Kurze Video-Vorschau auf den Cheltenham Gold Cup. Noch sind alle optimistisch und hoffnungsfroh.
Wenn mich jemand fragen würde, welches Sportereignis ich am wenigsten missen möchte, dann würde ich „Das Cheltenham-Festival“ antworten. Die Reaktion wäre in den meisten Fällen ungläubiges Staunen, denn in Deutschland können die wenigsten etwas mit dem Treffen der besten Hindernispferde anfangen.
Hier denken die meisten Menschen im März an die Fußball-Bundesliga und internationale Wettbewerbe wie die Champions League, die in die entscheidende Phase gehen oder an den Start einer öden Veranstaltung namens Formel 1. Im Turf ist man so langsam der Sandbahn-Rennen überdrüssig und freut sich auf die kommende Grassaison.
Die Mutter aller Festivals
Doch nur ein verschworener Kreis bekommt so langsam feuchte Hände und zählt die Tage bis zum März-Wahnsinn namens Cheltenham-Festival. Am 12. März hat das Warten ein Ende, dann gibt es wieder vier Tage hochklassigen Sport. Ich folge der Veranstaltung seit über 20 Jahren – und im Gegensatz zu vielen anderen Dingen ist mein Enthusiasmus dafür immer noch so hoch wie am ersten Tag. Wenn 15 Top-Athleten über die Hindernisse schweben, wenn die Zuschauer beim Zieleinlauf so laut sind wie nirgendwo anders, wenn sich die Beteiligten über einem Erfolg freuen, als wenn sie gerade den Lotto-Jackpot geknackt hätten, dann vereinen sich Ästhetik, Dramatik und pure Freude zu einem wirkungsvollen Cocktail. Dummerweise fällt es immer in eine sehr arbeitsame Zeit mitten in der Woche, aber egal – Cheltenham ist einzigartig.
Auf der Insel haben viel mehr Menschen feuchte Hände. Es ist der absolute Höhepunkt der Hürdensaison in England und Irland – und die Veranstaltung genießt einen aus deutscher Sicht unglaublichen Stellenwert.
Schon Wochen vorher richten Racing Post, Sporting Life oder Attheraces Extra-Cheltenham-Seiten mit allen erdenklichen Informationen ein, sprechen die Top-Trainer wie Nicky Henderson, Paul Nicholls, David Pipe oder Willie Mullins detailliert über ihre Starter. Zudem gibt es Previews an diversen Orten, in denen Trainer, Jockeys, Journalisten etc. über die Rennen diskutieren. Ich bin jedes Mal neu erstaunt, welcher Aufwand dort betrieben wird.
Unsere Tipps im Minenfeld
Auch diese Kolumne widmet dem Festival ja einigen Raum. Champion Hurdle und Ryanair Chase haben wir hier bereits detailliert analysiert. Eigentlich wollte ich noch einen Blick auf den Gold Cup am Freitag werfen, wo mit The Giant Bolster ein Favorit dieser Kolumne läuft. Den habe ich auch bereits im Februar each-way zum Festkurs von 18:1 gewettet, bin aber von gutem Boden ausgegangen, den er nicht haben wird. Der Boden wird weich sein, diesen Zustand mag der Wallach nicht. Wer gewinnt dann? Der Verstand sagt Bobs Worth, dessen Erfolg im Hennessy Gold Cup mich an den großen Denman erinnerte und der in Cheltenham in vier Rennen noch ungeschlagen ist. Aber für Favoritentipps schreibe ich keine langen Texte.
Ansonsten kann Cheltenham natürlich ein Minenfeld für Wetter sein, denn nirgendwo sind die Rennen so gut besetzt. Zudem will jeder gewinnen. Meine besten Tipps für den ersten Tag sind Dodging Bullets in der Supreme Novices Hurdle und natürlich Rock on Ruby in der Champion Hurdle. Die anderen Tage habe ich noch nicht so intensiv bearbeitet, allerdings läuft mein alter Freund Godsmejudge in der National Hunt Chase. Das ist zwar ein Rennen für Amateure (da bin ich immer etwas skeptisch, aber der Reiter ist ein guter), dennoch verdient der gute Springer und Steher aus dem Alan King-Stall einen dicken Hinweis. Und der Kurs von 110 im Vorfeld war wirklich verlockend.
