Sonntag, 8. November 2009
Zenyatta schreibt Geschichte im Breeders' Cup
Der Breeders’ Cup 2009 war das erwartet große Kino. Spannung, Action, Leidenschaft, große Gefühle, Enttäuschungen – alles im Programm bei der inoffiziellen Turf-Weltmeisterschaft in Santa Anita. Ein Fazit: Die kalifornische Rennbahn bleibt ein gutes Pflaster für die Pferde aus Europa, die insgesamt sechs Rennen gewannen und damit sogar die gute Vorjahresbilanz (5 Siege) übertrafen.
Doch für die ganz große Show am Samstag sorgte ein amerikanisches Pferd. Breeders’ Cup Classic, das letzte Rennen auf dem Programm, nach Mitternacht deutscher Zeit. Vorher hakte der Internetstream, der Ton hatte seine Aussetzer – beinahe hätte ich diese Sternstunde des Rennsports verpasst. Dann kam Zenyatta, die unbesiegte amerikanische Stute, die erstmals gegen die Hengste antrat und bei der die Zuschauer schon bei der Vorstellung kreischten. Was dann folgte, war eine Vorstellung von unglaublicher Brillianz und auch etwas für die Historie: Zum ersten Mal gewann eine Stute das Classic.


Unglaublich, aber wahr: Zenyatta überrollt sie alle

Dass Zenyatta so fasziniert, hat viel damit zu tun, wie sie ihre Rennen läuft. „Sie legt zu Beginn eines Rennens ein Tempo vor, das die schlechtesten Pferde in England im Schlaf können“, schrieb am Samstag (sehr frei übersetzt) Racing-Post-Chefkorrespondent James Willoughby in der Vorschau. Am Ende beschleunigt sie allerdings auf eine Art, als wenn sie eine Ausgabe von Usain Bolt auf vier Beinen wäre.
Genau so lief das Classic am Samstag: Zenyatta lag zu Beginn ziemlich hinter dem Feld, arbeitet sich langsam nach vorne und gewann am Ende außen mit unglaublichem Schlussakkord – Ohren gespitzt wohlgemerkt, ohne großen Peitscheneinsatz ihres Jockeys Mike Smith. „Einer der sensationellsten Siege im Breeders’ Cup“, sagt der amerikanische Rennkommentator. „Unglaublich“ meinen die Analysten im Studio. 14 Starts, 14 Siege ist schon eine Ansage.
Und danach rockte die ganze Bahn: Ohrenbetäubender Lärm, Zuschauer halten Zenyatta-Plakate hoch, sie klatschen, schreien und winken. Jockey Mike Smith ist überglücklich, Trainer John Shirreffs weint vor Freude – es ist ein wahrer Triumphzug. Bilder, die man nie vergisst. Wer das Video (siehe oben) noch nicht gesehen hat, gucken und staunen.
Leider etwas im Schatten von Zenyatta blieb die grandiose Leistung von Goldikova, die zum zweiten Mal hintereinander die Breeders’ Cup Mile in Folge gewinnt. Die Stute aus dem französischen Quartier von Freddie Head hat ebenfalls diesen außergewöhnlichen Speed, den nur Ausnahmepferde besitzen. Wie sie in der Mile gegen gute Gegner triumphierte, wie sie ganz außen anrauschte (siehe Video) – auch da stockte der Atem, das war ebenfalls ganz großes Kino.


Goldikova kommt spät, aber gewaltig

Auch sonst bot der Samstag Höchstleistungen und Dramen:
• der zweite Sieg in Folge von Conduit im Breeders Cup Turf
• ein glänzender Frankie Dettori im Juvenile Turf auf Pounced
• ein unglaublicher Sprinter namens California Flag im Turf Sprint, der von Beginn an ein Wahnsinnstempo vorlegte.
• einige dicke Überraschungen.
Da vergessen wir doch einfach mal die Enttäuschungen, speziell die aus dem irischen Ballydoyle-Lager, und die Tatsache, dass meine Wetten am Samstag wahrlich nicht gut waren.
Bei diesen Sternstunden hat das alles keine Bedeutung - auch meine Vorbehalte gegen die mit Medikamenten vollgepumpten US-Vollblüter.



