Dritter Renntag der Großen Woche in Baden-Baden – und diesmal hatte ich sogar Zeit und Muße, die Rennen zu verfolgen. Sportlich bietet die Große Woche immer noch eine Fülle an Highlights, am Dienstag setzten das Kronimus-Rennen für zweijährige Pferde und das 75. Darley-Oettingen-Rennen (Gr. II) über die Meile die sportlichen Ausrufezeichen. Meine Notizen des Tages:
• Nicht unbedingt ein Ruhmesblatt für die deutsche Meiler-Elite war der souveräne Sieg des englischen Gastes Premio Loco im 75. Darley-Oettingen-Rennen. Denn das Pferd von der Insel ist eigentlich nicht mehr als ein (allerdings sehr guter) Handicapper, dessen beste Form zudem von der Allwetterbahn stammt. Da hätte schon etwas mehr von Aspectus, Earl of Fire, Glad Panther oder Caro Jina kommen müssen. Am besten schlug sich noch der Außenseiter König Concorde als Zweiter.
• Zudem, so Trainer Chris Wall, war Premio Loco vorher nicht ganz gesund. Sportlich stehen ganz klar die Rennen in Dubai im Mittelpunkt, Baden-Baden war so eine Art Aufbaurennen. Der Sieg war ein schönes Geburtstaggeschenk für Jockey George Baker, für den es der erste Gruppe II-Erfolg in seiner Karriere war.
• Früher dachte ich immer, Kronimus wäre ein Rennpferd aus vergangenen Zeiten gewesen. Stimmt aber nicht – das Rennen wird nach der gleichnamigen Unternehmensgruppe für Betonsteine benannt. Bereits zum 25. Mal sponsert die Unternehmerfamilie Kronimus die Prüfung. Respekt, zumal schon sehr gute Pferde wie etwa Germany oder im letzten Jahr Smooth Operator die Listenprüfung gewonnen haben. Die diesjährige Siegerin heißt Diatribe, die auf der Linie die Favoritin Aslana noch übersprintete, aus dem Gestüt Röttgen. Für Trainer Hans-Albert Blume war das ein willkommener Erfolg in einer bislang höchst mäßigen Saison.
• Auch Handicaps können in Iffezheim von der Spitze aus gewonnen werden. Das bewies Adrie de Vries mit Gangster im Preis vom Oberrhein, der Start-Ziel knapp erfolgreich war und auch mein Tipp war.
• Haben Daniel Delius und Andreas Sauren im Talk der Sport-Welt vor den Rennen eigentlich irgendwann mal unterschiedliche Meinungen? Immer, wenn ich den beiden zuhöre, tippt Delius ein Pferd, das meist der Favorit ist, und Sauren sagt dann, dass das Pferd auch sein Tipp sei. Dabei sind die Rennen in Iffezheim schwer genug und zumindest in den Handicaps starten genügend Pferde, die zu hohen Quoten gewinnen bzw. in die Placierung laufen können, weil die Prüfung ihr Saisonhöhepunkt ist.
• Gibt es in Baden-Baden und der Landkreis Rastatt noch eine Monarchie? Oder warum kündigt Rennbahnsprecher Sven Wissel den Präsidenten des Internationalen Clubs, Bernhard Prinz von Baden, als königliche Hoheit an.
Derzeit läuft am Montag immer das gleiche Ritual ab: Ich nehme den kicker aus dem Briefkasten und noch auf der Treppe blättere ich die ersten Seiten des Innenteils durch. Was mich so brennend interessiert, sind die Noten der Bundesligaspieler. Ich spiele mit beim Bundesligatrainer der Ruhr-Nachrichten. Die Zensuren sind die Basis des Wettbewerbs – und bislang kann ich mich nicht beklagen. Platz 102 mit 335 Punkten bei über 6 000 Teilnehmern ist schon ganz ordentlich. Fleißigste Punktesammler des von mir zusammengestellten Teams waren bislang die Sportkameraden Simunic, Özil, Ze Roberto und Amanatidis, meine BVB-Akteure wie Santana, Sahin und Valdez blieben bislang etwas unter den Erwartungen.
