Dienstag, 12. Juli 2011
Mehr Rivalen als Partner: Galopp und Trab
Gestern Abend bin ich mal fremdgegangen und habe Traben geschaut beim Partner des deutschen Galopprennsports. Auf dem Programm standen Rennen in Berlin-Mariendorf und im niederbayerischen Straubing. Acht davon habe ich gesehen und sechs Mal versucht den Sieger mit einem Euro zu treffen – erfolglos, bestes Resultat waren zwei zweite Plätze.
Auffällig: Häufig gibt es einen Favoriten, der unter 20 steht und der auch in vielen Fällen gewinnt. Weil relativ wenig Geld im Markt ist und viele kurzfristig wetten, kann es schon mal sein, dass ein Pferd auf einmal kurz vor Rennbeginn von 60 auf 25 fällt.
Das Preisgeld ist beim Pferdesport mit dem Sulky noch bescheidener als beim Galopprennen: 700 Euro gibt es pro Rennen in Straubing, in Berlin waren es im Höchstfall 2500 Euro. Das ist verdammt wenig, für die Beteiligten – Fahrer, Trainer und Besitzer – sind es harte Zeiten.
Nicht verwunderlich, denn auch im Trabrennsport ging es in den letzten Jahren nur noch abwärts. Der Sport ist n der Öffentlichkeit noch weniger präsent als der Galopprennsport – was eigentlich schwer vorstellbar ist. „Die Leute in Deutschland kennen kaum die Pferde, auf die sie wetten“, sagt der Belgier Jos Verbeeck, einer der besten Trabrennfahrer der Welt.

Differenzen
In anderen Ländern ist das anders: In Frankreich gilt der Trab als „Sport der einfachen Leuten“, Galopprennen hingegen als Upperclass-Veranstaltung. In Schweden ist Traben Volkssport und über die V 65-Wette in jedem kleinen Ort bewettbar.
In Deutschland bestimmen Rivalität und Besitzstandswahrung das Verhältnis zwischen beiden Sportarten. Dabei sitzen beide eigentlich im gleichen Boot, vertreten zum Beispiel im Bereich Wetten die gleichen Interessen und könnten als geschlossene Einheit gegenüber der Politik auftreten. In der Praxis sieht das anders aus, beide arbeiten kaum zusammen. Auch bei der Neufassung des Glücksspielvertrages gab es zwischen Trab und Galopp deutliche Differenzen.
Nur wenige Leute interessieren sich zudem für beide Bereiche. Bei meinem Bookie in Dortmund war (und ist, falls sie nicht alle gestorben sind) das Traberpublikum ein ganz anderes als das aus der Galopperfraktion. Und die Traber sind in der Unterzahl, die meisten Bildschirme zeigen Galopprennen aus aller Welt.
Auch ich war noch nie auf einer deutschen Trabrennbahn. Früher wollte ich immer mal freitags nach Recklinghausen (mit dem Auto maximal 25 Minuten), aber das war in den neunziger Jahren und irgendwas kam immer dazwischen. Heute existiert die Bahn in Recklinghausen nicht mehr. Und Gelsenkirchen betritt der gemeine Dortmunder aus anderen Gründen bekanntlich nur unter Protest und nur wenn man unbedingt muss. Zwei mal war ich hingegen beim Traben in Schweden auf der kleinen und heimeligen Bahn in Arvika – und das war ein tolles Erlebnis.



Donnerstag, 7. Juli 2011
Frauen-WM: Fußball als Familienspaß
So richtig gepackt hat sie mich noch nicht, die Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft. Parallel läuft gerade die Partie Schweden gegen die USA, aber sie dient nur als Geräuschkulisse im Hintergrund, während ich diese Zeilen schreibe.
Damit zähle ich offensichtlich zu den Außenseitern im Lande. Die Stimmung ist prima, auch wenn es zum Beispiel hier in Dortmund kein Public Viewing gibt und auch nicht massenweise schwarz-rot-goldene Fahnen durch die Stadt fahren. Aber ARD und ZDF dürfen sich über sehr gute Quoten freuen, die Stimmung in den gut besuchten Stadien ist richtig euphorisch. Es scheint ein ganz anderes Publikum als bei den Männern da zu sein: Keine Pfiffe gegen die Gegner, dafür geht die Welle schon frühzeitig durch die Arenen – egal, was auf dem Rasen abläuft. Fußball als harmloses, sauberes Familienvergnügen? Da ist zwar ganz schön, aber nicht unbedingt erstrebenswert: Zum Fußball gehören Leidenschaft, Emotionen und natürlich sportliche Rivalitäten. Aber immerhin verkürzt die WM die Wartezeit auf die Sonderhefte von kicker und 11 Freunde zur neuen Bundesliga-Saison.

