Dienstag, 3. August 2010
Der nächste Ritt des Jahres von Terry Hellier
Wenn es in Deutschland so etwas wie einen Preis für den Ritt des Jahres geben würde, dann wäre Jockey Terry Hellier schon seit Jahren ein chancenreicher Kandidat. 2010 wäre mit Sicherheit sein siegreicher Ritt auf Enora im Düsseldorfer Henkel-Preis der Diana, dem Gruppe1- Klassiker für die Stuten über 2200 Meter, in der engeren Auswahl. Denn was der inzwischen 44jährige auf dem Pferd des Gestütes Röttgen an diesem Sonntag zeigte, das war mal wieder ganz ganz großes Kino.
Denn Mitte gegenüber lag Enora auf einmal auf dem letzten Platz. Auf Bahnen wie Köln, Hamburg oder auch Dortmund ist das kein Problem, denn dort gibt es eine lange Zielgerade, auf der Ross und Reiter spät kommen können. Auf dem engen Düsseldorfer Kurs ist das schon eher schwierig, besonders wenn in diesem Klassiker 15 weitere nervöse Stuten um den Sieg kämpfen. Doch Hellier zeigte mal wieder seine berühmte Coolness, war zu Beginn der Geraden immerhin Vorletzter und fand dann jede noch so kleine Lücke, um die Position zu verbessern. Da hört sich einfach einfacher an als es ist, weil andere Jockeys das auch möchten bzw. verhindern wollen. Aber Hellier ließ sich von der ganzen Hektik nicht anstecken, beorderte Mitte der Zielgerade Enora noch außen, die packte noch einmal gut an und verhinderte mit großem Speed den Erfolg von Elle Shadow, auf der eigentlich Andrasch Starke alles richtig gemacht hatte.
Es war der erste klassische Erfolg für Trainer Torsten Mundry, der erste Sieg in der Diana für das Gestüt Röttgen seit 1981 (insgesamt vier Siege) und der dritte Erfolg für Jockey Terence Hellier in diesem Klassiker.

Speed siegte
Was ist die Form wert? Schwer zu sagen, aber eines steht fest: Wenn die Diana noch wie vor einigen Jahren im Juni gelaufen worden wäre, hätte Enora nicht gewonnen. Denn erst am 13. Juni gab die Noverre-Tochter ihr Debüt, endete auf zu kurzen 1850 Metern als Vierte hinter Stuten wie Night Fashion, Power Eva und Batya. Beim zweiten Lebensstart gab es dann den ersten Sieg über passende 2200 Meter in Köln, als New Wonder und All I Want das Nachsehen hatten. Und dann im dritten Versuch bereits der erste klassische Treffer und so ganz überraschend kam das für manche nicht: 162 ist zwar eine Außenseiter-Quote, aber etwas Meinung war schon dar. „Sie ist ein reines Speedpferd“, sagt ihr Trainer Torsten Mundry.
Damit verdarb Mundry seinem altem Jockeykollegen Peter Schiergen etwas die Party. Denn drei Pferden aus Schiergens Asterblüte-Quartier belegten die Plätze 2 bis 4 und unterstrichen das Argument, dass der Kölner Trainer in diesem Jahr bei den Stuten – siehe auch Aslana – besser aufgestellt ist als bei den Hengsten.
Vielleicht die beständigste Stute des Jahrgangs ist Elle Shadow, doch meistens findet die Wittekindshoferin einen Bezwinger. Nicea und Lagalp zeigten sich hingegen deutlich verbessert.
Keine Chance hatte hingegen die Favoritin Hibaayed aus dem englischen Godolphin-Quartier, die als 7. endete. Die äußere Startnummer in Düsseldorf ist ein ziemlicher Nachteil, dazu war der Boden vielleicht schon etwas zu weich. Zudem sei die Stute nach Aussage von Jockey Frankie Dettori „rossig“ gewesen.
21 000 Zuschauer sollen es am Sonntag auf dem Düsseldorfer Grafenberg gewesen sein. Wenn das so stimmt,wäre das durchaus ein Indiz, dass der Galopprennsport doch nicht so „out“ ist wie manche annehmen. Allerdings ist im Rheinland und Düsseldorf auch viel Turfenthusiasmus vorhanden. Am Umsatz lässt sich hingegen noch einiges machen.