Freitag, 6. November 2009
Der Tag des Henry Cecil - Santa Anita live
Es ist Breeders' Cup Wochenende und uns erwartet noch mal ganz großes Kino. Europas Galopperelite trifft die US Top-Pferde auf der Rennbahn Santa Anita in der Nähe von Los Angeles, in den USA auch als World Championship angekündigt. Heute geht es los und bevor ich eine große Vorschau schreibe, blogge ich ab etwa 21 Uhr 20 live. Vorausgesetzt, ich finde einen Windows 2000 kompatiblen Stream.
Deutschlands Turf ist auch dabei: Peter Schiergen schickt die zweijährige Stute Junia Tepzia im Breeders' Cup Juvenile Fillies Turf ins Rennen. Die Rock of Gibraltar-Tochter gewann zweimal in Italien und machte dort durchaus Eindruck. Bei den englischen Buchmachern steht sie zwischen 6/1 (!) und 12/1, ganz chancenlos ist sie also nicht, zumal Kieren Fallon reitet.
Ansonsten sind die Rennen ein Ratespiel par excellence: Die US-Pferde sagen mir nicht viel und die Europäer stehen fast alle am Ende einer harten Saison.
21:15: Stream funktioniert, gerade läuft die amerikanische Nationalhymme und die Zuschauer salutieren. Rennen 1 ist der Marathon; der erste und zweite aus dem englischen St. Leger, Mastery und Father Time, dazu Man of Iron aus dem 0'Brien-Quartier gegen die Amerikaner. Schwer, schwer, so richtig Meinung habe ich nicht. Mit dabei ist auch der Vorjahressieger Muhannak. Schauen wir mal....
21:45: Drama schon im ersten Rennen. Nach Zielfoto steht es 1:0 für Europa: Man of Iron gewinnt mit Johnny Murtagh vor dem neunjährigen Cloudy's Knight mit Rosemary Homeister jr. Vom letzten Platz brachte Murtagh den bislang wenig geprüften Sieger und hatte am Ende knapp die Nase vorn. Dritter wurde der Favorit Mastery. Ich habe Father Time gewettet und der war schon im Zielbogen geschlagen. So langsam werden Henry Cecil und ich keine Freunde mehr. "It's a rider's race" meinten vorher die amerikanischen Kommentatoren.
22:00: "This horse could be anything" meint der eine Experte zu Junia Tepezia. Sie wird auch erstaunlich gewettet. Favorit ist allerdings Lillie Langtry aus dem Ballymore-Imperium und könnte Aidan O'Brien ein Doppel bescheren. Noch genannt: House of Grace und Tapitsfly, die ich wette.
22:16: Treffer! Tapitsfly gewinnt die Juvenile Fillies Turf vor Rose Catherine. Und es war ein zwei-Pferde-Rennen, denn beide führten von Beginn an und setzten sich in der Gerade ab. Erfolgsgeheimnis in Santa Anita ist offensichtlich vor der Kurve bereits anzugreifen. Die Favoritin Lillie Langtry endete im geschlagenen Feld, chancenlos blieb Junia Tepezia. Und die amerikanischen Kommentatoren erzählen und erzählen...
22:30: Wieder zweijährige Stuten, diesmal ohne Europäer, und auf Dirt. Der Trainer von Connie and Michael schwärmt von seinem Pferd, lobt aber auch seinen anderen Starter Beautican. Das reine Rätselraten. Ich gehe mal mit Devil May Care, nachdem der Trainer gerade knapp geschlagener Zweiter wurde.
22:55: Wer außen ist, hat verloren. Viele unglückliche Rennverläufe, aber She be wild gewinnt an den Rails. Mein Tipp wurde Letzte. Auch die Siegerin läuft mit Lasix wie alle US-Pferde.
23:05: Kleiner Schreck, der Stream war weg, aber ist er wieder da, aber kein Ton. Es folgt die Filly Mare Turf für älteren Stuten. Favoritin ist Midday aus dem englischen Cecil-Stall, aber ich glaube da nicht dran. Das Desaster mit Father Time ist noch zu nah. Versuchen wir es mal mit Magical Fantasy, vierfache Siegerin und steht 60:10.
23:30: Ganz großes Kino, der große Henry Cecil gewinnt sein erstes Rennen beim Breeders Cup. Und was ein brillianter Ritt von Tom Queally mit der Favoritin Midday. Queally hat genau gesehen, wie in die Rennen in Santa Anita gewonnen werden. Das hat er perfekt umgesetzt, obwohl es aussah, dass Midday auf der Gegengerade geschlagen war. Und Cecil zeigt einen Hauch von Emotionen, die Kommentatoren erzählen eine Anekdote.
23:50: Jetzt läuft Ventura, für viele der Banker des Meetings im Filly & Mare Sprint. Einst ein Handicapper in UK und trainiert von Amanda Perrett, hat sie sich unglaublich gesteigert. Ich wette dagegen und spiele Seventh Street aus dem US-Imperium von Godolphin. Europa vertritt Only Green mit dem großartigen Olivier Peslier.
0:05: Im Marathon war sein Pferd noch knapp geschlagen, doch im Sprint gab es Kompensation für Trainer Jonathan Sheppard. Informed Decision siegte mit Jockey Julien Leparoux, für ihn bereits der zweite Erfolg des Tages. Und wieder war die Position an den Rails entscheidend. Die Favoritin Ventura kam von hinten, doch es reichte nicht.
0:30: Einer haben wir noch und Europa kann durch Rainbow View ausgleichen. Es ist allerdings ein richtig schweres Rennen, für jedes Pferd lässt sich etwas finden. Mein Tipp heißt Proviso.
0:45: Was für ein Rennen! Die Favoritin Careless Jewel sprintet los, führt teilweise mit zehn Längen und ist am Ende platt, Jockey Robert Landry hat völlig das Tempo überzogen. Es gewinnt völlig überlegen von hinten Life is Sweet von Garret Gomez, ganz anders wie in allen anderen Rennen. Keine Chancen hatte Rainbow View. Das war es für heute! Dank Tapitsfly gab es sogar ein Plus.



