Ganz großer Galoppsport am Sonntag in Köln-Weidenpesch: Der Preis von Europa war der Höhepunkt einer hochinteressanten Karte mit einem weiteren Grupperennen, zwei Listenrennen und mehreren gut besetzten Handicaps.
Eigentlich war es ein perfekter Tag: Das Wetter fantastisch, die Bahn sehr gut besucht, obwohl der 1.FC Köln zeitgleich ein Heimspiel hatte. Die Kölner Bahn hat zudem Flair, weil die Besuchermischung stimmt. Die Atmosphäre ist locker, nicht so verkrampft wie manchmal in Düsseldorf. Außerdem hatten die Kölner genügend Kassen geöffnet, so dass man nicht lange anstehen musste. Und es war nicht so voll, dass man beispielsweise nicht an den Führring kam. Meine persönliche Bilanz des Tages.
Aufreger des Tages
Es war ein souveräner Sieg nach einem gut eingeteilten Ritt von Frankie Dettori:
Campanologist aus dem Godolphin-Imperium gewann den Preis von Europa und schlug dabei mit
Ibicenco,
Earl of Tinsdal und
Saltas drei Top-Vertreter des deutschen Derbyjahrgangs. Und schon gehen sie wieder los, die Diskussionen um die Qualität des Derbyjahrgangs.
Denn der Kingmambo-Sohn war zwar bereits dreifacher Gruppe I-Sieger in Deutschland, die diesjährigen Formen waren allerdings nicht gerade furchteinflößend. Zum Beispiel der zweite Platz aus Istanbul hinter
Indian Days: Dieser sechsjährige Wallach ist ein sehr solides Pferd, das sich durch die Handicaps nach oben gekämpft hat, aber mehr als Gruppe 3-Format verkörpert der Stolz von Trainer James Given nicht. Davor lief Campanologist schwach in englischen Rennen und auch die Form aus dem April in The Curragh hinter
So You Think finde ich nicht gerade aufregend. Er habe den Lauf im Melbourne Cup im November 2010 in Australien nicht verkraftet, sagte Jockey Dettori im Interview nach dem Rennen. Zudem ist es auch in diesem Jahr ähnlich wie in den Jahren zuvor: Im Herbst laufen die Pferde der blauen Armada zu großer Form auf, die Leistungen im Frühjahr sind hingegen oftmals sehr schwach.
Und damit kommen wir zum deutschen Derby-Jahrgang:
Ibicenco aus dem vor dem Derby so gefeierten Schlenderhaner „Wunder-Jahrgang“ schlug sich noch am besten, zeigte viel Stehvermögen und kam noch einmal etwas an Campanologist heran, ohne diesen zu gefährden.
Eher enttäuschend lief hingegen der große Favorit
Earl of Tinsdal. Der war schon im Führring auffällig nervös und zermürbte diesmal seine Gegner nicht von der Spitze. Auf den letzten Metern zog der Black Sam Bellamy-Sohn wieder etwas an und verteidigte damit seinen Nimbus gegen den alten Rivalen
Saltas, den er allerdings bei seinem Erfolg im Kölner Rheinland Pokal viel deutlicher distanzierte. „Die beiden Erstplacierten waren heute einfach besser, dem Earl ist damit kein Zacken aus der Krone gefallen“, erklärte Trainer Andreas Wöhler auf
seiner Homepage. Ich sehe das ähnlich: Der Earl hat eine anstrengende Saison hinter sich, zudem waren die Gegner im Rheinland-Pokal schwächer. So ganz schreibe ich den Derbyjahrgang nicht ab, auch wenn diese Form und andere Fakten – wie etwa die letzten beiden Auftritte des Derbysiegers
Waldpark - nicht so optimistisch stimmen. Zudem gibt es ja noch
Danedream.
Der Engländer nennt das "Slightly on his toes". Schon im Führring wirkte der Earl of Tinsdal reichlich nervös.
