Was man nicht alles so findet, wenn man auf den Seiten des Guardians die englische Reaktionen auf die Vergabe der Fußball-WM nachlesen möchte: Ein grandioses Foul von Boris Johnson, englischer Tory-Politiker (also ein Konservativer) und Bürgermeister von London. Starr der Blick auf den Boden und dann mit dem Kopf in den Gegner - ein Foulspiel, das auf Fußballplätzen Seltenheitswert hat. "Er komme mehr vom Rugby" soll Johnson hinterher gesagt haben. Wen er da auf deutscher Seite fällt, konnte ich leider nicht erkennen und war auch im nachhinein nicht festzustellen. Zumal das Ganze schon etwas länger zurückliegt: 2006 war es in Reading und Deutschland gewann 4:2. Erfolgreiche Revanche 40 Jahre nach Wembley - trotz Boris.
Barrios, Hünemeier, Diamond Harry und Bailey – wer vom Wochenende bleibt
Lucas Barrios: 90 Euro kostete mich am Samstag das Tor des Dortmunder Stürmers zum 4:1-Endstand gegen Borussia Mönchengladbach. Da mache ich seit Ewigkeiten mal wieder eine Fußballwette, tippe eben in jenem Borussen-Duell ein 3:1 für den BVB – und dann so was. Aber ich bin Barrios nicht böse. Vielleicht ist es ja das Tor in der Endabrechnung, das Borussia zum Meister macht. Außerdem gönne ich es dem Knipser: Weil er sich seine Torerfolge hart erarbeitet, nie aufgibt und ein wichtiger Teil des aktuellen Dortmunder Erfolgs ist. Nicht nur als Torschütze: Seine Vorarbeit mit der Hacke zum 3:1 durch Großkreutz war phänomenal. Der BVB spielt bislang eine grandiose Saison und auch das 4:1 am Samstag gegen die andere Borussia war sehenswert. Wobei Gladbach gar nicht so schlecht war und nicht wie ein Tabellenletzter auftrat. Aber der Dortmunder Kombinationswirbel in Halbzeit 2 war für die Gäste vom Niederrhein einfach zu schnell.
Uwe Hünemeier: Drei Tore als Innenverteidiger in einem Spiel – das dürfte Seltenheitswert haben. Dreimal traf Uwe Hünemeier für Energie Cottbus beim 6:0 gegen den bislang so starken Aufsteiger aus Aue. Es ist die erste Saison des aus dem BVB-Nachwuchs stammenden Abwehrspielers in der 2. Liga bei Energie Cottbus. Dort kicken mit Markus Brzenska und Marc-Andre Kruska zwei weitere ehemalige Dortmunder; seitdem verfolge ich Cottbus mit großem Interesse.
Nachdem es anfangs noch nicht so lief, hat sich Hünemeier in der Lausitz durchgesetzt. Mit einem kicker-Notendurchschnitt von 2,94 rangiert er sogar unter den Top-Feldspielern der 2- Liga. Das wundert mich nicht: Denn der lange Abwehrspieler war der überragende Feldspieler in der zweiten Mannschaft des BVB in Liga 3. Dass er das Format für höhere Aufgaben hat, wurde dort schon deutlich. Nur den Sprung in das Bundesliga-Team schaffte er nicht, weil der BVB im Bereich Innenverteidiger mit Mats Hummels, Nevin Subotic und Felipe Santana jung und hochtalentiert besetzt ist. Aber viel schlechter ist Hünemeier nicht, vielleicht schafft er ja mit Cottbus den Aufstieg in die Bundesliga. Das Format für die Eliteklasse hat er allemal.