Donnerstag, 5. November 2009
Vom „Weltnixtorjäger” zum „Abteilungsleiter Attacke“
Im Galopprennsport würde der Richterspruch „hochüberlegen“ lauten: Lucas Barrios, Stürmer von Borussia Dortmund, ist Fußballer des Monats Oktober in der Bundesliga. 59,5 Prozent (darunter auch meine SMS) entschieden sich bei der Wahl von kicker, DSF und DFL für den Argentinier im BVB-Dress. Damit distanzierte er immerhin Claudio Pizarro (Werder Bremen, 27,2 %) und Andreas Ivanschitz (1.FSV Mainz 05) ziemlich deutlich.
Er hat es verdient, der ehemalige „Welttorjäger“, den der BVB im Sommer für 4,2 Millionen als Nachfolger von Alex Frei holte. In den letzten vier Spielen in der Bundesliga war Barrios jeweils erfolgreich, dazu kamen noch Tore im DFB-Pokal. Es war sein goldener Oktober: Der Argentinier verhinderte mit seinen Treffern die kollektive Fußball-Depression in Dortmund.
Denn überzeugend war das bislang überhaupt nicht, was der BVB in dieser Spielzeit so spielt. Das schwache 2:0 gegen den Tabellenletzten Hertha BSC war derart trostlos, dass man das Spiel schnellstens vergessen sollte. Nur das 2:0 durch Barrios in der Schlussminute wird in Erinnerung bleiben: Schnelle Drehung – wie einst Gerd Müller oder Bruno Labbadia – an Hertha-Abwehrchef Friedrich vorbei und dann ein perfekter Schuss ins Eck.



Ein Hauch von Gerd Müller
Der „Panther“ (so sein Spitzname aus Südamerika) ist der klassische Strafraumstürmer: Technisch solide, körperlich robust, behauptet er den Ball gut und sucht immer den direkten Weg zum Tor. Zudem profitiert er davon, dass Trainer Jürgen Klopp nach der Verletzung von Tamas Hajnal von einem 4-4-2-System auf ein 4-3-2-1 (der Tannenbaum) umstellte.
Dabei war sein Start mehr als holprig. Mit großen Vorschusslorbeeren als Welttorjäger vom chilenischen Traditionsklub Colo Colo geholt, hatte Barrios nach ordentlichem Debüt gegen Köln so seine Probleme. Den Tiefpunkt erreichte er am 3. Spieltag im Heimspiel gegen Stuttgart: Keinen Ball sah er gegen die Stuttgarter Innenverteidiger, verlor fast jeden Zweikampf. Zudem hatte er spürbare Probleme mit dem höheren Tempo in der Bundesliga. „Das ist keiner“, lautete mein (vorschnelles) Urteil. Bestimmt ein guter Spieler für die zweite Liga – so ein Typ wie Giovanni Federico, der jetzt bei Arminia Bielefeld wieder herausragt und bislang schon neun Tore erzielte. „Weltnixtorjäger“ höhnte das Blatt mit den vier Buchstaben.
Barrios strafte alle Skeptiker ab. Nach einer schöpferischen Pause auf der Bank traf er im Pokal beim Zweitligisten KSC zweimal. Gegen Schalke behauptete er sich in der ersten Halbzeit einige Mal sehr gut gegen die starken Bordon und Höwedes. Und hatte Pech, das sein Schuss nur unter der Latte und nicht im Tor landete. Danach lief es aber, der „Panther“ kam auch in der Bundesliga ins Rollen.
„Lucas ist jetzt körperlich in einer Topverfassung“ sagt BVB-Trainer Jürgen Klopp, dessen Spezialprogramm „seinen Abteilungsleiter Attacke erst fit für das schnellere und arbeitsintensivere Spiel in Deutschland“ machte, so der kicker.
„Barrios wird noch besser“, schrieb Dieter Hoeneß in seiner Laudatio. Der ehemalige Hertha-Manager hatte den Stürmer aus Südamerika im letzten Jahr lange beobachtet, wollte ihn nach Berlin holen. Der Plan scheiterte am Einspruch von Trainer Lucien Favre – und jetzt ist Hoeneß nicht mehr Hertha-Manager, Favre als Trainer gefeuert und die Berliner trostloser Tabellenletzter. Nur Barrios trifft – und vielleicht macht er im BVB-Dress auch bald mal so ein Tor wie im Video für Colo Colo in Chile.