Sieger des Tages
Wenn ein Pferd das sechste Rennen in Serie gewinnt, dann ist das schon eine besondere Leistung:
Lordsbury Pride lautet der Namen des Galoppers, der im Preis des Spielbank Bad Neuenahr siegte. Das war zwar „nur“ ein Ausgleich 3, aber wie Trainer Sascha Smrczek den Wallach des Stalles Frohnlach gesteigert hat, verdient schon Respekt. Erstaunlicherweise hat Lordsbury Pride bereits 17 Starts hinter sich. In England lief er elfmal in meist bescheidener Gesellschaft, zwei Placierungen waren eine eher dürftige Ausbeute. In Deutschland konnte er im Handicap ziemlich unten anfangen und das machte sich bezahlbar: Den Erfolgen in Bad Harzburg (zwei Mal), Bad Doberan, Miesau und Baden-Baden folgte jetzt Köln.
Ritt des Tages
Im Ilse und Heinz Ramm-Erinnerungsrennen, einem Listenrennen für Stuten über 1600 Meter, wurde er noch Zweiter mit
Julie’s Love, doch im Kölner Herbst-Stutenpreis, einem Gruppe 3-Rennen für Stuten über 2200 Meter, zeigte Mirco Demuro einen perfekt getimten Ritt und fing die Favoritin
Ovambo Queen noch ab. Die Siegerin
Kapitale kommt aus dem Quartier von Andreas Wöhler, der mit drei Siegen der Trainer des Tages war und mit
Black Arrow einen weiteren hochtalentierten Youngster vorstellte. Nur der Earl lief nicht ganz so wie vorgesehen.
Irgendwo dahinten ist er: Die Besucher schauen zu Frankie Dettori und Campanologist, Triumphator im Preis von Europa. Und weil diese Seite ungerne blaue Trikots zeigt, suchen wir mit ihnen.
Wettbilanz des Tages
Mal wieder mau. Ich war allerdings auch erst zum dritten Rennen auf der Bahn und bin dann nach dem achten Rennen wieder gefahren. Pech war, dass Campanologist mir im Preis von Europa den Einlauf kaputt machte. Hinzu kam falscher Geiz: Ovambo Queen, Kapitale und Temida hatte ich mir vorher als Pferde für die Einlaufkombi ausgesucht, auf der Rennbahn spiele ich allerdings nur Ovambo Queen und Temida. Kapitale siegt vor Ovambo Queen, die Zweierwette zahlt 435 – ein Vermögen, obwohl die heiße Favoritin dabei war. Und sonst:
Reine heuresse war ein etwas vermessener Tipp, nach Bestform hatte sie jedoch durchaus Chancen.
Koos hatte ich wie viele andere in der Wettchance des Tages getippt, weil die erst wenig geprüfte Stute noch Reserven hat. Beide wurden aber reichlich offensiv von der Spitze aus geritten. Das ist auf der langen Kölner Geraden bei gutem Boden nicht immer vorteilhaft – besonders wenn reichlich Speedpferde im Feld sind.
Und dann war da noch
Lotosprinz in meinem abschließenden achten Rennen, einem Ausgleich IV. Neben mir gab es noch genug andere dumme „Schafe“, die den Mamool-Sohn wetteten und zum Favoriten machten. Dabei soll man doch nie den Favoriten im Ausgleich IV nehmen. Lotosprinz lief dann auch ein etwas „unauffälliges“ Rennen und landete im vorderen Mittelfeld. Die Viererwette wurde im übrigen in dieser Prüfung nicht getroffen. Die Nachbarn auf der Stehstufen jubelten aber: Sie hatten
Kim Groom gespielt und für die überaus formbeständige Stute gab es reichlich Geld.
Es gibt so Tage, die kann man wettmäßig nur „in die Tonne kloppen“. An denen nichts geht, alles irgendwie einfach schief läuft. Zum Beispiel am Sonntag: Es ist St. Leger-Renntag auf meiner Heimatrennbahn in Dortmund, der letzte Klassiker im deutschen Turf und immer noch einer der Höhepunkte der Dortmunder Grasbahnsaison. Ein Pflichttermin, die Bahn ist gut gefüllt – auch wenn Borussia Dortmund fast zeitgleich um 15:30 am Sonntag in Hannover spielt. Und es blieb trocken.