Diamond Harry: Schande über mein Haupt. Denn Diamond Harry war der Sieger im Hennessy Gold Cup (dem interessantesten Pferderennen des Wochenendes im englischen Newbury, siehe hier), den ich am wenigstens wollte. Weil der Kurs zu niedrig war für die Leistungen, die er bislang über die großen Hindernisse gezeigt hatte. Aber Trainer Nick Williams (bzw. seine Frau Jane, wie er nach dem Rennen verriet) hatte ihn excellent vorbereitet. Diamond Harry sprang tadellos und wehrte auch den Schlussangriff von Burton Point ab. Immerhin hatte ich Recht mit der Annahme, dass die Nachwuchs-Brigade Denmans dritten Erfolg in dieser Prestige-Prüfung verhinderte. Denman lief als Dritter ein großes Rennen, die Zuschauer feierten ihn wie einen Gewinner, doch die Gewichtsvorgaben der Erstplacierten konnte er nicht kompensieren. Sowohl Diamond Harry als auch Burton Point kommen aus der Novice-Klasse und haben sich über Sommer weiter entwickelt. Meine Tipps waren leider Essig: Weird Al blieb chancenlos, Pandarama sprang fehlerhaft, wurde behindert, fand nie ins Rennen und später von Jockey Paul Carberry angehalten.
Kim Bailey: Wenn man einmal vom Hennessy Gold Cup-Desaster absieht, läuft es derzeit wetttechnisch eigentlich ganz gut. Das liegt unter anderem daran, dass Trainer wie Alan King oder Ian Williams, deren Pferde ich schon immer gerne gespielt habe, gute Stallform aufweisen. Der Mann des Wochenendes des Wochenendes war allerdings Trainer Kim Bailey, der am Samstag mit Sarde und Regal Approach einen Doppelsieg am prestigereichen Hennessy-Renntag feierte. Und zumindest Regal Approach hatte ich gewettet. 25 Siege bei 95 Starts (Trefferquote 26 Prozent) lautet die Erfolgsbilanz der laufenden Saison – und der Trainer ist darüber richtig erleichtert.
Denn die richtig großen Erfolge liegen schon lange zurück: 1995 triumphierte er mit Alderbrook (Champion Hurdle) und Master Oats (Gold Cup) in den wichtigsten Rennen des Cheltenham-Festivals (und damit der englischen Hindernis-Saison). Alderbrook war im gleichen Jahr übrigens noch Zweiter im Großen der Wirtschaft in Baden-Baden. Danach ging es langsam abwärts, der Tiefpunkt war die Saison 2007/08, als er gerade mal drei Siege verbuchte. Das ist Vergangenheit – und vielleicht hat Bailey bald wieder Pferde, mit denen er in besseren Rennen mitmischen kann.
Die englische Hindernissaison hat Fahrt aufgenommen. Einer der Höhepunkte vor Weihnachten ist der Hennessy Gold Cup in Newbury, obwohl „nur“ eine Handicap Chase Grade 3 über weite 5400 Meter. Aber ein faszinierendes Rennen und die Prüfung, bei dem mir erstmals richtig bewusst wurde, was für ein großartiges Pferd Denman ist. Denn 2007 spielte er unter Höchstgewicht mit den sehr guten Gegnern und gewann ganz leicht. 2009 wiederholte er den Erfolg, 2010 strebt der Nicholls-Schützling den dritten Erfolg an. Das wird aber nicht leicht – nurpferdefussball stellt die wichtigsten Kandidaten des Rennens vor.