Ausgerechnet Santana! Ausgerechnet der Brasilianer in BVB-Diensten machte das 1:0 gegen Schachtar Donezk und legte den Dortmunder Grundstein für das Erreichen des Viertelfinales in der Champions League. Felipe Santana, Spitzname „Tele“ und nicht „Carlos“, ersetzte den eigentlich unersetzbaren Mats Hummels in der Innenverteidigung des BVB.
Was für eine Kehrtwende: Zuletzt wirkte Santana ziemlich verunsichert und auch gegen Hannover am Samstag unterliefen ihm nach gutem Beginn einige ungewohnte Fehler. Manche auf der Tribüne wollten ihn schon in die 2. Liga schicken, obwohl er vorher doch eindrucksvoll bewiesen hatte, dass er nicht schlechter als Neven Subotic ist. Alles vergessen! Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.
Es war ein denkwürdiger Abend: 3:0 schlug die Borussia Schachtar Donezk und zog triumphal in das Viertelfinale der Champions League ein. Und ich sitze zuhause, weil ich keine Dauerkarte mit internationaler Option besitze und verfolge das Spiel beim Social Radio der Sportschau. Das ist zwar ganz nett, aber eine Alternative für das Live-Erlebnis ist es nicht.
Kein Wiedersehen mit Kagawa
Es war eine großartige Leistung der Borussia, schrieb beispielsweise Spiegelonline. Bis auf ein paar Minuten direkt nach der Pause hatte der BVB den gefährlichen Gegner aus der Ukraine gut im Griff hatte. Und Roman Weidenfeller hielt auch diesmal wieder in der "Form seines Lebens", wenn ich den beiden WDR-Reportern Glauben schenken darf.
Das Dortmunder 2:0 war Fußball-Poesie pur: mustergültiger Pass von Reus auf Lewandowski, der Pole wartete so lange bis Götze in Position gelaufen war und dann folgte eine mustergültige Flanke, die Mario Götze in grandioser Leichtigkeit einnetzte.
Mein Wunschgegner für das Viertelfinale verabschiedete sich im anderen Spiel des Abends aus dem Wettbewerb: Manchester United verlor gegen Real Madrid mit 1:2 und ist nach dem 1:1 im Hinspiel draußen. Es wird also kein Wiedersehen mit Shinji Kagawa geben. Den Spielern ist es übrigens auch egal, so wie sich BVB-Kapitän Sebastian Kehl bei WDR 2 äußerte.
Jetzt steht erst mal das Revierderby gegen Schalke an. „Am Tag, als der FC Sch..starb“, stimmte die Hardcore-Fraktion auf der Südtribüne am Samstag an. Ob das am Dienstag auch gesungen wurde? Ich finde den Song übrigens bescheuert.
Ein Lied zu Ehren von Felipe Santana von seinem Namensvetter Carlos Santana. Das ist bestimmt nicht der Musikgeschmack von Dortmunds Brasilianer, aber ich mag den Song.
In den alten Tagen des dreitägigen Cheltenham Festivals gab es nur zwei Rennen für die besten Jagdpferde: Den Cheltenham Gold Cup über lange 5.331 Meter und die Queen Mother Champion Chase über zwei Meilen (ca. 3219 Meter). Für Kandidaten, die ihre Stärken auf einer mittleren Distanz hatten, fehlte eine Grade 1-Prüfung. Seitdem das Festival um einen Tag verlängert wurde, ist das Geschichte. Seit 2005 richtet sich die Ryanair Chase (Distanz 4 224 m) genau an diese Kandidaten – und scheint oft im Vorfeld offener zu sein als die anderen Top-Prüfungen. Auch in diesem Jahr, zumal es mit Sprinter Sacre in der Champion Chase einen deutlichen Favoriten gibt. Dem möchten einige Starter, die ansonsten über die zwei Meilen gelaufen wären, aus dem Weg gehen. Das könnte zu einer auf dem Papier toll besetzten Ryanair Chase werden – wenn sie denn alle ihre Option für dieses Rennen wahrnehmen. Die wichtigsten Starter im Überblick.
Cue Card (Trainer Colin Tizzard): Profitierte zuletzt auf fast gleicher Distanz vom Fehler des Rivalen Captain Chris, hatte aber noch einiges im Tank. Beim vorletzten Start waren drei Meilen auf schwerem Boden in Kempton eindeutig zu lang. Das beste Pferd aus dem Tizzard-Familien-Unternehmen ist inzwischen ein sicherer Springer, Distanz ist kein Problem. Lief eigentlich in seiner Laufbahn in Cheltenham immer ordentliche Rennen. Allerdings hat der Kings Theatre-Sohn noch eine Option für die kürzere Champion Chase.
