Donnerstag, 2. Juni 2016
Ulysses auf den Spuren seiner Eltern
Es begann mit Diomed im Jahre 1780, die Siegerliste danach ist gespickt mit großen Namen. Das englische Derby, das am Samstag auf dem Kurs in Epsom in der Nähe von London ausgetragen wird, ist immer noch eines der prestigereichsten Rennen des Turfkalenders. 2016 scheint es so offen wie lange nicht mehr zu sein. Starter und Chancen im Epsom Derby 2016, natürlich ein Gruppe 1-Rennen über 2400 Meter.

Across the Stars (Trainer Sir Michael Stoute/Jockey Kieran Fallon): Trainer Stoute und Jockey Fallon waren früher ein sehr erfolgreiches Paar. Unter anderem gewannen sie mit Kris Kin 2003 und North Light 2004 das Derby. Fallon ritt den schwierigen Derby-Kurs in dieser Zeit wie ein junger Gott. Himmlische Hilfen wären auch für Across the Stars wichtig, der als Dritter im Lingfield Derby Trial vom Sieger Humphrey Bogart quasi gebremst wurde. Dennoch Außenseiter. Stehvermögen ist da, aber andere Kandidaten überzeugen mehr.

Algometer (Trainer David Simcock/Jockey Jim Crowley): Schimmel, Kampf-Sieger in einem Listen-Rennen in Goodwood, davor unterlag er nur dem zeitweiligen Derby-Favoriten Midterm. Talentiert, braucht aber weichen Boden. Den könnte er antreffen. Sein Trainer sieht ihn jedoch mehr als ein St. Leger-Pferd. Zumindest die Distanz sollte er können. Die Mutter Albanova gewann 2004 drei Gruppe 1-Prüfungen in Deutschland, darunter den Kölner Europa-Preis. Außenseiter, der überraschen kann.

Biodynamic (Trainer Karl Burke/Jockey Dougie Costello): Schön gesteigerter New Approach-Sohn aus dem Karl Burke-Stall, der aber als Vierter in der Chester Vase Grenzen sah. Ein Sieg im Derby wäre die Sensation.

Cloth of Stars (Trainer Andre Fabre/Jockey Mickail Barzalona): Wenn der französische Großtrainer Fabre Pferde auf die Insel schickt, werden Wetter und Bookies wachsam. Auch wenn Cloth of Stars bislang nie weiter als über 2000 Meter lief. Aber der Sea The Stars-Nachkomme siegte zuletzt in dem Rennen, dass damals auch Pour Moi, der Gewinner 2011, für sich entschied. Fabre ließ seinen Schützling zuletzt die trickreiche Epsom-Bahn testen, das Ergebnis stellte den Trainer zufrieden. Und Godolphin hofft mal wieder auf ein Derby-Pferd. Weicher Boden wäre passend.

Deauville (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Jamie Spencer): Die Form in den Dante Stakes war gut, dort scheiterte er nur an Wings of Desire. Nach Regen am Dienstag stark gewettet, aber ich sehe ihn nicht unbedingt als Sieger. Deauville ist für mich eher ein 2000 Meter-Pferd wie sein Bruder The Corsican. Der allerdings auch über 2400 Meter gewonnen hat.

Harzand (Trainer Dermot K. Weld/ Jockey Pat Smullen): In diesem Jahr stark verbesserter Sea The Stars-Sohn, zuletzt zweimal auf schweren Boden erfolgreich. Der letzte Sieg war in einer Gruppe 3-Prüfung in Leopardstown gegen den O’Brien-Vertreter Idaho. „Das Beste kommt noch“, sagte seiner Trainer danach. Zudem dass Harzand quasi nach 2400 Metern „schreie“. Sehr interessanter Teilnehmer, aber leichte Zweifel, ob dieses sehr große Pferd mit dem welligen Epsom-Kurs zurechtkommt.

Humphrey Bogart (Trainer Richard Hannon/Jockey Sean Levey): Sohn eines Sprinters, das Stamina kommt von der Mutter. Seltener Derbystarter aus einem Stall, der eher für schnelle Pferde bekannt ist. Nachgenannt nach seinem Erfolg im Lingfield Derby Trial. Humphrey Bogart kennt zudem die Bahn nach seinem zweiten Platz hinter der Top-Stute So Mi Dar. Dennoch eher Außenseiter.



35 Jahre ist das jetzt her: Shergar, der später viel traurigere Schlagzeilen machte, triumphierte 1981 im Epsom Derby. Sein Trainer: Michael Stoute, damals noch ohne Sir. Im Sattel war der famose Walter Swinburn

Idaho (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Jamie Heffernan): Talentierter Hengst, der aber zuletzt zwei Mal seine Grenzen, unter anderem als Dritter in den Derby Trial Stakes in Leopardstown, erkennen musste. Andere Kandidaten aus dem O’Brien-Quartier sind höher einzuschätzen.