So sehen Sieger aus: Fox Hunt mit der Schleife, Trainergattin Deirdre Johnston strahlt.
Sieger des Tages
Das war natürlich
Fox Hunt, der Gewinner im klassischen St. Leger und das Pferd, das ich partout nicht haben wollte. Mein Tipp
Rosello war leider Nichtstarter, zu allem Überfluss wird mein anderer Tipp
Dawn Twister auch zwischen Fox Hunt und dem späteren Zweiten
Fair Boss eingeklemmt. Ob das Hirschberger-Pferd ohne diese Behinderung gewonnen hätte? Das glaube ich nicht, aber den Rhythmus hat er schon verloren. Die Stewards ließen jedenfalls das Ergebnis unverändert.
Die besten Formen hatte der Wallach schon, aber dafür ging er ja auch zum Kurs von 20 ab. Es gab schon Gründe, ihn nicht zu spielen: Zum Beispiel der, dass Fox Hunt eine anstrengende Saison hinter sich hatte und einige Substanz gelassen hat. Erstaunlicherweise vertrat auch Sport-Welt-Tipp-Experte Olaf Schick – ansonsten eher bekannt für Favoritentipps – diese These.
Doch Fox Hunt wird trainiert von Mark Johnston und dessen Pferde laufen viel, sind auf der Insel bekannt für ihre Härte. Jockey Silvestre De Sousa musste den Dubawi-Sohn dann mal kurz im Bogen aufmuntern, doch den tapfer kämpfenden Fair Boss bekam Fox Hunt noch sicher in den Griff. Trainergattin Deidre Johnson lobte dann auch den Siegeswillen ihres Schützlings, Jockey de Sousa strahlte und „God Save the Queen“ schallte zu Ehren des Siegesteams über den Rennplatz.
Es war schön, de Sousa mal live zu erleben, nachdem man ihn sonst nur am Bildschirm bewundern kann. Der aus Brasilien stammende Jockey ist eine der Entdeckungen der letzten Jahren und hat sich auf den Bahnen im Norden Englands aus bescheidenen Anfängen nach oben gearbeitet. Inzwischen zählt er zu den Top-Jockeys in England.
Ritt des Tages
Ich gebe zu, dass ich mir die drei Handicaps während des Fußballspiels quasi geschenkt habe und lieber den BVB geguckt habe. Aber es war ein blitzsauberer Ritt von Nicole Oelerking auf dem 352:10-Aussenseiter
Russian Tigress im Preis von Hohenbuschei, einem gut besetzten Ausgleich 3. Die junge Reiterin fand immer wieder die Lücke aus hinteren Regionen und schlüpfte dann innen durch. Das war so überraschend, dass selbst Rennkommentator Pan Krischbin den Vorstoß verpasste und
Win for Gold zum Sieger erklärte.
Nachwuchs des Tages
Um diese Zeit sind die Rennen für die Zweijährigen immer hoch interessant. Zwei Prüfungen gab es für die Youngster, eine davon war das hochdotierte Auktionsrennen. Im ersten Rennen ging es um den Preis des Dortmund Airports für sieglose Zweijährige. Alle überragte
Russian Song, ein Bruder des guten
Russian Tango. Allerdings sah er so aus, dass er diesen Lauf noch braucht. Und so lief es dann auch: Russian Song war lange gut dabei, doch als es ernst wurde, hatte er nicht mehr viel zuzusetzen. Besser konnte es der Favorit (und zudem viel rennfähiger aussah) und noch besser der Außenseiter All Shook Up: Der war spät geboren, bereits Wallach und weil Terry Hellier nicht rechtzeitig da war, gab es einen Kistenritt für Andre Best. Trainer Mario Hofer, der in München weilte, soll nach dem Rennen „regelrecht erschrocken gewesen sein“, weil er mit dem Erfolg nicht gerechnet hatte, berichtete Klaus Göntzsche, der in Dortmund mal wieder den Bahnsprecher zwischen den Rennen mimte. Und ich war 2 und 3 im Einlauf, weil ich die Stute
Loivissa neben Global Thrill noch mit auf dem Schein hatte.