Ob Kicker, Ruhr-Nachrichten, Reviersport oder Bild – alle spielen sie nach dem jeweiligen Bundesligaspieltag den Lehrer und benoten die Leistungen der Akteure. Und da stellt sich die Frage: Sind Journalisten überhaupt fachlich in der Lage, die Leistungen der Spieler richtig einzuschätzen? Wenn man sich mit so manchem altgedienten Sportredakteur unterhält oder einigen Journalisten beim DSF-Doppelpass lauscht, dann kommen schon einige Zweifel.
Die Noten des kickers gelten in der Branche als die meist objektiven. Die Redakteure des Fachblatts haben eine Notenskala von 1 bis 6 zur Verfügung und können Zensuren im 0,5-Abstand festlegen. Warum Spieler XY nun eine 4,5 und Spieler ZY eine 3,5 erhält, erscheint mir – wenn ich das gleiche Spiel gesehen habe – manchmal mehr als rätselhaft. Zudem werden Abwehrspieler in der Regel besser bewertet als Stürmer (warum eigentlich), die besten Zensuren erhalten allerdings die Torhüter – außer sie patzen spielentscheidend, dann gibt es die 5. Keine Rolle bei der Bewertung spielt die Tatsache, dass der Schlussmann vorher beispielsweise 5 hundertprozentige Torchancen des Gegners verhindert hat.
Die SportBild errechnet ihre Noten aus den Werten des Kickers, der Bild (wo der emotionale Aspekt eine wichtige Rolle spielt und es schon mal eine kollektive 6 gibt) und von Impire. Deren Werte errechnen sich nach eigenen Angaben aus den „Fakten“ wie Zweikämpfen, Passgenauigkeit oder Toren. Und es ist manchmal erstaunlich, wie die Werte differenzieren. Mario Gomez vom FC Bayern München bekam beispielsweise von Impire für seine Leistung in Mainz eine 2,9, von Bild erhielt der Bayern-Neuzugang eine glatte 6, der kicker entscheid sich für eine 5,0.
Offiziell sind Spielern und Trainern die Noten egal, inoffiziell haben sie schon daran Interesse. So mancher Sport-Redakteur erzählt von sonntäglichen Telefonanrufen, in denen Spieler um ihre Zensuren hart feilschten.
Der 29. August 2009 wird ein Tag sein, den Trainer Waldemar Hickst und sein Team so schnell nicht vergessen werden: Zuerst gewann Wiesenpfad den 54. Preis der Sparkassen-Finanzgruppe (Gr. III) zum Auftakt der Großen Woche in Baden-Baden und dann war Salve Germania am Abend auf der Rennbahn in Saratoga/USA im mit 200.000 US-Dollar dotierten Ballston Spa Handicap über 1700 Meter erfolgreich. Zwei große Erfolge auf zwei Kontinenten – es war ein denkwürdiger Tag für den Trainer aus Köln-Weidenpesch.
Dabei spielt der sechsjährige Hengst Wiesenpfad eine besondere Rolle im Trainerleben des Waldemar Hickst. Am 8. Oktober 2006 siegte der damals dreijährige Waky Nao-Sohn im Großen Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf und holte sich damit den ersten Gruppesieg seiner Karriere. Knapp drei Jahre später summiert sich die Zahl seiner Gruppe-Erfolge auf sechs. Und besonders auf der Bahn an der Oos läuft Wiesenpfad zu großer Form auf: Bei acht Starts war er fünf Mal in Iffezheim erfolgreich, unter anderem gewann er vor zwei Jahren schon einmal den Preis der Sparkassen-Finanzgruppe.
„Er gibt nicht viele Pferde, die auch noch sechsjährig Grupperennen gewinnen können“, erklärte Waldemar Hickst nach dem Rennen. Andreas Suborics hatte den Hengst, der zuletzt beim Frühjahrsmeeting in Baden-Baden etwas enttäuscht hatte, aus dem Hintertreffen durch alle Lücken sicher bugsiert und als dann Walzertraum auf den letzten Metern sich näherte, zog Wiesenpfad noch einmal gut an.
In der Arbeit durfte Suborics den Hengst allerdings nicht reiten, zwei junge Mädchen aus dem Hickst-Stall übernahmen das. „In der Arbeit galoppiert er wie ein Dackel“, flachste Hickst nach dem Rennen, obwohl die letzten Arbeitsleistungen schon sehr gut gewesen wären.
