Freitag, 20. August 2010
Sieben Stück und die zaubernde Werkself
Vor dem Bundesliga-Auftakt gegen Bayer Leverkusen ist den Verantwortlichen von Borussia Dortmund der erste Stein vom Herzen gefallen. Denn durch einen ungefährdeten 4:0-Erfolg im Hinspiel gegen Qarabag Agdam aus Aserbeidschan ist die Qualifikation für die Europa League quasi in trockenen Tüchern. Am Sonntag kommt zum Bundesliga-Auftakt ein anderes Kaliber: Leverkusen zählte in den letzten Jahren immer zu den spielstärksten Teams der Liga.
In dieser Saison wird nurpferdefussball zukünftig vor jedem BVB-Heimspiel auf drei denkwürdige Spiele gegen den jeweiligen Gegner zurückblicken. Und gegen die Werkself gab es oft dramatische Spiele.

Borussia Dortmund – Bayer 04 Leverkusen 7:0 (1:0) 21. Dezember 1975, 2. Liga Nord, Westfalenstadion, 19 000 Zuschauer
Es muss mein viertes oder fünftes BVB-Spiel im Stadion gewesen sein. Damals traute ich mich noch nicht auf die Südtribüne und stand bei den Nörgelrentnern auf der Nordtribüne. So richtig kann ich mich an den Spielverlauf auch gar nicht mehr erinnern. Das Einzige, was mir einfällt, war, dass die Südtribüne damals über ein großes Repertoire an Weihnachtliedern und Wunderkerzen verfügte. Nur 1:0 führte der BVB zur Pause gegen die Werkself, die 1975 erst die Niederungen des Amateurfußballs verlassen hatte. Nach der Pause aber ging es Schlag auf Schlag: Die Tore fielen quasi im Minutentakt, am Ende stand es 7:0 für Borussia und die BVB-Fans feierten vorgezogene Weihnachten mit einer wahren Wunderkerzenorgie. Zum ersten Mal habe ich an diesem Tag im übrigen diese rote Mützen außerhalb des Nikolauses gesehen.
Hans-Werner Hartl hieß Dortmunds Held, der dreimal traf. Zweimal erfolgreich war der unvergessene Pit Geyer – ein klassischer Wühlertyp, immer mit dem Kopf nach unten haltend mit Blick auf den Ball. Für Leverkusen spielten an diesem Nachmittag Spieler wie Fred Bockholt, Gerd Kentschke, Norbert Ziegler oder Hans-Werner Marx.
Borussia Dortmund stieg am Ende der Saison dank erfolgreicher Relegation in die Bundesliga auf, Leverkusen rettete sich erst am letzen Spieltag. Und blamierte sich unter anderem durch ein 0:1 beim abgeschlagenen Schlusslicht Spandauer SV. 1979 war das aber alles vergessen: Da schaffte Bayer den Sprung ins fußballerische Oberhaus.


Man beachte die Koteletten: Hans-Werner Hartl kam vom VfL Bochum und stieg mit dem BVB in die Bundesliga auf.

Bayer 04 Leverkusen – Borussia Dortmund 4:0 (1:0), 24. Februar 2002, Bundesliga, Bayarena Leverkusen, 22 500 Zuschauer
Lucio, Nowottny, Ballack, Ze Roberto, Kirsten oder Schneider – was hatte Bayer Leverkusen eine starke Mannschaft in der Spielzeit 2001/2002. Trainer Klaus Toppmöller setzte auf Offensive und Bayer spileten den mit Abstand schönsten Fußball der Liga. Das 4:0 gegen den BVB zeigte dies eindrucksvoll. Dabei hatten die Dortmunder vor der Saison auch noch einmal richtig aufgerüstet mit Amoroso und Koller; Rosicky war bereits ein halbes Jahr vorher gekommen. Und die Borussia fuhr als Spitzenreiter nach Leverkusen, Rosicky fehlte allerdings gesperrt.
Die Werkself führte nach durchaus ausgeglichener ersten Hälfte durch Ballack mit 1:0 und drehte dann nach der Pause auf. Spätestens nach Kollers gelb-roter Karte war die Partie gelaufen: Ramelow, Neuville und Berbatov sorgten für einen lockeren 4:0-Erfolg, Jens Lehmann im BVB-Gehäuse verhinderte ein noch größeres Debakel.
Doch am Ende war Bayer „Vizekusen“: In der Meisterschaft schwächelte das Team kurz vor Schluss und beförderte somit den BVB zum Meister, der dies aus eigener Kraft nie geschafft hätte. Das Pokalfinale verlor man gegen Schalke und dann gab es auch noch eine äußerst unglückliche Niederlage im Endspiel der Champions League. Wie das eben so ist, wenn man erstmal in der Sch…sitzt.

