Es gibt Tage, die beginnen einfach nur bescheiden. „Dortmunder, ihr müsst jetzt ganz tapfer sein“, verkündete Moderator (und Dortmunder) Peter Großmann im ARD-Morgenmagazin. „Mario Götze wechselt zum FC Bayern München. Das meldet die BILD-Zeitung.“
Nun steht das Boulevardblatt nicht unbedingt für glaubhaften Journalismus, aber in diesem Falle funktionierte die alte Verbindung zwischen BILD und dem FC Bayern München. Mario Götze, das Jahrhundert-Talent im Trikot von Borussia Dortmund, geht wirklich nach Bayern – für 37 Millionen Euro, er hatte irgend so eine Klausel im Vertrag. Offensichtlich stand der Deal schon etwas länger fest.
Nicht zufällig hat der FC Bayern gerade zu diesem Zeitpunkt der BILD diese Geschichte gesteckt. Dieser Wechsel bestimmt natürlich die Schlagzeilen und lenkt vom Steuerskandal ihres Präsidenten Uli Hoeneß ab. Strategisch wohl platziert – vielleicht gab es ja auch einen Deal zwischen dem Klub und dem Springer-Blatt: „Ihr bekommt die Götze-Geschichte, dafür lasst ihr unseren Präsidenten in Ruhe“. Natürlich ist das Spekulation, aber ich bin nicht der einzige, der so denkt.
Ansonsten sind nur wir Fans, die ihr Geld für Dauerkarten und ähnliches verbraten, für die Abteilung Fußball-Romantik zuständig. Profifußball ist ein Geschäft, in dem es nur ums Geld geht. Was will Götze in München? Sportlich fällt mir da wenig ein, außer dass er dort wahrscheinlich jedes Jahr mit großem Abstand Deutscher Meister wird. Dafür bekommt er deutlich mehr Geld und sein Berater kann sich einen neuen Porsche kaufen.
Ich will auch gar nicht groß jammern: Für 37 Millionen Euro geht der BVB shoppen bei Vereinen wie Gladbach (Hallo Herr Reus), Leverkusen oder Frankfurt und die holen sich ihre neuen Spieler dann wieder bei Vereinen wie Mainz, Freiburg oder Augsburg. Fußball ist eben wie ein Raubfischbecken – die Großen fressen die Kleinen.
Wenn Mario Götze mal Langeweile hat, dann kann er wunderbar bergwandern in Bayern. So toll kann er das im Sauerland nicht.
Hoffen auf Barca
Was soll zum Beispiel ein Anhänger des SC Freiburg denken? Die spielen eine großartige Saison und zur Belohnung verlassen Leistungsträger wie Kruse, Rosenthal und Caligiuri den Klub. Die Freiburger haben ein Problem – der BVB nicht. Borussia hat in den letzten Jahren jeden Spieler adäquat ersetzt – ob Sahin, Barrios oder Kagawa. Das wird bei Mario Götze genau so sein, auch wenn sein Abgang weh tut.
Übrigens zeigt der Götze-Transfer, dass die Gedanken des Uli Hoeneß vor zwei Wochen reine Folklore waren. Der Bayern-Präsident hatte nämlich befürchtet, dass Bayern und Dortmund die Bundesliga zu sehr dominieren und die anderen Vereine den Anschluss verlieren. Die Lösung wäre einfach: Die Münchner geben ihre teueren Ergänzungsspieler wie Gomez, Pizarro, Rafinha oder Shaqiri an andere Klubs ab.
Es hätte so eine schöne Festwoche des Fußballs werden können: Halbfinale der Champions League, heute Bayern gegen Barca, am Mittwoch der BVB gegen Real Madrid. Der FC Bayern hat mir den Spaß verdorben, heute abend bin ich Barca-Fan! Mit Barcelona verbindet der Bayern-Fan zwei der größten Demütigungen der letzten Zeit: das Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United und die legendäre 0:4-Klatsche aus dem Jahre 2009. So soll es wieder sein.
