Donnerstag, 24. Juli 2014
Telescope auf den Spuren von Novellist und Danedream
Ein Höhepunkt der englischen Turf-Sommers naht: Boxen auf für die King George and Queen Elisabeth Stakes. Die Gruppe 1-Prüfung über 2400 Meter in Ascot, immerhin dotiert mit einer Million Pfund, war bekanntlich in den letzten zwei Jahren eine deutsche Domäne: 2013 triumphierte Novellist, 2012 die grandiose Stute Danedream. Leider wiederholt sich das in diesem Jahr nicht, weil kein deutsches Pferd dabei ist.
Im Gegensatz zum Arc im Herbst glänzt das King George nicht gerade durch Internationalität, nur der französische Gast Flintshire stellt sich den Kandidaten aus England und Irland. Dennoch ist die Besetzung in diesem Jahr nicht schlecht – auch dank Trainer John Gosden, der gleich drei hoffnungsvolle Dreijährige ins Rennen schickt. Die Starter und ihre Chancen.

1. Flintshire (Trainer Andre Fabre/Jockey Maxime Guyon): Der einzige Gast vom Festland. Der letztjährige Gewinner des Grand Prix de Paris wird den gut bis festen Boden mögen, die letzte Formen reichen aber nicht aus. Auch nicht Platz 2 hinter dem famosen Cirrus Des Aigles im Coronation Cup in Epsom.

2. Leitir Mor (Trainer Jim Bolger/Jockey Ronan Whelan): Tempomacher für Trading Leather.

3. Magician (Trainer Aidan O’Brien/Jockey Joseph O’Brien): Die beste Form als Sieger im Breeders Cup Turf über 2400 Meter auf festem Boden, zuletzt guter Zweiter hinter The Fugue in Ascot auf 2000 Metern. Gefährlich, zumal er den Boden mag.

4. Mukhadram (Trainer William Haggas/Jockey Dane O’Neill): Düpierte zuletzt von der Spitze aus die hochkarätige Konkurrenz in den Eclipse Stakes. Das war eine taktische Meisterleistung von Jockey Paul Hanagan, der sitzt aber diesmal auf Taghrooda. Dane O’Neill ist jedoch ein fähiger Ersatz. Dennoch schwer vorstellbar, dass ihn die Konkurrenz diesmal so weit enteilen lässt. Auch der Haggas-Schützling mag den gut bis festen Boden, lief aber noch nie über 2400 Meter.

5. Telescope (Trainer Sir Michael Stoute/Jockey Ryan Moore): Acht Starts, vier Siege, vier zweite Plätze und dabei eigentlich von Rennen zu Rennen verbessert. Bisheriger Höhepunkt ein sehr leichter Erfolg in den Hardwicke Stakes über Kurs und Distanz auf gut bis festem Boden, der Zweite Hillstar bestätigte später diese Form durchaus. Das war „nur“ Gruppe 2, auf Gegner dieser Kategorie traf Telescope noch nie in seiner Laufbahn, aber der Stoute-Schützling sollte noch nicht alles gezeigt haben. Der Galileo-Sohn erinnert an Harbinger, Sieger 2010. Gleicher Trainer, gleicher Besitzer und auch Harbinger wurde erst mit vier Jahren richtig gut. Und gewann zudem die Hardwicke Stakes als Generalprobe. Der Favorit.



So war es 2010: Harbinger deklassierte das Feld und war ein überlegener Gewinner. So schlecht waren die Gegner nicht: Zwei Derbysieger namens Workforce und Cape Blanco, dazu der unverwüstliche Youmzain. .

6. Trading Leather (Trainer Jim Bolger/Jockey Kevin Manning): Im letzten Jahr Zweiter hinter Novellist, zuletzt der einzige, der Mukhadram in den Eclipse Stakes über zu kurze 2000 Meter folgen konnte. Steher, der den Boden mag, aber ein wenig fehlt dem Galoppierer der Speed zur Spitzenklasse. Denn auch der Sieg im letztjährigen irischen Derby wurde so recht von den geschlagenen Pferden nicht bestätigt.