Borussia Dortmund – Bayer 04 Leverkusen 1:1 (1:0), 31. Januar 2009, Bundesliga, Signal Iduna Park, 73 700 Zuschauer
Ich glaube aus dem katholischen Sauerland stammt die Redewendung „Den Papst in der Tasche“. Diese etwas ungelenke Formulierung besagt, dass jemand besonders viel Glück hatte. Und das hatten die Kicker von Borussia Dortmund an diesem kalten Januartag – das 1:1-Unentscheiden gegen Bayer 04 Leverkusen, war einer der glücklichsten Punktgewinne des BVB, an die ich mich in über 30 Jahren erinnern konnte.
Dabei lief die erste Halbzeit aus Dortmunder Sicht noch ansprechend: Die 1:0-Führung durch Alex Frei war nicht unverdient, nachdem Patrick Owomoyela gegen zwei Leverkusener nachsetzte und einen Fehler von Bayer-Abwehrspieler Sinkewicz zur Vorarbeit ausnutzte. Bayer hatte nur durch Helmes und Barnetta Chancen.
Doch nach der Pause dominierten nur noch die Gäste: Im Dortmunder Strafraum spielten sich spektakuläre Szenen ab, zum Glück vergab die Werkself die besten Möglichkeiten und traf nur durch Helmes.
Und das Ergebnis war irgendwie typisch für den Saisonverlauf beider Teams: Leverkusen stürzte nach guter Hinrunde ab, holte zwischen Januar und Mai gerade einmal 17 Punkte und endete auf einem enttäuschenden neunten Platz. Trainer Bruno Labbadia – im Herbst noch gefeiert – musste am Ende der Saison gehen. Dortmund steigerte sich im ersten Jahr unter Jürgen Klopp und verpasste nach jahrelangen dürren Zeiten nur äußerst unglücklich die Qualifikation für das internationale Geschäft.



Dienstag, 17. August 2010
„York ist unser Ascot"
Es drohen vier Tage hochklassiger Rennsport auf der Insel: Im nordenglischen York begann heute das Ebor Festival, das höchstdotierte Meeting in Nordengland. Besonders für die von ihren Kollegen aus dem Süden manchmal etwas belächelten dortigen Trainer und Besitzer sind die vier Tage auf dem Knavesmire eine Prestigeveranstaltung ohnegleichen. „Das ist unser Ascot“, erklärte ein zufriedener Trainer Tim Easterby, nachdem sein Schützling Hamish Mac Gonagall das erste Rennen des Tages am Dienstag gewann. Und der Kolumnist ärgert sich, dass er sich für Captain Dunne, das andere Easterby-Pferd, entschieden hatte. Der lief zwar auch ein gutes Rennen, hatte aber keine Siegchance.
Der erste Tag bot einiges an Höchstleistungen: So setzten die königsblauen Godolphin-Farben ihren Höhenflug vom Wochenende fort. Rewilding imponierte bei seinem Erfolg im Great Voltigeur (Gr.2) gegen die Ballydoyle-Vertreter Midas Touch sowie Joshua Tree und steht jetzt in deutlicher Favoritenrolle für das englische St. Leger in Doncaster.