First Lieutenant (Trainer Mouse Morris): Der Wallach gehört Ryanair-Chef Michael O’Leary, dessen Pferde unter dem Namen Gigginstown Stud laufen. Der Trainer hat den schönen Namen Mouse Morris, sieht aus wie ein Rockstar aus den siebziger Jahren und ist in Cheltenham immer zu beachten. First Lieutenant hat die Festival-Formen 1 und 2, der letzte Sieg datiert allerdings aus dem November 2011. Aber auch danach ist er immer in starker Gesellschaft gut gelaufen, teilweise auf längeren Strecken. Im Frühjahr immer in Bestform, nur bei der Distanz gibt es unterschiedliche Ansichten. Jockey Davy Russell meint, die etwas mehr als 4200 Meter der Ryanair Chase wäre seine beste Distanz, Trainer Mouse Morris hält ihn für einen Steher. Demzufolge gibt es noch eine zweite Cheltenham Option, den längeren Gold Cup.
Sizing Europe (Trainer Henry de Bromhead): Zählt schon fast zum Inventar des Festivals, der 11jährige ist zum vierten Mal dabei. Gewann beim Festival den Arkle und die Champion Chase, im letzten Jahr dort Zweiter. Kennt eigentlich keine schlechten Leistungen, zuletzt fünf Erfolge in Serie. Meist über kürzere Distanzen, die längere Strecke in der Ryanair Chase sollte aber wenig Probleme bereiten. Hat natürlich noch eine Option für die Champíon Chase.
Riverside Theatre (Trainer Nicky Henderson): Der Sieger des Vorjahres nach einem packenden Zweikampf mit Albertas Run. In den Rennen davor auch sehr beständig, doch nach dem Cheltenham-Festival war der Faden gerissen. Beim einzigen Saisonstart in Kempton in den King George sehr weit geschlagen. Danach schickte man den Wallach zur Untersuchung nach Bristol und die Veterinäre fanden Geschwüre, die ihn behinderten. Nun sei Riverside Theatre aber wieder fit.
Champion Court (Trainer Martin Keighley): Ein solides Pferd mit guten Formen, allerdings kein Siegertyp, hat es eher mit zweiten Plätzen. Im letzten Jahr Zweiter in der Jewson Novices Chase hinter Sir des Champ in Cheltenham. Frontrenner, muss sich aber noch steigern.
Menorah (Trainer Philipp Hobbs): Kommt mir manchmal vor wie ein Überraschungspaket, weil er zu dummen Springfehlern neigt. In Bestform hochklassig, ist auch schon in Cheltenham gut gelaufen, die Distanz ist ideal, das Problem aber – siehe Satz 1.
Grand Crus (David Pipe): Hat noch Nennungen für das Ryanair und die World Hurdle, aber Trainer David Pipe wusste Mitte Februar noch gar nicht, ob Grand Crus überhaupt in Cheltenham an den Start kommt. Der Schimmel ist zweifellos ein talentiertes Pferd, aber auch ein wenig fragil. Dritter im King George, danach aber angehalten in der Argento Chase in Cheltenham. Dieses Rennen sei jedoch zu früh gekommen, sagt sein Trainer David Pipe. Aber so richtig hat mich der einstige Top-Hürdler über die Jagdsprünge noch nicht überzeugt. Distanz passt aber.
Albertas Run (Jonjo O’Neill): Der Sieger von 2010 und 2011 sowie Zweite von 2012. Läuft im Frühjahr immer zu großer Form auf. Dies ist jedoch sein erster Saisonstart, hat aber frisch schon gewonnen. Ist aber auch schon 12 Jahre alt, aber vielleicht macht er den ja den „Kauto“ und feiert ein grandioses Comeback. Die Bahn würde rocken.
Urteil
Ist bei den ganzen Doppeloptionen schwierig, aber wenn die Wahl auf die Ryanair Chase fällt, ist Sizing Europe mein Tipp. First Lieutenant und Cue Card sind die stärksten Gegner – wenn sie denn laufen. Ansonsten verdient Albertas Run in seinem Lieblingsrennen immer einen Hinweis.