Denman: Weil Nicholls-Stalljockey Ruby Walsh verletzt ist, sitzt Sam Thomas wieder im Sattel von Denman. Mit dem Wallach feierte der Jockey seine größten Erfolge, gewann neben dem Hennessy Gold Cup 2007 auch noch den Cheltenham Gold Cup 2008. Der Vorjahressieger strebt seinen dritten Sieg im Hennessy Gold Cup an, bei den Buchmachern ist er Favorit. Ich bin allerdings eher skeptisch: Höchstgewicht, gute Gegner und zudem zeigte Denman nach seiner Verletzung zwar gute Leistungen, aber nicht mehr so herausragend wie in der Saison 2007/2008. Neptune Collonges: Zweiter Starter aus dem Nicholls-Stall, zeigte schon ganz excellente Formen. Pausierte jedoch die komplette Saison 2009/2010, erst mal abwarten. Taranis: Ein weiterer Starter aus dem Quartier von Championtrainer Paul Nicholls, hat eine gute Bilanz bei seinen Saisondebüts, gewann zuletzt im Januar 2010 überlegen gegen Carruthers und Madison Du Berlais. Diese stehen diesmal allerdings im Gewicht erheblich günstiger. Eher ein chancenreicher Außenseiter. Madison Du Berlais: Der Gewinner dieses Rennens 2008, schlug einst einen an diesem Tag indisponierten Denman in Kempton. In der letzten Jahr ziemlich außer Form, sein Trainer David Pipe servierte ihm einen Aufgalopp in Exeter. In Bestform gut möglich, aber er wird auch nicht jünger. Silver By Nature: einer der Aufsteiger des letzten Jahres, formstark und ein guter Springer, der nicht am mangelnden Stehvermögen scheitern wird. Benötigte aber immer etwas Anlaufzeit, auch wird der Boden nicht schwer genug sein. Carruthers: Frontrenner, der sein schwaches Saisondebüt mit Sicherheit steigern wird. Dürfte als 7jähriger noch Potenzial zur Verbesserung haben, ich würde ihn aber lieber über eine etwas kürzere Stecke sehen. Diamond Harry: Top-Hürdler, war einer der Mitfavoriten für die Royal Sun Alliance Chase, eines der Toprennen für die Novice Chaser. Dort allerdings angehalten, weil er zu viele Fehler machte. Und Fehler wird sich Diamond Harry auch in diesem Feld mit vielen guten Springern nicht leisten können. Bei Betfair wäre der Schützling von Nick Williams eine klassische Lay-Wette – aber so etwas mache ich ja nicht. Weird Al: Noch ungeschlagen (4 von 4) über die schweren Sprünge, die letzte Form auf zu kurzem Weg in Carlisle wurde durch den Mitsieger Little Josh deutlich aufgewertet. Der Wallach steht vor der bisher schwersten Aufgabe seiner Karriere, dennoch brandgefährlich. Zumal die längere Distanz passt und die Pferde von Trainer Ian Williams allesamt derzeit sehr gut laufen. Burton Point: Zweiter in der RSA Chase während des Cheltenham-Festivals, danach leichter Sieger in Aintree – einer der Top Novice Chaser (ich habe keine Lust, diesen Begriff immer zu übersetzen) des Vorjahres gibt sein Saisondebüt. Siegkandidat – das Einzige, was mich etwas stört, dass in dieser Saison die Pferde von Nicky Henderson meist den ersten Start noch brauchten. In den Vorjahren war das aber bei Burton Point nicht der Fall. Big Fella Thanks: Von Paul Nicholls zu Trainer Ferdy Murphy gewechselt, unterlag zum Saisondebüt auf schwerem Boden gegen Hey Big Spender, den er jetzt wieder trifft und gegen den er sogar ungünstiger im Gewicht steht. Im Vorfeld durchaus gewettet, die Pferde von Trainer Ferdy Murphy haben auch deutlich an Form gewonnen, allerdings gibt es Kandidaten mit deutlich besseren Aussichten. Pandorama: Der nächste faszinierende Teilnehmer aus der Nachwuchs-Brigade. Drei Starts über die großen Sprünge, drei Erfolge – zuletzt erfolgreich in zwei Grade 1-Rennen. Dabei schlug er in Leopardstown Weapon’s Anmesty, den späteren Sieger der RSA Chase. Verpasste dann Cheltenham und Punchestown wegen Verletzung, soll aber wieder topfit sein. Erster Start außerhalb Irlands und Jahresdebüt, aber das dürfte nicht nachteilig sein, weil der Schützling von Trainer Noel Meade in den ersten Jahr immer bei seinem ersten Starts erfolgreich war.
Urteil: Ein faszinierendes Rennen. Die Tribüne wird beben, wenn Denman seinen dritten Erfolg in dieser Prestige-Prüfung feiern würde. Er trifft allerdings auf ein erlesenes Feld und besonders die Nachwuchs-Brigade mit Weird Al, Burton Point und Pandorama sollte ein ernster Prüfstein für den Giganten aus dem Nicholls-Stall sein. Mein Tipps sind Weird Al und Pandorama, von den Außenseitern mit höheren Quoten verdienen noch Madison Du Berlais und Taranis Beachtung.
Quoten gibt es unter anderem hier, das vorläufige Starterfeld hier.