbsfähig. Wenn ich an mein eigenes Wettverhalten denke, dann hat sich das in den letzten zwanzig Jahren drastisch verändert. Zu Beginn habe ich fast nur auf deutsche Rennen gewettet, heute ist das Verhältnis 90:10 zugunsten der englischen Rennen (Frankreich ist nicht so mein Ding).
Cheltenham statt Dortmund
Die Gründe liegen auf der Hand: Die englischen Hindernisrennen auf den Top-Bahnen im Winter sind um ein Vielfaches interessanter als die deutschen Winterrennen in Neuss und Dortmund. Obwohl ich in Dortmund wohne, war ich in diesem Jahr noch kein einziges Mal bei den Sandbahnrennen. Einmal werde ich mit Sicherheit noch hingehen, aber mehr auch nicht. Ähnlich war es in den Vorjahren.
Was soll ich denn da auch wetten? Irgendwelche Handicaps der unteren Kategorie mit hoher Plusskala und wenig Formpferden? Völlig uninteressant, zumal in diesen Rennen mal der mit 20 Längen vorne ist und in der nächsten Woche ein anderer Teilnehmer mit Riesenabstand gewinnt.
Da mache ich doch lieber ein paar Siegwetten in Cheltenham oder Sandown. Die Rennen dort sind zwar schwierig, aber in den heutigen Internetzeiten kann ich auf ein Vielfaches an Informationen zurückgreifen. Außerdem stimmen die Quoten.
Im Sommer sieht es ähnlich aus, obwohl die deutschen Rennen dann natürlich viel interessanter sind. Die Zeiten, an denen ich jeden Sonntag auf einer deutschen Galopprennbahn war, sind längst Vergangenheit. Samstags allerdings bin ich meist mit englischem Rennsport beschäftigt. Weil das Wettangebot – siehe oben – dort einfach viel attraktiver ist.
Was ich in Turf-Deutschland am meisten vermisse? Diese guten Handicaps der Kategorien 1 und 2. Was waren das früher für schöne Rennen, ein Ausgleich 1 wie der Große Preis der Stadt Mülheim, gespickt mit Formpferden. Diese Pferde laufen heute leider für bessere Preisgelder in Frankreich. Wenn ein Ausgleich 1 und Ausgleich 2 ausgeschrieben wird, finden diese oft nicht statt, da die Pferde fehlen, weil die Preisgelder in Deutschland zu gering sind.
Das ist alles ein Luxusproblem, kann man jetzt aus deutscher Sicht argumentieren. Die Rennvereine haben schon genug andere Baustellen. Das ist richtig, nur in England gibt es dafür auf der Flachen fast jeder Woche ein Top-Handicap. Das ist im Interesse der großen Buchmacher, weil diese eben von möglichst offenen Rennen profitieren. Denn dort werden die Umsätze gemacht. Wo bleibt also das deutsche Cambridgeshire?
Nachtrag: Im aktuellen Newsletter von Turf Times kann der Interessent noch einmal die statistischen Zahlen zum deutschen Rennsport 2011 nachlesen. Wer ihn noch nicht bekommt, erhält ihn hier.
Etwas Mitgefühl habe ich immer noch – mit Ailton, dem einstigen Kugelblitz, der seine beste Zeit in der Bundesliga bei Werder Bremen hatte. Dabei ist das Gefühl in diesem Fall völlig fehl am Platz. Die Teilnahme am berüchtigten RTL-Dschungelcamp ist seine eigene Entscheidung und immerhin soll der ehemalige Bundesliga-Torschützenkönig laut Bild am Sonntag 55 000 Euro für seinen Ausflug in den australischen Dschungel erhalten. Nur Ex-Frau Stallone Brigitte Nielsen und Ramona Leiß (wer ist Ramona Leiß) bekommen mehr. Dafür kann man schon mal ein paar Maden vertilgen.