7. Eagle Top (Trainer John Gosden/ Jockey William Buick): Ein eher spätreifer Hengst, überraschte eigentlich alle mit seinem überlegenen Sieg in den King Edward VII Stakes während Royal Ascot. Das war eine beeindruckende Vorstellung, zumal es erst der dritte Lebensstart war. Adelaide, der Zweite aus dieser Gruppe 2-Prüfung, belegte zuletzt den gleichen Platz in einem Grade 1-Rennen auf Dirt in den USA. Nach genannt für viel Geld, aber kein sicherer Starter. Trainer John Gosden ist der Boden ein wenig zu fest, obwohl Eagle Top zuletzt auf diesem Boden siegreich war. Freitag will der Trainer die Bahn in Ascot begutachten und dann entscheiden.

8. Romsdal (Trainer John Gosden/Jockey Richard Hughes): Die englische Derby-Form kommt auf den Prüfstand, denn Romsdal gefiel in Epsom durch guten Schlussakkord, ohne die beiden Erstplatzierten zu gefährden. Richard Hughes sitzt wieder im Sattel und zweifellos ist Romsdal ein talentiertes Pferd, aber diese Aufgabe könnte noch zu schwer sein.

9. Taghrooda (Trainer John Gosden/Jockey Paul Hanagan): Die Oaks-Siegerin und die Wahl von Hamdan Al-Maktoum-Stalljockey Paul Hanagan gegenüber Mukhadram. Erst drei Starts, aber der Erfolg im Stutenklassiker war schon eine beeindruckende Angelegenheit. Was die Form wert ist, ist jedoch schwer einzuschätzen. Deutliche Gewichtsvorteile, dennoch bin ich eher skeptisch.

Urteil
Die drei Dreijährigen aus dem Gosden-Quartier bringen Pep in das Rennen, aber ich bleibe bei Telescope, der auf den Spuren des 2010-Siegers Harbinger wandelt und der noch einiges im Tank haben sollte. Nächstes Plus ist die Kombination Trainer Michael Stoute und Jockey Ryan Moore, die in diesem Jahr an alte Glanzzeiten anknüpft. Wenn er läuft, ist Eagle Top der Gegner.



Dienstag, 22. Juli 2014
kicker-Rangliste: Hummels Weltklasse, Reus wahrscheinlich auch
Ranglisten-Zeit im Fachblatt kicker. Oder wie es genau heißt: „Die Rangliste des deutschen Fußballs“, seit 1956 fester halbjährlicher Bestandteil des Magazins und eines der Markenzeichen des Blattes. Die Rangliste der ersten zwei Positionen – Torhüter, Innenverteidiger – erschien am Montag, mit Manuel Neuer und Mats Hummels erhielten zwei Spieler das Prädikat Weltklasse. Wer schafft noch den Sprung in die höchste Kategorie? Und wie schneiden die Spieler von Borussia Dortmund ab? nurpferdeundfussball wagt eine Prognose.

Wer das Prozedere nicht kennt: Die Rangliste enthält vier Kategorien – Weltklasse, Internationale Klasse, im weiteren Kreis und Blickfeld. Entscheidend sind die Leistungen im letzten Halbjahr und nicht Qualität, Potenzial oder Marktwert des Spielers. Neben Torhütern und Innenverteidigern gibt es noch die Positionen Außenbahn defensiv und offensiv, Mittelfeld defensiv und offensiv sowie Stürmer. Dazu werden noch die im Ausland tätigen deutschen Profis bewertet.
In der aktuellen Rangliste spielt natürlich die gerade beendete Weltmeisterschaft eine wichtige Rolle. Allerdings sind nicht alle Weltmeister automatisch Weltklasse. Insgesamt acht Spieler stuft die kicker-Redaktion in die höchste Kategorie ein, sechs davon waren im Finale von Rio de Janeiro dabei. Und da kein Spieler aus Argentinien in der deutschen Bundesliga aktiv ist, sind es Akteure des Weltmeisters.

