Ruhrgebiets-Barde Adolf Tegtmeier hätte daran seine Freude gehabt. „Dem Fußball sein zuhause“ betitelte Ben Redelings sein 2009 erschienenes Werk. Dort präsentiert er allerhand kuriose Geschichten aus der Welt des Ruhrgebietsfußballs – aus einer Gegend, wo der „Fußball noch gelebt wird“, wie es immer so schön heißt. Doch auch im Revier leiden viele Vereine aus den unteren Ligen unter Zuschauer- und Spielerschwund, allerdings boomen Dortmund und Schalke weiter.
In einer Angelegenheit ist jedoch der VfL Bochum seinen großen Ruhrgebiets-Rivalen BVB und S 04 überlegen. Literarisch haben diese gegen den „kleinen“ VfL keine Chance. Da ist einerseits Frank Goosen (das einzige, was mich an ihm stört, dass ansonsten humorlose Süddeutsche seinen Witz gut finden); andererseits eben Redelings, der mit Scudetto auch im Netz gut vertreten ist und dessen gleichnamiges Bühnenprogramm durchaus empfehlenswert sein soll.
Der Konjunktiv ist hier angebracht, denn ich habe einen Scudetto-Abend noch nie live gesehen. Jedenfalls hat sich Redelings mit seinen Geschichten außerhalb des Sportlichen einen guten Namen gemacht. Auch für „Dem Fußball sein zuhause“ hat er Fleißarbeit geleistet und ordentlich Kurioses aus der bunten Kickerwelt ausgegraben.
Seine Liebe zum Sport hat familiäre Wurzeln: Schon als Kind beantwortete er Quizfragen seines Vaters zum Fußball im allgemeinen und zu Westfalia Herne im Besonderen. Manche Kinder werden dann später ganz anders, aber Redelings Liebe zum Fußball blieb. Immer wieder taucht autobiografisches auf: wie sie den Trainer ihres Jugendteams an den Pfosten gebunden haben (pfui) oder über erste zarte Hooligan-Anwandlungen auf den Stehplätzen des VfL Bochum.
Ekstase mit Wolle
Manche Geschichten sind wirklich schön. Etwa die über Max Merkel und seine Zeit bei Schalke 04 im Ruhrgebiet (Quizfrage: Welche Spieler montierte die Reifen seines Fahrzugs ab). Oder die Story über die Stadionsprecher alter Güte. „Und nach dem Spiel ein Spielchen in Jürgen Köpers Megaplay. Besuchen Sie unseren verdienstvollen ehemaligen Spieler, mittlerweile elf Mal in Bochum“, las einst Erwin Steden, Sprecher beim VfL Bochum, vom Blatt ab. Doch dann hatte der VfL die Moderne entdeckt und schickte den Schlagermoderator Frank Papke ins Rennen. Und der sorgte für die erste „Hände zum Himmel“-Euphorie im Bochumer Stadion. Redeling: „Wenn ich mich an diese Zeit erinnere, wippe ich immer noch ekstatisch im Takt eines Wolle-Petry-Hits.“ So ein Stadionbesuch war früher eben viel gefährlicher als heute. „Ich heiße Uwe und bin von Beruf asozial“, sagt einer der Protagonisten einer Hooligan-Geschichte aus dem Jahr 1983.
Und dann räumt Redeling noch mit einer alten Mär auf: der doppelten Beerdigung des Schalke-Idols Ernst Kuzorra. Zumindest war es nicht so, wie die BILD-Zeitung schrieb, sagt der ehemalige Schalke-Präsident Günter Eichberg. Der Fototermin war eine Idee des Boulevardblattes – der Text allerdings (wir hätten "den ausgebuddelt, noch einmal hoch gehoben und fallen gelassen“, so Eichberg) völlig erlogen. Der einstige Schalker Sonnengott würde es jedenfalls nicht noch einmal so machen.
Nicht jede Story hat dieses Format, manche wirkt etwas aufgewärmt. Dennoch ein nettes Buch für lange Winterabende, auch wenn man schon auf den ersten Seiten erfährt, wer Wandolek war.
“Who scores goals – Paul Scholes” (Wer schießt Tore – Paul Scholes)”, sangen einst die Fans von Manchester United – und singen es heute noch, wenn sie denn noch singen. Paul Scholes, englischer Mittelfeldspieler in Diensten von Manchester United, absolvierte vor kurzem seinen 700. Einsatz für United, inzwischen sind es 702 Spiele (Stand 26.9.2012, 19:30). Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Über 700 Begegnungen für einen Verein. Allerdings wird Scholes noch getoppt von seinem Kollegen Ryan Giggs, der über 800 Mal für den Club von Manager Alex Ferguson im Einsatz war.