Besitzerin des Hengstes ist Heide Harzheim, Tochter des Trainers Harro Remmert. Und hier schließt sich quasi der Kreis: Denn Hickst, der in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurde (entweder in Kasachstan oder in Kirgisien – da sind sich die Quellen nicht einig) und 1991 nach Deutschland kam, arbeitete lange Zeit als Arbeitsreiter, Jockey und Futtermeister am Remmert-Stall. Harro Remmert hatte von seinem Mitarbeiter immer eine hohe Meinung – kein Wunder, dass Hickst für viele Besitzer trainiert, die bereits bei Remmert Pferde hatten.
Die Große Woche in Baden-Baden ist um eine Attraktion reicher: Der sechsfache englische Championjockey Kieren Fallon wird am nächsten Sonntag im Großen Preis von Baden Youmzain aus dem Quartier von Mick Channon reiten und soll zudem auch im Rahmenprogramm noch einige Ritte absolvieren.
Der inzwischen 44jährige, im Ort Crusheen im irischen County Clare geboren, gehört ohne Zweifel zu den schillerndsten Persönlichkeiten der internationalen Jockey-Szene. Die Liste seiner Skandale ist fast so lang wie die seiner Erfolge. So endet erst am nächsten Freitag (4.9) die 18monatige Sperre, nachdem Fallon im französischen Deauville positiv auf eine unerlaubte Substanz (unbestätigte Quellen sagen Kokain) getestet wurde.
Sportlich ist Fallon eine der überragenden Jockeys dieser Epoche. Er verfügt über ein exzellentes taktisches Verständnis, macht im Rennen wenig falsch und ist sehr stark im Endkampf. Kein anderer Jockey reitet in meinen Augen zum Beispiel auf dem englischen Derbykurs in Epsom – einer Berg- und Talbahn, die hohe Anforderungen an Ross und Reiter stellt – so gut wie Fallon. Dreimal siegte er dort im englischen Derby, vier Mal war er in den Oaks erfolgreich.
In England und Irland dürfte er in allen wichtigen Gruppe I-Rennen triumphiert haben, weitere Highlights sind zudem die zwei Erfolge im Prix de l’Arc de Triomphe mit Hurricane Run (2005, siehe Video) und Dylan Thomas (2007). Und auch im Großen Preis von Baden steht sein Name in der Siegerliste, weil er 1997 Borgia zum Sieg steuerte. Der Ire ritt als Stalljockey für Henry Cecil, Sir Michael Stoute und zuletzt Aidan O’Brien – drei der besten Adressen der englischen und irischen Turfszene. 1997, 1998, 1999, 2001, 2002 und 2003 war er englischer Championjockey.
„Verschwörung zum Betrug“
Entsprechend gut dürfte er verdient haben – und darum habe ich mich gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat, als die Vorwürfe des Wettbetrugs auftauchten. Im Frühjahr 2004 behauptete das englische Skandalblatt News of the World, dass Fallon Rennen verschoben habe. Im September 2004 verhaftete die englische Polizei ihn und fünf weitere Personen, darunter mit Fergal Lynch und Darren Williams zwei Jockeys. Die sechs wurden angeklagt wegen „Verschwörung zum Betrug“. Im Juli 2006 verlor Fallon dann seinen Einspruch, musste seine Jockey-Lizenz abgeben und durfte nicht mehr in England reiten, konnte allerdings in Irland weiter aktiv bleiben.
Im November 2006 dann der nächste Rückschlag: France Galopp sperrte ihn wegen Einnahme einer verbotenen Substanz von Dezember 2006 bis Juni 2007. Im Bereich der angeblichen englischen Rennmanipulation sprach allerdings das englischen Gericht Old Bailey am 7. Dezember 2007 Fallon und seine Mitangeklagten aus Mangel an Beweisen frei, einen Tag später berichte die Daily Mail, dass er wiederum in Frankreich auf eine verbotene Substanz positiv getestet wurde.
Und jetzt nach 20 Monaten Pause ist er wieder da, nachdem er sich zuletzt bei seinem alten Arbeitgeber Sir Michael Stoute in Form brachte. „Ich habe mich verändert“, sagte Fallon in einem Interview mit der Times. Der 44jährige sieht sich körperlich und mental in besserem Zustand als zu dem Zeitpunkt, als seine Pause begann. Zumal nicht nur Stoute Unterstützung anbot – auch Trainer wie Ed Dunlop und Luca Cumani sagten, dass sie ihm Ritte offerieren werden. Und bei den meisten englischen Buchmachern notiert er bereits 4-1 für das nächste englische Jockey-Championat.