Cheltenham, Teil 2: Minenfelder und ein Champion der Herzen
Wenn uns der erste Tag des Cheltenham Festivals etwas lehrt, dann ist das Demut. Zum Beispiel über den Ausgang der Champion Hurdle: Binocular gewann auf eine Weise, wie man ihm das im letzten Jahr als Top-Favorit zugetraut hatte. Mein Favorit war er definitiv nicht. Dunguib trug in der Supreme Novice die „Hoffnungen einer ganzer Nation“, doch wer außen zusätzliche Meter galoppiert und einige dumme Fehler an den Hürden macht, dem fehlen auf der ansteigenden Zielgerade die Reserven und es reicht nur zu Platz 3. Und der Triumphator in der Cross Country Chase kam diesmal nicht aus dem Stall von Enda Bolger. Die Vorschau für den Mittwoch...
• 140th Year Of The National Hunt Chase Challenge Cup, 4 m
Der Mittwoch startet mit einem weiteren Rätselraten: ein Marathon für Amateurreiter. Bei den meisten Teilnehmern überwiegen die Fragezeichen, spricht mehr gegen sie als dafür. Der Mitfavorit Any Currency (Quote 7:1), Far More Serious und Youngstown sind Pferde mit guter Form, die auch mit der Distanz zurechtkommen könnten. Aber vielleicht haut der Twiston-Davies-Stall wieder einen raus wie im letzten Jahr, als Tricky Trickster (läuft jetzt im Gold Cup für Paul Nicholls) gewann. Pettifour zählte als Hürdler zur erweiterten Spitzengruppe über die langen Distanzen. Die bisherigen Formen in Jagdrennen reichen nicht aus, doch diese dürften nicht das letzte Wort sein. Tipp: Pettifour
• Neptune Investment Management Novices' Hurdle (baring Bingham Novices' Hurdle) (grade 1), 2m 5f
Die Favoriten kommen mit Rite of Passage und Quel Espirit (hat noch eine Nennung für Freitag) aus Irland, doch das englische Lager ist gut gerüstet: Zum Beispiel mit Finians Rainbow, Peddlers Cross und Reve de Sivola. Ich entscheide mich für Reve de Sivola wegen der besseren Quote. Nicht zu unterschätzen ist Manyriverstocross (20:1) aus dem Stall von Alan King, dem die längere Strecke liegen wird. Tipp: Reve de Sivola
• RSA Chase (grade 1), 3 m 110 y
Das zweite große Rennen für den Nachwuchs über die Jagdsprünge. Nicky Henderson dürfte bestens gerüstet sein und schickt die Favoriten Long Run und Punchestowns sowie den chancenreichen Außenseiter Burton Point an den Start. Viel Potenzial hat ebenfalls Diamond Harry - wenn er vernünftig springt. Tipp: Punchestowns
Viking Flagship gegen Deep Sensation und Travado - legendäres Finish in der Champion Chase 1994
• Seasons Holidays Queen Mother Champion Chase (grade 1), 2 m Master Minded gegen den Rest: Den dritten Sieg in Serie peilt das Pferd von Trainer Paul Nicholls an, doch so einfach wird es nicht. Beim Jahresdebüt verletzte sich der Wallach in Cheltenham, lieferte im Februar ein ganz ordentliches Comeback ab, auch wenn er einige Fehler machte und am letzten Hindernis fast gefallen wäre. Natürlich ist Master Minded das zu schlagende Pferd, doch er hat Konkurrenz. Zum Beispiel seinen Stallgefährten Twist Magic, der in dieser Saison offensichtlich seine Neurosen abgestellt hat und ein ganz anderes Pferd geworden ist. Was stört, ist seine schlechte Form in Cheltenham.
Viel Potenzial nach oben hat noch Kalahari King, der in Doncaster ein Handicap mit Höchstgewicht gegen erfahrene Gegner beeindruckend gewann. Im letzten Jahr war er im Arkle knapp geschlagener Zweiter hinter Forpadytheplasterer. Kann er Master Minded und Twist Magic gefährden? Eher noch nicht…
Mit dabei ist auch Forpadytheplasterer, in dieser Saison dreimal deutlich geschlagener Zweiter. Der weiche bis gute Boden kommt ihm allerdings entgegen. Wenn das Rennen in Irland wäre, dann wäre mein Geld auf Big Zeb, der Master Minded in Punchestown beinahe geschlagen hätte. Doch in England enttäuschte der Schützling von Colm Murphy bislang immer.