Einen noch härteren Ton schlägt Ulrich Homann, alter Kämpfer der Reviersport, an. Manchmal ein wenig übertrieben, aber lesenswert. Bei den Kommentaren fällt auf, wie plump die meisten Bayern-Fans argumentieren. Kein Wunder, dass früher niemand mit denen spielen wollte.
Natürlich nervt der Mann ungemein. Aber offensichtlich hat Trainer Pèter Neururer dem abstiegsbedrohten Zweitligisten VfL Bochum wieder Leben eingehaucht: Nach dem 2:0-Sieg in Cottbus folgte ein 3:0 gegen den FC St. Pauli. Das Ganze fand vor der Saison-Rekordkulisse von über 26.000 Zuschauern statt – der Mann aus Gelsenkirchen und bekennende Schalke-Fan sorgt für tabellarische Frühlingsgefühle.
Aufbruchstimmung in Bochum: Jedenfalls kratzt der Fußball-Lehrer schon wieder am Messias-Status in der arg gebeutelten Stadt. Opel als größter Arbeitgeber schließt bald seine Tore, da ist eventueller Drittliga-Fußball das kleinere Problem. Aber ein Blick in die Nachbarstadt Dortmund beweist es: Fußball ist für das Selbstwertgefühl einer Stadt von immenser Bedeutung, die Erfolge des BVB machen die Menschen dort stolz. Der VfL hat zwar nicht den Stellenwert von Borussia oder Schalke, aber für den VfL-Fan wäre die 3. Liga schon eine Demütigung.
Da kommt Neururer gerade recht – auch wenn manche die Nase rümpfen. „Neururer, Beruf Heilsbringer“, titelte Spiegel Online. Gegen den 1.FC Köln droht im nächsten Heimspiel sogar ein ausverkauftes Haus.
Blau ist die Haarfarbe
Selbstverständlich ist der VfL Bochum nicht gerettet, aber offensichtlich hat der alte Fuchs Neururer es mal wieder geschafft, mit seinen PR-Aktionen die Aufmerksamkeit von der Mannschaft zu nehmen und auf sich zu ziehen. Manche Aktionen sind natürlich hochpéinlich: Etwa sich die Haare nach erfolgreichem Klassenerhalt blau zu färben. Oder seine Herzfrequenzen von der Sport-Bild bei seinem Debüt messen zu lassen. Für Journalisten gibt es jetzt wieder Bockwurst bei den Pressekonferenzen. Das ist 80er oder maximal 90er-Jahre und erinnert an dem berühmten blauen Pullover von Udo Lattek. Aber Neururer ist nun mal ziemlich abergläubisch.
Mit den journalistischen Freunden vom Boulevard spielt der „Pedda“ (Reviersport) zudem gerne den gepflegten Doppelpass. Das muss auch etwas was mit seiner Schalker Erziehung zu tun haben. Denn während die BILD bei Borussia Dortmund schon seit Ewigkeiten nur eine geringe Rolle spíelt, ist das Blatt bei den Königsblauen quasi Leitmedium und wird gerne von manchen Verantwortlichen genutzt. Das mag noch ein Relikt der alten Charly Neumann-Zeiten sein, aber auch Exmanager Rudi Assauer hatte immer ein offenes Ohr für die BILD-Leute, wenn diese mal wieder eine Geschichte brauchten.
Alles also Erziehungssache. Doch bei aller Show und dummen Sprüchen: Neururer ist schon ein Arbeiter, der seine Teams gut vorbereitet. Immerhin schaffte er es einst mit dem kleinen VfL Bochum in den UEFA-Cup. Und ein Jahr später stieg er mit dem VfL aus der Bundesliga ab.