Weltklasse
Manuel Neuer und Mats Hummels waren für mich nach ihren herausragenden Weltmeisterschaften die unstrittigsten Kandidaten für die höchste Kategorie und beide führen verdient die Rangliste an. Aber wer noch? Meine Kandidaten aus dem Weltmeister-Team wären Thomas Müller (ganz sicher), Philipp Lahm, Toni Kroos (beide so an der Grenze zwischen Weltklasse und Internationaler Klasse) sowie als Überraschungskandidat Andre Schürrle, der als Joker bei der WM immer für viel frischen Wind sorgte und auch bei Chelsea nicht schlecht spielte. Nicht in die Weltklasse gehören für mich Bastian Schweinsteiger (nicht so konstant in der Bundesliga) und Mario Götze, der bis zu seinem goldenen Tor eigentlich enttäuschte und auch beim FC Bayern nicht konstant agierte.
Leichter fiel die Suche nach den zwei restlichen Kandidaten. Arjen Robben ragte sowohl bei Bayern als auch der WM heraus; Dortmunds Marco Reus spielte eine brillante Rückrunde und verpasste leider durch Verletzung in der Vorbereitung die WM.

Dortmund
Wo landen die Kandidaten des BVB? Die ersten Einschätzungen waren in Ordnung: Torwart Roman Weidenfeller an Position 3 in der internationalen Klasse hinter Fährmann und Leno; Innenverteidiger Mats Hummels schaffte verdient den Sprung in die Weltklasse. Sein Kollege Sokratis hätte allerdings die Einstufung in die Internationale Klasse verdient gehabt. Der Grieche – eingeschätzt im Weiteren Kreis – agierte auch bei dieser WM höchst zuverlässig.
Die Prognosen für die anderen Dortmunder Kandidaten:
Lukasz Piszczek: Nach seiner langen Verletzung noch lange nicht in alter Form, keine Einstufung.
Marcel Schmelzer: Ein Seuchenjahr, viel verletzt, WM verpasst, zuletzt leicht aufsteigende Form, aber höchstens Blickfeld.
Erik Durm: Der Aufsteiger und dann auch Weltmeister (aber ohne Einsatz), aber relativ wenig gespielt. Höchstens Blickfeld.
Kevin Großkreutz: Dortmunds Allrounder und ebenfalls Weltmeister ohne Einsatz. Beim BVB in der Rückserie meist im offensiven Mittelfeld unterwegs, in der Bundesliga mit Licht und Schatten, in der Champions League stark. Blickfeld oder weiterer Kreis.
Pierre-Emerick Aubameyang: Zu unbeständig, kein Platz in der Rangliste
Sven Bender: Leider verletzt, das kostete dem nimmermüden Kämpfer die WM und die Rangliste.
Sebastian Kehl: Wenn er gespielt hat, dann meistens überzeugend. Zumindest Blickfeld hätte der BVB-Kapitän verdient.
Nuri Sahin: solide, aber nicht herausragend. Dennoch ein Kandidat für den weiteren Kreis.
Henrik Mkhitaryan: Das Potenzial für die Weltklasse ist da, aber einige Aussetzer. Im weiteren Kreis, im nächsten Jahr mindestens Internationale Klasse.
Oliver Kirch und Milos Jojic: beide zuletzt sehr stark, aber wahrscheinlich zu wenig benotete Einsätze.
Marco Reus: Weltklasse, siehe oben im Text.



Montag, 14. Juli 2014
Wir Weltmeister
Gestatten, ich bin Weltmeister. Fußball-Weltmeister. Auch wenn ich aktiv sportlich in meiner Glanzzeit höchstens um lokale Ehren gekämpft habe. Aber egal – wir, das heißt alle Deutschen, sind Weltmeister. Auch ohne direkte Beteiligung, sagen zumindest Bild und Co.

Dabei nenne ich den Spieler, der das goldene Tor im Finale gegen Argentinien schoss, manchmal „Judas“. Weil er vom geliebten BVB zum ungeliebten FC Bayern wechselte und dort eine neue sportliche Herausforderung suche, sagt er. Weil er dort viel mehr Geld als in Dortmund verdient, sage ich. Dreimal soviel wie Toni Kroos, stand in der seriösen Frankfurter Sonntagszeitung. Und darum verlässt wahrscheinlich Kroos Bayern München und geht zu Real Madrid.
Dabei war Kroos einer der besten Spieler dieser WM, Mario Götze hingegen bis zu seinem Tor höchstens Mitläufer.
Das Tor hat Götze natürlich großartig gemacht. Technisch hoch anspruchsvoll, aber dieses technische Vermögen hat er auch ja in der Jugendabteilung von Borussia Dortmund verfeinert.