Donnerstag, 29. Juli 2010
Opa Allofs war schuld
Jetzt erst gefunden, aber dennoch passt das gut zum Henkel-Preis der Diana am Sonntag auf dem Düsseldorfer Grafenberg. Klaus Allofs, Manager bei Fußball-Bundesligisten Werder Bremen und gebürtiger Düsseldorfer, spricht in diesem Interview darüber, wie er zum Galopprennsport kam und was ihn daran besonders fasziniert. Und ich erinnere mich an seinen Galopper Tucuman, der einst durch die Handicaps auf der Dortmunder Allwetterbahn marschierte.



1860 ruinierte Wildmoser
Es muss so 2000 oder 2001 gewesen sein, als mir die Horde 1860-Fans im Stadtexpress zwischen Düsseldorf und Dortmund begegnete. Die Anhänger der Münchener Löwen waren auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Bochum – und ziemlich laut. Und am lautesten schmähten sie in ihren Liedern den damaligen Vereinspräsidenten Karl-Heinz Wildmoser, der jetzt im Alter von 71 Jahren gestorben ist.
Dabei hätte doch damals eigentlich die blau-weiße Welt in Ordnung sein müssen: Nach langen Jahren des Niedergangs hatten sich die 60er in der Ära Wildmoser wieder in der Bundesliga etabliert. 1992 übernahm der barocke Großgastronom, bei dem ich immer an Schweinebraten mit Klößen und die dazugehörige Maß denken musste, das Präsidentenamt bei den Löwen. Der deutsche Meister von 1966, der – was heute schwer vorstellbar ist – mal besser war als der große Lokalrivale FC Bayern, dümpelte zu dieser Zeit in der Bayernliga herum und füllte die Kassen von Vereinen wie Memmingen, Starnberg oder Landshut.
Die Wende hatte auch viel mit dem neuen Trainer Werner Lorant zu tun: Der stockautoritäre Bayer Wildmoser traf 1992 auf den ähnlich veranlagten Westfalen Lorant – und die Zusammenarbeit funktionierte. 1993 Aufstieg in die zweite Liga, nach nur einem Jahr Unterhaus gelang der Sprung in die Bundesliga.
Mit dem kauzigen Lorant etablierten sich die Löwen in der ersten Liga, wurden von Jahr zu Jahr besser und schafften beinahe den Sprung in die Champions League, als sie 2000 erst in der Qualifikation an Leeds United scheiterten. Besonders die Münchener Boulevardpresse liebte den jovialen Wildmoser und den mürrischen Lorant, weil sie beide immer für einen Spruch gut waren. „Die, die nicht zu den Bayern hielten, feierten die Sechziger. Und Wildmoser ließ sich feiern“, schrieb die Münchener Abendzeitung.

Verhasste Heimat
Doch schon zu diesem Zeitpunkt war die Löwen-Anhängerschaft gespalten: 1995 entschied der Präsident, dass die Löwen ins ungeliebte Olympiastadion des verhassten Rivalen FC Bayern umziehen und ihre eigentliche Heimat, das marode Stadion an der Grünwalder Straße, verlassen. „Verrat an den Wurzeln des Vereins“ warfen ihm damals viele 60er-Fans vor. Ein harter Kern von ihnen konzentrierte sich fortan auf die Unterstützung der zweiten Mannschaft, die an der Grünwalder Straße kickte, und auf die Auswärtsspiele.
2001 feuerte Wildmoser Lorant und danach war das Tischtuch zwischen beiden endgültig zerschnitten. 2004 stieg 1860 aus der Bundesliga ab. Vorher trat der ehemals allmächtige Präsidenten bereits selber ab. Grund war die Schmiergeld-Äffäre um die Allianz-Arena: Wildmoser senior wurde mitangeklagt und musste sogar einige Tage in Untersuchungshaft. Nachweisen konnte die Anklage ihm allerdings nichts – im Gegensatz zu Sohn Karl-Heinz junior, der zu viereinhalb Jahre Strafe verdonnert wurde.
„Meine G’sundheit hab i ruiniert. Meine G’schäft hab’ i vernachlässigt. Meine Familie ist auseinandergebrochen. Für diese Leistung, die ich da abg’liefert hab’. Und ehrenamtlich wohlgemerkt“, bilanziert er später
bitter in der Süddeutschen Zeitung
.
Mit den Löwen wurde es nach Wildmosers Rücktritt nicht besser: Der Klub entwickelte sich schnell wieder zum Chaosverein vergangener Tage, ist heute finanziell ziemlich klamm und sportlich als Zweitligist der dritten Liga näher als der Bundesliga. Ein Grund, warum es dem Verein wirtschaftlich so schlecht geht, sind die hohen Kosten in der Arena. Und daher möchten die Verantwortlichen jetzt wieder ins Olympiastadion.