Johnny kam spät
Im Juddmonte International (Gr.1) hatte hingegen mit Rip Van Winkle der Ballydoyle-Insasse die Nase vorn. Johnny Murtagh hatte lange gewartet und fing mit starkem Schlussakkord noch Twice Over und den französischen Gast Byword ab – Rennsport vom allerfeinsten. Und auch der Kolumnist feierte ein Erfolgserlebnis, als sein Tipp Puddle Duck im Nursery-Rennen für die Zweijährigen auf und davon ging.
Bis einschließlich Freitag rennen die schnellen Pferde noch in York. Im Mittelpunkt am Mittwoch steht das Ebor-Handicap, eines der Wettrennen des Jahres auf der Insel. Donnerstag ist Ladies Day mit den Yorkshire Oaks und am Freitag rücken die Sprinter in den Nunthorpe Stakes, wahrscheinlich mit dem grandiosen Borderlescott, in den Focus. Dazu kommen an den drei Tagen weitere Gruppe- und Listenrennen und als Reifeprüfung für den Wetter schwer entzifferbare Handicaps.
Der einzige Nachteil des Festivals ist, dass die Veranstaltung in der Woche am Nachmittag stattfindet. Nichtsdestotrotz ist die Bahn gut besucht, 25 Pfund Eintritt für eine normale Grandstand-Karte sind für deutsche Verhältnisse teuer, im Vergleich zu Ascot oder auch Goodwood im Süden aber fast schon ein Schnäppchen….



Samstag, 14. August 2010
Ein glühender Anhänger des schönen Fußballs
Ich werde sie vermissen, die oftmals gnadenlos subjektiven Texte des Harald Irnberger. Der Spanien-Korrespondent des Fachblattes kicker sportmagazin verstarb am 15. August im Alter von 60 Jahren.
Früher hießen die Auslandskorrespondenten des kicker K.Rosso oder Arthur Rotmil. Keine Ahnung, ob das echte Personen waren oder nur Künstlernamen. Ihre wesentliche Aufgabe besteht jedenfalls daran, die Spiele des Wochenendes noch mal zusammenzufassen.
Das hat sich geändert: Heute ist die „Bibel des deutschen Fußballs“ zumindest in der Berichterstattung über den Fußball in England, Italien und Spanien viel hintergründiger – ohne allerdings an die Klasse der Auslands-Fußballberichterstattung der Süddeutschen Zeitung heranzukommen.
Seit 2003 war Harald Irnberger, ein in Andalusien lebender Österreicher, der Mann des Fachmagazins auf der iberischen Halbinsel. Schon von seiner ganzen Philosophie kein Spezialist für die reine 1:1-Berichterstattung: „Wir wollen über Fußball reden, doch dabei nicht vernachlässigen, was alles mit Fußball verknüpft ist: Politik und Geschäft, Macht und Einfluss, Medienspektakel und Cäsarenwahn“, schrieb der Exil-Österreicher in seinem Buch „Die Mannschaft ohne Eigenschaften.“


Cäsarenwahn
Irnberger war offensichtlich ein publizistisches Multitalent und ein großer Anhänger des ehemaligen argentinischen Weltmeistertrainers Cesar Luis Menotti, über den er eine Biographie publiziert hatte. Besonders Menottis These vom „schönen und ästhetischen linken Fußball“ hatte es ihm angetan. So favorisierte er den „linken“ Fußball des FC Barcelona unter den Trainern Rijkaard und Guardiola.
Das Pendant ist der „rechte Fußball“, bei dem der Erfolg alle Mittel heiligt. Entsprechend verabscheute Irnberger den erfolgreichen Defensivfußball des FC Valencia. Und Real Madrid hatte spätestens nach dem Rauswurf von Trainer Vicente del Bosque alle Sympathien verspielt, den „Cäsarenwahn“ des Real-Präsident Florentino Perez mit den „Galaktischen" Ronaldo, Zidan, Figo oder Beckham kritisierte der gebürtige Kärntner heftig.
Beim Duell Barca gegen Real stand Irnberger eindeutig auf Seiten der Katalanen. Das schimmerte sich auch in den Spieleinschätzungen wieder: In der Regel gewann Real nach den Schilderungen des kicker-Mannes vor Ort immer mit sehr viel Glück; Barca im Gegenteil lieferte hingegen fast immer ein fußballerisches Feuerwerk ab.