Zwei Gruppe 1-Rennen über die Derbydistanz von 2400 Meter sind die Höhepunkte des Rennsport-Wochenendes in England und Deutschland. Denn sowohl in den King George VI and Queen Elisabeth Stakes im englischen Ascot als auch im Großen Preis von Berlin (der ehemalige Deutschland-Preis) in Berlin-Hoppegarten treffen Top-Pferde aufeinander. Vorschauen und Gedanken zum Berliner Rennen gibt es hier und hier. Diese Kolumne konzentriert sich jedoch auf das, was am Samstag um 17:30 deutscher Zeit auf der Rennbahn in der englischen Grafschaft Berkshire passieren wird.
Das King George ist einer der Höhepunkte des englischen Turfsommers, eine Prüfung mit sehr hohem Renommee. Doch wie so häufig in all den Jahren ist das Rennen mit nur fünf Startern quantitativ recht schwach besetzt, die Qualität stimmt jedoch. „Vier Asse und ein Joker“ schreibt der englische Guardian und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Denn sieht man einmal von Debussy ab, der wahrscheinlich als Pacemaker für seinen Stallgefährten Rewilding agieren wird, treffen mit Workforce, St. Nicholas Abbey, Nathaniel und eben jenem Rewilding vier hochklassige Protagonisten aufeinander.
King George 2001: Galileo besiegt Fantastic Light, vielleicht folgt ihm ja sein Sohn Nathaniel in der Ausgabe 2011.
Einziger Dreijähriger im Feld ist Nathaniel. Der Gosden-Schützling gewann zuletzt hoch überlegen die King Edward VII Stakes (Gruppe 2, 2400 Meter) und lief dort wie ein Pferd, dessen Leistungsvermögen noch gar nicht richtig erfasst ist. Auch die anderen Formen lesen sich nicht schlecht: nur mit Kopf geschlagen in der Chester Vase von Treasure Beach, dem späteren irischen Derbysieger und englischen Derbyzweiten. Beim Debüt unterlag er nur Frankel mit einer halben Länge. Im englischen Derby lief Nathaniel wegen des zu festen Bodens nicht, der weiche bis gute Untergrund in Ascot wird ideal sein. Er muss schon was in der Arbeit gezeigt haben, denn Trainer und Besitzer meldeten den Nachkommen des großen Galileo für 75 000 Pfund nach. Na gut, wenn jemand Lady Rothschild heißt und Besitzerin von Nathaniel ist, dann zahlt man diese Summe eher aus der Kaffeekasse.
Die Gegner sind aber erste Sahne: Zum Beispiel Workforce aus dem großen Quartier von Sir Michael Stoute. Er gewann grandios das englische Derby im Vorjahr und triumphierte außerdem im Oktober im Arc. 2400 Meter sind eindeutig die beste Distanz für den Kings Best-Sohn, die 2000 Meter gegen So You Think waren etwas kurz. Den einzigen Flop seiner Karriere leistete sich Workforce ausgerechnet im letztjährigen King George, als er abgeschlagen hinter seinem Stallgefährten Harbinger ins Ziel trudelte.
So You Think, der importierte Australier aus dem Quartier von Aidan O’Brien, dient auch als Referenz für Rewilding. Nur schlug er diesen im Gegensatz zu Workforce – Jockey Frankie Dettori wird das Rennen hingegen in nicht so guter Erinnerung haben, weil er danach eine lange Sperre wegen übermäßigem Gebrauch der Peitsche kassierte. Der Sohn von Tiger Hill galt schon immer als sehr veranlagtes Pferd und scheint in diesem Jahr den richtigen Schwung zu haben. Zudem überzeugt mich Mahmood Al Zarooni als Trainer der blauen Godolphin-Armada weitaus mehr als sein Kollege Saeed Bin Suroor.
Ballydoyle schickt natürlich auch einen aussichtsreichen Kandidaten. Allerdings keinen Dreijährigen und auch keinen So You Think, sondern St. Nicholas Abbey. Der galt im letzten Jahr bis zum Frühjahr als bester Dreijähriger im großen O’Brien-Stall, floppte dann in den englischen 2000 Guineas und wurde darauf nicht mehr gesichtet. In diesem Jahr ist er wieder da und gewann zuletzt nach einem unglücklichen Rennverlauf noch den Coronation Cup (2400 Meter, Gr. 1) in Epsom gegen die starke Stute Midday. Auch St. Nicholas Abbey muss noch nicht alle Karten aufgedeckt haben.
Urteil
Hochklassiges Feld, schön was zu rätseln. Für jeden der großen Drei Workforce, Rewilding und St. Nicholas Abbey spricht etwas. Aber auch wenn ich im King George wahrlich keine gute Bilanz habe und meine Tipps bei Pferden von Trainer John Gosden in der Regel daneben liegen: Nathaniel muss man zu diesem Kurs einfach mitnehmen.
Eigentlich war mit dem Schlimmsten zu rechnen. „Das große Rennen - Auf dem Weg zum Deutschen Derby“, Montag Abend in der Reihe Planetopia auf SAT 1 - und befürchtet hatte ich eine Reportage mit den üblichen Zutaten, wenn ein Privatsender eine Geschichte über den Turf ins Programm nimmt. In unserem Falle wären das erst einmal Hüte ohne Ende gewesen, dann ein paar Neureiche, die auf der Rennbahn mit Schampus protzen, und im schlimmsten Falle irgendwelche D-Promis aus der Privatsender-Verwertungskette, die hier noch mal etwas Publicity bekommen. Eben diese Leute, die man aus den Dschungelcamps, Topmodels und DSDS kennt (oder auch nicht). Zum Glück war diesmal alles anders – das Ergebnis war eine solide Reportage mit tollen Bildern und guten Typen.