Und dann ist da noch mein alter Freund Well Chief, einst Sieger im Dortmunder Sparkassenpreis. Er wäre ein wahrer Champion der Herzen, wenn er auf seine alte Tage noch mal gewinnen würde. Tipp: Das Herz schlägt für Well Chief, aber ohne Wette.
• Coral Cup (Handicap Hurdle) (Grade 3), 2m 5f
Wie immer ein absolutes Mysterium. Wishfull Thinking, James De Vassey, City Theatre und Silk Affair sind nur einige von vielen potenziellen Siegkandidaten. Letzterer bekommt meine Stimme, weil er bereits beim Cheltenham Festival erfolgreich und ihm die längere Distanz liegen sollte. Tipp: Silk Affair
• Fred Winter Juveniles Novices Handicap Hurdle (Grade 3), 2 m 110 y
Ein weiteres Minenfeld für Wetter: 24 nicht voll erfasste Youngster gehen an den Start. Sanctuaire (kommt mit guten Formen aus Frankreich), Bothy (gewann dreimal in Folge und zeigte viel Sprungvermögen) sowie die Pipe-Pferde Notus de la Tour und Hunterview sollten gute Chancen haben. Bothy verspricht die beste Quote. Tipp: Bothy
• Weatherbys Champion Bumper (Grade 1), 2m 110y
Das Flachrennen war in den letzten Jahren immer eine irische Domäne. Doch diesmal könnten die Engländer mit Al Ferof so gut wie schon lange nicht mehr gerüstet sein sein. Dennoch kommen die Favoriten aus Irland: Drumbaloo ist nur eine von vielen Möglichkeiten, weitere Kandidaten sind das Weld-Paar Elegant Concorde und Hidden Universe, Day of a Lifetime und Up Ou That von Willie Mullins sowie Tavern Times. Tipp: Drumbaloo
Vier Tage emotionaler Ausnahmezustand: Das Cheltenham Festival, die Mutter aller Meetings im Galopprennsport, steht vor der Tür. Jedes Rennen des Festivals für Hindernispferde ist ein Kracher, hier treffen sich wirklich die Top-Pferde aus England und Irland. Der Stellenwert der Veranstaltung in der englischen und irischen Öffentlichkeit ist enorm, seit Wochen haben Racing Post, Sportinglife oder Attheraces ausführliche Informationen im Netz und dreht sich zum Beispiel im englischen Racingforum die Diskussion fast nur noch um das Festival. Selbst am Bildschirm bekommt man die Begeisterung der Zuschauer mit. Und wir in der Galopp-Diaspora Deutschland schauen neidisch auf die Insel - einer der wenigen Zeitpunkte im Jahr, wo ich das mache. Die Vorschau auf den Dienstag, den 16. März.
• Spinal Research Supreme Novices Hurdle (Grade 1), 2 m 110 y
Es beginnt sofort mit einem Knüller, denn in der ersten Prüfung für Novice-Hurdler läuft die große Hoffnung aus Irland: Dunguib gewann im letzten Jahr den Cheltenham Jumper (das Flachrennen für den Hindernisnachwuchs), ist in diesem Jahr noch ungeschlagen über Hürden und steht nach Form meilenweit über seine irischen Rivalen. Manche vergleichen ihn schon mit dem großen Champion-Hurdler Istabraq (siehe Video), mit 4/5 steht er unter-pari im Wettmarkt. Und das ist mir viel zu wenig in einem Rennen voller Kandidaten mit noch nicht voll erkanntem Potenzial, so gut der Wallach aus dem kleinen Quartier von Philip Fenton auch sein mag. Doch wer sind die Gegner? So richtig überzeugt mich keiner, auch wenn Get me out of here (Quote 6:1) immerhin gegen erfahrene Gegner die Totesport Trophy Hurdle in Newbury gewonnen. Also eher ein Rennen zum Schauen.
