Ein Leben ohne den kicker?
Ungewohnt, so ein Montag ohne die frische Ausgabe des kicker sportmagazins. Das Ende einer Beziehung, die fast ein Leben lang dauert? Manchmal muss man sich eben existenziellen Fragen stellen.

Es ist eine lange Beziehung zwischen dem Kolumnisten und dem Fachblatt mit Sitz in Nürnberg: Seit 1973 habe ich an ungefähr an 99 Prozent aller Montage „die Bibel des deutschen Fußballsports“ gelesen. Nun nicht mehr, seit zwei Wochen verzichte ich auf die Lektüre – theoretisch, denn letzte Woche konnte ich nicht widerstehen und habe das Fachblatt im Geschäft gekauft.
Generell aber gilt: Ich habe mein kicker-Abonnement gekündigt, weil ich andere Prioritäten setzen wollte und in manchen Wochen speziell die Donnerstags-Ausgabe fast ungelesen ins Altpapier wanderte. Wenn ich etwas nicht mag, dann ist das, eine Sache zu bezahlen und nicht zu nutzen.
Der kicker, werden manche jetzt sagen, ist doch so und so stocklangweilig. Eben alte Schule. Flache Texte, der ganze Daten-Wirrwarr aus Tabellen und Statistiken? Braucht man so was heute noch?

Nix Boulevard
Antwort: Im Prinzip nein. Zumindest muss man heute nicht mehr unzählige Bäume fällen, um sich über die Bundesliga zu informieren. Aber der kicker hat auch seine Qualitäten – etwa eine Berichterstattung ohne die boulevardeske Hysterie von Bild und Sport-Bild.
Die besten Geschichten stehen sowieso auf den hinteren Seiten, die Interviews mit den sogenannten Stars auf den ersten Heftseiten fallen meist recht flach aus. Was nicht immer am Fachblatt liegt – ein Mario Götze oder Mesut Özil erzählen einfach nicht viel. Zudem sorgen die Pressestellen der Vereine manchmal für keimfreie Interviews.
Dennoch werde ich jetzt mal verstärkt die Alternativen probieren – den großartigen Linkdienst Fokus Fussball etwa. Dieser erwirbt schon dadurch Meriten, dass er auch Texte dieser Kolumne verlinkt. Oder etwa Spox, auf deren Seite ich manchmal ganz interessante Interviews finde. Die 11 Freunde online sind auch immer einen Besuch wert, obwohl manche Gags inzwischen einen Bart und manche Redakteure schöne graue Haare bekommen haben. Ja, wir werden alle alt.
Print würde ich mehr auf die Süddeutsche Zeitung zurückgreifen. Dazu kommt zudem die lokale Tageszeitung Ruhr Nachrichten, die zumindest den BVB und den lokalen Fußball ausführlich dokumentieren.



Eine Ausgabe aus dem Jahr 1977: Rolf Rüssmann (Schalke 04) gewinnt das Kopfball-Duell gegen Hans-Jürgen Wittkamp und Jupp Heynckes (Borussia Mönchengladbach

Lektüre unter der Schulbank
Aber es ist ohne Zweifel das Ende einer langjährigen Beziehung. Meinen ersten kicker habe ich mit zehn Jahren in unserem Dorfladen im Sauerland gekauft und danach gab es kaum einen Montag oder Donnerstag ohne das Fachblatt. In der Schule habe ich ihn heimlich unter der Bank gelesen, die unzähligen Statistiken führten zu weiteren Statistiken daheim.
Ob Schule, Ausbildung, Bundeswehr, Studium, Beruf, Arbeitslosigkeit oder Freiberuflichkeit – der kicker war in allen Phasen dabei. Oder anders gezählt: Bei elf Fußball-Weltmeisterschaften begleitete mich das Blatt.
Dabei nervte mich schon früher manches: Die manchmal etwas phrasenhafte Sprache, die oft biedere und altbackene Berichterstattung. Und dann diese oft kritiklose Nähe zu DFB, UEFA oder FIFA. Das war früher viel schlimmer, heute gibt es zumindest leise Kritik am DFB. Und die FIFA stößt auch beim kicker nicht mehr auf Verständnis. Über die Jahre hinweg war es dennoch eine ordentliche Leistung der Zeitschrift, nach Ranglisten-Kriterien eine vordere Platzierung im „weiteren Kreis“.
Ganz zu Ende ist die Beziehung auch nicht: Zumindest am Montag werde ich den kicker häufig am Kiosk kaufen. Oder vielleicht mehr: Nach meiner Kündigung rief ich mich eine nette Dame des Olympia-Verlags an. Und machte ein Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann.




stkoenig1 am 25.Mär 15  |  Permalink
Ein Leben nach dem Kicker
Es gibt ein Leben nach dem Kicker. Ich habe den Kicker 15 Jahre mitgelesen, aber danach auch weitergelebt. Ist aber interessant, wenn man ihn ab und zu mal wieder in den Händen hat.