Dabei hatten sich die Autoren mit den Teams von Gereon und Earl of Tinsdal schon zwei der interessantesten Derby-Protagonisten ausgesucht, die sie über einen längeren Zeitraum begleiteten. Die Geschichte um Gereon und seinen Trainer und Besitzer Christian Zschache ist natürlich eine Story, auf die jeder Journalist anspringt. Leider wurde es ja nichts mit dem Happy-End für Gereon und sein Team.
Gewinner trotz Niederlage
Die muntere Damenriege als Besitzer des Earls punktete einfach durch Authentizität und Enthusiasmus. Selten habe ich so viel Freude über einen undankbaren zweiten Platz gesehen – ich habe fast mit ihnen mitgejubelt. Ist ja auch verständlich: Platz 2 im wichtigsten Rennen des Jahres, wer vergießt da Tränen.
Manchmal wäre in den rund 40 Minuten Sendezeit weniger sogar etwas mehr gewesen. Vielleicht hätten die Autoren noch mehr die Teams von Gereon und Earl of Tinsdal in den Vordergrund stellen sollen, besonders Hannes K. Gutschow, der Züchter von Earl of Tinsdal, scheint ein Typ zu sein, der noch für einige trockene Sprüche gutgewesen wäre. „Das sind alles kleine Proleten“, sagt der Züchter etwa über seine Hengst-Fohlen. Das der Sieger Waldpark nur am Rande vorkam, ist einfach Künstlerpech und nicht zu vermeiden, wenn man vorher plant. Die drei Wetter wirkten übrigens wie gecastet. Das sind allerdings Dinge, die den guten Gesamteindruck nur unwesentlich schmälern. Nur ein paar Zuschauer mehr hätte die Geschichte verdient gehabt.
Wer die Sendung noch nicht gesehen hat, das Video gibt es hier.
Gestern Abend bin ich mal fremdgegangen und habe Traben geschaut beim Partner des deutschen Galopprennsports. Auf dem Programm standen Rennen in Berlin-Mariendorf und im niederbayerischen Straubing. Acht davon habe ich gesehen und sechs Mal versucht den Sieger mit einem Euro zu treffen – erfolglos, bestes Resultat waren zwei zweite Plätze.
Auffällig: Häufig gibt es einen Favoriten, der unter 20 steht und der auch in vielen Fällen gewinnt. Weil relativ wenig Geld im Markt ist und viele kurzfristig wetten, kann es schon mal sein, dass ein Pferd auf einmal kurz vor Rennbeginn von 60 auf 25 fällt.
Das Preisgeld ist beim Pferdesport mit dem Sulky noch bescheidener als beim Galopprennen: 700 Euro gibt es pro Rennen in Straubing, in Berlin waren es im Höchstfall 2500 Euro. Das ist verdammt wenig, für die Beteiligten – Fahrer, Trainer und Besitzer – sind es harte Zeiten.
Nicht verwunderlich, denn auch im Trabrennsport ging es in den letzten Jahren nur noch abwärts. Der Sport ist n der Öffentlichkeit noch weniger präsent als der Galopprennsport – was eigentlich schwer vorstellbar ist. „Die Leute in Deutschland kennen kaum die Pferde, auf die sie wetten“, sagt der Belgier Jos Verbeeck, einer der besten Trabrennfahrer der Welt.
Differenzen
In anderen Ländern ist das anders: In Frankreich gilt der Trab als „Sport der einfachen Leuten“, Galopprennen hingegen als Upperclass-Veranstaltung. In Schweden ist Traben Volkssport und über die V 65-Wette in jedem kleinen Ort bewettbar.
In Deutschland bestimmen Rivalität und Besitzstandswahrung das Verhältnis zwischen beiden Sportarten. Dabei sitzen beide eigentlich im gleichen Boot, vertreten zum Beispiel im Bereich Wetten die gleichen Interessen und könnten als geschlossene Einheit gegenüber der Politik auftreten. In der Praxis sieht das anders aus, beide arbeiten kaum zusammen. Auch bei der Neufassung des Glücksspielvertrages gab es zwischen Trab und Galopp deutliche Differenzen.
Nur wenige Leute interessieren sich zudem für beide Bereiche. Bei meinem Bookie in Dortmund war (und ist, falls sie nicht alle gestorben sind) das Traberpublikum ein ganz anderes als das aus der Galopperfraktion. Und die Traber sind in der Unterzahl, die meisten Bildschirme zeigen Galopprennen aus aller Welt.
Auch ich war noch nie auf einer deutschen Trabrennbahn. Früher wollte ich immer mal freitags nach Recklinghausen (mit dem Auto maximal 25 Minuten), aber das war in den neunziger Jahren und irgendwas kam immer dazwischen. Heute existiert die Bahn in Recklinghausen nicht mehr. Und Gelsenkirchen betritt der gemeine Dortmunder aus anderen Gründen bekanntlich nur unter Protest und nur wenn man unbedingt muss. Zwei mal war ich hingegen beim Traben in Schweden auf der kleinen und heimeligen Bahn in Arvika – und das war ein tolles Erlebnis.