Massaat (Trainer Owen Burrows/Jockey Paul Hanagan): Zweiter in den englischen 2000 Guineas und Zweiter zweijährig in den Dewhurst Stakes. Beides Gruppe 1-Prüfungen, das zeigt schon, dass Massaat zu den besten Pferden des Jahrgangs gehört. Das war aber über die Meile, 2400 Meter sind Neuland. Sein Trainer ist zuversichtlich, die Mutter stammt aber vom Sprinter Acclamation. Vater Teofilo ist ein Galileo-Sohn, der ein großartiger Zweijähriger war, aber dreijährig verletzungsbedingt nicht mehr lief. Immerhin produzierte er einige Nachkommen mit viel Stamina. Die Wundertüte im Rennen.

Moonlight Magic (Trainer Jim Bolger/Jockey Kevin Manning): Überzeugender Sieger des Derby Trials in Leopardstown auf gutem Boden vor Shogun und Idaho, davor floppte er auf schweren Boden in den Ballysax Stakes (Sieger Harzand). Sein erfahrener Trainer hält ihn für ein „echtes Derbypferd“ mit viel Stehvermögen. Ein weiterer Teilnehmer mit Chancen, der Boden sollte aber nicht zu weich sein.

Port Douglas (Trainer Aidan 0’Brien/Jockey Colm O’Donoghue): Sohn der Walzerkönigin, deren Halbbruder Wiener Walzer das Deutsche Derby 2009 gewann. Solider Vertreter aus dem O’Brien-Quartier, zuletzt knapper Zweiter hinter dem höher gehandelten Stallgefährten US Army Ranger in der Chester Vase. Frontrenner mit viel Stehvermögen, aber andere Kandidaten des Quartiers werden stärker eingeschätzt.

Red Verdon (Trainer Ed Dunlop/Jockey Silvestre De Sousa): Fünf Starts, drei Siege, zweimal Zweiter – diese eindrucksvollen Bilanz sorgte dafür, dass der Hengst für das Derby nac hgenannt wurde. Red Verdon zeigte sich von Start zu Start verbessert, muss aber dennoch einen gewaltigen Sprung aus der Handicap-Klasse bewältigen. An mangelndem Stehvermögen wird er definitiv nicht scheitern.

Shogun (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Donnacha O’Brien): Zeigte guten Schlussakkord im Derby Trial in Leopardstown, danach chancenlos in den Irish 2000 Guineas. Außenseiter, erster Derby-Ritt für Trainer-Sohn Donnacha O’Brien.

Ulysses (Trainer Sir Michael Stoute/Jockey Andrea Atzeni): Immer hoch gehandelt im Stoute-Quartier, aber wahrlich kein Frühstarter. Doch jetzt ist der Groschen gefallen, sein Maidensieg in Newbury war ein besserer Trainingsgalopp. Natürlich ist der Sprung ins Derby gewaltig, aber sein erfahrener Trainer weiß, wie er solche Kandidaten aufbaut. Dazu Vater Derbysieger, Mutter Oaks-Erste – so ein Pferd muss doch geboren sein für Großtaten in Epsom.

US Army Ranger (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Ryan Moore): Erst zwei Starts, zuletzt Kampfsieger in der Chester Vase gegen den Stallgefährten Port Douglas. Immer ein Pferd mit großartiger Reputation im Ballydoyle-Quartier, Verbesserung wahrscheinlich und die Wahl von Ryan Moore. Auf dem Papier die Nummer 1 von Aidan O’Brien und natürlich mit guten Chancen, aber andere Kandidaten finde ich besser.

Wings of Desire (Trainer John Gosden/Trainer Frankie Dettori): Auch so ein Kandidat, der quasi über den zweiten Bildungsweg gekommen ist. Zuletzt aber ein überzeugender Gewinner der Dante Stakes, als er viel Speed zeigte. Diese Leistung macht ihn zu einem der Favoriten und John Gosden – im letzten Jahr Erster und Zweiter mit Golden Horn und Jack Hobbs – ist ein Meister darin, ein Pferd punktgenau vorzubereiten. Natürlich brandgefährlich.

Urteil
Selten in den letzten Jahren war ein englisches Derby so offen wie in diesem Jahr. Es fehlt das überragende Pferd, für fast jeden Kandidaten lässt sich etwas finden. Darum ist Ulysses schon ein sehr spekulativer Tipp, von der Maidenklasse zum Derby-Gewinn ist ein großer Sprung, aber ein alter Fuchs wie Sir Michael Stoute würde ihn nicht ins Derby schicken, wenn er chancenlos wäre. Lammtarra und Shaamit haben das auch geschafft. Ist nur einige Zeit her.