Die Lehren der ersten zehn Tage
• Wenn Deutschlands Frauen wie zuletzt das Männer-Team Dritte würden, wäre das eine Riesenenttäuschung. Bislang merkte man dem zweifachen Weltmeister die Nervosität an, immerhin gab es drei Siege und das letzte Spiel gegen die starken Französinnen war schon viel besser. Irgendwie erinnerte das Spiel gestern an die Spiele der Männer in den achtziger Jahre: Die athletischen Deutschen entzaubern die technisch guten Franzosen. Im Gegensatz zu den Männern der 80er haben die deutschen Mädels auch technisch einiges drauf.
• ARD und ZDF übertragen ausgiebig, das Niveau ist besonders bei der ARD eher mäßig. Zum Glück musste „Expertin“ Franziska von Almsick später zur Hochzeit nach Monaco (Danke liebes Fürstenhaus), gegen die manchmal reichlich nervenden Livereporter Tom Bartels und Bernd Schmelzer half Eurosport.
• Manche Leistungen der Schiedsrichterinnen sind schwach, das zeigt nicht nur diese inzwischen berühmte Szene. Oder die Frau aus Südkorea, die Deutschland gegen Nigeria pfiff.
• Die Leistungsunterschiede sind geringer als prognostiziert, richtige Kanterergebnisse fehlten diesmal. Überraschungen blieben dennoch aus – obwohl besonders die Frauen aus Äquatorialguinea wenigstens einen Punkt verdient gehabt hätten. Allein wegen der großartigen Anonma. Oder wegen Bruna, dem Schrecken von Brasiliens Top-Spielerin Marta (siehe Video unten…)

Ja hier stand mal ein Video, tolle Bilder wie Bruna die große Marta in "Manndeckung" nahm. Leider nimmt uns die FIFA diesen Spass, meint dass das eine Verletzung des Urheberrechts sei. Was ein Unsinn ...