• Irish Independent Arkle Trophy Chase (Grade 1), 2 m
Welche Qualitäten muss ein Sieger in einer dieser großen Novice-Jagdprüfungen haben? Er muss natürlich ein sicherer Springer sein, sollte gerade hier über 2 Meilen über einigen Speed verfügen und muss mit großen Feldern zurechtkommen. Und da fängt das Problem an: Denn gerade in England sind die meisten Novices-Chases quantitativ nur sehr dünn besetzt, betreten viele Pferde auf dem Festival neues Terrain. Hinzu kommt, dass die Rennen in Cheltenham in einem knackigen Tempo gelaufen werden. Captain Cee Bee hat immerhin 2008 die Supreme Novices Hurdle gewonnen und kommt mit den besten Formen in den irischen Novice Chases nach Cheltenham, auch wenn er in Leopardstown am letzten Hindernis fiel und so Sizing Europe den Sieg schenkte. Wenn er glatt über den Kurs kommt, dürfte er das zu schlagende Pferd sein. Sizing Europe trifft er wieder, auch Osana, 2008 Zweite in der Champion Hurdle, wird wahrscheinlich laufen. Von den heimischen Pferden sollten Somersby und Riverside Theatre die besten Chancen haben. Beide sind noch ungeschlagen über die großen Sprünge, die Formen wurden aber nicht unbedingt aufgewertet. Mein Tipp lautet Riverside Theatre. Er kommt aus dem Formquartier von Nicky Henderson mit vielen Vergleichsmöglichkeiten, sprang bislang tadellos und ist ein geschontes Pferd, dessen Leistungsgrenzen man noch nicht gesehen haben muss. Tipp: Riverside Theatre
• William Hill Trophy Handicap Chase, 3 m 110 y
Das erste richtige Minenfeld für Wetter: Ein großes Feld, in dem viele Pferde gute Chancen haben. Favoriten bei den Bookies sind The Package aus dem Quartier von David Pipe und Bensalem aus dem Stall von Alan King, bei zu Kursen von 5:1 erhältlich. Ich gehe aber mit Character Building (Kurs 10:1), im letzten Jahr Sieger in der Fulke Walwyn Kim Muir. Es ist erst sein zweite Start in dieser Saison und eigentliches Ziel ist das Grand National in Aintree. Der Quinn-Schützling mag aber Kurs und Boden und könnte als geschontes Pferd noch einiges im Tank haben. Tipp: Character Building
• Smurfit Kappa Champion Hurdle Challenge Trophy (Grade 1), 2m 110y
Eines der offensten Rennen seit Jahren, die große Vorschau gab es auf diesen Seiten schon vor Wochen. Nur dass Binocolar doch laufen wird, steht dort noch nicht. Ich bleibe dennoch bei meinen Tipps Punjabi und Celestial Halo. Tipps: Punjabi, Celestial Halo (beide Sieg)
• Glenfarclas Handicap Chase (Cross Country), 3m 7f
Man könnte es auch das Enda Bolgers-Rennen nennen, denn der irische Trainer und sein Besitzer J P Mac Manus haben quasi ein Gewinn-Abonnement. Den dritten Erfolg in Serie strebt Garde Champetre an, im November und Dezember ebenfalls über den Kurs erfolgreich. Der stärkste Gegner kommt mit L’Ami aus dem Bolger-Stall, Sizing Australia ist ein weiterer starker irischer Gast. Und ich hoffe, dass der ehemalige Grand National-Sieger Silver Birch (auch von der grünen Insel - woher sonst?) noch mal zu großer Form aufläuft und vielleicht zu einem anständigen Kurs die Bolger-Vormacht brechen kann. Tipp: Garde Champetre
• David Nicholson Mares' Hurdle, 2m 4f
Das Rennen für die Stuten, benannt nach einer ehemaligen englischen NH-Trainerlegende. Der „Duke“, so der Spitzname von David Nicholsen, hätte sich aber bestimmt einige chancenreiche Starterinnen aus seiner Heimat gewünscht. Auf dem Papier sieht es nach einem Zweikampf zwischen Vorjahressiegerin Quevega und Voler La Vedette aus. Quevega gewann 2009 mit dem berühmten Finger in der Nase, verletzte sich aber nach ihrem letzten Start im Mai und gibt ihr Jahresdebüt. Voler La Vedette gestaltete sieben ihrer neun Starts erfolgreich, das einzige Fragezeichen ist der Boden, weil sie immer nur auf weichem Boden siegte. Diese beiden stehen schon heraus, Easter Legend, trainiert von Emma Lavelle, könnte die beste einheimische Hoffnung sein. Tipp: Eher was zum genießen, es kommen noch aufregende Tage.