Nach seiner Zeit bei 1860 war Karl-Heinz Wildmoser wieder Wirt.



Dienstag, 27. Juli 2010
Glanz und Elend des King George 2010


Beim Galopprennen ist es wie im richtigen Leben: Es zählen nur die Gewinner, von den Verlierern spricht man nicht. So war es auch nach dem King George VI and Queen Elizabeth Stakes am Samstag auf der Galopprennbahn in Ascot:
Mit 11 Längen Vorsprung
distanzierte Harbinger, trainiert von Sir Michael Stoute, in einem der wichtigsten englischen Rennen ein – zumindest auf dem Papier – hochklassiges Feld. Zur kleinen, aber feinen Gegnerschaft gehörten der englische Derbysieger Workforce, der irische Triumphator Cape Blanco sowie Youmzain und Daryakaya, zwei bewährte Gruppe 1-Pferde.
Und schon gehen die Diskussionen auf der Insel los: Zählt dieser Harbinger jetzt zu den besten Rennpferden aller Zeiten? Besser als das letztjähriger „Ausnahmepferd“ Sea The Stars oder Pferde wie Secretariat oder Sea Bird – Vollblüter, die weit vor meiner Zeit gelaufen sind. Jedenfalls hat der englische Handicapper dem Dansili-Sohn mit 135 das bislang beste Rating der Saison verpasst. Mehrere Buchmacher reagierten ebenfalls und senkten seine Quote für den Arc auf (lächerliche) 2:1.

Aufsteiger auf dem Gipfel
Eines steht fest: Das Pferd von Highclere Thoroughbred Racing, in deren Farben schon der Derbysieger Motivator lief, ist vierjährig noch mal ein Stück besser geworden. Der Sieg im King George war sein erster Gruppe I-Erfolg und der vierte Sieg bei vier Starts in diesem Jahr. Davor triumphierte er in den Gruppe 2-Hardwicke-Stakes in Royal Ascot, besiegte dort Duncan und Barshiba – beide haben solide Klasse, aber kein Gruppe I-Potenzial.
Für die These, dass Harbinger einer der besten aller Zeiten ist, spricht die Leichtigkeit, mit der das Feld distanzierte. Das Gegenargument: Der Derbyjahrgang 2010 auf der Insel hat wenig Klasse, Youmzain hat seine besten Zeiten hinter sich und Darikaya ist auf weichem Boden stärker einzuschätzen.
Und damit kommen wir zur Enttäuschung des Rennens: Das kann nicht der gleiche Workforce gewesen sein, der im englischen Derby seine Gegner wie Anfänger stehen ließ. Von seinem berühmten „turn of foot“ war im King George nichts zu sehen: Spätestens als sein Stallgefährte Harbinger an ihm vorbei zog, war das Rennen für den englischen Derbysieger gelaufen, der hinterher nur den Pacemaker Confront hinter sich ließ. Jockey Ryan Moore nannte den
Boden
als Grund, warum sein Pferd so schlecht lief. In Ascot war der Boden gut, in Epsom gut bis fest, aber irgendetwas muss Moore ja wohl sagen so kurz nach dem Rennen.
Zum zweiten Mal blieb Workforce damit hinter Cap Blanco, die überragende Form aus Epsom wirkt wie ein Zufallstreffer. Der englische Derbyjahrgang scheint nicht besonders gut zu sein. Nur: Es war erst sein vierter Lebensstart und Ryan Moore als Stalljockey, der die Wahl zwischen Workforce und Harbinger hatte, entschied sich für Ersteren. Und ein Pferd, das zu den Besiegten im Epsom Derby gehörte, sorgte später für Furore: Buzzword distanzierte die deutsche Spitze im deutschen Derby.