Kleber
Fußball-Weltmeisterschaften sind schon eine tolle Sache. Vier Wochen dreht sich alles um die „schönste Nebensache der Welt“. Das mit der Nebensache ist natürlich Humbug. Fußball ist das Wichtigste auf der Welt und der Klebstoff, der eine Gesellschaft zusammenhält. Viel mehr als Politik. Wie die Nationalmannschaft bei einer WM abschneidet, bestimmt die Stimmung eines Landes.
Die Nation leidet beim Scheitern. Gastgeber Brasilien wurde nur Vierter – Versager, eine ganze Nation weint. Die einstigen Fußball-Großmächten Spanien, Italien und England scheiterten schon in der Vorrunde – kollektive Trauer, die Medien fordern mindestens den Rücktritt des Trainers. Die gleichen Medien, die im Falle des Erfolges Spieler und Trainer zu Heiligen stilisieren.
Kollektive Jubelszenen im XXL-Format hingegen aus Costa Rica oder Algerien. Länder, die sonst nicht zu den Fußball-Großmächten gehören, aber in Brasilien für Aufsehen sorgten.
Eine Fußball-WM drängt alle anderen Sachen in den Hintergrund. Kriege, Konflikte und Krisen werden zur Nebenschauplätzen. Das wissen der Welt-Fußballverband FIFA und seine skandalumwitterten Spitzenfunktionäre. Sie können für eine WM Forderungen stellen, für die man andere aus dem Land jagen würde.
In Brasilien gab es vor der WM berechtigte Proteste gegen die hohen Kosten der WM – Gelder, die für andere Dinge deutlich besser geeignet wären. Doch als der Ball rollte, rückte das völlig in den Hintergrund. Die Spiele interessierten mehr als teuere, ineffiziente Buslinien in Sao Paulo, Recife oder Manaus.

Ein würdiger Champion
Sportlich war es eine gute Weltmeisterschaft. Besonders in der Vorrunde gab es viele interessante Spiele, eigentlich war kein Tag langweilig. Ich mag generell den südamerikanischen Fußball – diese Leidenschaft, dieses hohe technische Vermögen. Zugegeben, manchmal übertreiben sie etwas in Sachen Härte. Aber Mannschaften wie Kolumbien oder Chile verkörperten überwiegend die positiven Tugenden; zudem versuchten beide immer, zu agieren statt zu reagieren.
Oder die Überraschungsteams aus Mittelamerika: Mexiko etwa war so stark wie noch nie. Mannschaftlich sehr geschlossen, aber offensiv aufgestellt, dazu ein großartiger Keeper. Und natürlich Costa Rica, das sich in der Gruppe mit Uruguay, Italien und England durchsetzte. In Achtel- und Viertelfinale fehlte dann etwas die Kraft, aber Spieler wie Navas, Ruiz, Umana oder Campbell kennen nach dieser WM nicht mehr nur Insider.
Aber Deutschland ist ein würdiger Weltmeister. Manchmal war es ein wenig haklig, aber die Mannschaft fand immer wieder Antworten, steigerte sich eindrucksvoll und konnte sich auf einen großartigen Torhüter verlassen. Und auch der von mir gerne kritisierte Trainer Joachim Löw traf die richtigen Entscheidungen.
Es gab früher deutsche Nationalmannschaft, für die man sich quasi schämen musste. 1982 zum Beispiel, als eine Ansammlung von Unsympathen Vizeweltmeister schämen musste. Dann waren da diese Teams, die mit Kampf, Kraft und auch Krampf gut abschnitten.
Doch seit der Heim-WM 2006 steht die Adler-Elf für attraktiven Fußball. Und in den letzten Jahren entwickelte sich vielleicht die beste Generation, die es in Deutschland je gab.
Die deutsche Nationalmannschaft zählt spielerisch zu den Besten der Welt. Doch erst 2014 belohnten sich die Hochbegabten mit einem Titel. Die „Generation Halbfinale wurde endlich zur Generation Gold“ (kicker).
„Wir werden jetzt jeden Tag mit einem Lächeln aufwachen“, sagte eben dieser großartige Torhüter Manuel Neuer direkt nach dem Finale. Der Gelsenkirchener Junge ist ein Produkt der starken Jugendarbeit des FC Schalke 04 und leider beim FC Bayern München – aber ein sympathischer Typ. Und eben Weltmeister – wie wir alle. Unvorstellbar, dass man ihn in Dortmund mit Bananen begrüßt