Aber Scholes war immer einer meiner persönlichen Favoriten: klein, rothaarig, giftig, zweikampfstark, allerdings auch technisch versiert und sehr torgefährlich. „Das wahre Herz von Old Trafford“, schreib einst die FAZ und zitierte damit United-Legende Bobby Charlton, der zudem „sein Köpfchen und seine Killerpässe“ lobt.
Scholes zählt zu der berühmten United-Generation mit David Beckham, den Neville-Brüdern Gary und Phil sowie Nicky Butt, die einst gemeinsam aus der United-Jugend kamen. Doch im Gegensatz zu David Beckham war und ist das Privatleben von Paul Scholes ziemlich unbekannt. Interviews sind ihm offenbar ein Gräuel – was dieses Dokument eindrucksvoll beweist.
Seinem Manager Alex Ferguson ist das durchaus recht. Der überredete den heute 37jährigen zum Comeback nach seinem bereits erfolgten Rücktritt – mit Erfolg.
Totoschock in England: Die Außenseiterin Semayyel gewann am Mittwoch zum Kurs von 126:1 die At The Races John Musker Fillies' Stakes (For The John Musker Trophy) in Yarmouth, ein Listenrennen über etwas mehr als 2000 Meter. Wer also 10 Euro auf die Stute placiert hatte, durfte sich über 1260 Euro für den Sieg freuen.
Das Erstaunliche: Die Green Desert-Tochter, trainiert von Clive Brittain und geritten von Freddie Tylicki, siegte mit satten fünf Längen, also eher wie eine Favoritin. Ich kann mich an keine ähnlich hohe Eventualquote in diesem Jahr erinnern. Ansonsten fällt mir noch Zweigelt ein, der vor einiger Zeit auf der Dortmunder Sandbahn für Toto 1440 erfolgreich war.
Mit diesem Erfolg rückte Clive Brittain, Jahrgang 1934 und dienstältester Trainer im englischen Newmarket, mal wieder in die Schlagzeilen. Im Sommer hatte er seine Biographie „The Smiling Pioneer“ veröffentlicht. Bekannt ist er unter anderem dafür, dass seine Pferde frühmorgens als erste auf den diversen Trainingsbahnen in der englischen Turf-Zentrale in Aktion sind. Das hat ihm allerdings in letzter Zeit wenig genutzt, denn aktuell lief es gar nicht mehr so gut.
Die Zeiten der großen Sieger schienen Vergangenheit zu sein. In Deutschland kennt man den Trainer gut. Dafür sorgten Pferde wie Luso, in den 90er Jahren erfolgreicher Dauergast in den deutschen Gruppe 1-Rennen über Distanzen von 2000 Metern und länger; Air Express, 1997 Sieger im Mehl-Mülhens-Rennen oder die Stute Crimplene, die im Jahr 2000 nach ihrem Erfolg in den deutschen 1000 Guineas den Düsseldorfer Grafenberg zum Schweigen brachte und später zur Gruppe 1-Siegerin wurde.
Dabei hatte Brittain nie Bedenken, auch sieglose Pferde in klassischen Rennen starten zu lassen. In neun von zehn Fällen waren diese Starter erwartungsgemäß überfordert, den einen, der sich aber zu einer Riesenquote placierte, feierten die englischen Turfjournalisten dann aber immer begeistert.
Wett-Coup
Die erfolgreiche Semayyel wäre mit Sicherheit auch ein Thema im Buch des Newmarket-Trainers gewesen. Ihre letzte gute Form war ein zweiter Platz aus einem Listenrennen im Herbst 2011 in Newmarket, in diesem Jahr war sie in Handicaps und Listenrennen immer deutlich geschlagen. Das war allerdings über die Meile und kürzere Distanzen. Jetzt folgte der erste Versuch über eine längere Distanz – und erstaunlicherweise löste sie diese Aufgabe hoch überlegen, was vorher rechnerisch unmöglich schien. Denn eigentlich schien diese Prüfung für Timepeace aus dem Henry Cecil-Stall maßgeschneidert zu sein. Doch diese wurde angaloppiert und fiel damit aus dem Rennen. Die meisten Bookies auf der Insel wird es gefreut haben.
Und wer neben Semayyel in einem Anflug von Wahn auch noch Emerald Wilderness in eine Sieg-Schiebe gepackt hätte und damit auf ein Freddy Tylicki-Double spekuliert, hätte richtig die Korken knallen lassen können. Denn der Wallach aus dem Stall vom Mark Rimmer, einst sehr erfolgreicher Jockey beim legendären Bruno Schütz in Deutschland, gewann zum Kurs von 340. Bei einem Einsatz von 10 Euro hätte er oder sie sich über fast 43 000 Euro freuen dürfen. Das wäre mal ein Coup gewesen…