Buchmacher Simon Springer schlägt zurück. Ein interessantes Interview, das da die Kollegen von Turfcast da mit dem Chef von OneXtwo führten. Weil es endlich mal Antworten aus dem Buchmacher-Lager gibt, die manche Dinge in ein anderes Licht rücken - und das von jemanden, der seit über 30 Jahren im Geschäft ist. Denn für einige Hardliner aus dem deutschen Galopprennsport gelten die Buchmacher als die Totengräber des Sports, weil ihre Wettumsätze nicht mehr in den Totalisator gehen, sondern steuerbegünstigt bei irgendwelchen Tochtergesellschaften in Kroatien oder auf Gibraltar landen und sie damit für die immensen Umsatzeinbrüche des Sports verantwortlich seien. Ein beliebter Sanktionsvorschlag ist der Entzug der Livebilder von deutschen Galopprennen, nach dem Motto: Ohne unsere Bilder kann er seinen Laden so und so dicht machen.
Springer hat genau dies getan: Nicht den Laden dichtgemacht, aber seit dem 1. März zeigt er keine deutschen Rennen mehr auf seiner Internetseite onextwo.com.
..die Gründe dafür: „…..im Vergleich zum Anfang vor nunmehr fast vier Jahren, als wir die Bilder erstmalig auf unserer Internetseite gezeigt haben, hat sich der Preis mittlerweile fast verzehnfacht, ohne dass die Qualität des Produktes und das Interesse der Kunden am Produkt in auch nur annähernder Größenordnung gestiegen wäre, leider ganz im Gegenteil .“
…Beispiele: „Wir hatten am 28.2. mehr Umsatz auf Le Lion d’Angers (ohne Bilder !) als auf Dortmund. Am Sonntag davor deutlich mehr Umsatz in zwei Rennen aus St. Moritz (ohne Bilder !) als auf die Rennen in Neuss. Oder anders ausgedrückt – der Umsatz auf die Rennen in Neuss hat nicht mal 10% unseres Tagesumsatzes ausgemacht, und dies an einem Tag, wo insgesamt nach Absage aller englischen Rennbahnen das gesamte Wettangebot am Nachmittag nur aus 8 Rennbahnen bestand.“
…wie sieht es im Shopbereich aus?: „Wir prüfen derzeit, wie wir weiter verfahren werden und stehen diesbezüglich in Verhandlungen mit dem DVR. Auch bei den Bildpreisen im Shopbereich gilt das gleiche wie im Internet: die Rentabilität des Produktes und die allgemeine Entwicklung in der Branche konnte den Preisanstieg in keiner Weise rechtfertigen.“
Springer bezieht sich zwar auf die Winterrennen und mich würden mal Zahlen für den Sommer interessieren. Dennoch: Der Umsatzeinbruch im deutschen Galopprennsport resultiert nicht nur aus der Tatsache, dass die Bookies am Totalisator vorbei vermitteln. Der Wetter hat im Gegensatz zu früher die Qual der Wahl, die deutschen Rennen sind gegenüber der ausländischen Konkurrenz weniger attraktiv. Weil sie dünn besetzt sind, weil die Quoten schlechter sind…. Und gerade die jüngere Generation, die das Internet nutzt, kennt da keinen falschen Patriotismus. Ich sehe das doch selbst an meinem eigenen Wettverhalten: Fast 90 Prozent meiner Wetten mache ich in England und Irland, in Deutschland eigentlich nur noch, wenn ich selbst auf der Bahn bin. Ausnahmen sind nur die Meetings in Baden und Hamburg, wobei ich dort auch nicht jeden Renntag verfolge.
…Springer zum Vorwurf, dass die Buchmacher verantwortlich für den Niedergang des deutschen Galopprennsports sind Die Branche, die immer wieder verteufelt wird, hat in den letzten 15 Jahren sicher mehr für den Sport getan als so mancher „Insider“, der mit in diesen Gesang einstimmt. Nichts leichter, als andere dafür verantwortlich zu machen, dass man selbst jahrelang schlecht gewirtschaftet hat und die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollte. …. Einige Rennbahnen würden heute sicher nicht mehr existieren, wäre nicht die permanente Unterstützung durch meine Kollegen und mich erfolgt, so zB. durch Jackpots, Sponsorings und das Bereitstellen eines funktionierenden Netzes von stationären Wettannahmen. Die Summe hierfür lässt sich sicherlich mit einem zweistelligen Millionenbetrag beziffern.
Da jetzt der Sport ja selbst in die „goldene“ Branche eingestiegen ist, die seit Jahren verteufelt wird, hat er nun selbst die Möglichkeit festzustellen, wie leicht sich das Geld hier verdienen lässt.