Der spätere Sieger fehlt hier: Global Thrill (vorne) und Russian Song vor dem ersten Rennen im Führring.
Rennen 3 war das BBAG-Auktionsrennen für zweijährige Pferde. Satte 52 000 Euro Preisgeld gab es für Pferde, die auf einer BBAG-Auktion im letzten Jahr angeboten wurde. Über den sportlichen Wert dieser Rennen lässt sich streiten, aber immerhin waren einige Pferde am Start, die gute Formen hatte. Einer davon war
Chapman: Sein Namensvetter kommentiert in Dortmund bekanntlich nicht – und so kannte sich Pan Krischbin den Gag nicht verknapsen, dass Manfred, äh Chapman vorne war. Der Witz ging wie viele Krischbein-Witze deutlich daneben und besagter Chapman lief zwar ganz ordentlich, war aber chancenlos gegen den Iffezheimer Gast
Old Pal, der mit durchaus brauchbaren Formen aus der französischen Provinz angereist war. Natürlich hatte ich den Hengst nicht mit auf den Schein, dabei machte der kleine Soldier Hollow-Sohn einen sehr entschlossenen Eindruck im Führring. Ich hatte mich nämlich für
Compact Storm und Chapman im Einlauf schieden. Chapman lief gut, Compact Storm war lange gut dabei, doch hinterher fehlten die Reserven.
Ärgernis des Tages
Es war ein Tag der großen Felder: 16 Dreijährige, von denen einige zu diesem späten Zeitpunkt ihr Rennbahndebüt gaben, trafen sich beispielsweise im Preis des Phoenix-Sees. Und einige Starter wirkten wahrlich spätreif:
Electric Desert zum Beispiel – eines der wenigen Pferde, das ein Dortmunder Trainer für das Gestüt Wittekindshof von Hans Hugo Miebach, dem Ehrenpräsident des Dortmunder Rennvereins trainiert. Vor dem Start passierte mal wieder etwas, was ich in England, Frankreich oder Irland noch nie gesehen haben, in Dortmund aber fast bei jedem Renntag Thema ist: Eine Boxentür öffnete sich frühzeitig. Das geschah dreimal(!), Leidtragende waren
Agrippina und
Lucciana, die beide nachträglich zu Nichtstartern erklärt wurden. Weil ich Agrippina mit auf dem Schein hatte, gab es kein Geld zurück. Vorne waren die drei meist gewetteten Pferde, dahinter war die Lücke groß.
Flop des Tages
Erst einmal meine Wetten, aber dann kommt schon Borussia Dortmund: 1:2 in Hannover, die beiden Gegentore in den 87. und 89. Minute kassiert. Es läuft nicht beim BVB in dieser Saison nach dem grandiosen Meisterjahr.
Er war der große Spezialist für das Grand National in Aintree: Der englische Trainer Ginger Mc Cain verstarb am
19. September im Alter von 80 Jahren. Vier Mal hat er das schwerste und meist umstrittene Hindernisrennen der Welt gewonnen.
Allein drei Mal triumphierte
Red Rum: 1973, 1974 und
1977. In den Jahren 1975 und 1976 war er Zweiter in dem Marathon - kein Wunder, dass heute seine Statur die Rennbahn in Aintree schmückt.
2004 gewann Mc Cain zum vierten Mal mit
Amberleigh House nach einem Wahnsinnsritt von Graham Lee - und machte mir so ganz nebenbei die Siegwette mit
Clan Royal kaputt. Und es war natürlich eine wunderschöne Geschichte, dass im letzten Jahr sein Sohn Donald Mc Cain mit
Ballabriggs im National erfolgreich war.
Der Mann war wohl so etwas, was man in England einen „real character“ nennt. „Er war der beste Showman, den der Rennsport je hatte“, sagte die englische TV-Journalistin Clare Balding der
Racing Post.