Fast alles lief schief bei Ailton in den letzten Jahren: „Vom Torschützenkönig zur Witzfigur“ schrieb die Zeit und zitiert Ulf Baranowsky von der Spielergewerkschaft Vereinigung deutscher Vertragsspieler. 20 bis 25 Prozent der Spieler seien nach Ende ihrer aktiven Laufbahn überschuldet oder pleite, so Baranowsky. Total verständlich: Leute, die 100000 Euro und mehr pro Woche verdienen, haben eben andere Ansprüche. Der Fuhrpark muss regelmäßíg aktualisiert, Klamotten kauft man oder frau nicht bei KIK, Spielerfrau und Zweitspielerfrau müssen versorgt werden und und und...
Auch Kollege Ailton hat offensichtlich Finanzsorgen. Nach dem Meistertitel 2004 mit Werder ging es schnell abwärts für den einstigen Spieler des Jahres: Das fing schon mit dem Wechsel nach Schalke an, wo er schnell zum Liebling der Bild-Zeitung wurde, seine Leistungen allerdings nicht mehr meisterhaft waren. Es folgte eine wahre Odyssee durch Länder, Vereine und Ligen: Katar, Ukraine, der HSV, MSV Duisburg etc.
Beim Casting musste sich Ailton gegen seinen ehemaligen Bremer Kollegen Paul Stalteri durchsetzen. Fernsehsender RTL möchte aber nicht bestätigen, ob es im nächsten Jahr ein Christmas-Camp gibt.
Hier tauchte er mal auf, als er zum KFC Uerdingen wechselte, zuletzt kickte Ailton beim Bremer FC Oberneuland. Nirgendwo wurde er glücklich – und selbst die Torjägerkanone des kicker-sportmagazins wollte sein damaliger Berater schon zu Geld machen. Karl-Heinz Heimann wird sich im Grabe umdrehen.
Schön zu beobachten ist zudem, wie sich RTL und Bild am Sonntag die Bälle zuspielen. Da schiebt jemand vom Fernsehsender dem Boulevardblatt die geheimen Verträge der Dschungelcamp-Teilnehmer zu – und die BamS hat ihre Exklusiv-Schlagzeile. Das Dschungelcamp verkauft sich offensichtlich besser als der Bundespräsident.
Was für ein Paukenschlag zu Beginn des neuen Jahres: Marco Reus wechselt im Sommer von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund. Gut, die Anhänger der selbsternannten „wahren Borussia“ dürften sich nicht so freuen: Ihr bester Spieler ist im Sommer weg, dazu verlässt zudem der talentierte Roman Neustädter den Verein. Das Jahr hätte nicht schlimmer beginnen können. BVB-Fans freuen sich hingegen: Denn Reus, im ersten Halbjahr der überragende Spieler in der Bundesliga auf der Position Außenbahn offensiv, wechselt zu Borussia Dortmund – für schlappe 17,5 Millionen Euro.
Bekanntlich kehrt Reus damit in seine Heimatstadt zurück. Doch irgendwie habe ich ein komisches Gefühl. Zum einen, weil der BVB mal wieder richtig auf dem Transfermarkt investierte: Reus ist nach Marcio Amoroso (25,6 Mio Euro) der zweithöchste Transfer in der Geschichte des Klubs. Amoroso war zwar ein herausragender Spieler (zumindest in seiner ersten Zeit, bis er dann nur noch Allüren hatte), aber der Brasilianer steht auch für den finanziellen Wahnsinn der letzten Tage der Ära Niebaum/Meier, die den Klub bekanntlich an den Rande des Abgrundes brachten. „Wir haben unser Pulver in den vergangenen Jahren trocken gehalten“, beruhigt zwar Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der BVB-Geschäftsführung, die Gemüter und fügt hinzu: „Der Transfer ist aus den Rücklagen solide finanziert.“
Nun vertrauen wir mal dem Sanierer Watzke und natürlich ist es besser, dass Reus, der seine ersten fußballerische Schritte beim PTSV Dortmund machte, in Dortmund spielt und nicht etwa beim FC Bayern. Dennoch habe ich ein ungutes Gefühl: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Reus und Mario Götze in Dortmund zusammen auf dem Platz stehen werden. Natürlich ist das Spekulation, habe ich keine Fakten. Dennoch gehe ich jede Wette ein, dass Götze am Ende der Saison den BVB verlassen wird. England, Spanien oder der FC Bayern – Angebote kommen doch quasi im Tagestakt. Der Verein dementiert das natürlich, aber ich halte dagegen.