Montag, 4. Juli 2011
Der Tag danach: Gewinner und Verlierer im Derby 2011
Die Anspannung ist vorbei, das Deutsche Galopp-Derby 2011 (das Rennvideo) ist Geschichte. Es ist der Tag danach und es war wie so oft im wichtigsten Ereignis des Turfjahres: Wieder nicht den Derbysieger getroffen, zuletzt war das übrigens Adlerflug im Jahre 2007. Dabei habe ich den Sieger Waldpark schon hoch eingeschätzt, nur gespielt habe ich andere Kandidaten. Entscheidend ist „eben auf’m Platz“: Da war auf weichem Boden in Hamburg-Horn Waldpark das eindeutig beste Pferd.
Es war ein großer Tag für Andreas Wöhler, dem Mann mit der besten Trainer-Homepage im deutschen Turf. Denn er sattelte auch noch den Zweiten Earl of Tinsdal und feierte damit einen legendären Doppelerfolg.
Auch Jockey Jozef Bojko wird seinen Enkeln (wenn er diese mal hat) noch von diesem Tag erzählen: Seit einer gefühlten Ewigkeit ist er in Deutschland, ritt früher unter anderem viel für das Quartier von Hubertus Fanelsa. Der Mann mit der Vorliebe für elegante Hutkreationen hat sich aus dem Rennsport zurückgezogen, seit geraumer Zeit ist Bojko nun zweiter Jockey hinter Eddie Pedroza im Wöhler-Stall. Wie immer hatte Pedroza die erste Wahl und entschied sich für den späteren Zweiten Earl of Tinsdal: Der lief großartig, untermauerte eindrucksvoll seinen Ruf als Pferd mit einem exzellenten „turn of foot“. Nur einer war an diesem Tag besser: der Stallgefährte Waldpark mit eben diesem Bojko im Sattel.
Der gebürtige Slowake hat ein Problem, was er mit anderen Jockeys aus dem ehemaligen Ostblock teilt: In Deutschland gelten sie höchstens als gute Jockeys für die kleinen Rennen, für die großen Prüfungen wird oftmals ein prominenter Reiter aus England, Irland odee Frankreich eingeflogen. Auch im Vorfeld hätten viele lieber einen ausländischen Top-Jockey auf Waldpark gesehen. Doch Trainer und Besitzer blieben stur und wurden belohnt. Bojko arbeitete sich im Horner Bogen nach vorne, ritt das perfekte Rennen, machte einfach alles richtig an diesem Tag. Und schon waren die Kritiker ruhig.
Es war zudem ein großer Tag für das Gestüt Ravensberg, den Besitzer des Derbysiegers. Ein einst großer Name des deutschen Turfs, dessen Erfolge jedoch weit vor meiner Zeit lagen. In den letzten Jahren war es eher ruhig um die Vollblüter in den golden-blauen Farben. Das letzte richtig gute Pferd aus dem Quartier war Wurftaube. Die Stute, einst trainiert von Harro Remmert, wurde mit den Jahren immer besser, gewann unter anderem Gerling-Preis und Deutsches St. Leger und lief besonders bei weichem Boden stark. Damit schließt sich der Kreis: Denn Waldpark ist der Sohn der Wurftaube und ihr bislang bester Nachkomme. Bislang brachte sie einige ganz ordentliche Pferde wie etwa den Steher Waldvogel, aber ein Gruppe 1-Triumphator war noch nicht dabei. Waldpark kommt aus dieser berühmten W-Familie, in der es schon mal mit Waidwerk und Wilderer zwei Derbysieger gab.

Der Panther wurde zur Katze
Wo Sieger sind, sind die Verlierer nicht weit: Brown Panther zum Beispiel, der Gast aus England. Jockey Richard Kingscote ritt ihn sehr offensiv von der Spitze aus, zum Schluss fehlten auf dem anstrengenden Boden die Reserven. Das sei eigentlich gar nicht der Plan gewesen, erklärte Kingscote nach dem Rennen. Hätte das Pferd von Michael Owen bei etwas ökonomischerer Reitweise gewonnen? Kaffeesatzleserei, vielleicht waren die Gegner bei seinem überlegenen Sieg in Royal Ascot doch nicht so gut, es war ja nur ein Handicap. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf seine weitere Karriere. Brown Panther ist weitaus besser als seine Hamburger Form und wird noch für Aufsehen sorgen – jede Wette.
Lange Gesichter ebenfalls beim Gestüt Schlenderhan: Der „FC Bayern des deutschen Turf“ (so ein User des Galopperforums, nicht nur die Farben passen ja durchaus zu den Münchenern) hatte einen Derbyjahrgang wie schon lange nicht mehr und stellte mit Arrigo, Ibicenco und Mawingo drei Top-Chancen. Das Ergebnis war enttäuschend: Von den fünf Startern endete Mawingo auf Platz 4 noch am besten, immerhin lag Stalljockey Adrie de Vries mit seiner Wahl richtig. Was auch kein echter Trost ist.
Nichts wurde es zudem mit der Turfmärchen namens Gereon: Das Pferd von Besitzertrainer Christian Zschache wurde zwar kräftig gewettet, endete aber geschlagen auf Platz 10. Der schlagzeilenträchtige Jockeywechsel von Georg Bocskai auf John Murtagh blieb ohne Erfolg.
Und dann waren da noch meine Wetttipps, letztendlich alle chancenlos: Brown Panther siehe Text oben, der Schlenderhaner Ibicenco lag eigentlich gut im Rennen, war aber einfach nicht gut genug. Dann war da noch meine Langzeitwette Sommernachtstraum: Der war immerhin in Baden-Baden Zweiter hinter Waldpark, wurde sogar vom späteren Derbysieger etwas behindert. Im Derby kam er mit Nasenbluten aus dem Rennen und war letztlich völlig chancenlos. Und nichts wurde aus dem Sommernachtstraum zum Toto 200.