Nach 25 Erfolgen in Serie ist Schluss: Black Caviar, Sprinterin aus Australien, beendet ihre großartige Karriere ungeschlagen. Der Ruhestand sei ihr gegönnt, dennoch schade: Ich hätte sie gerne noch einmal in Europa gesehen
Zugegeben, so viel weiß man hier in Deutschland nicht über Galopprennen in Australien. Anfang November schaue ich immer neidisch auf den fünften Kontinent, wenn beim Melbourne Cup eine ganze Nation zum Stillstand kommt – leider undenkbar in Deutschland. Zudem sind in den letzten Jahren einige gute deutsche Pferde nach Australien gewechselt – Lucas Cranach etwa oder Mawingo, beides Kandidaten für Distanzen über 2000 Meter.
Großartige Sprinter haben sie hingegen in Down under schon immer gehabt. Besonders gerne erinnere ich mich an Choisir, der einst Royal Ascot stürmte und mir zwei lukrative Siegwetten brachte. Aber Black Caviar toppte sie alle: Die Wunderstute, trainiert von Bill Moody in Melbourne, von Pedigree eher unspektakulär – der Vater Bel Espirit in Europa kaum bekannt, die Mutter Helsinge lief überhaupt nicht. Am ehesten noch bekannt in Europa ist Black Caviars Großmutter mütterlicherseits: Desert Sun platzierte sich immerhin in den englischen Craven Stakes (Newmarket) und der Sandown Mile.
Es dauerte etwas, bis Black Caviar ins Rollen kam, zumal sie dreijährig mit einer Verletzung pausieren musste. Erst mit vier Jahren wurde sie richtig gut, das erste Gruppe 1-Rennen gewann sie im November 2010.
Bald hatte sie keine Rivalen mehr auf höchster Ebene, mit jedem Erfolg wuchs ihr Legenden-Status. Der „Stolz Australiens“ distanzierte mühelos die Gegner, es war Zauber pur. Schwer zu beschreiben – einfach das Video genießen.
Zittersieg in Europa
Nur einmal musste ihr Anhang zittern. Es war der 23. Juni 2012, der einzige Start in Europa: Black Caviar, in 21 Rennen vorher ungeschlagen, war die große Favoritin in den Diamond Jubilee Stakes über 1200 Meter in Ascot. Eine Nation blickte auf die Stute: In Melbourne versammelten sich 10 000 Menschen mitten in der Nacht, um Black Caviar gewinnen zu sehen. Eine Niederlage in dieser Gruppe 1-Prüfung gegen einige von Europas Top-Sprintern – undenkbar. In Melbourne waren Plakate mit der Aufschrift „Black Caviar vs. England“ zu sehen, der Start des besten australischen Pferdes sorgte für einen ausverkauften Samstag am letzten Tag des königlichen Festivals.
Doch dann bewahrheitete sich die alte These, dass es keine Unverlierbaren im Turf gibt. Was auch viel mit Jockey Luke Nolen zu tun hatte. Nolen, der die Stute in fast jedem Rennen steuerte, hörte auf einmal auf zu reiten, weil er dachte, er hätte das Rennen schon sicher. Die beiden französischen Gäste Moonlight Cloud und Restiadargent kamen bedrohlich nahe, am Ende aber konnten Nolen und Anhang aufatmen: Black Caviar siegte mit einem Kopf. „Nolen war Sekunden davon entfernt“, schrieb damals der Guardian, „einen der größten unentschuldbaren Jockey-Fehler in der Turf-Geschichte zu begehen".
Es war eher ein Ausrutscher: Zuletzt in Australien triumphierte die Stute wieder dreimal in gewohnter Manier. Natürlich saß Luke Nolen im Sattel.
Manche träumten im letzten Jahr vom Duell mit Frankel, dem europäischen Superstar. Glücklicherweise kam dieser Schwachsinn nicht zustande – Black Caviar ist Sprinter, Frankel liebt Strecken ab der Meile. Vielleicht treffen sich die beiden dennoch irgendwann einmal und produzieren einen Nachkommen. Der dürfte allerdings unbezahlbar sein…